Brexit-Gedöns

Ich stehe diesem ganzen Brexit-Trubel grundsätzlich positiv gegenüber. Im Vergleich dazu (und auch nur im Vergleich dazu), wirke ich ja fast so, als hätte ich meine Angelegenheiten unter Kontrolle. Danke England!

Daneben finde ich die Auseinandersetzung politisch spannend. Gestern hat das britische Unterhaus den zwischen Theresa May und der EU ausgehandelten „Brexit-Deal“ mit historischer Stimmenmmehrheit von 432 zu 202 Stimmen  zurückgewiesen (nie hat ein Regierungsantrag so eine hohe Ablehnungsquote erzielt).

Was jetzt passieren wird, weiß niemand. Hinter der Ablehnung stehen verschiedene, sogar konträre Interessen. Einerseits haben die „Bremainer“ gegen den Deal gestimmt. Andererseits haben sich auch diejenigen, die sich eine konsequentere Trennung, „hard brexit“, von der EU wünschen, dagegen ausgesprochen. Divergent sind auch die Gründe, deretwegen die EU abgelehnt wird. Teile von Labour, so zum Beispiel deren Vorsitzender Jeremy Corbyn, zählen zu den (gemäßigten) EU-Gegner*innen. Dies aber auf der Grundlage einer „linken“ Kritik, welche die Union für ein spätkapitalistisches, neoliberales Teufelsprojekt hält (zu Recht, selbstverständlich).

Ich glaube, dass die Mehrheit der englischen EU-Kritiker*innen die EU-Mitgliedschaft mit ihren Grundfreiheiten Warenverkehr, Kapital- und Zahlungsverkehr sowie Dienstleistungsverkehr aufrecht erhalten wollen würde. Lediglich die Personenfreizügigkeit möchte sie aufgehoben wissen: Die EU so wie sie ist, nur mit etwas mehr Rassismus.

Diese gegensätzlichen Interessen einem Kompromiss zuzuführen, scheint schwierig bis unmöglich. Hinzu kommt, dass sich mit dem Brexit quasi unlösbare Probleme ergeben, die merkwürdigerweise vor dem Referendum niemand auf dem Schirm zu haben schien: Namentlich die Gibraltar-Frage und das Problem der Grenze zwischen der Republik Irland (das eigenständige Land und EU-Mitglied mit der Hauptstadt Dublin, was wir immer als „Irland“ bezeichnen) und Nordirland (das mit England, Schottland und Wales das Vereinige Königreich bildet). Für einen sauberen Brexit wäre es erforderlich, zwischen (den gemeinsam auf einer Insel gelegenen) Irlands eine Zollgrenze mit dementsprechenden Kontrollen zu errichten. Das aber wünscht sich keine*r, denn es birgt nach allgemeiner Überzeugung die Gefahr, den Bürgerkrieg wieder zu entfachen. Und das will wohl tatsächlich niemand, hier setzt die Vernunft dem Wahn eine Schranke.

Spannend sind auch Folgeprobleme wie: „Was machen nach einem Brexit wohl die Schott*innen?“. Von denen ist eine große Mehrheit bekanntlich für den Verbleib in der Union und nur eine knappe Mehrheit bislang für einen Verbleib im Vereinigten Königreich. Gäbe es ein neues schottisches Unabhängigkeitsreferendum? Fragen über Fragen.

Aktuell muss sich Theresa May erstmal einem, voraussichtlich aussichtlosen, Misstrauensvotum stellen. Das hat sie gestern, im Angesicht der einzigartigen Abstimmungsniederlage, selbst angeboten und Jeremy Corbyn hat es sofort angenommen (was leider eher ungünstige Rückschlüsse auf sein Verhältnis zur Realität zulässt). Große Sorgen um das Ergebnis muss May sich nicht machen. Denn auch die Ihre Gegner*innen unter den Tories wollen natürlich Neuwahlen und die damit verbundene Möglichkeit einer Labour-Regierung vermeiden.

Naja, ein schönes unterhaltsames Chaos, einzig aber deutlich getrübt von der Tatsache, dass viele Menschen, zum Beispiel all diejenigen, deren aufenthaltsrechtliche Perspektiven nun ungeklärt sind, persönlich darunter leiden.

 

 

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Mutter werden

Ja, nee, nicht was Ihr denkt. Ich bin jetzt nur offiziell altersweitsichtig und habe noch nicht die passende Lesehilfe. Daher muss ich jetzt, wie meine Mutter eben, immer so altersweitsichtigeleutemäßig angestrengt über und unter meiner Brille hervorluken. Und denke immer, oh, jetzt guckst Du wie Deine Mutter immer. Und das müsste doch eigentlich, da doch die allermeisten Leute altersweitsichtig werden, eine ziemlich universelle Lebenserfahrung der Menschen in den mittleren Jahren sein. Ich trage meine mit leicht amüsiertem Gleichmut.

 

Weihnachtsvorbereitungen

Oh je, jetzt ist Heiligabend schon so nah, und wir stecken noch sehr in den Anfängen der Vorbereitungen. Ich neige dazu Weihnachten überergeizig und sehr anstrengend zu werden: „Maike, 51 Wochen im Jahr bist Du unkonventioneller Punkerhippie, aber zu Weihnachten verwandelst Du Dich in Doris Day“, hat Mrs. Columbo mal zu mir gesagt. Mrs. Columbo chillt an Weihnachten lieber und so kam es schon manchmal zu Interessenskonflikten. Dieses Jahr ist aber alles sehr harmonisch. „Macht ja nichts, wenn nichts fertig ist, Hauptsache et Hätz es joot“, sagen die Kölner.

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Der aktuelle Schmückzustand des Tannenbaums, die arme Mrs. Columbo muss noch auf Kugelsuchexpedition in den Kabuff, hoffentlich kommt sie lebend wieder raus

 

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Die erste Kartoffel ist geschält, jetzt wird es nicht mehr lange dauern, bis Mrs. Columbo die erste Rauchpause einfordert und bei Verweigerung nach der Gewerkschaft ruft

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Und die Geschenke sind auch noch nicht eingepackt, wir benutzen traditionell Zeitungspapier. Heute haben wir nur eine Zeitung, und die wollen wir noch lesen. Wir werden versuchen,  so einzuwickeln, dass sie nach Benutzung noch funktioniert.

 

Weihnachtsvorbereitungen

am liebsten an weihnachtsvorbereitungen mag ich, dass die zwischenergebnisse immer mehr an expressionistische kunstwerke erinnern, als an was, das man essen sollte

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erinnert mich bisschen an Cy Twombly

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dass er den rotkohl auf dem brettchen schneidet, war nicht teil der abmachung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein für allemal in dieser Spiegel-Angelegenheit

Am schlimmsten finde ich den Hashtag mit diesem Namen eines Herren (von dem ich jetzt übrigens einen Ohrwurm habe), der ein paar falsche berufliche Entscheidungen getroffen hat. Das Ganze ist so offensichtlich ein Systemproblem und ein einziger Mensch wird öffentlich so hingehängt. Bah.

Fast noch schlimmer finde ich die Haltung zu „Journalismus“, die in dieser Debatte zum Ausdruck kommt. Der Spiegel ist auf vielen Ebenen sowas von problematisch und eine schöne, ausgedachte Reportage ist da eher noch ein Trost.

Daneben finde ich diese Reportagen aber gar nicht schön, sondern sowieso ein entsetzliches Genre, auch ungefälscht sind sie ärgerlich. Als könne ein einzelner „Reporter“ (nicht zufällig sind es ja immer weiße, mittelklasse Cis-Dudes), irgendwo einfallen, und dann, weil sein Weltverständnis ist ja so universell, am Beispiel eines Einzelfalls und, weil seine investigativen Fähigkeiten sind ja auch so universell, irgendetwas Erhellendes zum demokratischen Diskurs beitragen. Stefan Schulz bringt es in seinem Talkradio auf den Punkt, wenn er  (sinngemäß) sagt, die Reportage sei ein Genre, in dem die Qualität des Werks danach bemessen werde, welche Gefühle beim Lesenden hervorgerufen werden. Oder, noch mal anders gesagt: Die Wirklichkeitsverfälschungen des Spiegelreporters sind nicht das Problem. Wir wissen genug über die Wirklichkeit, aber wir reagieren nicht adäquat darauf. Warum das so ist, damit sollte sich guter Journalismus beschäftigen.

Ein für allemal, der Spiegel hat kein Faktenproblem, er hat ein Ideologieproblem (Aus dem allerdings, so lernen wir von Stefan Niggemeier auf Übermedien, Faktenprobleme folgen können).

„Sagen, was ist“: das Motto des Spiegel. Das ist das Kernproblem, dass sie dort wirklich denken, das ginge. Das ist falsch auf so vielen Ebenen: Indem ich was sage, gestalte ich die Wirklichkeit neu. Jede Entscheidung, etwas zu sagen oder zu schreiben oder zu sagen, ist gleichzeitig eine Entscheidung, etwas nicht zu sagen oder zu schreiben, etwas ungesagt und unsichtbar zu lassen. Natürlich will ich damit nicht sagen, dass wir in der politischen Auseinandersetzung nicht immer versuchen müssen, der Objektivität möglichst nahe zu kommen. Aber, wenn ich als Prämisse setze, dieses Unterfangen könne erfolgreich abgeschlossen werden, bin ich von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

Guter Journalismus kann meines Erachtens nur funktionieren, indem die Journalist*innen sagen: „Das ist meine Meinung, und ich begründe sie folgendermaßen…“. Die Positionierung muss natürlich nicht immer ausdrücklich erfolgen. Eine Veröffentlichung im Wirtschaftsteil der FAZ enthält die politische Verortung implizit. Teil einer solchen Begründung kann dann auch so eine schnöselige Reportage sein. Von mir aus.

Ich persönlich habe in meinem Leben allerdings nur eine gute Reportage gelesen, und sie stammt von einem Schriftsteller, David Foster Wallace: „Consider the lobster“.

Auf Wiedersehen aus Emden

Liebe Nichten und Neffen,

ich darf jetzt wieder nach Hause fahren. Es war sehr anstrengend. Obwohl Emden schön ist und das Vorstellungsgespräch ok war (Sie waren sehr nett, aber auch nicht übermäßig begeistert von mir, ich schätz mal, ich krieg die Stelle nicht).
Nordeutschland am Meer war immer ein alter Sehnsuchtsort von mir. Ich fühle mich hier wohl, viel mehr Leute als in Köln heißen auch Maike. Und sie sind nett hier, etwas zurückgenommen, aber freuen sich, wenn sie nett angesprochen und fröhlich angelächelt werden. Sehr angenehm. Ich würde herziehen, aber ich glaube, Arbeitsplätze gibt es hier eigentlich nicht.

Warum fühle ich mich nur so an meine Kindheit erinnert, dachte ich mir die ganze Zeit, während ich so durch Emden schlurfte. Ich kam nicht drauf, bis irgendwann doch. Es liegt daran, dass die Straßen und Fußgängerzonenalle geziegelt sind (oder wie nennt 1 Pflasterung mit diesen roten Backsteinen, aus denen Häuser aber auch Straßenbeläge gemacht werden können?) Im Rheinland hat man das nicht so, aber in Hannover, Wunstorf und Göttingen, wo ich als Kind war, schon.

Arbeitslos sein und sich bewerben müssen, fühlt sich weiterhin nicht gut an. Eher so als stünde die unmittelbare Auschlöschung kurz bevor. Ich erinnere mich an andere Wettbewerbssituationen, in denen ich versagte. Bewerbung um ein WG-Zimmer in Paris (seltener als gute Jobs in Deutschland), Theaterrollen im Klassenspiel und sowas. Naja, nicht schön, aber es ging doch immer irgendwie weiter.

Ich erinnere mich, als ich mal mit meiner Mutter, im Nordseeurlaub einen Abstecher nach Emden machte. Das dürfte jetzt bald 40 Jahre her sein. Damals fand ich Emden hässlich. Wir aßen eine Frühlingsrolle und meine Mutter kaufte mir ein hellblaues Sweatshirt mit rosafarbenen Schildröten drauf.