Bologna

Morgen muss ich wieder nach Hause fahren und ich bin darüber recht traurig. Aber ich möchte mich nicht beschweren. Man sollte heutzutage ja dankbar sein, überhaupt noch irgendwas zu fühlen (neben Überforderung und Hitze).

Über Bologna war ich überrascht. Nie hätte ich gedacht, dass es so schön ist. Ja, es ist alt und groß und hat diese vielen Arkaden- und Säulengänge. Aber, dass es so groß und alt und die Arkaden mit ihren wunderbaren marmorgefließten Böden sich so meilenweit und kreuz und quer durch die so schöne Stadt ziehen würden, das hatte ich nicht erwartet. Bologna ist voller wunderbarer Dinge, zum Beispiel hat es nicht nur einen, sondern sogar zwei schiefe Türme. Sie heißen Asinelli und Garisenda. Viele Leute reisen hier her, aber Bologna ist zu groß als das Tourist*innen komplett das Stadtbild prägen würden. Genauso treiben sich hier Studenten und andere Arten von italienischen Leuten herum, fröhlich kakelnd und gut angezogen (sorry für die Stereotype, aber es ist ja so). Bologna ist reich, prächtig und einzigartig, gerät aber an keiner Stelle in Kitschgefahr (Sorry, Vendig, da kannst Du noch was lernen). Farblich vorherrschend sind Rottöne: Karminrot, Ziegelrot, Ocker, Rosa, Altrosa, helles Orange, dunkles Orange aber auch nicht wenig selbstbewusstes knalliges Orange. Wunderbar. Soviel leuchtendes Orange muss man tragen können und wollen. Bologna kann. Hier sind sogar der Dom und der Bahnhof schön. Beim Bau des Doms ist ihnen das Geld ausgegangen, deswegen sind seine Wände relativ kahl, was aber den Boden umso besser zu Geltung bringt: Ein abstraktes Muster von Mosaiken karminroter Honigwaben mit orangefarbener Umrandung, fantastisch.

Mrs. Columbo hat derweil zu meiner Aufheiterung das schönste Wort aus den heutigen News herausgesucht und mir zukommen lassen: „Die russische Ostseeexklave Kaliningrad“. Ostseeexklave, gutes Wort, mir tun die Journalist*innen leid, die das in einem seriös wirken sollenden Artikel unterbringen müssen. Währenddessen ich mir eine Geschichte überlegen kann über einen Ostsexsklaven aus der Ostseeexklave (diesen Blog liest außer meiner Mutter niemand, also kann ich mir das erlauben).

Kirchen und Oliven

Ich kann mit Kirchen nichts anfangen. Sie sind unwohnlich, die Malerei ist in der Regel auch nicht schön und es sind insgesamt unerfreuliche Orte. Die meisten Kirchen lassen mich einfach unberührt (z. B. die Sixtinische Kapelle), manchen stehe ich offen feindselig gegenüber (vor allem dem Kölner Dom, das ist ein dunkler, grober, stacheliger furchteinflößender Klotz, ja es war sicherlich eine Leistung den zu bauen, vor sechstausend Jahren, aber das ist mir egal). Um es klarzustellen: Gegen die Kirche als Institution habe ich nichts (irgendwer musste die Welt ja erklären und für Trost sorgen, als wir noch kein Internet hatten), nur der liebe Gott und die Gebäude gefallen mir nicht. Da ich als Frau sozialisiert wurde, suche ich den Fehler für diese Abneigung natürlich bei mir. Ich bin vermutlich einfach nicht kunstbeflissen genug. Also gebe ich nicht auf, übe praktische Reue und gehe immer wieder in jede Kirche hinein, die mir über den Weg läuft. So wie mir mit Kirchen geht es Mrs. Columbo übrigens mit Oliven. Im Gegensatz zu gefühlt allen anderen Erwachsenen mag Mrs. Columbo keine Oliven. Sie wundert sich, gibt aber nicht auf und konfrontiert sich tapfer regelmäßig immer wieder mit Oliven und ihrem Geschmack. Nur um festzustellen, dass sie die nicht lecker findet und weiter vor dem Rätsel steht, was anderen Menschen wohl an Oliven gefällt.

Zwei Kirchen sind mir inzwischen begegnet, die ich doch mag: Die Kirche St. Joseph in Le Havre und der Dom von Siena. St. Joseph ist allerdings mindestens ebenso ein Manifest der brutalistischen Meisterschaft ihres antiklerikalen, kommunistischen Architekten, Auguste Perret, wie eine Kirche.
Der Dom von Siena wurde zwar nicht von Kommunisten erbaut, wirkt aber auch so als hätten bei der Gestaltung zumindest Menschenfreund*innen ihre Finger mit im Spiel gehabt. Er ist mit seinen grün-weißen Marmorsäulen und leuchtend blauen Innenausmalung so ein fröhliches Prachtstück, dass man ihn einfach mögen muss.
In Florenz habe ich nun den Dom besucht. Auch hier gibt es wenig zu meckern. Das ist einfach ein wunderschöner grün-weißes Palast. Trotz seiner Masse fügt er sich lieblich und luftig in seine Umgebung ein. Wir haben es hier mit einer Form sakraler Baukunst zu tun, die den User nicht einschüchtert und fürchten macht (ich erinnere nur an den Kölner Dom), sondern ihn mit sich wachsen lässt. Witzigerweise sieht dieses wichtige Werk der Renaissancekunst aus der Ferne ja ein bisschen aus als wäre es eine Zeichnung. (Ich nehme an, das liegt an der Struktur des Marmors?) Von Innen ist der Dom recht schlicht, wenig Malerei, der große Raum erzeugt ein Gefühl von Weite und Möglichkeit. Auffallend schön und interessant sind die vielen abstrakt gemusterten Marmorböden.

Naja, die Geschicht‘ hat keine Moral. Dass sich Neugierde und stetes Probieren am Ende immer auszahlt, würde ich nicht behaupten. Aber ich hoffe für Mrs. Columbo, dass sie irgendwann noch mal eine Olive finden wird, die sie mag.

Spazierengehen

Heute habe ich mich von den ästhetischen Konzepten des Hannibal Lecter emanzipiert. Ich ließ die Palazzi Palazzi sein und das florentiner (florentiner!) Zentrum für einen kleinen Spaziergang in Richtung Norden der Stadt hinter mir: Ich laufe ein bisschen stadtauswärts, leicht bergauf, nach da, wo in der Ferne die zypressenbewachsenen Hügelchen locken. Ich durchquere eine kleine Zugunterführung mit hübschen Graffitis und schleppe mich von einem schattigem Plätzchen zum nächsten, es ist recht heiß. In einem schraddeligen Park mache ich eine kleine Videoaufnahme für Mrs. Columbo, damit sie auch mal hören kann, wie schön laut hier überall die Grillen schnattern. Es ist insgesamt ein schönes Sommervergnügen, anstrengend wegen der Hitze aber auch entspannt, niemand kann bei diesen Temperaturen ernsthaft was von einem verlangen. Ich stoße auf einen fast ausgetrockneten mit viel grün umwucherten Kanal. Sehr pittoresk. Ich spaziere ihn entlang, es wird grüner und wilder und am Ende stehe ich ganz im Grünen und schaue von einer kleinen Brücke hinunter auf einen Kranich. Wo bin ich hier nur gelandet, es ist ganz wunderbar. Ich weiß es nicht und es ist ja auch egal. Da ich kein Wasser mehr habe, mache mich bald auf den Rückweg. Zum Schluss meines Ausflugs breche ich endgültig mit Hannibal und besorge mir als Abend-Menue bei „Istanbul Haram“ einen Falafel-Döner mit Cola Zero sowie eine Banane.

Florenz

Der berühmteste Einwohner der Geschichte von Florenz ist Hannibal Lecter. Hannibal akzeptierte sowohl kulinarisch als auch künstlerisch immer nur das beste. Also kam er, als es in den USA zu brenzlig für ihn wurde, weil er schon wieder jemandes Gesicht gegessen hatte, hierher und betätigte sich unter dem Namen Dr. Fell als Kurator der Capponi-Bibliothek. Naja, der Rest der Geschichte ist bekannt. Dabei ist Florenz auf den ersten Blick nicht die schönste Stadt Italiens: Hohe Häuser, schmale Gassen, eher dunkel, vorherrschender Farbton: beige. Das können andere italienische Ortschaften besser. Man muss erst einmal wo rauf oder wo hinein gehen, um in den vollen ästhetischen Genuss der Stadt zu gelangen.
Kaum steigt man ein wenig den Stadtrand, eine Brücke, Treppe oder einen Kirchturm hinauf. entfalten sich die wundervollen zypressenumrandeten Panoramen der Dächer von Florenz. Ebenso atemberaubend sind die von vor weltberühmter Kunst nur so überquellenden Museen, Palazzi und Kirchen. Mrs. Columbo ergänzt, dass Florenz schon deswegen edler ist als der Rest der Welt ist, weil sein Adjektiv „florentiner statt „florenzer“ lautet.

Perugia

Gestern bin ich leider ausgefallen und konnte nichts erleben. Ich war wackelig auf den Beinen und nur kurz im Städtchen. Den Rest des Tages verbrachte ich im Hotelzimmerbett, las einen schlechten Krimi und hab mir alte Emergency Room-Folgen auf Amazon Prime angesehen. Hitze, Unterzuckerung, kurze depressive Episode, zuviel Programm (Verona, Venedig, Padua, Assisi, Perugia) in zu wenig Tagen (acht)? Zu wenig Koffein? Ich weiß es nicht. Heute hab ich zum Mittagessen eine Tasse Kaffee mehr getrunken und meine Laune ist wieder auf dem aufsteigenden Ast. Onkel Maike, Lebemann und Fotojournalist (konnte leider heute eine Reihe sehr guter Bilder nicht machen, weil Handyakku alle, egal), ist wieder on the back of his horse:

Perugia, die Hauptstadt von Umbrien, ist, wie ja das meiste von Italien, unfassbar hübsch anzuschauen. Die Stadt liegt auf einem (wie mir scheint sehr steilen) Hügel. An sehr vielen Stellen geht es hoch hinauf und/oder steil hinab. Von einer Vielzahl an Aussichtspunkten können große Teile Umbriens überblickt werden. Perugia hat lauschige enge Gassen, hübsche Palazzi und die für italienische Mittelstädte üblichen mindestens drei bis vier Kirchen, Basiliken und/oder Duomos, die den Kölner Dom locker in den Schatten stellen.

Auch das Hotel ist spitze. Ich habe da einen guten Trick entwickelt: Wenn man statt fünfzig einfach hundert Euro für eine Übernachtung bezahlt, wird es direkt viel komfortabler. Gleichzeitig kann so in kurzer Zeit viel Geld vor der Inflation in Sicherheit gebracht werden. Morgen fahre ich leider schon wieder weg.

Assisi

Assisi und seine Umgebung sind sehr schön. ich finde, es sieht aus wie in der Toskana. Aber das Internet sagt, wir seien hier in „Umbrien“. Na gut.
Aus Assisi kommt der berühmte Francesco. Der ist unter anderem bekannt dafür, dass er mit allen Tieren befreundet war und auch viel mit ihnen redete. Vielleicht war er so eine Art crazy cat lady des Mittelalters.

Möwen

Venedigs Möwen sind underreported. Alle reden immer nur über die Tauben. Dabei sind auch die Möwen stadtbildprägend. Mit ihrem grimmig-genervten Gesichtsausdruck hocken sie irgendwo drauf und scannen die Situation, immer Herrinnen der Lage: Möwen wissen was Sache ist und haben Angst vor nix. Für Beschwerden sind sie nicht zuständig. Möwen sind aromantisch, geborene Führungskräfte und erfolgreiche Geschäftsleute. Denn noch nie hat sich jemand getraut zu versuchen, eine Möwe übers Ohr zu hauen. Sie lässt sich niemals die Butter vom Brot nehmen, sie nimmt Dir die Butter vom Brot. Die einflussreichste Möwe der Literaturgeschichte ist die Möwe von Gaston. Ich rufe Mrs. Columbo an, um mit ihr über Möwen zu reden. Eins der vielen Talente von Mrs. Columbo besteht darin, Gesichtsausdrücke zu deuten und zu beschreiben, während ich mir immer noch nicht sicher bin, ob „grimmig-genervt“ das Möwige der Möwe exakt trifft. Mrs. Columbo kann nicht weiterhelfen, stellt aber die These auf, dass die Möwen deswegen diese komplett unerschrockene Attitude haben, weil sie von Kindheit an starkem Wind ausgesetzt und darin geübt sind standzuhalten. Deswegen wirft eine lebenserfahrene Möwe einfach nix mehr aus der Bahn. Mrs. Columbo kommt auf diese Idee, weil sie im Fernsehen eine Sendung gesehen hat, in der erklärt wurde, dass Bäume, wenn sie in Gewächshäusern aufwachsen, früher oder später eingehen, weil es da gar keinen Wind gibt. Alle, auch Bäume, brauchen eine bestimmte Portion Gegenwind um sich dem entgegenzustellen und daran zu wachsen.

Menschen, Möwen, Sensationen


Wenn man sich auf etwas doll freut und dann passiert es tatsächlich, ist das immer irgendwie komisch, oder? Ich zumindest vergleiche dann ständig meine Vorstellung (und wie sich alles anfühlen wird) mit dem, was dann wirklich passiert (und sich alles anfühlt). Gerade habe ich zwei Tage mit meinem Freund Markus in Venedig verbracht. Wir hatten uns verabredet, um auf die Biennale zu gehen. Ich hatte mich sehr gefreut. Denn Venedig, unterhaltsame moderne Kunst und Zeit mit Markus verbringen sind schon jeweils für sich absolute Highlights. Alles zusammen konnte eigentlich nur sehr gut werden. Und sehr gut wurde es: Alles hat geklappt, wir waren im venezianischen Touristengetümmel (Enge Gasse-Experience, jetzt!), haben viele interessante Tiere getroffen, sind ausgiebig Bötchen gefahren, haben einen kleinen Strandurlaub mit Mittelmeer am Lido verbracht, genossen spektakuläre Industriebrachen, betrieben extensives Gay Watching (also eigentlich nur Markus) und waren vor allem begeisterte Besucher*innen der 59. Biennale. Außer Müdesein im Allgemeinen und Fußschmerzen im Besonderen war alles super und trotzdem kommt es mir so vor, als wäre ich nicht richtig dabei gewesen, bleibt ein bisschen ein Gefühl von Leere.

Das liegt nicht an Markus. Denn mein Freund Markus ist der beste Mann: Lieb, klug, lustig und an allen wichtigen Dingen der Welt interessiert (außerdem an Dinosauriern und Fantasy-Literatur); langmütig aber nicht langweilig. Solange man nicht „Hot Daddy“ unter seine Selfies kommentiert, ist er nur schwer zu verärgern.

Dass alles, was so passiert ist, mir weiter weg vorkommt, als wenn ich es alleine gemacht hätte, liegt wohl an mir oder einfach der Natur der Dinge: Der Mensch an sich ist gern im Rudel oder wenigstens zu zweit, weil dann ist er nicht allein, weniger angreifbar und hat jemanden, mit dem er Freud und Leid teilen kann. Dafür ist er in der Gruppe eben auch mehr auf die Gruppenmitglieder fokussiert als auf die Umgebung und kriegt von letzterer weniger mit. Anders gesagt: Wenn ich alleine bin, bin ich verletzlicher aber auch empfänglicher (was mich an das französische Adjektiv „susceptible“ erinnert, was, glaub ich, tatsächlich auch beides bedeutet, oder auch „empfindlich“ – wer viel empfindet, ist empfindlich, so hab ich das noch nie betrachtet).

Naja, genug der langweiligen Innenansichten. Für morgen verspreche ich Berichte von Möwen-Kampftechniken und der Biennale!

Verona – Venedig

Liebes Tagebuch,

so richtig bin ich immer noch nicht im meinem neuen Urlaub angekommen. Aber in Venedig. 2018 hab ich mal geschrieben, was immer noch gilt (und paar neue Fotos):

Wer nach Venedig fährt, kommt nicht umhin, über Massentourismus nachzudenken. Venedig, so ist immer wieder mal zu lesen, verkrafte die 20 Millionen Touristen nicht die es jedes Jahr aufnimmt. Deswegen werde es früher oder später im Meer versinken. Stimmt das überhaupt? Ich glaube, dass es vielleicht eher daran liegt, dass in die Lagune immer tiefere Rinnen für die großen Schiffe, Frachter und Kreuzfahrt, gegraben werden. Aber, ob es nun an so dicken Touristen wie mir oder nicht liegt, scheußlich sind wir auf jeden Fall. Ich war ja auf Menschenmassen eingestellt. Dass meine Idee, „Ich fahre im Oktober, dann sind da nicht so viele Leute“, nicht die schlaueste des Jahrhunderts war, hatte ich zum Glück schon vor Reiseantritt herausgefunden. Aber erschrocken war ich trotzdem. Spoiler Alert: Es gibt in Venedig auch Ecken, in denen man sich ohne Quetschen und Drängeln vorwärts bewegen kann. Jenseits des zentralen Punkte San Marco und Rialtobbrücke, dem Veedel „San Marco“, gibt es Gegenden, in denen man sich entspannt bewegen kann. Dem ein oder anderen schlechtgelaunten deutschen Lehrerehepaar in Goretex-Jacken begegnet man trotzdem alle fünf Minuten, aber das ist aushaltbar.
„Oh Gott, Oh Gott, wie krass“, denke ich die ganze Zeit, „die armen Venezianer und ich bin ein Teil von dieser Pest.“ Für Selbsthass-Aficionadas wie mich tun sich ganz neue Erfahrungshorizonte auf. Trotzdem bin ich nicht einfach sofort wieder abgereist. Dafür ist Venedig zu ergreifend. Deswegen kommen ja alle her. Darüber ist ja alles gesagt. (Sehr interessant und super lustig auch in „Canale Grande“ von Hannu Raittila). Versuchen Sie, was zu Venedig zu sagen, ohne die Phrasen „morbider Charme“, „Zum Sterben schön“ und „Selbstmord in Venedig ist unoriginell“ zu gebrauchen. Gar nicht so einfach. Vielleicht ist es die einzige Stadt, die in Wirklichkeit schöner aussieht als jedes Bild oder Foto von ihr.

ergreifend. Deswegen kommen ja alle her. Darüber ist ja alles gesagt. (Sehr interessant und super lustig auch in „Canale Grande“ von Hannu Raittila). Versuchen Sie, was zu Venedig zu sagen, ohne die Phrasen „morbider Charme“, „Zum Sterben schön“ und „Selbstmord in Venedig ist unoriginell“ zu gebrauchen. Gar nicht so einfach. Vielleicht ist es die einzige Stadt, die in Wirklichkeit schöner aussieht als jedes Bild oder Foto von ihr.

Also, Thema Massentourismus: Es ist offensichtlich, dass hier zu viele Leute sind. Aber welche wäre die richtige Anzahl von Leuten? Wer ist die Masse und wer nicht? Außerdem, wissen wir natürlich, dass die Unterscheidung zwischen „Tourist“ und „Nicht-Tourist“ genauso eine soziale Konstruktion ist, wie die Unterscheidung zwischen Mann und Frau.

Wer soll kommen dürfen und wer nicht? Machen wir es wie mit dem Mount Everest, wer 10.000 Euro zahlt, darf rauf? Billigflüge verbieten, das steht mal fest. Aber sollen nur noch die reichen Leute, die schönen Orte dieser Welt sehen dürfen?
Das kommt mir auch nicht gerecht vor. Sollen wir nach Abiturnote geben oder die Venedig-Interessierten ein Motivationsschreiben, wie für eine College-Bewerbung schreiben? Oder ein Wissenstest: Nennen Sie Ihre fünf Lieblingsgemälde von Tintoretto und begründen Sie Ihre Wahl. Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass die Reisenden die Kosten für Umweltbelastung tragen sollten, die sie verursachen.
Aber das sollte dann natürlich auch für alle Nicht-Reisenden gelten. Schön fände ich auch, wenn die Anzahl von Shops mit Touristen- und anderem Scheiß reduziert werden könnte. Zum Glück interessiere ich mich unironisch für exklusive Schuhmode und bunte Sachen aus Glas. Sonst wäre das alles sehr viel unerträglicher gewesen. Laden reiht sich an Laden. Glaskitsch, Handtaschen, Schuhläden, Designermode, normale Mode, Handtaschen, Venezianische Masken, Restaurants, Cafés, Bars. Aber was wäre die richtige Anzahl an Geschäften?
Das finde ich nun auch wieder schwer zu entscheiden. Nur eine Kantine für alle am Eingang? In dem vergeblichen Versuch, diese Frage zu beantworten, verdeutlicht sich auch die willkürliche Unterscheidung von „natürlich“ und „unnatürlich“ – Sofort nach Betreten der Stadt trifft die Besucherin die Unterscheidung zwischen dem eigentlichen, dem richtigen Venedig, den Menschen, die hierher gehören und denen, die es nicht tun. Die italienischen Eingeborenen vs. die deutschen Goretex-Lehrer und die reichen Russinnen und so weiter. Aber was wäre die Stadt ohne ihre Besucher? Wann ist jemand ein Besucher und wann gilt sie als Bleibende? Wer soll das abgrenzen? Wir erinnern uns, dass die Venezianer auch nur deswegen soviel Reichtum anhäufen und diese ganzen hübschen Gebäude errichten konnten, weil sie einst ebenfalls ihrer näheren und entfernteren Umgebung unwillkommene Besuche abstatteten. Ist das alles einfach Karma? Nee, doofer Witz. Ich weiß es auf jeden Fall alles auch nicht.

Köln – Verona

Liebes Tagebuch,

so richtig bin ich in meinem neuen Urlaub noch nicht angekommen. Ich erzähle einfach mal bisschen von der Fahrt: Die Zugfahrt verlief problemlos und das, obwohl ein Teil der Strecke, nämlich von Köln nach München, mit Hilfe der Deutschen Bahn absolviert werden musste. Von München ging es im schraddeligen österreichen Eurocity nach Verona.

„Wir weisen darauf hin, dass die Neun-Euro-Tickets in diesem Zug keine Gültigkeit haben“, ertönt eine Durchsage vor der Abfahrt. Ich überlege, dass das ja auch noch mal ne sinnvolle klassenkämpferische politische Forderung wäre: „Alle Züge benutzen dürfen mit dem Neun-Euro-Ticket, nicht nur die ollen Regionalexpresse“. Vielleicht frage ich die Punks auf Sylt ob wir ne Kampagne machen wollen.

Mit mir im Abteil ist John aus Minneapolis. John ist siebzig, retired und sehr reiseerfahren, berufsbedingt und aus Neigung war er schon in über 130 Ländern, und gestern auf dem Weg in die italienischen Alpen. Solange er es überall schön findet, fährt er auch kein zweites Mal irgendwo hin, sondern erstmal dahin, wo er noch nicht war. Sein Kontakt mit nahezu der ganzen Welt hat allerdings nicht verhindern können, dass er findet, dass Donald Trump eine gute Politik gemacht hat: America first im Allgemeinen und die Mauer zu Mexiko im Besonderen, denn aus Mexiko kommen immer die ganzen gefährlichen Drogen.

Ein junger Mann aus Indien gesellt sich zu uns, er ist auf dem Weg nach Rom. Davor war er in London, wo er seine Freundin, heiraten wollte, die ihn aber abgewiesen hat. Heartbroken. So reist er nun erstmal in Europa herum in der Hoffnung, Sie werde sich noch mal mit ihm treffen und ihn doch noch erhören. Der lebenserfahrene John rät zu Gelassenheit. Er selbst ist zweimal verheiratet und zweimal geschieden, kennt sich also aus. „But were you heartbroken?“, fragt der junge Mann. „No“, sagt John, „They left me, but it was okay.“.

Ich fühle mich gut unterhalten und genieße die Fahrt durch die Alpen. Zwischen Innsbruck und Verona schlängelt sich der Zug aufs Herzallerliebste durch die Berge, die Kühe auf der Alm sind fast auf Streichellänge nah dran.

Ich versuche, ein bisschen in „Romeo und Juliet“ zu lesen, komme aber nicht richtig voran. Ich mochte Romeo und Julia noch nie, und hab auch noch nie verstanden, warum der Begriff „Romeo“ zur Bezeichnung eines vielversprechenden Lovers dient. Aber klar, wir können Shakespeare nicht wegen toxischer Heteronormativität canceln, er konnte das damals alles noch nicht kennen.

Der junge Mann aus Indien klagt, dass seine Angebete ihn nicht hinreichend wertschätze. Immerhin sei er extra wegen ihr von Indien nach London geflogen. Ich sage nix, hoffe aber, dass sie sich von ihm nicht umstimmen lässt. Bei ihm bin sehe ich das mit der übergriffigen Männlichkeit strenger als bei Shakespeare: Jungs, bringt keine Opfer, die keiner verlangt hat und erwartet dann noch Dankbarkeit!