Gute Brasilianer!

„Verlieren können sie“ lobte Spiegel-Online den sportlichen Umgang der Brasilianer mit ihrer vernichtenden Niederlage. Das stimmt, ist aber meines Erachtens noch zu kurz gegriffen. Schon vor der gestrigen Apokalypse, so berichten viele Deutsche, die im Land unterwegs sind, benahmen sich die Brasilianer vorbildlich. Es scheint selbstverständlich zu sein, deutschen Fans höchste Wertschätzung und Freundlichkeit für ihr Team zu kommunizieren. Ich kann das aus persönlicher Erfahrung bestätigen: Zur WM in Südafrika veranstalteten wir online ein international besetztes Tippspiel, an dem neben beispielsweise einem US-Amerikaner und einem Franzosen auch Paolo aus Brasilien teilnahm. Auch er überraschte mich mit der genuin-wohlwollenden von großer Expertise getragenen Freundlichkeit, die er der deutschen Mannschaft entgegenbrachte. Ich will hier ja nicht in überkommene Stereotype verfallen, aber mir scheint, dass handelsübliche Deutsche so eine Haltung gegenüber anderen Teams meistens nicht an den Tag legen. Unser Fußball-Alltag ist da doch eher von vielfältigen Feindschaften geprägt (Nun, ich weiß natürlich nicht, wie Paolo über Argentinien spricht. Sein Kommentar zu gestern lautete: Naja, es ist ja nur ein Spiel und ihr habt ja auch wirklich eine gute, charismatische Mannschaft.). Natürlich erkennen auch teutonische Herren und Damen die Qualitäten  anderer Mannschaften und Spieler an. „Ich verehre Andrea Pirlo“, schnauben sie. Aber man kann nie ganz sicher sein, ob da möglicherweise doch eine Prise gehässiger Ironie mitschwingt. Objektiv sehr gute Leistungen nichtdeutscher Fußballakteure werden, der protestantische Ethos sitzt tief, zugestanden. Das geht aber immer mit einem grimmigen Ernst einher, der leicht in die Richtung von „Diese technische Komponente hätte ich auch gerne für meinen Panzer“ tendiert.

Unser Tippspiel damals hat übrigens Paolo gewonnen. Als Preis mussten die in aller Welt verteilten MitstreiterInnen ihm ein Geschenk schicken. Unseres aus Köln enthielt eine Mundharmonika, auf der er angeblich immer noch begeistert spielt. Eines Tages klingelte es auch an unserer Tür und der Nachbar brachte ein Päckchen aus Brasilien. Der nette Sieger hatte sich meine Begeisterung für Päckchen durch die Welt schicken zu Herzen genommen und wollte mir eine Freude machen. Seitdem besitze ich ein Trikot und einen Schlüsselanhänger des FC Curitiba und einen Untersetzer, auf dem ein VW-Bus abgebildet ist. Mit anderen Worten: Die Brasilianer sind auch gute Gewinner.

Onkel Maike Fußballvorhersager!

Ich stehe in dem Ruf, gute Fußballprognosen abzugeben. Überprüfen wir das doch einmal an meinen bisherigen Blogeinträgen zur aktuellen WM. Am dritten Juni noch während der Vorbereitung schrieb ich bezüglich des Gejammers über die vielen nicht fitten Spieler sinngemäß: „Die verbleibenden Spieler sind mir immer noch zu hochbegabt.“ Einen Tag später verletzte sich Marco Reus. Das hatte ich zwar nicht gewollt und es tut mir immer noch unglaublich leid, Recht behielt ich aber trotzdem. Im selben Beitrag schrieb ich auch, dass Deutsche Mannschaften zum Erfolg keiner guten Spieler bedürfen:  „Ich meine mich zu erinnern, dass auch schon sehr medioker veranlagte  Truppen mit Trainern von zweifelhaftem Rang sich ausschließlich mit Hilfe eines guten Torwarts bei Welt- und Europameisterschaften zu hervorragenden Ergebnissen gekämpft haben.“ Im Spiel gegen Algerien war das dann mal wieder genau so, Manuel Neuer Superlibero! Abschließend hielt ich den damals (das ist übrigens noch gar nicht lange her) noch sehr lauten Unkenrufern noch entgegen: „Die WM wird ganz bestimmt eine tolle Sause! Das Halbfinale wird sicher erreicht. Und ganz ehrlich: Viel mehr sollten wir auch nicht wollen, der Titel darf ruhig an die Gastgeber gehen.“ Tja, Recht behalten, tolle Sause it is! Nicht vorhergesagt habe ich allerdings Neymars Wirbelbruch. Das wird jetzt ganz schwer für die Brasilianer, meiner Prognose gerecht zu werden. Ebenso geht es leider auch Kevin Großkreutz, von dem ich am 25. Mai schrieb, er werde bei dieser WM mindestens zwei Tore schießen.

Nachtrag: Angesichts der für mich immer noch ziemlich unfassbaren Ereignisse gestern, die ich so dermaßen nicht vorhergesehen habe, verkünde ich offiziell meinen Abschied aus dem Prognosegeschäft und suche mir was, das ich besser kann.

Frankreicher und Österzosen

Der befreundete Onkel hat gestern beim Fußballgucken ein Spiel erfunden. Es heißt (working title): „Sich über die extrem uneinheitlichen Bezeichnungen von Ländern und deren Bewohnern in der deutschen Sprache lustig machen“ (wie gesagt, working title). Das Spiel als solches ist dafür schon ausgereift und geht ganz einfach: Man nehme beliebige Ländernamen, die die gleiche Struktur aufweisen, z. B. Frankreich/Österreich, Deutschland/Schottland, Serbien/Kolumbien und leite die jeweiligen Bezeichnungen für die Staatsangehörigen verkehrt herum ab: z. B.: Frankreicherin/Österzösin, Deutschländer/Schotter, Serbianer/Kolumbe oder auch Chinenser/Palästinese. Über das Resultat kann dann, zumindest von Leuten, die so einen Pennälerhumor haben, wie der befreundete Onkel und ich, gelacht werden. Die deutsche Sprache benimmt sich hier wirklich außerordentlich unregelmäßig, man möchte das nicht als Erwachsene lernen müssen. Arme Holle oder Spanen, die das versuchen. Apropos arme Spanen: Ist Euch auch aufgefallen, wie sehr die Länderschicksale bei der Fußballweltmeisterschaft denen in der EU gleichen? Die meisten kacken ab, nur Deutschland startet durch und droht alle niederzuwalzen, was niemandem gefällt, außer den Deutschen? Manche dürfen trotz steten Bemühens und gutem Potential gar nicht erst mitmachen (Türken). Einige treten vorzeitig aus (Engländer). Andere müssen den finanziellen und spielerischen Offenbarungseid leisten (Spaniener) oder halten sich so gerade noch im Geschehen, pfeifen aber in höchst prekärer Situation monetär und physisch aus dem letzten Loch (Italen). Naja, damit der Vergleich jetzt hunderprozentig passt, müsste der Trainer der frankreichischen Nationalelf sich bei einer außerehelichen Affaire erwischen lassen und der Spielerrat von Rechtsradikalen übernommen werden. Auch scheint die Regierung des Teams der Belgen relativ stabil und die Mannschaft nicht akut davon bedroht, sich in einen französisch- und einen hollsprachigen Teil aufzuspalten. Kann ja noch kommen, ansonsten: Ausnahmen bestätigen die Regel.

JETZT GEHTS LOHOS!

Endlich startet die Schland-Mannschaft ins Turnier. Jippieeeee! Pünktlich zum Spielbeginn hat die Bundesregierung auch wieder die Kennzeichnungspflicht für kognitiv eingeschränkte Mitbürger_innen In Kraft gesetzt: Alle Leute mit einem Intelligenzquotienten von unter 80 müssen sich oder zumindest ihre Autos gut sichtbar farblich, schwarz-rot-gold, markieren. Hach, und diese WM hat schon so viel Spaß geboten. Zumindest für Freundinnen und Freunde von Underdogs (Costa Rica) und den Holländern (ist das nicht dasselbe?). Auch Leute, die sich gerne über Schiedsrichter aufregen und solche, die Franz Beckenbauer hassen, sind voll auf ihre Kosten gekommen. Habt Ihr das alle mitgekriegt: Der Kaiser hat 90 Tage lang Stadionverbot bei allen Fußballspielen, weil er sich mit der Ethikkommission der FIFA angelegt hat. Wenn einem die Ethikkommission der FIFA unethisches Verhalten vorwirft, ist das so ähnlich, als wenn einen der Gleichstellungsbeauftragte der saudi-arabischen Regierung wegen Frauenfeindlichkeit kritisiert. Ein Streit zwischen Franz Beckenbauer und der FIFA ist vergleichbar mit einem Konflikt, den Al Qaida mit Isis austrägt, sehr böse gegen total böse. Mögen beide Parteien sich gegenseitig viel Ärger bereiten – Ich erfreue mich solange am Fußball!