Zeitung lesen ist oft interessant

Und oft reichen schon die Überschriften:

„Griechenland will zuviel gezahlte Milliarde wiederhaben“ betitelt Spiegel online einen Artikel. Diese dreisten Lümmel wieder. Immer, wenn ich eine Milliarde zuviel gezahlt habe, waltet Großzügigkeit: „Lasst mal stecken und kauft Euren Kindern ’nen Lolli.“, heißt es dann. Aber ich bin ja auch eine fleißige Deutsche und kann mir das erlauben.

Apropos Deutsche: Flugzeugabsturz in Südfrankreich: Vermutlich 67 Deutsche unter Absturzopfern, lautet die Überschrift eines weiteren Artikels. Siebenundsechzig Deutsche. Nicht achtundsechzig und nicht sechsundsechzig. Und zwar Deutsche und nicht Holländerinnen oder Jemeniten. Immer wieder frage ich mich, warum die Nationalität von Unglücksopfern so nachrichtenträchtig ist. Bild-Online hat derweil ihr Logo mit einem Trauerflor versehen. Und zwar, weil es sich bei den Opfern um siebenundsechzig Deutsche handelte und nicht etwa siebenundsechzig Slowenen. Immer wieder mal finde ich diese Welt und ihre Menschen zutiefst merkwürdig.

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Bild.de veröffentlicht falsches Foto zu Artikel

Gestern noch kritisierte ich die FDP, einen Tag später hat sie sich das laut bild.de zu Herzen genommen und macht jetzt sinnvollere Sachen (Bier kann es nie genug geben). Das Bild zur Artikelüberschrift wurde aber offensichtlich mit einem Portrait des aktuellen Führungspersonals verwechselt.

fdpVon links nach rechts: Christian Lindner, Wolfgang Kubicki, Uwe Barth

Da kann man es niemandem Recht machen…

…ist öfter zu hören, wenn es um den Nahostkonflikt und die aktuelle Gaza-Krise geht. Ich fürchte, dass das stimmt, aber wundere mich zunehmend über mehr oder weniger alle. Komischerweise sind zwei der Leute, mit denen ich in der Causa am meisten übereinstimme, Angela Merkel und Kai Diekmann. Beide finde ich, was jetzt in meinem politischen Spektrum auch nicht so originell ist, schrecklich. Merkels Satz von der deutschen Verantwortung für die Sicherung der Existenz Israels als Teil der unserer Staatsraison finde ich aber richtig, und, es reimt sich zufälligerweise, wichtig. Natürlich sind Nationalstaaten fragwürdige, häufig (oder immer?) schädliche Gebilde. Solange es sie aber gibt, besteht dieses besondere Verhältnis zwischen Deutschland und Israel. Wenn wir uns damit abgefunden haben, und, im Lande der Realpolitik der Nationalstaat Israel sich schlecht verhält, was gilt dann? Ich kann mich da Kai Diekmanns Antwort in Bild.de vom 25.07. nur anschließen, ich zitiere ausführlich (was sich übrigens sehr schmutzig anfühlt):

Müssen wir […] alles gut finden, was die israelische Politik tut? Müssen wir zu Israels Vorgehen schweigen, selbst wenn wir der Meinung sind, dass die militärischen Interventionen möglicherweise genau das Gegenteil von dem erreichen, was sie eigentlich erreichen sollen – nämlich die Sicherheit der Menschen im Land zu garantieren?

Nein, müssen wir natürlich nicht. Wobei es eine ganz andere Frage ist, ob ausgerechnet wir Deutschen mit unserer, dem Holocaust für immer verbundenen Geschichte die Richtigen sind, ausgerechnet dem jüdischen Staat Ratschläge zu geben, wenn es um die Verteidigung des Lebens seiner Bürger geht.

Jor, so einfach ist das und hab ich das immer gesehen. Natürlich sollte sich jede und jeder eine private Meinung bilden und sich interessieren (und, wer es ganz genau wissen will: Personen, die den israelischen Staat wegen dessen Menschenrechtsverletzungen kritisieren, halte ich nicht per se für Antisemiten, nö, die haben im Zweifel schon Recht). Aber mit öffentlichen Ratschlägen dürfen sich deutsche Leute gerne zurückhalten. Um diplomatische Kritik können sich von mir aus Angela und das auswärtige Amt kümmern. Mir scheint allerdings, dass Kai und ich mit dieser Haltung ziemlich alleine dastehen. Viele Menschen äußern, und wie ich finde, meistens niederschmetternde, Meinungen – auch die Linken. Da kloppen sich die hyper-israel-(und, schlimmer, US-)solidarischen Antideutschen mit den, ihren Antisemitismus nur sehr schlecht verhüllenden AntiimperialistInnen. Ein frappantes Beispiel für letztere sind Äußerungen der nordrhein-westfälischen Linken, ekelhaft. Meine Sympathien gelten tendenziell den Antideutschen. Durchgeknallte (und meistens antimuslimische und rassistische) Irre sind die leider aber trotzdem. Was ich am verstörendsten an fast allen Stellungnahmen finde, ist, dass die Menschen immer zu meinen scheinen, es sei zielführend, für einen der beiden Kontrahenten gegen den anderen Partei zu ergreifen. Ohne jetzt hier demokratietheoretisch werden zu wollen, aber: Als wenn sowas jemals zu etwas geführt hätte. Eine tröstliche Ausnahme findet sich in diesem Artikel des Lower Class Magazine, der eine Möglichkeit von Gemeinsamkeit herausarbeitet (die eigentlich selbstverständlich sein sollte):

Insofern ist uns scheissegal, wer es realistisch findet oder nicht: Mit der palästinensischen und israelischen Linken gegen Antisemitismus, Rassismus, Okkupation und Unterdrückung. Auch wenn das schwer ist: Denn zur Diskursmatrix beider Seiten gehört es, diejenigen, die sich Zweifel erlauben, in die jeweils andere Ecke zu stellen

Einen (fast) guten und lesenswerten Artikel hat auch Staiger der Observer veröffentlicht. Wenn Stellungnahme, dann gerne so. Unglücklicherweise diskreditiert er sich dann, in dem er Israel als „völkisches Apartheidssystem“ bezeichnet. Ich kann mir schon vorstellen, was damit gemeint sein soll, aber das geht so nicht. Leider gibt es solche, grundsätzlich (fast) guten, Positionen eher selten. Und auch, wenn, wie oben gesagt, die Gewährleistung der Sicherheit Israels Teil der deutschen Staatsraison sein sollte, denke ich eben, dass einseitige proisraelische Haltungen auch nicht zielführend sind. Daher meine ich, dass Stellungnahmen, wie diese, vom ansonsten hochgeschätzten Neffen Sichten zitierte, nicht gut sind. Wesentlich schlimmer allerdings finde ich beispielsweise diesen Artikel von Leo Fischer, der Leute, die keinen Standpunkt ergreifen wollen, als voll daneben erachtet und schreibt: In der Tat, ich halte Neutralität in dieser Sache für falsch. Und zwar interessieren mich gar nicht mal so sehr die eigentlichen Kampfhandlungen, die ich nur schwerlich beobachten kann und über deren Angemessenheit mir kein Urteil zusteht… Vielleicht entgeht mir der tiefere Sinn, aber ich finde das zynisch. Die eigentlichen Kampfhandlungen zeitigen doch durchaus „interessante“ Wirkungen. Wenn schon über die Frage diskutiert wird, können diese doch nicht außer Acht gelassen werden. Ein optimistisches Fazit will mir nicht einfallen. „Zum Glück ist es dem Nahostkonflikt herzlich egal, was ich oder andere deutsche Leute über ihn denken oder sagen.“, tröstet ja nicht wirklich. Insbesondere traurig finde ich die Figur, welche die Linke in der Sache abgibt. Viel weiter entfernt von einer emanzipativen mehrheitsfähigen Position als sie in ihren vielfachen Ausprägungen aktuell sind, kann man eigentlich nicht sein.

NACHTRAG: So viele Kommafehler habe ich wohl noch nie in einem Eintrag begangen. Egal. Das ist meine Meinung (die zum Glück unwichtig ist). Hoffentlich reden sowohl Neffe Sichten als auch der befreundete Onkel immer noch mit mir.

 

 

Ich glaube, es ist der Bart!

Heute fand ich Bild.de mal wieder besonders perfide. In bewundernswertester Weise bedienen sie sich eigentlich gegenseitig ausschließende Ressentiments: „Russen-Hass gegen Conchita Wurst. Üble Hetze aus Russland!„, erfahren wir auf der ersten Seite. Das stimmt ja sogar, aber seit wann hat Bild was gegen üble Hetze?  Außerdem ist es natürlich immer gemein, gerade im Moment, zu betonen, dass „die Russen“ grobe Barbaren sind. Wie werden denn nun aber außerdem noch die hiesigen Homophoben zufrieden gestellt? Na, da lassen sie einfach, ebenfalls auf der Titelseite, den ehemaligen Regierungssprecher und stellvertretenden Chefredakteur Béla Anda raisonnieren: „Muss ich Conchita Wurst gut finden? Nein, muss ich nicht!“ Das stimmt natürlich. Das Grundgesetz gewährleistet bekanntlich die Gut- bzw. Dooffindefreiheit. Béla Anda weiß das auch. Der ist ja nicht dumm und ungebildet, sondern gemein. Das Ganze ist nur eine sprachliche Finte, um herausposaunen zu können, wie abartig diese Transe ja doch ist. Im nächsten Satz täuscht der Autor dann erneut Unkenntnis vor: Er wisse selber gar nicht genau, was ihm Unbehagen bereite: „Ich glaube, es ist der Bart!“  Dabei handelt es sich wiederum um einen rhetorischen Trick. In Wirklichkeit hat Béla längst herausgefunden, dass es die Gesichtsbehaarung ist, die ihm nicht gefällt:  „Ein Bart im Gesicht einer Frau, noch dazu ein Vollbart, stört mich, stört mein ästhetisches Empfinden, stört auch mein Rollenverständnis von Mann und Frau.“ Hä? Die Rolle der Frau besteht darin, keinen Bart zu haben? Aber vor allem: Conchita ist ja gar keine Frau, auch das dürfte sich unter den europäischen Boulevard-Journalisten herumgesprochen haben. Die Grandprix-Siegerin ist ein homosexueller Mann, der sich ab und zu als Frau verkleidet, die einen Bart trägt. So weit so unkompliziert. Hat Herr Anda vielleicht eigentlich was gegen Schwule? Nein, nein: „Einige meiner besten Freunde sind homosexuell. Einer meiner journalistischen Lehrmeister war schwul. Und ich habe viel von ihm gelernt.“ (Was mag er von dem Lehrmeister gelernt haben? – hübsches Deutsch wohl eher nicht). Ach ja, das gute alte „ich kenne selber viele Schwule“-Argument. Ganz billig. So ist am Ende festzustellen, dass nichts bleibt, worüber man sich ärgern müsste – Außer die Freude am Verkleiden vielleicht. Was also als Erkenntnisgewinn beim Artikel herauskommt, ist dünn: Höchstwahrscheinlich ist Béla Anda kein Kölner.