Reisebericht (9), „Rückkehr nach Reims“

Als ich in Le Havre war, habe ich auch ein Buch gelesen: Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“. Herr Eribon ist ein aufrechter, schwuler Linker mit genau der richtigen politischen Meinung. Das Buch, in dem er seine eigene Geschichte mit allgemeinen politischen Gedanken verknüpft, liest sich gut. Allerdings könnte der Inhalt meines Erachtens konziser gefasst werden: Homosexuelle Herren leiden unter Diskriminierung, immer noch (und mir als Kölnerin fällt es peinlicherweise äußerst schwer, das aufzuschreiben, ohne mich darüber lustig zu machen), und die französiche Arbeiterklasse war und ist im Arsch. Schuld daran ist mehr die Bourgeoisie und weniger die Arbeiterklasse (die aber auch etwas, da träge). Sehr rassistisch (und, für Didier ganz persönlich tragisch, auch homophob) waren die Angehörigen der französischen Arbeiterklassen schon immer (ist das jetzt eigentlich ein Trost? Ich bin mir unsicher). Sie haben das nur früher nicht ihrer Wahlentscheidung zugrundegelegt. Erst als sie die Hoffnung in die linken Parteien, und dass diese etwas an ihrer Situation ändern würden, aufgaben, fingen sie an, rechts zu wählen. Die Wahlentscheidung für den Front National ist also das einzige Mittel, sich Gehör zu verschaffen, ein Protest, Ausdruck von Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit. (Ich glaube, in Deutschland, wo es den Menschen ingesamt besser geht, liegt die Sache anders. Hier wählen die Leute rechts, weil sie ganz miese Typen sind.)

Ich danke Madame A. für den Lese-Tipp, es ist ein gutes Buch. An alle: Lesen, und sich Gedanken machen.

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Reisebericht (8), Gestern

Gestern bin ich nach dem Frühstück erstmal wieder ins Bett zurückgegangen. Habs mir gemütlich gemacht und mit Mrs. Columbo gechattet. Das verlief holprig, da die Mrs. gleichzeitig arbeiten musste. Die hierdurch entstehenden Lücken füllte ich durch eine Twitter-Konversation mit Muriel, der davon bald so genervt war, dass er sie mit den Worten: „Alter. Ich geh jetzt arbeiten.“ abbrach. Gleichzeitig fand ich heraus, dass der lustige Twitter-Bekannte Gurkenkaiser ein Blog betreibt und erfuhr, dass der sich gerade auf Geschäftsreise in Peru befindliche nette real-life-Bekannte Oliver (sein Business ist fair gehandelter Lötzinn) bedauert, in Peru wenig Peruaner, sondern nur so „Internationals in ihrer Filtblase“ zu treffen.

So kam es, dass ich mich erst gegen zwölf Uhr mittags (und mit äußerst schlechtem Gewissen) auf den Weg machte. Mein erstes Ziel war der nahegelegene Bahnhof, wo ich ein bisschen Klavier spielen wollte. Die französische Eisenbahngesellschaft hat in ihren Bahnhöfen Klaviere zur freien Verfügung der Reisenden aufgestellt. Läuft man durch einen französischen Bahnhof ist häufig, je nachdem, wie nahe man dem Klavier kommt, mehr oder weniger lautes bzw. gekonntes Geklimpere zu hören. Ich finde, dass das eine entspannte Atmosphäre schafft, befürchte allerdings, die Leute, die in den Bahnhöfen arbeiten und dem permanent ausgesetzt sind, könnten das anders empfinden. Das Piano war dann, wie es ja häufig vorkommt, schon von drei anderen Kindern in Beschlag genommen und ich trollte mich.

Ich lief den Berg hoch, zum Stadtrand, immer bestrebt, da wo ich bin, nicht nur die touristisch frequentierten Orte kennenlernen zu wollen. Schnell erreichte ich die Peripherie, dann den grauen Nachbarort „St. Adresse“ und fand mich, weil es angefangen hatte zu regnen, in einer Bushaltestelle irgendwo im Niemansland wieder. Ich aß die vom Frühstücksbuffet geklauten Ei, Croissant und Pain au Chocolat und starrte in die unverheißungsreiche Gegend. Eine alte Dame kam, bat mich etwas Platz auf der Bushaltestellenbank zu machen, sagte es sei kalt, verweilte kurz und ging wieder weg.

lehavre

So sieht es in Le Havre halt aus

Ich lief zum Strand hinunter, setzte mich in ein Café mit Blick aufs Meer, tippte eine Geschichte in mein Laptöpchen und schaute ab und an auf die See hinaus. Marguerite Duras, die ja in der Normandie lebte, wird mit der Aussage „Ein Blick auf das Meer ist wie ein Blick auf das Leben“, zitiert. Madame Duras hatte offensichtlich mehr Phantasie als ich. Ich finde das Leben nicht so langweilig wie einen Blick auf dieses Meer. Allerdings eignet sich das Meer dazu, an ihm entlang zu laufen und über das Leben zu nachzudenken (das ist ausnahmsweise mal kein Filmklischee, sondern echt so, ne?). Heute gibt die Ebbe sogar einen schmalen Streifen Sand frei. Ich ziehe die Schuhe aus und laufe fröhlich los. Obwohl Oktober, herrscht inzwischen eine angenehme Temperatur, ich sehe sogar eine nackte Frau, die im Meer gebadet hat und muss mich zusammenreißen, es ihr nicht gleichzutun.

 

Reisebericht (7), Étretat

Étretat ist berühmt für seine Küste. Das Meer ist flaschengrün-türkisfarben. Die Kreidefelsen, teilweise zu hohen Bögen ausgewaschen, ragen über hundert Meter steil hinauf. Sie sind gesäumt von schmalen Streifen rostbrauner Erde und sattgrünem Rasen. Neben dem Steilküstenpfad verläuft ein Zaun, der eine Grenze zu dem dahinter angelegten Golfplatz zieht. Auf dem grünen Gras entlang den Klippen sitzen Leute, einzeln und in Grüppchen. Sonntagsausflügler-Familien tummeln sich, deren vollständiges Glück allein getrübt wird durch die konstante Furcht der Eltern, die Kinder könnten von den  Klippen stürzen. Ich weise genau den richtigen Grad von Höhenangst auf, um hier beim Spazierengehen maximales Vergnügen zu entwickeln. Ich taste mich so nahe, wie ich mich traue, an den Abhang, ca. einen Meter, und luke hinunter. Es kribbelt und ziept im Bauch und wohlig schaudernd hüpfe ich in Sicherheit zurück.

Ich spaziere ein Stündchen herum, laufe dann von den Felsen wieder herunter an den Strand zurück und setze mich in ein Café. Dort bestelle ich mir einen Calvados. Schließlich bin ich hier in der gleichnamigen Region und muss mich als protestantische Touristin auch unter persönlichen Opfern mit der regionalen Cuisine vertraut machen. Calvados, ein Apfelschnaps, ist samtig, aber auch so alkoholhaltig, dass bereits das schüchterne Benetzen der Zunge einen Schwips auslöst. Der Nachgeschmack ist scheußlich und mir steht zur näheren Beschreibung kein Vokabular zur Verfügung, welches einer Madame ziemlich wäre.

etretat

Es sind übrigens diese berühmten Kreidefelsen, von denen am Ende von „Asterix bei den Normannen“ die Wikinger springen und denken, dass sie fliegen können. Vielleicht ist es ja doch nicht die schlechteste Idee, seine Reiseziele auf der Grundlage von Asterix-Heften auszusuchen.

 

Reisebericht (6), Über das Alleinereisen

„Ich hab das ganze Problem mit den Reisen ja gelöst, indem ich sie grundsätzlich nicht antrete. Das Ergebnis finde ich tief befriedigend. “ (Vetaro, Twitter)

Ich verreise meistens alleine. Oft ist das schrecklich. Noch schrecklicher finde ich es nur, mit anderen zu verreisen.
Ich fing, gar nicht aus eigenem Entschluss, früh mit dem alleine Reisen an. Schon in der ersten, zweiten Klasse, ließ mich meine Mutter alleine mit dem Zug von Hannover nach Lüneburg zu meinem Vater fahren, sie brachte mich nicht mal zum Bahnhof. Ich fuhr mit dem Bus selber hin und in Lüneburg holte mich mein Vater dann ab. (Das klingt jetzt möglicherweise komischer, als es damals schien. In den antiautoritären Kreisen, in denen ich aufwuchs, fanden viele, die Kinder seien für sowas selbständig genug). Zum ersten Mal alleine ins Ausland (naja, mit dem Zug die Schweiz zu Mutters bester Freundin Helga), fuhr ich im Alter von neun oder zehn Jahren. Ich erinnere mich noch, wie der Zug über die Grenze fuhr und ich dachte, hm, fühlt sich auch nicht anders an.

Meine erste selbstentschlossene Reise führte mich mit 18 nach Paris. Ich war frankreich- und vor allem parisbegeistert und musste das unbedingt kennenlernen. Ich dachte damals, alle Franzosen seien wie Voltaire, antiautoritäre, bonmotsklopfende Feingeister und wir Deutschen im Vergleich Höhlenwikinger. Paris eignet sich auch hervorragend zum alleine dort sein. Ich lief von morgens bis abends durch die Stadt und geschichtsträchtig, wie es da nun mal ist, braucht es keinen Reiseführer, um unablässig von Napoleons Grab in Sartres Stammkneipe und über hunderte vergleichbare Highlights zu stolpern.
So, wie ich das damals in Paris angefangen habe, mache ich das eigentlich immer noch. Ich fahre wo hin und laufe dann da rum. Das strengt mich oft an, unter anderem, weil ich mich immer schwer tue, mich zu entscheiden, wo ich hingehen soll. Bei fast jeder Straßenbiegung empfinde ich es als herausfordernd, auszusuchen, wohin ich abbiegen will. Alles ist möglich, aber ich könnte ja den falschen Weg einschlagen. Es ist ein bisschen, wie sich im Restaurant zu sorgen, nicht das leckerste Essen zu bestellen. Das ist das Schöne und Schreckliche am Alleinverreisen: Alles darf man selber entscheiden. Sind andere dabei, muss sich nach denen gerichtet werden, das macht manches auch einfacher. Freiheit, sogar die kleine befristetete des Verreistseins, ist Arbeit.
Der Hauptgrund, warum ich trotz der Anstrengung immer wieder alleine wegfahre, liegt darin, dass ich mich alleine durchlässiger fühle. Ich nehme meine Umgebung intensiver wahr. Sind Leute dabei, fixiere ich mich auf die Leute (begeistert oder genervt, je nachdem). Von meiner alleine unternommenen Wanderung auf dem Rheinsteig hatte ich auch Jahre danach noch sehr deutliche, genaue Bilder vor Augen. Immer noch fühle und sehe ich  vor mir den florentiner Sandstein von meinem Ausflug vor zwei Jahren. Ich entwickle ein Gefühl für die Orte, das ich sonst nicht entwickeln würde. Das ist zwar irgendwie zweckfrei, aber ich habe das Gefühl, mir eine Art Wissen angeeiget zu haben. Einfach so, um des Wissens und der Erfahrung willen.

Und zwischendurch habe ich ja auch immer wieder viel Spaß. In meinem nächsten Beitrag werde ich was über Etretat erzählen, wo ich es ganz famos fand.

 

Reisebericht (5), die Église Saint Joseph

Das Stadtzentrum von Le Havre wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Die nach dem Zweiten Weltkrieg im Stil des Brutalismus errichtete Architektur gilt als einzigartig. Sie wird geprägt durch Betonbauten verschiedenenr farblicher Schattierungen, breite Straßen, klare Linien und viel Raum. Ihr Wahrzeichen ist die wegen ihres hohen Turms weithin sichtbare katholische Kirche St. Joseph. St. Joseph ist ein Betonbau, der den an ihr vorbei flanierenden Betrachter vor allem durch ihre völlige Schnörkellosigkeit beeindruckt. Ich laufe hin, schaue das Gebäude an, sehe, dass die Tür offen steht und, brave Touristin, beschließe hineinzugehen, obwohl mich noch nie in meinem ganzen Leben eine Kirche vermocht hat, mich irgendwie zu berühren.

Kirchen sind kalt, mit harten Stühlen ausgestattet und hängen, es tut mir leid, voller hässlicher Bilder. Ich weiß gar nicht, wen ich abstoßender finde: Jesus oder Maria. Beide haben diese länglichen, meist weiß-blass gezeichneten melancholisch zur Seite geneigten und zur Leidensmine verzogenen Gesichter. Jesus hängt am Kreuz und blutet, weil er dort festgenagelt wurde. (Liebe katholische und evangelische Kirche, was seid Ihr für 1 Verein, der sich als zentrales Symbol eine SM-Szene ausgesucht hat? Hm? Wenigstens erklärt es, wie das „Christlich“ in der „Christlich Sozialen Union“ gemeint sein könnte.) Aus Marias Gesicht hingegen spricht die passive Aggressivität der zur Aufopferung gezwungenen Frau, der nie im Leben ein sexuelles Vergnügen oder überaupt eine Wahl vergönnt war und die den ganzen Scheiß mit eigentlich nicht existenter Mutterliebe verbrämen muss.
Mir persönlich gefällt noch nicht mal der Kölner Dom. Der ist sehr groß und finster. Vor 500 Jahren war es sicherlich eine Leistung, so einen Trumm zu errichten. Heute wäre es das nicht mehr und das ist mein Maßstab. Kirchen sind lebensfeindlich, unfunktional und Platzverschwendung. Manche sind prunkvoll-kitschig vergoldet, manche eher spöde. In der Grundsinnlosigkeit nimmt sich das alles nicht viel. Das einzig Schöne und Zweckmäßige hier sind Orgeln, aber die können das dann auch nicht mehr retten.
Ich gehe in St. Joseph hinein. Immer wieder gehe ich in jede Kirche, obwohl es mir da ja nicht gefällt. Immer wieder denke ich, mein Beef mit den Kirchen liegt bestimmt an mir und nicht an denen und vielleicht werde ich ja doch noch mal eines besseren bekehrt.

St. Joseph ist beeindruckend. Das quadratisch geformte Gebäude wird von massiven, meterdicken Betonpfeilern und -streben getragen. Die Innenmauern sind, wie die Außenmauern, aus nacktem Beton, einzig durchbrochen von schmalen, aus bunten Quadraten zusammengesetzten Glasfenstern, die sich bis in die Turmspitze hochziehen. In der Mitte des Raumes befindet sich der Altar. Um ihn herum ist die Bestuhlung gruppiert. Sie besteht aus Polstersesseln, die sich sich herunterklappen lassen und an die Innenausstattung eines Kinosaals erinnern. Der achteckige Kirchturm durchmisst ungefähr 13 Meter. Über dem Altar streckt er sich 107 Meter in die Höhe. Er ist innen hohl und besteht nur aus seinen, mit den schmalen Glasfenstern durchzogenen Wänden, an denen entlang der Blick ungehindert zur Turmspitze wandern kann. Empfindsame Gemüter können hier, beim vom unten nach oben schauen, ein Gefühl von Höhenangst entwickeln. Es ist grandios. „Auguste Perret, der Architekt der Kirche, war ein Atheist. Er wollte, dass die Kirche für alle Menschen zugänglich sein solle. Da ein Gottesdienst immer auch eine Form von Inszenierung und Spektakel ist, zitierte er mit den Stühlen eine Theatereinrichtung und platzierte den Altar in der Mitte des Raumes, um so eine offene Atmosphäre zu schaffen.“., berichtet der junge Guide einer kleinen Besuchergruppe, in deren Hörweite ich mich gesetzt habe. Die Kirche wurde zum Gedenken an die ungefähr 5.000 Opfer der Bombardements durch die Engländer im zweiten Weltkrieg errichtet. Der Kirchturm soll an einen Leuchtturm erinnern. Die Église St.Joseph ist das erste sakrale Gebäude, das mich je beeindruckt hat. Der stalinistisch-sowjetisch inspirierte Brutalismus ist bestimmt eine Stil- und Kunstrichtung, die kritisch reflektiert werden sollte. Mit seiner groben kalten Kraft, die das Individuum sich klein und ohnmächtig fühlen lässt, ist er für Kirchen aber genau passend. In der Église St. Joseph bildet er zudem einen interessanten Kontrast mit dem gemütlichen antiklerikal-demokratischen Setting, welches durch Ausrichtung des Altars und der Theaterbestuhlung erzeugt wird. Diese Kirche ist einschüchternd und einladend zugleich. Boahr, Maike, zum ersten Mal im Leben warst Du in einer Kirche, die Dir gefallen hat, sage ich zu mir und ziehe äußerst zufrieden von dannen.

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Reisebericht (4)

 

Alors. Heute bin ich deutlich besser gelaunt aufgewacht als gestern. Dies ist nicht der guten Seeluft geschuldet, sondern dem Verzicht auf einen erneuten Besuch in der Hotelbar (Jetzt bin ich schon so alt, und habe mich immer noch nicht wirklich damit abgefunden, dass Alkoholtrinken einen Kater macht. Es ist so ungerecht.). Nun aber zurück zum Anfang, das heißt zum Ende des gestrigen Berichts. In den hatte ich bewusst einen Cliffhanger eingebaut. Und, was soll ich sagen, es hat gewirkt. Zwei (!!! nicht eine, sondern gleich zwei) Damen wollten wissen, wie denn die Austern, die ich im Bistro in Honfleur bestellt hatte, geschmeckt haben. Leute, was soll ich machen, ich bin ja der Wahrheit verpflichtet: Austern schmecken annähernd genauso, wie alle immer sagen: Nach salzigem Schlabber. Das eigentliche Muschelfleisch ist so ein glibbriges Gewebe, welches in einer nach Salzwasser schmeckenden Flüssigkeit liegt. Näheres über die Konsistenz dieser gallertartigen Masse mitzuteilen, würde erhebliche Teile der Bevölkerung zutiefst anwidern, deswegen verzichte ich darauf. Der Glibber schmeckt zunächst ebenfalls nur salzig, entfaltet aber nach einigem mutigen Daraufherumkauen einen erfreulichen, intensiv-fischigen Geschmack (näher kann ich Fischgeschmack nicht nicht klassifizieren). Gar nicht mal so schlecht. Ich werde mir hier bald noch mal Austern bestellen (Soeben habe ich übrigens zum ersten Mal in meinem Leben einen „Calvados“ geordert, ratet mal, wann ich verrate, wie der geschmeckt hat.).

Eigentlich sollten sich meine Reiseberichte ja mit dem Sinn des Reisens und der menschlichen Existenz als solcher und derlei Dingen beschäftigen. Es kam nur nicht dazu, da ich die ganze Zeit über die Normandie im Allgemeinen und Le Havre im Besonderen lästern musste. Nun bin ich eigentlich angekommen und akklimatisiert und könnte anfangen (zwar sieht es hier aus wie in Sibirien, sie haben aber glücklicherweise deutlich mehr Fischrestaurants sowie andere Vergnügungsstätten implementiert und alle Leute sagen „Madame“ zu mir, obwohl optisch eher Typ „geschlechtsloser Zausel“. Das ist doch formidabel.). So könnte ich nun wohlgemut meine Reiseraisonnements beginnen. Nur fällt mir auf, dazu bin ich gar nicht geeignet. Ich bin der Typ Mensch, der eigentlich nicht verreisen sollte. Ich bin dafür zu neurotisch. Wenn ich dann doch verreise, bin ich hauptsächlich damit beschäftigt, Probleme und Leiden zu bekämpfen, die ich selber erzeugt habe und kriege von meiner Umwelt kaum was mit. Ich bin der Typ, der einerseits zwanghaft alles macht, was der Reiseführer vorschreibt (alle dort empfohlenen Kirchen abklappert, obwohl er Kirchen tödlich langweilig findet und sich gleichzeitig als kulturloses Subjekt verachtet, das keinen Sinn für Kirchen hat), andererseits aber die entscheidenden Reiseführerhinweise sträflich missachtet („Fahren Sie nicht nach Le Havre, das ist eine spröde Betonwüste.“). Ich bin der Typ, der jahrelang innerlich wehklagt, dass er so gerne mal wieder am Meer wäre, sich irgendwann dazu aufrafft, dann am Meer steht und sich denkt „Ok. Und jetzt?“ Ich bin auch der Typ, der im Hotel in Rom aus Versehen in den Spiegel schaut, sich erschrickt wie schrecklich dick er ist, das Essen einstellt und sich vier Tage später in Palermo wundert, warum er so außerordentlich schlecht gelaunt ist. Leider bin ich auch der Typ, der mit chronischem Asthma und akuter Bronchitis in die transsibirische Eisenbahn steigt und sich wundert, dass ihm das einen viertägigen Aufenthalt im Militärkrankenhaus in Tomsk einträgt.

Wie gesagt, ich bin zu neurotisch zum Verreisen. Allerdings bin ich für alle anderen Tätigkeiten ebenfalls zu neurotisch. Da kann ich dann ja auch verreisen. Ich bin da von unerschütterlicher Romantik. So oft war ich schon enttäuscht, weil Vorstellung des Reiseziels und Reiseziel wenig miteinander zu tun hatten. Dennoch würde ich beim geringsten Anlass sofort nach Casablanca oder Timbuktu fahren, einfach nur wegen der magischen Städtenamen. Da mag im Reiseführer tausendmal stehen, dass der Film da gar nicht gedreht wurde, da seit fünfhundert Jahren nichts mehr los und auch die Pest noch nicht ganz ausgerottet ist. Ich kann es schwer erklären, aber irgendwie billige ich dem Verreistsein eine verändernde Kraft zu, die es natürlich gar nicht hat. Ohne, dass ich es mir so bewusst mache, will ich, glaube ich, vor mir selber wegverreisen. So kommt es mir zumindest manchmal vor, wenn ich die Orte, an die ich mich gewünscht habe, dann erreiche (Paris, das Meer, Honfleur). Das, was mich dort jeweils stört, ist, dass ich auch da bin.

Hm, das klingt jetzt etwas desaströs, fürchte ich. Zwischendurch habe ich dann ja auch immer wieder viel Spaß, Liebe Damen und Herren. Wenn Sie morgen wieder einschalten, wird es fröhlicher: Ich werde von einem Besuch in einer Betonkirche, dem Geschmack von Calvados und davon, wie ich im Bahnhof von Le Havre  Klavier spielte berichten. Bonne Soirée à tous.

Reisereportage (3)

Alors. Nun sitze ich in einem Bistro in Honfleur und habe mir gerade drei Austern bestellt. (Dialog mit der Kellnerin: „Ich würde mir gerne Austern bestellen, aber ich habe noch nie welche gegessen, ist das kompliziert?“, „Also ich liebe Austern.“, antwortet sie. „Ganz bestimmt zu Recht.“, sage ich, „Aber ist es schwierig, sie zu essen?“, „Nein, sie sind ja sind offen.“, sagt die Kellnerin. Ok. Ich bestelle und bin jetzt aufgeregt. Ansonsten bin ich von Honfleur enttäuscht. „Die schönste Hafenstadt der Normandie, wenn nicht ganz Frankreichs“, war irgendwo zu lesen. Ich kann dem nicht zustimmen (so sehr anders als in Cuxhaven ist es hier wirklich nicht) und habe mich wahrscheinlich von schönen Fotos im Internet täuschen lassen. Aber zurück zum Anfang, also zum Ende des letzten Teils dieser Reportage.

honfleur

Typisches Honfleur-Bild aus dem Internet

Ich stieg in Paris in den Zug nach Le Havre und freute mich neugierig auf eine zweistündige Zugfahrt durch die Normandie. Schließlich war ich dort noch nie gewesen und verband damit eine romantische Vorstellung von rauer, abenteuerlicher Schönheit. (Bei genauerer Erinnerschungserforschung deucht mir, dass diese Idee vor allem aus meiner Lektüre von „Asterix bei den Normannen“ und der Landung der Alliierten an normannischen Stränden resultiert). Die Normandie, vom Zugfenster der Linie Paris-Rouen-Le Havre aus betrachtet, unterscheidet sich nicht merklich von Niedersachsen: ländlich, eckige flache Felder, reizlos. Le Havre selbst weist hingegen wenig niedersächsisches Flair auf. Dafür erinnert die Stadt sehr an eine typische sibirische Metropole: Viel Beton, sonst nicht viel. Man kann das Le Havre nicht vorwerfen. Mitgestalter der deutschen Leitkultur, auf deren Leistungen wir heutzutage glücklicherweise wieder stolz sein dürfen, hatten hier im Zweiten Weltkrieg eine Garnison und eine Hafenfestung errichtet. Durch Bombardements der Engländer wurde die Stadt dann fast komplett zerstört. Beim Wiederaufbau wurden lange breite Straßen planiert und viele eckige, flächdächrige, schmucklose Gebäude errichtet. Mir gefällt Le Havre gut. Erhebliche Teile der städtischen Infrastruktur liegen am Hafen bzw. den vielen Hafenbecken, die Universität, die Therme und die Einkaufszentren zum Beispiel. Die Schnörkellosigkeit, ein großzügiger Umgang mit Raum, die Idee, zwischen den vielen Beton auch ein paar Glasfassaden zu setzen, all das schafft eine klare und luftige Atmosphäre.

Ich wandere am Hafen entlang zum Strand. Dieser ist wiederum, objektiv betrachtet, hässlich: Viel Asphaltpromenade, dann ein Steinstrand, bestehend aus faustgroßen bzw. noch größeren Kieselsteinen, zwischen denen unmotiviert Inseln aus struppigem Grünzeug hervorragen. So lange man aufs Meer und nicht zu Boden schaut, ist alles in Ordnung, dreht man sich allerdings um, präsentieren sich die hässlichen Häuser von Le Havre. Mir gefällt dieser Strand gut. Schöne Strände finde ich nach spätestens einer Minute langweilig. Dieser Strand hier ist nichts für Angeberfotos. Das hat er mit mir gemeinsam. Ich laufe über den Beton, dann über die dicken Kiesel, die etwas an den Füßen schmerzen, freue mich über das Meeresrauschen und den Sonnenschein. Mitten auf den Kieseln liegt ein großer schwarzer toter Vogel. Das passt alles gut zusammen.