Onkel Maike ist mal wieder anderer Meinung

Alle so: Mimimimi, wird ganz schlimm, wenn der schlimme Donnelt Tramp Präsident wird. Ich so: Och. „Der Trump ist immer so postfaktisch, schlimm, schlimm.“, wird gejammert. Dabei war Politik nie anders. Oskar Lafontaine hat 1990 die Wahlen zum Bundeskanzler verloren, weil er den Leuten die Wahrheit („Liebe Leute, so ganz einfach und billig wird das mit der Wiedervereinigung nicht werden.“) sagte. Und Helmut Kohl hat dieselben Wahlen gewonnen, weil er die Leute angelogen („Wird es wohl.“) hat. Noch postfaktischer ging es schon damals kaum. Was soll Trump groß anrichten? Guantanamo wiedereröffnen? Den Nahen Osten in Schutt und Asche legen, uns zwingen, irgendwelche intransparenten verbraucher*innenfeindlichen Freihandelsabkommen abzuschließen? Die Klimakatastrophe an einen Punkt treiben, wo sie kaum noch unumkehrbar scheint oder der us-amerikanischen Polizei befehlen, ständig harmlose afroamerikanische Bürger*innen zu erschießen? Ich bin da einigermaßen unbesorgt.

Meine Burkini-Figur

Eigentlich wollte ich mich zur Burkaverbotsdebatte nicht äußern. Jeder, auch noch so kluge, Beitrag zu dieser Diskussion ist nämlich einer zuviel. Denn wir haben es hier, wie alle, die nicht total bescheuert sind, wissen, mit einer Scheindebatte zu tun: „Oh, ein Burkaverbot, fantastische Idee, das wird die Burkaträgerinnen in Deutschland aber alle beide mächtig ärgern!“, bringt es der Postillon auf den Punkt.

„Oh, keineswegs!“, würden populistische Apologeten wie Jens Spahn und andere [hier bitte Beschimpfung, die Beleidigungstatbestand erfüllt, selber einfügen, ich will schließlich nicht enden wie Jan Böhmermann] entgegnen: „Es geht nicht um die Burkaträgerinnen, es geht darum, dass Burkas die Unterdrückung der Frau symbolisieren.“ So weit so verlogen, aber darüber hinaus ist es meines Wissens hierzulande auch nicht verboten, die Unterdrückung der Frau zu symbolisieren. Der Staat darf das tatsächlich nicht, Bürgerinnen und Bürger aber sehr wohl. Das ergibt sich aus der Meinungs- und Kunstfreiheit. Ich dürfte mir unsanktioniert ein T-Shirt anziehen, auf dem stünde: „Ich bin für die Unterdrückung der Frau und lasse mich auch selber gern unterdrücken.“ (Oder übersehe ich da irgendeinen Paragraphen des Strafgesetzbuchs?) Damit ist aber auch noch längst nicht die Frage geklärt, ob und wie Burkas (und Nikabs und andere Formen der Vollverschleierung) die Unterdrückung der Frau symbolisieren bzw. diese tatsächlich unterdrücken. Es gibt Frauen, die sagen, sie trügen den Nikab aus freier Entscheidung. (Dass ich persönlich das nicht gut nachvollziehen kann, muss ja nicht heißen, dass es nicht stimmt, ich habe eh nicht so viel Phantasie und kann auch andere Sachen nicht nachvollziehen, z. B. wenn Frauen sich ihre Schamlippen chirurgisch stutzen und begradigen lassen oder die Schönheittsipps von Bibis Beauty Palace befolgen.)

Aber um die Frauen selber geht es „uns“ ja nicht. Die werden nur selten gefragt, in der Regel nicht mit ihnen, nur über sie gesprochen:

„Auf diese Weise hat man viel gelernt über die Leute. Nicht den Ausländer. Aber über die Deutschen. Der Kopftuchdiskurs – von einem Gespräch kann wahrlich nicht die Rede sein – ist eine Debatte, in der es keine Sekunde lang um die Muslime geht. Er erzählt immer nur davon, was der Nichtmuslim denkt, fühlt, vermutet und wovon er sich bedroht oder beleidigt sieht.“,

schreibt Mely Kiyak in ihrer aktuellen Kolumne in der Zeit (Mely Kiyak ist  wirklich klug, heutzutage ist die Maßeinheit für politische Klugheit im Internet bekanntlich die Menge der Hasskommentare unter einem Posting, und ihre Artikel haben immer die meisten von allen).

Die ganze Debatte sagt also was über uns (auch wenn es das „uns“ gar nicht gibt, aber versuch das mal der AfD zu erklären), und zwar, dass wir gar nicht so nett, aber auch gar nicht so klug sind. Schauen wir uns die beiden deutsche Burkaträgerinnen doch mal genauer an. Stellen wir uns vor, die eine hat sich, terrorisiert von ihren Klassenkameradinnen, die alle wie Bibi von Bibis Beauty Palace aussehen, entschlossen, den ganzen Wahn nicht mehr mitzumachen und sich lieber unter einer Burka zu verstecken, trägt sie also freiwillig. Die andere wird hingegen von ihrem Mann dazu gezwungen.

Keiner der Zweien wird mit einem Verbot geholfen, im Gegenteil. Frauen zu zwingen, sich zu verschleiern, ist ja bereits verboten. Indem jetzt aber die Frau selber, also die vom Zwang Betroffene, sanktioniert wird, verlagert sich die Aufmerksamkeit von dem, der tatsächlich bestraft werden sollte , auf das Opfer (vielleicht nicht tatsächlich, da es ja kaum Betroffene gibt, aber ja doch in den Diskursen, unseren Bildern und Repräsentationen). Und es geht nicht darum, wie Frauen (und Männern), die sich aus patriarchalen, unterdrückerischen Strukturen befreien wollen, geholfen werden kann. Was werden die von einem Nikab-Trägerinnen nach einem Nikab-Verbot wohl tun? Den Nikab ausziehen? Oder doch eher einfach noch weniger vor die Tür gehen? A propos weniger vor die Tür gehen. Auch mir persönlich scheint das zunehmend eine attraktive Option zu sein. Alles wird immer komplizierter. Früher war es verboten, zu nackt zu sein. Heute ist es verboten zu angezogen zu sein, zum Beispiel am Strand in Frankreich ist der Burkini jetzt verboten. Herzerfrischend die Szene, wie eine Frau, die etwas anhat, was ungefähr aussieht, wie ein Surfanzug  (oder ungefähr das, was ich wegen zu heller Haut am Strand anhätte), von vier schwer bewaffneten Männern dazu gezwungen werden soll, sich auszuziehen.

Zu nackt darf es nicht sein, zu angezogen aber auch nicht mehr. Und damit ist es nicht getan. Wieviel eine Frau an- oder ausziehen soll, hängt darüber hinaus von ihrer konkreten Beschaffenheit ab. Zu alt, zu schwabbelig, das ist nicht erwünscht. Wenn ich mich aus meinem Burkini geschält habe, muss ich erstmal überprüfen, ob ich auch die passende Bikini-Figur habe, sonst drohen mir im Freibad zwar keine Sondereinsatzkommandos aber doch soziale Sanktionen. Und nach sechs Monaten Fitness-Studio darf ich nicht vergessen, mir sämtliche Nicht-Kopfhaare abzurasieren. Mir ist das alles zu doof, ich wandere aus: Nach Burkini-Faso.

Olympia

Ich schaue momentan viel Olympia. Dabei bin ich in der Regel hin- und hergerissen zwischen Faszination und Abscheu. Wie interessant die ganzen Sportlerinnen und Sportler aussehen, und was sie für einen krassen Scheiß veranstalten, häufig einigermaßen lebensgefährlich, teilweise ausgesprochen langweilig, im schlechtesten Fall beides gleichzeitig (bestimmte Turnübungen beispielsweise). Es begeistert mich, was die Menschen alles können, meistens ist dafür ja unendlich viel Übung erforderlich, je langweiliger die Sportart desto beeindruckender der Trainingsfleiß (Volleyball zu üben, macht ja bestimmt ab und zu Spaß, aber Dressurreiten?! Das Pferd ist sicherlich meistens eher genervt). Lange Rede kurzer Sinn: Die Olympiade in ihrer aktuell dargebotenen Form hat ihren Reiz und Unterhaltungswert, oft muss ich mich aber über Gebühr aufregen und vieles könnte und sollte verbessert werden. Ich überarbeite daher gerade das Reglement, insbesondere hinsichtlich der vertretenen Sportarten. Viele davon sind alberner Unfug (z. B. Dressurreiten), sie müssen eliminiert und durch bessere Disziplinen (z. B. Elefantentrampolinspringen) ersetzt werden. Im Namen der Pferde aller Länder und meiner selbst präsentiere ich hier mein Konzept für ein neues Olympia-Regelwerk:
Sportarten, die abgeschafft werden:
Dressurreiten (ja, das überrascht jetzt keinen mehr)
Dressurreiten ist alberner Quatsch für angeberische reiche Schnösel. Manche Länder haben gar keine Pferde und werden schon von daher diskriminiert. Das wäre mir aber alles egal, wenn Dressurreiten nicht so außerordentlich langweilig wäre. Ist es aber. Dazu werden alle weiteren Sportarten, in denen Pferde vorkommen (Springreiten, moderner Fünfkampf, Geländereiten u. a.), abgeschafft. PETA und ich glauben nämlich, dass das alles für die Pferde nicht so schön ist.
Segeln und alle anderen Sportarten mit Booten
Segeln ist alberner Quatsch für angeberische reiche Schnösel. Naja, ich glaube, so ganz stimmt das gar nicht. Und Segelbote sind auch viel bessere Sportgeräte als Pferde, da weniger emotional involviert. Eigentlich spricht gegen Segeln und Kanusport kaum etwas, außer dass ich nichts damit anfangen kann. Reicht auch.
Doppeltrap (und alles andere mit Schießen)
Dieses Schießen mit Schießgewehren und Pistolen ist einfach nicht hübsch und langweilig dazu. Es sollte Privatsache bleiben.
Turnen
Turnen ist faszinierend und bewundernswert aber auch alberner Quatsch. Bodenturnen der Männer sieht außerdem bescheuert aus. Daneben ist Turnen höchst verletzungsträchtig. Zufällig habe ich die Liveübertragung des Sprungs des französischen Turners Amir Ait Said gesehen. Bei der Landung brach sein Schienbein in der Mitte durch. Ein schönes Element für einen Splatterfilm, aber eher nichts für Kinder. Ich finde es ernsthaft kritikwürdig, dass die Leute, die Turnen auf Leistungsniveau praktizieren, als gesellschaftliche Vorbilder dienen. Schließlich gehen sie mit sich und ihren Körpern äußerst unverantwortungsbewusst um, nur um Ruhm und Thrill zu ernten. Die Ausübung von Turnübungen auf olympischem Niveau sollte, genau wie beispielsweise das Nicht-Anschnallen im Auto, als Ordnungswidrigkeit geahndet und mit einem Bußgeld belegt werden.
Sportarten, die beibehalten werden:
Leichtathletik, insbesondere alles mit Laufen und Zehnkampf
Ich glaube, es ist ein Urtrieb, Leute zu bewundern, die schnell von A nach B laufen können, egal wieviel Strecke zwischen A und B liegt. Genau genommen ist es natürlich  anachronistischer Quatsch, Zeit darin investieren zu üben, möglichst schnell 5.000 Meter weit zu laufen. Wer es eilig hat, sollte auf Fahrrad oder Straßenbahn zurückgreifen und mit der gesparten Energie in etwas Sinnvolles anfangen. Zehnkampf ist einfach supertoll, auch wenn manchmal der Speer in die falsche Richtung geworfen wird und in einem anderen Sportler stecken bleibt und alle Leichtathletinnen, die was auf sich halten, immer gedopt sind. Im Interesse meines Amüsements müssen solche minderen Kalamitäten aber hingenommen werden.
Schwimmen
Schwimmen ist toll. Es ist noch natürlich noch wesentlich alberner, Zeit darin zu investieren, zu üben möglichst schnell von A nach B zu schwimmen als zu rennen. Aber es ist doch schick, wie flink und geschmeidig diese Schwimmer durchs Wasser glitschen. Ich persönlich verstehe nicht, warum sie dabei so viel ungesundes Doping betreiben, ich würde den Unterschied ohne Doping zum Beispiel nicht bemerken. Ein Vorbild für die Jugend stellen die Schwimmerinnen und Schwimmer damit nicht dar. Im Interesse meines Amüsements müssen solche minderen Kalamitäten aber hingenommen werden.
Alle Ballsportarten außer Fußball, Hockey und Golf
Golf ist alberner Quatsch für angeberische reiche Schnösel. Wenn ich Hockey schaue, bekomme ich Rückenschmerzen, die sind da die ganze Zeit so tief gebückt. Zu Fußball muss jawohl nichts gesagt werden.
Sportarten, die neu eingeführt werden:
Elefantentrampolinspringen
Es macht den Elefanten halt Spaß. Und nachdem die ganzen Pferde rausgeschmissen wurden, müssen wir neue Tiere zum Mitmachen animieren.
Skat
Das wäre unterhaltsam und würde Deutschland im Medaillenspiegel nach vorne bringen.
Super-Ninja-Warrior-Challenge (featured by RTL)
Eine interessante und aufregende neue Sportart. Die Athletinnen und Athleten müssen einen Parcours über verschiedene Hindernisse absolvieren, deren Überwindung entweder Kraft oder Geschicklichkeit oder beides erfordert. Der befreundete Onkel und ich haben es neulich bei RTL kennengelernt.
Wett-Doping
Warum den Sportlerinnen und Sportlern, die das am besten können, nicht endlich mal die ihnen gebührende Anerkennung zukommen lassen. Ich stelle mir das Wettkampf-Setting als eine Mischung aus Orientierungslauf und Promi-Shopping-Queen vor. Die Teilnehmenden müssen irgendeinen Drogenslum in Rio ausfindig machen und dort mit einem begrenzten Budget möglichst viele interessante Doping-Mittel erwerben und einnehmen. Wer die spektakulärste Urinprobe aufweisen kann und noch lebt, hat gewonnen.
Pferdestreicheln
Irgendwie müssen die Pferde ja zurück ins Geschehen integriert werden, viele Leute mögen ja (erstaunlicherweise) Pferde. Wer sein Pferd als erster zum Schnurren bringt, hat gewonnen.

Alles noch mal gut gegangen…

Die Welt hat ja viele Probleme. Um nur einige, besonders virulente zu nennen: Klimakatastrophe, Hunger, Kriege und Terrorismus, demographische Krise, Erosion der EU, Rechtspopulismus, Nazis und Donald Trump oder auch Bibis Beauty Palace. Manchmal wird mir angesichts dessen etwas bang ums Herz zumute. Zu Unrecht, wie sich heute mal wieder herausstellte. Bevor die Katastrophen zu sehr ausarten, unternehmen deutsche Regierende angemessene Schritte. In der heute von Bundesminister Thomas de Maizière präsentierten „Berliner Erklärung“ der CDU-Innenminister werden Maßnahmen vorgeschlagen, die allesamt geeignet sind, so gut wie alle unsere Sorgen zu beseitigen: Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft,  leichtere Abschiebungen, Lockerung der ärztlichen Schweigpflicht für Doktoren von Flüchtlingen, schärfere Video- und Cyberüberwachung und das Burkaverbot.

Maßnahmen wie Lockerung der Schweigepflicht oder mehr Ehrgeiz bei Abschiebungen fallen ja eher unter die Kategorie menschenhasserischer Quatsch, der gar nix bringt. Vielen deutschen Leuten gefällt aber aber genau das und solche Unterfangen sind daher zu begrüßen. Anders zu qualifizieren ist hingegen beispielsweise das Burkaverbot. Hier handelt es sich um eine konkrete Lösung für konkrete Probleme. Burkas eignen sich bekanntlich hervorragend dazu, unter ihnen Maschinengewehre und andere Terrorutensilien zu verstecken. Dieser Gefahr muss begegnet werden. Daneben würde sich mit der Abschaffung von Burkas automatisch die Abschaffung der Unterdrückung der Frau vollziehen. Die Unterdrückung der muslimischen Frau, wohlgemerkt. Westliche Frauen sind ja bereits vollständig von Unterdrückung befreit.

Mir wurde diese Tatsache mal wieder bewusst, als ich Samstag Nacht ein Match im Rahmen des olympischen Beachvolleyballturniers anschaute. Es trat eine deutsche gegen eine ägyptische Mannschaft an. Die ägyptischen Spielerinnen trugen schwarze Leggins und Trikots, die ein wenig an Schlafanzugoberteile erinnerten. Eine der beiden Spielerinnen hatte ihre Haare mit einem Kopftuch bedeckt. Die deutschen Spielerinnen waren in sehr knappe Bikinis gekleidet.

Ich schaute mir fasziniert das Spiel an und konnte mich die ganze Zeit nicht entscheiden, ob ich diese, wie ich fand, doch annähernd nackigen deutschen Damen (bei so einem wirklich engen Bikinihöschen kann man schon auch darüber nachdenken, es einfach wegzulassen) mega sexistisch oder doch irgendwie geil fand. Es stellt sich ja die Frage, wo genau das Informationsinteresse der Leute, die sich ja eigentlich gerade einen olympischen Wettkampf anschauen wollen (um es mit Turnvater Jahn zu sagen: Eine Sportveranstaltung ist ja immer noch was anderes als eine Swingerparty!), an der exakten Physiognomie im Grunde aller Körperteile der Athletinnen liegt. Insbesondere, da dieses Informationsinteresse geschlechtersegregiert strukturiert zu sein scheint. Beachvolleyball praktizierende Männer sind ja, da ist es komischerweise wie bei den Karnevalskostümen, in Schlabberhemden und -hosen gewandet. Über deren Ärsche erfährt die geneigte Zuschauerin so gut wie nichts.

Andererseits, wenn ich so außerirdisch knackig und cellulitefrei wie diese Frauen vom Beachvolleyball wäre, würde ich auch unbedingt im knappen Bikini zur Arbeit gehen wollen. So ein Schlafanzug mit Kopftuch wie bei den Ägypterinnen käme nicht in Frage. Hei, was wären die Kolleginnen neidisch und frau muss ihre Vorzüge ja schon präsentieren dürfen. (Es gibt Soziolog*innen, die sprechen in solchen Zusammenhängen von „sexuellem Kapital“). Im Büro würden sie erstmal vielleicht komisch gucken, sich dann aber doch daran gewöhnen. Oder auch nicht, vielleicht würden sie mich rausschmeißen. Das fände ich dann allerdings unfair. Wenn hübsche junge Frauen immer möglichst nackt sind, ist doch allen geholfen. Vielleicht könnten die CDU-Innenminister meinem fiktiven Ich und anderen Betroffenen durch passende gesetzliche Regelungen Hilfe leisten. Ein Burkaverbot ist hier nur ein erster Schritt in die richtige Richtung.

 

 

Der Penis des Saunameisters

Vielversprechender Titel, nicht wahr? Ich habe länger über ihn nachgedacht, als man meinen sollte. „Penis“ finde ich nämlich gar nicht so ein gelungenes Wort für das männliche Geschlechtsorgan. Allerdings immer noch besser als eben „männliches Geschlechtsorgan“. Fast hätte ich lieber „Pimmel“ geschrieben, also „Der Pimmel des Saunameisters.“ Aber „Pimmel“ klingt immer ein Bisschen so als nähme man den beschriebenen Gegenstand nicht ganz ernst. Gerade in unseren heutigen turbulenten Zeiten jedoch sollten wir den Männern und ihren Eigenschaften den nötigen Respekt zollen, alles andere verunsichert sie noch mehr und erhöht die Gefahr, dass sie anfangen, AfD zu wählen. „Schwanz“ wäre eine weitere Alternative, das finde ich allerdings ein wenig pornographisch konnotiert und eher für den Privatgebrauch denn für eine seriöse Publikation geeignet. Einigen wir uns also auf „Penis“. Mit der Frage der Anordnung von Substantiv „Saunameister“ und Genitivattribut „Der Penis“ habe ich mich hingegen nicht lange aufgehalten. Dabei gäbe es auch hier Spielräume: „Des Saunameisters Penis“ hätte Turgenjew es wahrscheinlich formuliert. Hier in Köln würde ich hingegen mit „Dem Saunameister sein Penis (sing Jemäscht)“ auf Verständnis stoßen. Aber einigen wir uns doch auf „Den Penis des Saunameisters“, von dem ich nun berichten möchte:

In der Sauna des Ossendorfbades in Köln, in die ich manchmal gehe, gibt es einen Saunameister mit einem langen Penis. Gestern war ich mal wieder in dieser Sauna und sah besagten Saunameister dort herumlaufen. „Ach, da ist doch der Saunameister mit dem langen Pimmel“, sagte ich zu mir (wenn ich mir mir selber rede, sage ich „Pimmel“ nicht „Penis“). „Da könnteste doch einen kurzen Blogeintrag zu verfassen“, überlegte ich (der Penis ist wirklich phänomenal), vielleicht interessiert das die Nichten und Neffen. „Wäre gut, wenn ich noch mal sehen könnte, wie lang genau der Penis ist, dann kann ich ihn plastischer (und journalistisch seriöser) beschreiben.“, dachte ich weiter. Die letzte Begegnung mit dem Saunameister liegt schon über ein Jahr zurück und an genaue Maße kann ich mich nicht mehr erinnern, nur noch, dass ich sehr beeindruckt war.

Und während ich so in der Liegelandschaft der Sauna herumlümmelte und sinnierte, wie ich den Penis zu sehen bekommen könnte (der Saunameister trägt ja während der Arbeit in der Sauna grundsätzlich ein um die Hüften gewickeltes Handtuch, zumindest gestern), erinnerte ich mich daran, wie oft der Saunameister schon mit mir geschimpft hat. Zum einen, weil ich früher ab und an meinen Schlüssel für die Umkleidekabine in der Sauna verlegte, der dann zum Glück aber immer beim Saunameister abgegeben wurde, der ihn mir dann, wie gesagt, schimpfend, zurückgab („Den Schlüssel rumliegen zu lassen, ist Anstiftung zum Diebstahl“, meckerte er einmal, was Quatsch ist, aber ich war nicht in der Position, ihn darüber zu belehren). „Wie konntest Du denn nur immer Deinen Schlüssel in der Sauna verlegen?“, frage ich mich ernsthaft verwundert, der Schlüssel hat ja ein Band, mit dem man ihn sich um den Arm oder auch das Bein binden kann. Außerdem rügte mich der Saunameister mindestens einmal streng, weil ich mit dem Salz für die Dampfsauna irgendetwas Falsches angestellt hatte. Wiederum lässt mich hier das Gedächtnis im Stich, ich weiß nicht mehr genau, worum es sich bei der Verfehlung gehandelt hat, ich glaube, ich hatte nach Benutzung geduscht, was anscheinend nicht gerne gesehen ist. Der Saunameister hat eine sehr, sehr dicke Frau und war früher mal Eigentümer eines Rennpferds. Ersteres weiß ich, weil die Frau auch einmal in der Sauna war und allen stolz verkündete, sie sei die Frau des Saunameisters (würde ich auch machen, wenn mein Mann der mit dem größten Schwanz weit und breit wäre), das mit dem Rennpferd erzählte er mal einem Badegast, als ich daneben auf einer Liege lag (es hat sich auf die Dauer finanziell nicht gelohnt).

Als ich den Penis zum ersten Mal gesehen hatte, und aus der Sauna nach Hause kam, berichtete ich begeistert meinem Freund davon. Denn es ist ja so: Wenn man einen sehr langen Penis hat, ist die Sauna der optimale Arbeitsplatz. Der einzige optimale Arbeitsplatz, wohlgemerkt. Ich freue mich aufrichtig für den Saunameister, dass er eine so gut passende Arbeitsstelle gefunden hat (ja, er schimpft viel, aber ich bin ja auch schwierig). Bei keinem anderen Job kann der Penis (außer in der Pornofilmbranche, aber das ist nun wiederum ein gesellschaftlich schlecht angesehener und infektionsträchtiger Arbeitsbereich) so selbstverständlich herumgezeigt und Bewunderung dafür eingeheimst werden. Und je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Wir müssen uns den Mann mit einem langen Penis als einen unglücklichen Menschen vorstellen. Im Gegensatz zu einem schnellen Auto, einem Trophy-Wife, dem Doktortitel, den frisch gebleichten Zähnen oder auch der Flüchtlingsfamilie, die man ehrenamtlich betreut und ähnlichen Angebegegenständen, kann man einen langen Penis nicht ständig offen herzeigen. Das hat die Gesellschaft so festgelegt. Einerseits wünscht sich jeder einen langen Penis (einfach nur um keinen kurzen zu haben, glaube ich), andererseits profitieren dann aber die, die tatsächlich damit gesegnet sind, nicht davon. Paradox. Somit sind alle unglücklich, die Männer mit den kurzen und die mit den langen Penissen.

Nur eins gibt mir noch zu denken: Dafür, dass er gemäß dieser scharfsinnigen Analyse der einzige glückliche Mann der Welt sein müsste, ist der Saunameister erstaunlich griesgrämig.