Verspätete Sprachkritik

So. Das bayerische Fußballpräsidenten-Alphamännchen wurde jetzt zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, Weihnachten wird es wohl schon wieder, zumindest in Teilzeit, freigelassen werden können. Gut, dass die doch etwas zu umfangreiche öffentliche Auseinandersetzung jetzt vermutlich bald mal vorbei ist. Da ich aber zur Krimkrise (bis auf: “Ey Leute, findet Euch damit ab, Ihr hättet es auch vorher wissen können, dass die Russen sich das mit der Ukraine so nicht bieten lassen, auch wenn es nicht so nett ist und außerdem wissen alle, dass eigentlich alle Konfliktparteien keinen Bock auf Sanktionen und dritten Weltkrieg haben, außerdem finde ich das Verhältnis von aufrechten Freiheitskämpfern zu Nazis auf dem Maidan von Deutschland aus echt schwer zu beurteilen, wem soll ich denn noch was glauben? Julia Timoschenkos Zopf finde ich albern.“) nichts zu sagen habe, soll hier nun im Nachgang noch ein bisschen Sprachkritik zur Steueraffaire geübt werden. 

Gleich zwei verhunzte Redewendungen sind mir in diesem Zusammenhang schmerzhaft auf die Ohren geschlagen. Erstens: Wenn ein Amts- oder Hoheitsträger das Steuergeheimnis verletzt hat, sagen wir neuerdings diese Informationen seien „durchgestochen“ worden.  „Man weiß nicht, wer das durchgestochen hat.“ Aus zwei Gründen ärgere ich mich hierüber: Zunächst passt das für meinen Geschmack nicht zur Natur der beschriebenen Tätigkeit. „Stechen“ heißt für mich so viel wie: „Überwinden bzw. Eindringen in eine relativ feste oder zähe Materie mittels eines scharfen, spitzen Gegenstandes.“ Mit diesem Verb assoziiere ich eine offensive, direkte, aggressive Handlung. (Laut summend fliegt die Wespe zum Angriff und verhehlt zu keinem Zeitpunkt ihre undiplomatischen Absichten!) Wenn jedoch Steuergeheimnisse an die Öffentlichkeit weitergegeben werden, passiert das in der Regel heimlich und hintenherum. Außerdem wird keine feste Materie (der Panzer des Gesetzes etwa? Ach Quatsch!) mit einem spitzen Gegenstand überwunden. Aber die neue Redewendung passt nicht nur nicht – Es besteht auch kein Bedarf an ihr. Wir haben schon genügend angemessene Tuwörter: Verraten, weitergeben, durchsickern lassen, leaken, aufdecken, weitersagen oder ausplaudern sind Beispiele, die mir spontan einfallen.

Und, als wenn das noch nicht schrecklich genug wäre, wurde in den bundesdeutschen Talkshows noch die folgende wirklich geschmacksgefühlsverletztende Formulierung entwickelt und exzessiv zelebriert: Wenn erst mal entscheidende Infos durchgestochen wurden, kann es für die Betroffenen erheblich erschwert werden, sich steuerehrlich zu machen.  „Sich steuerehrlich machen“ ist genau wie „durchstechen“ eine überflüssige Wortschöpfung, da wir auch hier bereits über hinreichend exakte Begriffe verfügen. „Sich steuerehrlich machen“ heißt in altdeutscher Sprache: „Gestehen, den Straftatbestand der Steuerhinterziehung verwirklicht zu haben.“ (Dies in der Regel nicht altruistisch motiviert, sondern aus dem Interesse heraus, unangenehme Sanktionen zu vermeiden). Aber gestehen, Geständnis, das erinnert ja doch sehr an die hohe kriminelle Energie, welche die nun steuerehrliche Person vor nicht allzu langer Zeit an den Tag gelegt hat, an ihr gieriges, egoistisches, unsoziales, von Leuten wie Jesus mit Sicherheit missbilligtes Verhalten. Der sich steuerehrlich Machende ist hingegen ein „Macher“, ein hemdsärmeliger, gutmütiger, letztlich eben ehrlicher Kerl, mit dem man jederzeit Würstchen grillen würde, der dazu Dosenbier trinkt, nicht etwa Champagner, und nun vollumfänglich in die Gemeinschaft der rechtstreuen Bürgerinnen und Bürger zurückgekehrt ist (ach, eigentlich war er auch nie ganz draußen).

Naja, und wo ich schon mal dabei bin und dieser Text sowieso schon viel zu lang ist: Da gibt es noch eine Redewendung, die ich überhaupt nicht mag, und in der auch das Wort „machen“ vorkommt. Hier in Köln ist in Kneipen recht häufig zu hören, dass Gäste zum Personal sagen: „Machst Du mir mal ein Bier.“ Oder, noch schlimmer: „Machst Du mir mal eine Cola.“ Ich ärgere mich dann immer. Zwar werden nicht, wie beim sich „steuerehrlich machen“, kriminelle Akte sprachlich verbrämt, ein Trost. Wie beim „Durchstechen“ haben wir es aber mit einer semantisch fehlgehenden Verwendung eines Verbs zu tun.  Die Dienstleistung, zu der man Ober und Oberin auffordert, besteht nämlich keineswegs darin, dass etwas „gemacht“ wird. Machen beinhaltet immer ein Element des (Er)schaffenden, gerichtet auf materielle oder auch immaterielle Gegenstände. Etwas, wenn auch möglicherweise geringes, Neues kommt in die Welt, verändert sich durch kreative oder auch nur handwerkliche oder körperliche Betätigung: Gedanken, falsche Versprechungen, Pause, Pläne, einen Haufen, das oder ins Bett machen, zum Beispiel. Ein Bier oder eine Cola hingegen werden nicht gemacht – Sie werden lediglich einer Orts- und Behältnisveränderung unterworfen. Ich mutmaße, dass die bestellende Person durch den Gebrauch des dem Sachverhalt nicht angemessenen Verbs den eigentlich sehr schnöden Vorgang „keinerlei Skills erfordernde Besitz- und Eigentumsübertragung von Alkohol (oder Cola) aus Gewinnstreben“ und damit sowohl die eigene als auch die Rolle der das Getränk verkaufenden Person inhaltlich überhöhen will. Menschlich nachvollziehbar, inhaltlich aber falsch.

Nachtrag:

Zwei Dinge möchte ich vorsichtshalber noch klar stellen. Zum einen freue ich mich nicht über die Gefängnisstrafe für Herrn Hoeneß. Ich bin grundsätzlich gegen diese Form der Sanktion, auf jeden Fall bezüglich Vermögens- und Eigentumsdelikten. Sozialstunden fände ich, gerade bei Menschen wie Uli, die sinnvollere Maßnahme. Lustigerweise sieht das die Grüne Jugend laut Express genauso. Zum anderen möchte ich betonen, dass ich den Beruf der Kellnerin_des Kellners in der Gesamtsumme der erforderlichen Fähigkeiten für einen sehr anspruchsvollen halte.

Lustige Alice

Für meinen Text zum Verhältnis von Humor und Politik suchte ich neulich erfolglos nach einem guten Beispiel für Realsatire. Alice Schwarzer hat jetzt mit ihrer Stellungnahme zur Steueraffaire geliefertDanke, ich kriege vor erschrockener Begeisterung Schnappatmung, das ist kaum zu steigern (Unerwartet gelungen jedoch: Titanic-Online hier; vom Postillon hätte ich mir dagegen mehr erwartet, irgendeinen Beitrag, in dem Alice und Uli lustig in einen Topf geworfen werden, zum Beispiel).

Der von vielen prophezeite Anti-Alice-Shitstorm hingegen ist bislang ausgeblieben. Die von mir rezipierten Medien begnügten sich, meiner Einschätzung nach, mit einem angemessen-zurückhaltende-Reaktions-Storm (Ergebnis dennoch sehr unschmeichelhaft). Dies hat sicherlich mit Frau Schwarzers wichtigen, historischen Verdiensten um die Sache der Frauen und dem Bedürfnis, sich nicht mit jämmerlichen Wichten wie Jörg Kachelmann in einen Frauenhasser-Mob einreihen zu wollen, zu tun.

Auch ich möchte mich aus den genannten Gründen zurückhalten, aber ein paar Anmerkungen seien doch gestattet. Vorweg geschickt werden soll, dass das grundsätzliche Problem nach meinem Dafürhalten nicht in Individuen wie Alice Schwarzer oder Uli Hoeneß begründet liegt, sondern im deutschen Steuerrecht. Kurz sei auch vermerkt, dass Steuerhinterziehung nicht eine Angelegenheit reicher Leute, sondern ein Volkssport ist. Viele, die nicht zu arm, faul oder blöd (ich, zum Beispiel) sind, machen das.

Der in § 371 Abgabenordnung (AO) vorgesehene „persönliche Strafaufhebungsgrund“ der Selbstanzeige ist im deutschen Strafrecht einzigartig. Ladendiebinnen, Leuten, die das Sozialamt um ein paar hundert Euro betrogen haben oder Menschen, die eine Hauswand mit Graffiti besprühen und das nachher selber wieder wegputzen, steht dieser Weg zur Strafbefreiung nicht offen. Die allgemeine Möglichkeit zum Rücktritt von einer Straftat nach   § 24 Strafgesetzbuch ist viel enger (nach Vollendung der Tat grundsätzlich nicht mehr möglich). Mir kommt der § 371 AO daher ein wenig verfassungswidrig vor. Ähnlich ging es vor längerer Zeit auch mal dem AG Saarbrücken. Das Verfassungsgericht, bei dem zugegebenermaßen lauter Leute mitmachen, die mehr Ahnung von Jura haben als ich, sieht das aber leider ganz anders.

In Deutschland sitzen hunderte Leute im Gefängnis, weil sie Geldstrafen wegen Schwarzfahrens oder ähnlicher Delikte nicht zahlen können. Wäre ich der deutsche Staat, mir wäre das peinlich (zumindest vor Bertold Brecht). Aber da ich ja nicht die Staatsgewalt bin (leider, ich würde sofort Freibier sowie das Bedingungslose Grundeinkommen ausrufen und dann das ZDF und Facebook verbieten), noch eine paar Anmerkungen zu Alice Schwarzer. Ich finde, dass sie und ihr altersstörrisch-patriarchaler Habitus, mit dem sie durch die Talkshows reist, ihr Magazin regiert und die weltdämlichsten Kampagnen erfindet, dem Feminismus eher keinen Dienst leisten. Na gut, dass sie eine so hohe Öffentlichkeitswirksamkeit erreicht, muss anderen vorgeworfen werden. Mal so nebenbei: Liebe Fernsehsender und Fernsehsenderinnen, wenn es anscheinend so anstrengend ist, erträgliche kompetente Gäste einzuladen (und nicht IMMER WIEDER Alice Schwarzer, Jutta Ditfurth, Arnulf Baring und Hans Olaf Henkel), dann macht doch einfach seltener eine Talkshow, dafür aber in gut.

Was ich Frau Schwarzer dann aber doch gerne kurz persönlich ankreiden möchte, ist ihre plumpe elitär-selbstgerechte Haltung. Es ist ihr nicht zu dumm, sich mit „Ich gehöre nicht zu den tausenden, die Schwarzgeld in der Schweiz haben, das bis heute nicht versteuert ist.“ auf die Seite der Gerechten zu schlagen, um dann aber doch ein paar Sätze später zuzugeben, dass sie ihre Steuern lieber doch nur für den Zeitraum nachgezahlt hat, für den sie das MUSSTE, um strafrechtlicher Verfolgung zu entgehen. Das Vermögen bezüglich dessen die Strafbarkeit der Hinterziehung verjährt ist, erstattet sie nicht zurück. Dann lieber schnell eine Stiftung gründen (das ist aber dann doch zu eigenmächtig, Geld klauen und selber bestimmen, welchem Zweck es zugeführt werden soll, wo kommen wir denn da hin?).

Sie beruft sich dann auch noch auf die Rechtsordnung, welche das ausdrücklich vorsehe (Das ist als Globalargument etwas schwach, denn manchmal ist die Rechtsordnung ja auch etwas unzulänglich und sieht so einigen Quatsch vor, bis 1997 zum Beispiel die Vergewaltigung der Ehefrau). Dem Spiegel wird dann noch in Unkenntnis der Rechtslage illegales Denunziantentum vorgeworfen, während Alice genau das ist, was die Leute vom Spiegel nicht sind: Jemand, der einen Straftatbestand verwirklicht hat. Die Verjährung bedeutet lediglich ein Strafverfolgungshindernis, nicht aber, dass die Tat als nicht begangen gilt. (Ebenso bei einer Körperverletzung oder einem Diebstahl, die verjähren auch nach vier bzw. fünf Jahren, begangen wurden sie trotzdem).

Jetzt aber genug geschimpft. Um es noch mal klar zu stellen: Menschen wie Uli Hoeneß und Alice Schwarzer haben sich um den deutschen Fußball respektive die deutschen Frauen sehr verdient gemacht. Ich gönne ihnen als Belohnung gerne ein wenig oder auch ein wenig viel illegal erwirtschaftetes Geld. Aber irgendwann sollte Schluss sein. Von den ganzen Steuern, die Uli und Alice hinterzogen haben, würde Vater Staat bestimmt ein paar schöne Frauenhäuser errichtet haben können. Naja, das hätte er vermutlich eh nicht gemacht, sondern lieber eine halbe flugunfähige Drohne gekauft. So gesehen, ein bisschen verstehe ich die beiden ja auch.