Liebes Tagebuch (2),

Barcelona ist wunderbar. Google weiß auch schon, dass ich hier bin. Und er denkt, dass ich deswegen jetzt alle Wikipediaartikel auf Spanisch rezipieren möchte. Das ist aber nicht so, denn ich kann das gar nicht lesen. Sprechen kann ich Spanisch hingegen gut und viel. Ich mache das so, dass ich einfach die französischen Worte und Sätze nehme, die ich kenne und mit einem russischen Akzent versehe. Das klappt hervorragend. Zwar versteht mich niemand, aber das macht  nichts. Im Gegenteil, die meisten meiner Probleme entstehen dadurch, dass die Leute verstehen können, was ich sage. Vielleicht würde sogar Muriel noch mit mir reden, wenn ich meine Gefühle für ihn öfter mal in spanische Worte gefasst hätte. Naja, comme si, comme ca, wie der Iberer sagt.

Gestern war ich im Park Güell. Der ist zum Weinen schön.

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Liebes Tagebuch,

Barcelona ist schön. Die Barcelonesen sind äußerst nett. Wobei sich die Frage aufdrängt, ob ich überhaupt schon Kontakt zu welchen hatte. Zur Klärung der Vorfrage: Ja, sie heißen wirklich Barcelonesen. Von mir aus, aber damit macht Ihr natürlich Lustige-Namen-Ausdenkerinnen wie mich überflüssig.

Schließlich gilt Barcelona als eine der touristisch frequentiertiesten Städte der Welt. Ob das Raum für Ureinwohner lässt. Ich weiß es nicht. Spanien soll ja ca. 80% Jugendarbeitslosigkeit aufweisen (Danke Merkel!). Diejenigen, die noch Arbeit haben, sind vermutlich alle als Tourismusdienstleistende in Barcelona beschäftigt. Vielleicht sind sie derartig nett, weil sie sich so darüber freuen.

Ich habe Verständnis für die vielen Touristen. Barcelona hat nicht nur wundervolle Strände, Promenaden, überall schattige Plätzchen, Cafés, Restaurants, quirlige, fröhliche Leute (Provenienz unbekannt), die interessanteste Architektur der Welt (ich meine diesen Gaudì-Kram), man kann hier sogar Bergwandern. Im Südwesten der Stadt liegt der Montjuic, eine grasbewachsene Hügellandschaft mit Schloss und mehreren botanischen Gärten. Ich lande in einem Kakteenpark und fühle mich wie in Mexico. Dank der Klimakatastrophe passt das auch von der Temperatur her.

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Ich laufe vom Berg wieder runter, an die Promenade und zur Placa George Orwell. George Orwell hat am Spanischen Bürgerkrieg teilgenommen. Mit der Prämisse, wenn er nur einen Faschisten töten könnte, würde sich das ganze schon lohnen, war er in den Kampf gezogen. Tatsächlich ist ihm das trotz mehrmonatigen Frontaufenthalts nicht gelungen. Dafür hat er das interessante Buch: „Mein Katalonien. Bericht aus dem spanischen Bürgerkrieg“ geschrieben. Ich trinke ein Bier auf George Orwell.

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Barcelonas schönste Kirche

 

Viele Grüße aus Barcelona

Ich bin der Typ Mensch, der eigentlich nicht verreisen sollte. Ich bin dafür zu neurotisch. Wenn ich dann doch verreise, bin ich hauptsächlich damit beschäftigt, Probleme und Leiden zu bekämpfen, die ich selber erzeugt habe und kriege von meiner Umwelt kaum was mit.

Onkel Maike, Internet

Ich bleibe mir treu, gestern habe ich mich beim Aufwachen erstmal auf meine Brille gelegt, so dass ich auf einmal zwei Brillen hatte, die aber jeweils nur aus einem Glas bestanden und die man nicht so gut aufsetzen konnte. Gnark dachte ich, also jetzt erstmal Barcelona nach Sekundenkleber durchsuchen gehen. Zum Glück habe ich Kontaktlinsen dabei, das milderte die Katastrophe etwas ab.

Über Barcelona kann ich mich noch nicht abschließend äußern, dazu ist es zu vielfältig. Einiges deutet darauf hin, dass es so wunderbar ist, wie alle, die schon mal hier waren, sagen: Der Weg vom Hotel in die Innenstadt führt über die Avenguida Diagonal. Breite, palmengesäumte Boulevards, klare Streckenführung, prächtige Bürgerhäuser. Ich fühle mich an Paris erinnert, fast als hätte Baron Haussman hier auch mal ein paar Schneisen in die Stadt gepflügt. Allerdings ist es viel sauberer als in Paris. Der touristischen Person wird die Zurechtfindung einfach gemacht.

Ich komme an einem Lidl vorbei und an einem Kaufhaus, in dem ich Sekundenkleber für die Brille kaufen kann (spoiler alert: die Reparatur hat geklappt, nur habe ich dabei ziemlich viel des Klebers auf die Gläser appliziert). Ich passiere eines eines der berühmten Gaudì-Häuser und komme zur Sagrada Familia: Verspielte Formen, helle Farben, viele Türmchen, auf  die der Architekt bunte Kugeln gesetzt hat, putzig und reizend. In die Kirche hineingehen darf jedoch nur, wer sich rechtzeitig ein Ticket im Internet gebucht hat. Wer bin ich, dass ich sowas täte. Zum Glück hatte ich das vorher gewusst, sonst wäre ich vermutlich enttäuscht gewesen. Kirchen sind sowieso doof. (Noch doofer als Kirchen finde ich nur Leute, die sagen: „Also zu Gott habe ich schon eine Beziehung, nur die Institution Kirche lehne ich ab.“, und sich dabei super kritisch und fortschrittlich fühlen).

Ich laufe runter zum Meer. Und von einer Sekunde auf die andere bin ich mittendrin im schönsten Strandurlaub.  Die Sonne scheint warm, aber erträglich, dass Wasser ist mild, aber erfrischend und der Strand voll ,aber nicht verstopft. Ich gehe schwimmen, streichele den Sand und bin begeistert. Oh Gott ist das schön, denke ich und hoffe, dass so ein Strandurlaub schnell langweilig wird, weil sonst will ich hier nie wieder weg.

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Die Sagrada Familia, Spaniens berühmteste Kathedrale

Nach ein paar Stündchen mache ich mich auf den Weg zurück ins Hotel. Ich laufe am Strand entlang und als ich in die Stadt hinein abbiege, finde ich mich auf einmal doch noch in einem Ensemble enger Gässchen, was mehr dem Barcelona entspricht, das ich mir vorgestellt hatte. Ich passiere ein Schützenfest, Heerscharen von Straßenhändlern (soll ich mir ein Messi-Trikot kaufen?) und lande in einen Straßenumzug, aus lauter Leuten, die sich  sich als Teufel verkleidet haben und Stangen tragen, an denen sich Räder befinden, die mit lautem Knallen Feuerwerkskörper von sich schleudern. Aus Neugierde gerate ich mitten hinhein und finde es sau ätzend. „Das ist wie Silvester“ skandiere ich traurig und kämpfe mich genervt wieder raus.

 

Zugfahren

Ich bin mit dem Zug nach Barcelona gefahren. Morgens um viertel vor neun von Köln mit dem Thalys nach Paris und dann von Paris nach Barcelona. Abends um halb neun war ich da. Zu Fuß hätte das deutlich länger gedauert. Trotzdem möchte ich anmerken, dass Zugfahren heutzutage mühsam ist. Wer wünscht, mit der Bahn und gleichzeitig halbwegs erschwinglich zu reisen, ist gehalten, die Fahrt spätestens zwölf Jahre vor dem gewünschten Reisantrittsdatum zu buchen. Dann ist sie nur dreimal und nicht, wie für die Spätbucher fünfunzwanzigmal so teuer wie ein Flugticket zum selben Zielort.

Dafür, dass Bahnfahren sich finanziell aufwändiger als Fliegen gestaltet, ist es bekanntlich auch langwieriger und stressiger: Enge, Drängeln, Laute Leute, allen voran deutsche Männer, die die Langweiligkeit ihrer Businesscalls durch Schreien kompensieren, Krauscheln, Chipsessen, Husten. Nur die Kinder gehen eigentlich. Die Pariser Metro ist stickig und heiß, am Bahnhof immenses Gewimmel, kein Supermarkt, wo ich mir lecker französische Fischsnacks besorgen könnte (wegen der Globalisierung kann man  heutzutage alles überall kaufen, nur die Fischsnackauswahl ist in französischen Supermärkten umfangreicher als woanders), Warten. Alles in allem gestaltet sich der Ausflug etwas zermürbend.
Schöner als Fliegen ist Zugfahren trotzdem. Denn man kann aus dem Fenster gucken. Ab Narbonne wird die Strecke zauberhaft. Zypressen, Lehmhäuschen, Meer zu beiden Seiten der Zugtrasse (warum haben sie die ins Wasser gebaut, sinnvoll? Egal.). Ich lese George Orwells „Mein Katalonien“, seinen Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg. Orwell schreibt, dass sämtliche spanischen Leute, auch wenn sie, wie wir wissen, nicht alle auf deren Seite gekämpft haben, im Grunde Anarchist*innen seien. Jetzt freue ich mich noch mehr auf den Urlaub.

Abenteuer Backen

So ungefähr im Jahresrhythmus, zu Weihnachten und besonderen Ereignissen, backe ich Kuchen. Da ich im Themenkreis gleichermaßen ungeübt wie ehrgeizig bin, zeitigt das Herausforderungen: Ein normaler Kuchen reicht nicht, er soll auch sehr gut aussehen. Gerne gönne ich mir zur Verschönerung der Küchentätigkeit eine anständige Portion Sekt. Und so gehen meine Backsessions meistens nicht komplikationslos vonstatten. Aber immer gehe ich intellektuell und sittlich gereift aus ihnen hervor.

Sonntag hatte Mrs. Columbo einen runden Geburtstag zu feiern, was natürlich einen extra guten Kuchen erforderte. Es wurde wieder schwierig. Wegen des besonderen Anlasses sollte es diesmal eine Etagentorte werden. Eine gute Idee, die aber, wie viele gute Ideen, einfacher in die Realität umzusetzen ist, wenn bei den Ausführenden ein gewisses praktisches Wissen über das Sujet verfügbar ist: Teigmengen, Konsistenzen, Glasurbeschaffenheiten, weitere physikalische Sachverhalte und ach… Die Angelegenheit stellte sich als anspruchsvoll heraus. Ich hatte zu wenig Teig und auch zu wenig Kouvertüre gekauft, was ich halbwegs gutgelaunt Samstag abend um halb neun feststellte (Naja, ich könnte mich ein wenig beschimpft haben, wie doof kann man sein, Maike, genug Kouvertüre kaufen ist ja nun nicht so schwer, Du elende Komplettversagerin!?). Munter machte ich mich auf, mit dem Rädchen zum Kaufland zu fahren, um mir weitere Kouvertüre zu beschaffen. Danke Spätkapitalismus, dass das heutzutage möglich ist. Leider hatte jemand mein Fahrrad zusammen mit seinem Fahrrad an der gemeinsam genutzten Laterne angeschlossen. (Ich glaube, dass der Spätkapitalismus zwar unsere Einkaufsmöglichkeiten optimiert, gleichzeitig jedoch die Leute überfordert, verwirrt und schusselig macht, so dass sie ihre eigenen Fahrräder nicht immer gut von fremden Fahrrädern abgrenzen können. Dies birgt die Gefahr, den Flexibilitätsgewinn durch Supermarktliberalisierung wiederum zunichte zu machen.) Immer noch recht munter begab ich mich auf den Fußweg zum nahegelegenen Büdchen und zu einem weiteren Büdchen. Nun weiß ich, dass Tafeln mit weißer Schokolade an Kölner Büdchen nicht zum Standardsortiment gehören. Ich tigerte, immer noch recht gut gelaunt, auf weiße Schokolade/Kouvertüre-Pirsch durch Ehrenfeld und bemerkte, dass ich meine Schokoladenexpeditionen nicht in die Unendlichkeit ausweiten konnte, da ich ja noch weitere Kuchen im Backofen hatte und kehrte nach Hause zurück. „Was war denn mit Deinem Fahrrad?“, fragte Mrs. Columbo (Mein Ärger über das an der Laterne gefesselte Fahrrad war wohl bis in den zweiten Stock im Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite hörbar gewesen. Wer hätte das gedacht.).

Die Kuchen sahen noch ganz gut aus und Mrs. Columbo lieh mir ihr Fahrrad, so dass ich endlich zum Kaufland fahren konnte. Nur wenige Stunden später hatte ich drei Geburtstagskuchen gefertigt, die zwar nicht meine Ansprüche erfüllten, aber glücklicherweise bei ihrer neuen Eigentümerin auf Akzeptanz stießen („Es kommt doch darauf an, dass Dir Mühe gegeben hast.“- „Mpf“).

Ich kann das Hobby „Backen“ nur empfehlen. Jedes Mal lerne ich was Neues über mich: Zum Beispiel, dass ich mich in Backwaren-Deko-Abteilungen ähnlich ökonomisch rational verhalte wie in Schuhgeschäften (nicht sehr), mittelgradige Brandverletzungen gleichmütig hinnehme, wenn es der guten Sache dient, und dass ich mich nicht scheue, beherzt ins Klo zu greifen, wenn ich versehentlich Teile meines Mixers hineingeworfen habe (es kühlt ja auch direkt die Wunden). Wie es dazu kam, verrate ich vielleicht mal wann anders.

 

Kuchen

Deutschland, Du krankes Stück Scheiße

Gestern habe ich die „Phoenix Runde“ gesehen. Das mache ich eigentlich immer, es dauert eine Dreiviertelstunde und geht im Grundsatz deutlich seriöser zu als in den Talkshows von ARD und ZDF. Ich muss dabei deutlich seltener den Fernseher anschreiben, als wenn ich „Maischberger“ schaue. Aber auch die Phoenix Runde wird immer schlimmer. Gestern wurde über die Ausschreitungen und das Polizeiversagen in Chemnitz gesprochen. Eine Mitdiskutantin war die ehemalige Bundestagsabgeordnete und Spitzenkandidatin der sächsischen Grünen, Antje Hermenau. Sie vertrat die „These“, dass die Überforderung der Polizei primär dadurch verursacht worden sei, dass neben den Rechten so viele linke Gegendemonstranten vor Ort gewesen seien. Letzteren sei ja nur daran gelegen gewesen, die Konkurrenz um die Frage, wer mehr Leute auf die Straße bringen könne, zu gewinnen. Ich muss sagen, ich war einigermaßen baff. Den Leuten, die sich der rechten Gewalt entgegenstellen, vorzuwerfen, dass die Polizei, deren Aufgabe das ja ist, damit überfordert ist, finde ich ausgesprochen originell aber auch sehr widerlich.

 

Ich würde mir ja gerne dieses Buch „Inside AfD“ kaufen. Sowas interessiert mich. Aber ich bringe es nicht über mich, Geld für eine Autorin zu überweisen, die erst in die AfD eintreten musste und vier Jahre dort Mitglied sein, um dann zu merken, dass es da ziemlich viele Nazis gibt. Was ist in ihrem Kopf los? Zu der Frage wie man mit deutlich geringerem Aufwand zu derselben Erkenntnis gelangen kann, verfasse ich gerne mal das Werk „Outside AfD“.

 

In der „bunten“ Kölner Karnevalslandschaft gibt es Vereine, deren zentrales Motto und Vereinsname darauf beruhen, sich als dunkelhäutige, ich nenne es mal hilflos „ethnisch“ „afrikanische“ Menschen zu verkleiden. Kennzeichnend hierfür ist die Verwendung des N-Worts im Vereinsnamen sowie das Blackfacing. Zur großen Verwunderung dieser fröhlichen Jecken stößt das heutzutage auf eine gewisse Kritik. Da der Kölner an sich ja niemandem was Böses, so zumindest das Selbstbild, und doch nichts als Spaß will, gibt es hier und da auch mal eine Anpassung an diese komischen modernen Zeiten. Aktuell wird diskutiert, dass ein Verein aus Frechen (ein Vorort von Köln) namens „Frechener N*-Köpp“ sich jüngst, nicht unbedingt aufgrund von Einsehen, sondern einfach um des lieben Friedens Willen, in „Wilde Frechener“ umbenannt hat. So weit so verstörend. Ich bitte Euch. Was zur Hölle muss im Leben eines Menschen schiefgelaufen sein? Es gibt hunderttausende Hobbyoptionen auf dieser Welt. Viele sind bizarr, umweltschädlich, nicht wenige auch ideologisch unsympathisch. Aber, dass ein Mensch im Jahr 2018 beschließt, seine Freizeit  damit zu verbringen, sich in einer Gruppe, mit schwarzer Schminke im Gesicht, Lockenperücke und ein paar Knochen um den Hals gehängt als „DschungelN*“ zu verkleiden? Ich komme da nicht so richtig drüber weg.

Damit bin ich allerdings in Köln ziemlich allein. Der Kölner Stadtanzeiger beispielsweise veröffentlicht zur Frage der Umbennung der „Frechener N*-Köpp“ ein Pro und Contra. Kein Witz. Der Kölner Stadtanzeiger, dies sei angemerkt, da überregional nicht so bekannt, ist keine Nazizeitung. Wir würden es eher als Organ der bürgerlichen Mitte einordnen. Aber eben aus Köln. Und in Köln wird es als vertretbare Position empfunden, so eine Umbenennung als Ausdruck von überzogener Political Correctness zu klassifizieren. Aber auch die „Pro“-Position, vertreten von einem Herren namens Patrik Reinartz, also der, der es eigentlich ganz sinnvoll findet, dass sich dieser Verein umbenannt hat, ist schon sehr rassistisch: „Eins vorweg: Den Mitgliedern der Karnevalsgesellschaft, die früher „Frechener N*köpp“ hieß, kann man keinen Rassismus unterstellen.“, leitet er seine Stellnungnahme ein. Ich will ja nicht immer meckern und so, aber ich kann mir eigentlich kaum was Rassistischeres vorstellen, als aktives Mitglied in so einem Verein zu sein. Aber naja, die Geschmäcker sind verschieden und damit bin ich ja noch nie so richtig klargekommen.