In Würde altern

Es gibt ja dieses berühmte Sprichwort: „Wer mit 20 nicht prokrastiniert, hat kein Herz – Und wer mit 30 noch prokrastiniert, hat keinen Verstand (oder andere ernste Probleme).“

Wie ich nun gerade drauf komme? Ich sags mal so: Wir mussten heute unsere Küchenuhr nicht eine Stunde nach vorne stellen. Sie geht jetzt ganz von selber wieder richtig.

Nachtrag: Haha, zeitgleich mit mir postete der befreundete Onkel zum selben Sachverhalt Folgendes: „Ab heute geht dann auch wieder die Küchenuhr für ein halbes Jahr richtig.“ – Sehr lustig!

ZDF-Politbarometer

Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer,

früher haben wir an dieser Stelle repräsentative Umfragen zu politischen Themen veröffentlicht. Aber was soll der ganze Quatsch denn in diesen postfaktischen Zeiten noch? Wir erkennen das an und widmen uns lieber den wirklich wichtigen Themen. Daher haben wir Onkel Maike beauftragt, diesmal nicht einen repräsentativen Querschnitt (was soll das denn auch sein? Geht doch nach Hause, Infratest-Dimap und Konsorten) der deutschen Bevölkerung, sondern einfach lieber die besten Deutschen zu fragen, was sie denken und fühlen, wenn sie im Supermarkt an der Kasse stehen. Hier Onkel Maikes Ergebnisse:

Ja, was soll ich sagen. Ich war so gerührt über die rege Teilnahme an meiner Umfrage: Neun Antworten! Das mag der einen oder dem anderen nicht viel erscheinen. Ich finde es aber schon viel (Zum Beispiel im Vergleich zu den Beteiligungszahlen, die ich mit meinem legendären Thomas Mann-Imitierwettbewerb erreichte. Das waren seinerzeit drei Leute, von denen sich keiner an die Regeln hielt, und auch das fand ich schon viel.).

Nun aber mal zur Auswertung der Umfrage:
Die Deutschen nehmen interne und externe Zustände im Supermarkt differenziert wahr und können sie gut beschreiben. Ich war über jede einzelne Rückmeldung begeistert.
Mir wurde klar, das im Supermarkt noch mehr los ist, als ich sowieso schon dachte. Es ist unglaublich facettenreich. Beispielsweise lernte ich, dass es Handy-Apps gibt, mit denen die giftigen Inhaltsstoffe, der Sachen, die wir im Supermarkt kaufen können, gescannt werden können: Der Supermarkt als Ort, der uns dem Tod näher bringt, wenn wir technisch nicht auf der Höhe sind.  Der Supermarkt aber auch als Ort, der uns permanente Enge suggeriert: Es ist nicht genug Platz für uns da, nie, immer sind wir zu sperrig. Eine teilnehmende Person beschreibt ihr Leiden unter sogenannten „Plauderinseln“, plappernde Menschengrüppchen, die sich seinem Einkaufswagen in den Weg stellen. Eine gelungene Wortschöpfung.
Ich las Geschichten von Frauen, die vor der Waschmittelvielfalt weinten. Und nebenbei geriet ich ins Nachdenken über mich selber: Wieso gehe ich an diese Orte des Schreckens so oft? Wieso mache ich es nicht wie so viele andere Menschen, solche, solche die ihr Leben im Griff haben? Wieso kaufe ich nicht auf dem Markt oder wenigstens öfter im türkischen Supermarkt ein. Überall da, wo es weniger apokalyptisch zugeht?

Vielleicht, weil es gleichzeitig viel Schönes und Interessantes zu sehen und fühlen gibt. Im Supermarkt ist es möglicherweise nicht anders als im Krieg. Die Leute zeigen ihr wahres ich. Meine Umfrage ergab außerdem, dass viele Menschen gerne in den Supermarkt gehen. Sie wissen die Sinneseindrücke (Beispielsweise: bunte Schnapsfläschen, die Haptik von Shampooflaschen, den Geruch der Basilikumtöpfchen) zu würdigen und sehen optimistisch dem Moment entgegen, wenn sie den Einkaufsort verlassen werden. Nirgendwo besser als im Supermarkt kann mensch sich mit dem Alltagsnazi in sich konfrontieren und versuchen, durch Leute an der Kasse vorlassen und ähnliche Freundlichkeiten sein Karma zu reinigen. Wobei, und das gefällt mir am allerbesten, unter den Deutschen auch einige sind, die ihr Karma nicht mehr zu reinigen brauchen: Sie behalten im größten Stress und im schlechtesten Licht den Blick für das Gute in den anderen. Und sie berichten von den vielen Kassiererinnen, die ihre Freundlichkeit und Zuwendung für die Kundinnen und Kunden bewahren. Manchmal verlieben sie sich sogar in sie. Grund genug, weiter in Supermärkte zu gehen, und zu schauen, was da noch so passieren wird.

Meine zweite Filmkritik

Ich habe Moonlight gesehen. Um es mit Donald Trump zu sagen: Tremendous film, so sad.                 – Ende –

(Auf die Idee gekommen, etwas darüber zu schreiben, bin ich nur wegen dieses Zeit-Artikels von Tanja Witte. Die Autorin thematisiert, dass in Moonlight ausschließlich schwarze Schauspielerinnen und Schauspieler vorkommen. Erst dies mache seine Geschichte zu einer außergewöhnlichen: „Und plötzlich ist der Großteil des durchschnittlichen deutschen Zuschauerraums unsichtbar. Weil keiner von ihnen ein Identifikationsobjekt geliefert bekommt, dass den Nenner „weiß“ teilt.“  

Mir ist der „rein schwarze“ Cast beim Anschauen des Films nicht aufgefallen. Die Geschichte spielt in einem afroamerikanischen Ghetto in Miami. Sie erzählt in drei Abschnitten – Grundschulzeit, Highschoolzeit, junger berufstätiger Erwachsener (Drogendealer ist auch ein Beruf) – das Leben von Chiron. Chirons Mutter ist nicht liebevoll und kümmert sich nicht gut um ihn. Von den anderen Jungs in der Schule wird er geärgert und verprügelt. Aber er will nicht zurückschlagen und hält alles aus ohne sich zu wehren: Die universelle Geschichte von Einsamkeit und Ohnmacht des ungeliebten Kindes, das nicht so ist wie die anderen Kinder. Des ungeliebten Kindes, dass stark genug ist, sich nicht anpassen, allerdings. Warum wehrt er sich nicht, fragt man sich beim Zuschauen. Er könnte es doch. Ist es hierbei wichtig, welche Farbe das Kind hat? Auf den ersten Blick würde ich meinen: Nein.

„Kein weißer Mensch kann je in die Schuhe einer person of colour schlüpfen, und kein weißer Mensch wird je erfahren, wie es sich anfühlt, schwarz zu sein.“ schreibt Tanja Witte dazu. Es geht ihr insbesondere um das Problem der Unsichtbarkeit. Davon betroffen seien nicht nur schwarze, sondern auch rollstuhlfahrende Menschen , dicke oder homosexuelle Frauen. Ich fremdele mit dem Text und finde, dass die Autorin eine Jammertante ist. Es stimmt natürlich, ich werde nie wissen, wie es ist, „schwarz“ oder von Rassismus betroffen zu sein. Aber sind wir (bis auf die nicht-alten, gesunden, weißen, nicht-arbeitslosen heterosexuellen Männer) nicht alle „anders“? Chiron leidet doch nicht darunter, dass er schwarz ist. Sein Problem besteht darin, dass er nicht ist, wie die anderen schwarzen Jungs, also, dass er kein „normaler“ Schwarzer ist. Sollten sich die ganzen „anderen“ nicht zusammentun, weniger über die Differenzen als über die Gemeinsamkeiten sprechen?

Naja, ich denke, dass ich das wohl nicht entscheiden kann und sollte. Vielleicht geht ja auch beides gleichzeitig. „Ich weiß, dass ich Dir keine Liebe geben konnte, als Du sie brauchtest. Aber ich liebe Dich jetzt.“, sagt Chirons Mutter zu ihm, als er sie, inzwischen erwachsen, in der Entzugsklinik besucht. Er kann jetzt überlegen, ob er das annehmen, sich versöhnen will, ob das reicht. Wieder so ein universelles Problem.)

 

Meine erste Umfrage

Liebe Nichten und Neffen,

heute veranstalte ich zum ersten Mal eine Umfrage. Ich freue mich auch über sehr kurze Antworten. Die Frage lautet: Welche sind Eure Gedanken und Gefühle, wenn Ihr an der Supermarktkasse steht und wartet?

Ich nämlich bin an der Supermarktkasse immer voller wütender Gefühle und reflektiere dabei kritisch die Verwerfungen des Kapitalismus. Egozentrisch, wie Gott mich schuf, habe ich bis gestern angenommen, dass alle Leute an der Supermarktkasse wütend sind. Aber vielleicht ist das ja gar nicht so. Vielleicht denken und fühlen andere Menschen an der Kasse andere Sachen, dachte ich auf einmal und kam auf die Idee, mal nachzufragen.

Ein erheblicher Teil meiner Supermarktkassenwut entsteht bereits beim Gang durch den Supermarkt. Supermärkte machen mich angespannt und sauer. Warum eigentlich? Ist es das Licht? Oft finde ich nicht, was ich suche und werde dann unglücklich und orientierungslos. Am allerwütendsten werde ich, wenn ich versuche, Shampoo zu kaufen. Ich habe sehr blonde, sehr dünne Haare und für beide Eigenschaften hält die Shampoo-Industrie (vermeintliche) Lösungen parat: Shampoo für blondere Haare und Shampoo für fülligere Haare. „Meine Haare sind blond genug! Arschloch-Shampooindustrie! Und, dass es irgendein Produkt geben soll, das meine dünnen Härchen fülliger macht, da lachen ja die Hühner, soweit ist der technische Fortschritt dann auch wieder nicht gediehen, da lasse ich mir nichts vormachen!“, schimpfe ich die Shampoo-Hersteller in Gedanken an, wenn ich vor einem Shampoo-Regal stehe. Ich brauche ausdrücklich kein Shampoo mit irgendwelchen weiteren Eigenschaften als „macht die Haare sauber“. Das reicht mir. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in der Shampooforschung arbeiten, sollten sich doch lieber Fragen widmen, die die Menschheit voranbringen. So ein Aufenthalt vor dem Shampoo-Regal im Supermarkt entfacht daher stets großen Zorn aber auch ein Gefühl der Ohnmacht in mir, da ich schlicht nicht entscheiden kann, welches Shampoo ich denn nun kaufen soll. Jedes kaufbare Shampoo ist auf irgendeine Haareigenschaft (kaputt, braun, blond, füllig, schuppig, lockig, etc.) zugeschnitten und ich weigere mich, mich dem zu unterwerfen. Ich will nichts kaufen, was ich nicht brauche. Das Problem löse ich übrigens, indem ich gar kein eigenes Shampoo mehr erwerbe, sondern das vom Lebensabschnittsgefähren („gegen fettige Haare“) mitbenutze (was wiederum zeitweise bei diesem einigen Zorn entfachte).

Aber auch ohne Shampookauf-Versuch bin ich, einmal an der Kasse angelangt, wütend. Vielleicht kommt es auch vom Warten-Müssen. Ich stehe dann da, starre ärgerlich auf den Quatsch, den sich andere Leute kaufen, den bescheuerten Kram, der im Regal an der Kasse feilgeboten wird (ich kaufe keine Schokolade, nur weil Ihr die da aufstellt, Ihr Ottos!), überlege, ob ich den Supermarkt wegen irgendwas verklagen könnte (zum Beispiel, weil er mich zwingt, einen Einkaufswagen zu mieten) und denke, dass der Kapitalismus im Allgemeinen und Supermärkte im Besonderen furchtbar sind. Hier ist alles mit so viel Zeug vollgestopft, das ich nicht brauche, das keiner braucht, Euer Überfluss ist doch krank. Und dann denke ich, wirklich fast immer, wenn ich an der Supermarktkasse stehe, darüber nach, wie es wäre, alleine als Einsiedlerin im Wald, in einem Bauwagen zu leben und nie mehr in den Supermarkt gehen zu müssen. Die Essensauswahl wäre eingeschränkter. Beeren und Brennnesseln könnte ich essen und ich müsste wohl jagen lernen. Hinter dem Bauwagen könnte ich ein paar Kartoffeln anpflanzen. Wie sehr viel mehr würde ich mich über alles freuen, was ich zu essen hätte! Unendlich mehr. Eine Ausnahme müsste ich für Salz machen, denn das wächst im Wald nicht, aber man braucht es unbedingt.

Ich nehme von dem Gedanken und auch den Gedanken an weitere Alternativ-Lebensmodelle, die eine supermarktfreie Existenz ermöglichen würden, dann immer schnell Abstand. Ich fürchte, dass ich mich alleine im Wald vermutlich auch viel ärgern würde. Über andere Dinge dann.

 

Meine erste Filmkritik

Vorgestern habe ich mir La La Land im Kino angeschaut. Der Film ist ganz gut, so gut aber auch wieder nicht.  – Ende –

(Emma Stone ist sehr hübsch und hat sehr große Augen, tolle Frau. Aber Isabelle Huppert ist ja fast noch hübscher. Wer eine schöne Frau beim Vorführen vielschichtiger Gesichtsausdrücke bewundern will, gehe vielleicht lieber in „Elle“, da gibt es obendrauf eine originelle Vergewaltigungsszene mit Katze. Ich kann nicht singen, aber Ryan Gosling halt auch nicht. Daher wundere ich mich aufrichtig, dass meine Google-Suche nach „ryan gosling shouldn`t sing“ nicht mehr Treffer ergeben hat. Ryan  Goslings viele gute Eigenschaften (toller Schauspieler, toller Typ, toll alles, was bekannt, außer Singen), wären vielleicht in einem weniger nichtssagenden Film  besser aufgehoben gewesen. Die Musik ist ganz gut, so gut aber auch wieder nicht.).

Onkel Maike wird 200

lieber onkel maike, willkommen im internet.“ (Hildegard, 01.12.2013)

Liebe Nichten und Neffen,

hier gibt es schon den zweiten runden Geburtstag zu feiern: Dies ist mein zweihundertster Blogeintrag. Wenn ich mir den Eintrag zum einhundertsten Jubiläum noch einmal ansehe, dann scheint mir „Onkel Maike“  etwas ernster und erwachsener geworden zu sein: Von Thomas Mann-Imitierwettbewerben, meiner ersten Karikatur, Pimmelzeichnungen, wütenden Beschimpfungen inzest-affiner Onkel und ähnlichem übermütigen Quatsch war damals zu lesen.
Im Laufe der zweiten Hundert Einträge wurde ich ruhiger, widmete mich der Günter-Jauch-Bekämpfung sowie der Yannis Varoufakis-Verehrung und beschäftigte mich mit griechischer Volkswirtschaft. (Wovon ich zugegebenermaßen keine Ahnung habe, was ja aber Hans-Werner Sinn auch nicht abhält, sich öffentlich zum Thema zu äußern). Wie es beim Erwachsen-Werden häufiger vorkommt, begegnete ich einem echten Pimmel, verewigte dies in der Reportage „Der Penis des Saunameisters“ und mir wuchs ein Barthaar. Dann wurde ich, gewissermaßen vorzeitig alternd, krank und das Blog wechselte unversehens das Format von „Maike schreibt über Politik, Pimmel und persönliche Schnurren“ zu: „Arme Frau berichtet von ihrem Schicksal, behält aber den Humor„.

torte

Außerdem veröffentlichte ich bei Muriel meinen ersten Gastbeitrag. Vergnügt stelle ich in dem Zusammenhang fest, dass sich eine Sache nicht geändert hat: Immer wieder gerate ich in Streit mit Muriel und kündige ihm die Internet-Freundschaft, weil er garstig zu mir ist (oder sagen wir: er etwas arrogant ist und ich reichlich überempfindlich bin). Erfahrungsgemäß kommt aber irgendwann der Punkt, wo ich alle anderen Menschen im Internet noch gemeiner finde als Muriel (ich sage nur: „Stefan Niggemeier„) und mir nichts übrig bleibt, als die Freundschaft wiederzubeleben (Nein, Muriel, Dein Buch möchte ich trotzdem nicht kaufen).

Außerdem professionalisierte und erweiterte ich mein Social Media-Portfolio oder einfacher gesagt: Ich trat Twitter bei. Auch gleich geblieben ist die qualitativ hohe Anzahl der Lesenden und ich schloss zwei neue Internet-Freundschaften: Tikerscherk aus Kreuzberg und Alice Wunder vom Drogenblog.
Manchmal frage ich mich, ob es gut war, meiner Mutter  (und die dann Onkel Heinrich) vom Blog zu erzählen, aber dem Vernehmen nach tragen die alles, was ich schreibe, mit Fassung.

Viele Grüße

Euer Onkel Maike

Kuchenprobleme

Triggerwarnung: Dieser Beitrag ist sehr first-world-problem-lastig 
Heute vormittag bin ich zum Frühstücken ins Café Goldmund gegangen. Allerdings war ich unentschlossen, was ich essen sollte. Bratkartoffeln oder Torte? Am liebsten hätte ich beides bestellt. Aber das war mir peinlich gegenüber der Bedienung. Also entschied ich mich für „nur Torte“. In der Kuchenvitrine stand eine sehr lecker aussehende „Schneewittchen-Torte“: Sahne-Creme, Kirsch-Schicht und Marmorboden. Aber dann sah ich die „Milchreistorte“ – Oh, wie interessant! Und als wäre das noch nicht schlimm genug, fiel mir ein einzelnes, letztes Stück Käse-Kirschkuchen ins Auge. Ich denke oft über Käse-Kirschkuchen nach. Denn ich finde merkwürdig, dass es Käsekuchen ohne Kirschen (wahlweise andere rote Beeren) gibt. Käsekuchen mit Kirschen ist immer leckerer als Käsekuchen ohne Kirschen. Menschen, die, wenn sie die Wahl zwischen beidem haben, sich für Käsekuchen ohne Kirschen entscheiden, sind mir unheimlich. Käsekuchen ohne Kirschen hat nur eine Farbe: so ein langweiliges Creme-Weiß. Allein das finde ich kaum hinnehmbar.
Im Café im Ostasiatischen Museum, wo ich gerne hinspaziere, gibt es nur Käsekuchen ohne Kirschen. Ich hatte mich fast damit abgefunden und Frieden mit der Situation geschlossen. Käsekuchen ohne Kirschen ist eigentlich auch lecker. Dieser eine meiner inneren Unruherde war also annähernd beruhigt, als ich heute morgen in der Kuchenvitrine des Goldmundcafés dieses übriggebliebene Stück Käse-Kirschkuchen entdeckte. Ich stürzte in einen komplizierten Entscheidungskonflikt. Für die Milchreistorte sprach, dass alles Neue immer ausprobiert werden muss (und Milchreis lecker ist). Für den Käse-Kirschkuchen ließ sich anführen, dass ich mich im Café des Ostiasitischen Museums so oft danach gesehnt hatte (irgendwie scheint es sich mit Käse-Kirschkuchen ein Bisschen wie mit Männern und Katzen zu verhalten, sie zeigen sich meistens dann verfügbar, sobald das eigene Interesse nachlässt). Das Hauptargument für die Schneewittchentorte bestand darin, dass sie so lecker aussah. Ich fühlte die universelle Angst, mal wieder eine falsche Entscheidung zu treffen und damit mein ganzes Leben zu vergeigen. Anstrengung, Stress, Ärger. Maike, ernsthaft!, schimpfte ich mich selbst aus. Wie sollst Du denn jemals irgendwie im Leben weiterkommen, wenn Dich schon so eine Kuchenentscheidung in eine mittelgradige emotionale Krise stürzt?
Ich wählte die Milchreistorte. Sie schmeckte wie Milchreis mit Kompott und Tortenboden. Ganz okay und ich wendete mich wieder anderen Themen und Sorgen zu.
Epilog
Heute Nachmittag führten mich dann unerwartete Umstände in die Bäckerei Merzenich am Ring. Dort bestellte und aß ich ein Stück Käse-Kirschkuchen (normalerweise gehe ich gar nicht zweimal am Tag Kuchen essen, ehrlich, das war Zufall). Und was soll ich sagen: Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Käsekuchen eigentlich ohne Kirschen besser ist. Leute, die  Käsekuchen immer mit Kirschen essen wollen, sollten noch mal in sich gehen. Käsekuchen ist ja schon von sich aus eher säuerlich, wozu bedarf es dann noch säuerlicher Beeren? Süße Erdbeersoße würde vielleicht besser passen.