Liebe Nichten und Neffen,

morgen sind Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen. Freut Euch, denn es könnten die letzten sein.

(Den Spruch hab ich bei Böhmermann geklaut, finde lustig). Lange sah es Umfrageergebnissen zufolge so aus, als könnte die AfD in beiden Bundesländern die stärkste Partei werden und die CDU bzw. SPD in ihren jeweiligen Stammländern zum ersten Mal seit der Wende vom ersten Platz verdrängen. Im Wahlkampfendspurt scheint es nun, dass die Altparteien noch mal erfolgreich alles nach vorne werfen und ihre Führungsposition ein letztes Mal werden verteidigen können.

Das wäre ein Trost. Allerdings ein schwacher (und ich hoffe sehr, dass wir morgen nicht noch eine sehr böse Überraschung erleben werden, weil viele Leute in Umfragen nicht so gerne zugeben wollen, dass sie planen, rechtsradikal zu wählen).

Denn auch die Parteien und viele Institutionen im Osten, die nicht unter „AfD“  firmieren, würde ich nach meinen, vielleicht etwas strengen, aber doch angemessenen Maßstäben nicht mehr so ganz in das demokratische Spektrum einordnen.

Wer sich am letzten Montag die MDR-Wahlarena mit den sechs Spitzenkandidat*innen zur Landtagswahl in Sachsen anschaute, mochte sich verwundert fragen, warum die AfD gleich mit drei Repräsentanten in der Runde vertreten war. Einer der drei, äußerlich und wirtschaftpolitisch, kaum von Jörg Meuthen zu unterscheiden, stellte sich dann als Volker Zastrow , FDP, heraus. Der zweite entpuppte sich als der sächsische Ministerpräsident, Michael Kretschmer. Wer sich schon mal ein wenig mit Herrn Kretschmer beschäftigt hat, weiß einerseits, dass sich dieser kategorisch von der AfD und einer Zusammenarbeit mit ihr distanziert, andererseits aber überhaupt nicht, warum eigentlich. Inhaltlich lassen sich zwischen Kretschmer und auch vielen anderen Amtsträger*innen in der sächsischen CDU wenig Trennlinien zu Positionen der AfD feststellen. Kretschmer holzt gerne populistisch herum, findet den rechten, ausländerfeindlichen Schriftsteller und Pegidasympathisanten Uwe Tellkampf eine „willkommene kritische Stimme im Diskurs“ und schnaubt Phrasen wie „Sachsen ist Fleischland, kein Tofuland!“  in die Kameras.  Von der Unteilbar-Demo in Dresden distanzierte er sich und begründete das damit, dass auch die Antifa daran teilnahm. In der sächsischen CDU entblödet man sich zwar nicht, den menschengemachten Klimawandel zu leugnen, aber als Problem dessen Lösung dringend angegangen werden muss, wird er dann auch wieder nicht kommuniziert. Zumindest nicht öffentlich oder gar im Wahlkampf, denn das ist eine unbequeme Wahrheit, an welche die Mehrheit der sächsischen Leute ungern erinnert werden möchte. Anstatt den Leuten unangenehme Tatsachen mitzuteilen, wird ihnen nach dem Mund geredet.

Das ist einfach alles zum Heulen und betrifft ja nicht nur die CDU, auch von den anderen Parteien ist viel fragwürdiger Quatsch zu hören, beispielsweise im Themenbereich Kohleausstieg. Rassismus und Populismus werden toleriert und normalisiert.

Und das gilt nicht nur für die Parteien, sondern auch für viele zivilgesellschaftliche Institutionen. Als „Parents for Future Dresden“ in der letzten Woche auf Twitter zu einer Diskussionsveranstaltung zur Frage Klimaschutzpolitik in Sachsen einlud, zählte man kurz auf, wie viele Parteien ihre Teilnahme bereits zugesagt hätten. Hierunter befand sich, ganz selbstverständlich, auch die NPD.

Unbenannt

Ja, wieso denn nicht die NPD zu einer Klimaschutzdiskussion einladen? Das wird bestimmt ungemein produktiv. Alles andere wäre doch undemokratisch. Dass sich von Rassismus betroffene Menschen auf so einer Veranstaltung vielleicht nicht mehr ganz so wohlfühlen, müssen wir eben aushalten. Extremismus ist ja von allen Seiten schlecht.

Auf den berechtigten Shitstorm reagierte man zwar und lud die NPD wieder aus, war aber doch etwas verschnupft.

Unbenannt

Man scheint es bei den Dresdner Umweltaktivist*innen als normal zu betrachten, Nazis ein öffentliches Forum zu bieten. Hier kommt ein eklatanter Mangel an Problembewusstsein zum Ausdruck, von dem ich vermute, dass er leider für keine Ausnahme darstellt.

Wir sollten morgen daher nicht in Euphorie verfallen, wenn die AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg jeweils auf dem zweiten Platz landet. Das demokratische Gefüge dort ist jedenfalls gehörig vom Zusammenbruch bedroht.

 

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Über Parteiführungsspitzen Einzahl/Mehrzahl

Liebe Nichten und Neffen,

willkommen zu meinem vierteljährlichen „das Ende der SPD ist nah“-Artikel, den niemand lesen will, ich aus therapeutischen Gründen aber trotzdem schreibe:

Bereits siebzehn Menschen, sieben Zweier-Teams und auch drei Einzelpersonen kandidieren für den seit Andrea Nahles‘ Rücktritt vakanten SPD-Vorsitz. Nachdem zunächst gemeckert wurde, dass sich niemand bewerbe, haben wir inzwischen mehr Aspirant*innen als ich aktive Parteimitglieder vermutet hätte. Nachdem man wiederum zunächst monierte, dass niemand aus der „ersten Reihe“ kandidiere, hat sich inzwischen auch die Partei-Nummer Eins, Finanzminister und Vizekanzler Scholz, zur Wahl gestellt.

Es ist eine traurige, die Orientierungs- und Konzeptlosigkeit der Partei manifestierende Parade, die sich da präsentiert. Das kommissarische Führungstrio hat die Devise ausgegeben, dass als präferierte Formation gemischtgeschlechtliche Teams gewünscht seien.

Hier wird sich offensichtlich an das Erfolgsmodell der Grünen Partei mit dem Führungsduo „Baerbock/Habeck“ angelehnt. Dabei wird leider eine Form imitiert, ohne dass verstanden wurde, worin überhaupt deren Inhalt liegt. Baerbock/Habeck erreichen nicht deswegen so hohe Umfragewerte, weil es sich bei ihnen um zwei Menschen mit verschiedener geschlechtlicher Identität handelt. Ihre Beliebtheit gründet sich vielmehr darauf, wer sie sind, auf ihren konkreten persönlichen Eigenschaften (ja, dass man das extra sagen muss, aber die SPD mit ihren lieblos unmotiviert zusammengestoppelten Duos scheint diesbezüglichen Aufklärungsbedarf zu haben). Als Ursachen würde ich zum Beispiel anführen, dass die beiden sich gegenseitig gut ergänzen und ihre jeweiligen Stärken positiv hervorheben. Baerbock präsentiert sich tendenziell spontan, lebendig und direkt, während Habeck eher den ruhigen, überlegten Denker gibt. Er scheint dabei ein Typ zu sein, der keine Schwierigkeiten damit hat, mit einer Frau gleichberechtigt zusammenzuarbeiten und ihr genauso viel Raum im Rampenlicht einzuräumen wie sich selbst (oder, der das zumindest sehr glaubhaft vorspielt). Dass beide überdurchschnittlich attraktiv sind, schadet ganz sicher auch nicht. Und so merkt niemand, dass es dieses Duos im klassischen politischen Sinne überhaupt nicht bedürfte, da sich die beiden hinsichtlich ihrer inhaltlichen Positionen kaum unterscheiden.

Was die SPD in ihrer Kandidatensuche-Panik auch aus den Augen verlor: Ganz offensichtlich brauchen Parteien in Deutschland keine geteilte Macht an ihrer Spitze, um sich durchzusetzen. Das sehen wir an Christian Lindner (und natürlich auch, die Älteren erinnern sich, an Angela Merkel). Der hat seine Partei zu stabilen Werten um die 10% geführt, obwohl diese allerhöchstens die Interessen von 0,1% der Bevölkerung vertritt. Eine Meisterleistung.

Zugleich scheint sich für die andere (manche würde sagen: inzwischen einzige) sozialdemokratische Partei Deutschlands, die Linke, das Prinzip doppelter Führungsspitzen sowohl in Fraktion als auch im Parteivorsitz nicht auszuzahlen. Während Baerbock und Habeck sich gegenseitig heller scheinen lassen, ist es bei Riexinger, Kipping, Bartsch, Wagenknecht andersherum: Je mehr davon auf einem Haufen präsentiert werden, desto trockener und dröger erscheinen sie auch im Einzelnen.

Für die letzte im Bundestag vertretene Partei, die AfD können wir abschließend feststellen: auch hier wurde die Form des Duos, sowohl für die Partei als auch die Fraktionsführung gewählt. Hier kommt klar folgendes Erfolgsmodell zum Ausdruck: Egal, ob Mann oder Frau (Lesbe, seniler, wütender Onkel, Vorbestrafter Gewalttäter*in, Insolvenzbetrüger*in, Analphabet*in etc. – allein oder zu mehreren): Hauptsache ein Nazi!

 

Viele Grüße vom Bahnhof

Jetzt sitze ich hier im Bahnhof St. Pancras in der Eurostar-Wartezone und bin schon ganz erschöpft. Die Idee, einen Tunnel unter dem Meer zwischen Frankreich und England zu graben und in den Tunnel auch Zugschienen zu legen, war gut. Da können die Leute jetzt schneller zwischen den beiden Länder hin- und her fahren. (Ein schönes nice to have wäre ja gewesen, den Tunnel und den Zug aus Glas oder einem anderen durchsichtigen Material zu gestalten).  Etwas konterkariert wird das gute Konzept dadurch, dass die Zugpassagiere dazu gezwungen werden, sich bereits eine Stunde vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof einzufinden und gefühlte 48 Pass- und Gepäckkontrollen über sich ergehen zu lassen. Naja, im Ausgleich dafür ist die Zugfahrt ja auch ungefähr achtmal so teuer wie der Flug.

Eine schöne Freude in dem ganzen anstrengenden Elend: Auch hier im Bahnhof, wie auch in Frankreich und Spanien, gibt es Klaviere für die Zugfahrenden. Wenig finde ich so entspannend wie ein Bisschen Pianogeklimper aus der Ferne: eine nette Idee.

Ich garniere meine Texte ja immer gerne mit sowas wie einem philosophischen (was man so „philosophisch“ nennt, natürlich) Bezug zu dem, was ich erlebt habe. Aber heute fällt mir gar nichts ein. Die Welt ist ein Jammertal. Eine Sache ist mir aber neulich aufgefallen: Ich könnte überhaupt nicht erklären, was eigentlich der Unterschied zwischen dialektisch und ambivalent ist. Für Erklärungen wäre ich dankbar.

The gothic facade of London St Pancras

St. Pancras: Ein hübscher Bahnhof, aber wie in allen Bahnhöfen rennen die Leute immer so gestresst hin und her

 

 

Grüße aus dem Zug

Der Schnellzug von Edinburgh nach London ist von der Erscheinung her eher unbeeindruckend. Wenig schnittig und Möblierung könnte aus den achtziger Jahren stammen. Aber sie haben funktionierendes Wifi! (Kann es sein, dass alle Länder außer Deutschland in ihren Zügen Wifi haben? Naja, egal, jedenfalls viele Grüße aus dem Zug!)

Edinburgh ist vielleicht die schönste Stadt Europas (von allen Städten Europas, die nicht in Italien liegen). In der Stadtmitte erhebt sich ein Schloss von einem mit Gras bewachsenen Felsenhügel. Im Süden steigt ein amtliches Stück Highlands mit Steilklippen hervor. Dahinter kommt das Meer mit Sandstrand. Dazwischen und drumherum mittelalterliche und neoklassizistische Prachtbauten, Pubs, Parks und nette Leute: Architektonisch ein Bisschen einschüchternd und dunkel, aber sehr beeindruckend. Auf jeden Fall eine oder auch viele Reisen wert.

Gestern bin ich zum ersten Mal in meinem Leben im Badeanzug aus einem Schwimmbad gegangen. Das hat sich ein bisschen punkrock angefühlt, war es aber gar nicht. Ich war lediglich am Strand unterwegs, hatte festgestellt, dass sich das Wasser schön angenehm warm anfühlte und wollte unbedingt eintauchen. Im an der Strandpromenade gelegenen Schwimmbad darf man, im Tausch für ein Pfund siebzig, die Umkleidekabinen, Duschen und Schließfächer benutzen. Badeanzug und Handtuch hatte ich dabei: „Aber passen Sie auf, dass Sie keinen Sand an den Füßen haben, wenn Sie wieder hier reinkommen.“, warnt mich der Mann am Eintritt, was ich natürlich eifrig verspreche. Ich laufe ins Wasser, plansche, setze mich in die Wellen: die reine Freude! Ob sich die Temperaturen im Rahmen des Üblichen bewegen oder hier auch schon der Klimawandel sein Werk verrichtet, muss ich mal recherchieren. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, auf welchem Breitengrad Edinburgh liegt, wie nördlich sind wir hier? (Zu wissen, wo man eigentlich ist – überbewertet!). Dass das örtliche Schwimmbad am Strand liegt, deutet ja eher darauf hin, dass  sich das Meer meistens nicht im beschwimmbaren Zustande befindet.

Jetzt sitze ich im Zug zurück nach London und will unbedingt noch mal wieder nach Schottland fahren. Für Nicht-Fliegende ist die Anreise ein bisschen anstrengend (die „Schiene“ ist hier, mal wieder, wirklich überhaupt nicht wettbewerbsfähig. Jesus, alles ist anstrengender, langwieriger und dafür teurer. Aber was solls, ich will mich wirklich nicht beschweren. Für die Möglichkeit und Mittel, einfach so nach Gusto in der Gegend herumzureisen, bin ich dankbar und gebe auch eigentlich gerne viel Geld dafür aus, es ist ja auch viel wert.).

Onkel Maikes: Das Reiseblog, das seine Berichte garantiert ausschließlich mit random pics from the internet bebildert

It’s the climate catastrophe, Babe!

Heute habe ich an einer „Free Walking Tour“ teilgenommen. Das Prinzip kannte ich schon. Man meldet sich im Internet an und macht dann bei einer Stadtführung mit. „Free“, im Sinne von billig oder gar umsonst ist die Angelegenheit allerdings nicht. Bezahlt wird nur nicht am Anfang, sondern nach Abschluss der Dienstleistung. Außerdem sind die Preise nicht festgelegt, die Teilnehmenden dürfen am Ende selbst entscheiden, wie viel es ihnen wert war. Von Veranstaltendenseite ist gewünscht, dass zumindest 10 Euro gezahlt werden mögen.

Mir hat die Tour sehr gut gefallen. Unser Führer, ein kumpeliger Einheimischer namens Graeme, führte uns an schöne Edinburgher Ecken und vermittelte Wissenswertes über die Stadt in Form von unterhaltsamen Anekdoten. In Themenkreisen wie: Schottische Literatur, Bobby der treue Terrier oder mittelelalterliche Hygiene kann ich von nun an mitreden.

Außerdem glaube ich im Laufe der Führung dem Geheimnis der Unverständlichkeit des schottischen Akzents ein wenig auf die Spur gekommen zu sein: Schottische Leute sprechen den Buchstaben „I“ wie „Ä“ aus. Das ist hoch irritierend, der Rest eigentlich normal. Edinburgh habe drei „Brädges“ erklärt Graeme zu Anfang der Tour. Hm, was mögen wohl Brädges sein, frage ich mich und denke es bedeute vielleicht Stadtbezirke („Borroughs“) oder ähnliches. Aus dem Kontext – Brädges sind Einrichtungen, die es dem Menschen ermöglichen, andere Einrichtungen von oberhalb zu queren – ergibt sich aber, dass es Brücken sind, „Bridges“.

Ich glaube, dass Graeme die Erfolgsquote für die Pointen seiner Witze verdoppeln könnte, wenn er sich entschlösse, für die Dauer seiner Stadtführungen alle Is nicht wie Äs auszusprechen. (Wir hätten an der Stelle, wo er erklärt hat, wo der Ausdruck „shätfäce“ herkommt, bestimmt mehr gelacht, wenn wir verstanden hätten, was damit gemeint war.) Aber so hat sein ganzer Vortrag natürlich mehr schottisches Flair. Er ist insgesamt ein netter Kerl. Außerdem ist ihm sehr warm. Er schwitzt und äußert Unzufriedenheit. Ziemlich heißer Augusttag, denke auch ich. Und weil Graeme so freundlich wirkt, traue ich mich zu fragen, ob das normales Edinburgher Sommerwetter sei oder schon der Klimawandel. „It’s the climate catastrophe, Babe.“, sagt Graeme und ergänzt, dass letzten Donnerstag der wärmste Edinburgher Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen sei.

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Edinborough Castle: So richtig hübsch doch erst durch den grasbewachsenen Hügel an seinem Fuße. Schade, dass die schöne Wiese demnächst einer Wüste weichen wird.

Potato Skin

Ja, nee, das ist kein Wortspiel, das habe ich heute gegessen. Mrs. Columbo wird beeindruckt sein, denn das ist ein Gericht, das wir bis jetzt nur aus amerikanischen Filmen kannten.

Ansonsten war ich noch beim Edinburgh Castle, traf das Loch Ness-Monster und habe dem Fringe-Festival beigewohnt. Nein Jonglieren wird nicht mehr meine Lieblingsperformance-Art in diesem Leben, auch wenn die Jongleure*innen heutzutage beim Jonglieren auch noch Comedy vorführen, um die ganze Sache etwas interessanter zu machen. Aber ich glaub nichts davon ist so spektakulär, wie endlich mal potato skins probiert zu haben. (Die sich allerdings als langweilig herausstellten, sie schaben einfach Kartoffelhälften bis auf fünf Milimeter Rand aus, mixen ein wenig käse ins Ausgeschabte und tun es wieder rein und nochmal in den Backofen und sie lassen, der Name sagt es, die Schale dran.).

Dann war ich noch im Holyrood Park. Für die einen ist es ein „Park“, andere hielten „gefährliches Gebirge, auf dem Gras wächst“ für die passendere Bezeichnung. Holyrood Park ist ein richtiges Stück Highland mit Schluchten, Seen, Klippen und Schlossruinen. Ich bin hinauf zu den Salisbury Crags gelaufen. Das sind bis zu 46 Meter hohe Basaltklippen, die sich den Westen des Parks entlang ziehen. Die Aussicht von dort oben ist fantastisch, man sieht die ganze Stadt und das Meer. Am Rande der Klippen sitzen fröhlich die Leute und lassen ihre Beine herunterbaumeln.

Ich hingegen traue mich höchstens bis auf drei Meter an die Klippen heran und staune über die Leute, die da so angstfrei sitzen. Da muss doch nur ein Windstoß kommen und sie segeln von der Klippe. Ich habe die von unten gesehen, die sind sauhoch. Neben meiner Furcht empfinde ich neidischen Ärger, warum hab ich so Höhenangst und die anderen nicht?

Ich muss an das Buch über existentialistische Philosophie denken, das ich gerade lese (Naja, eigentlich lese ich es gerade nicht mehr, sondern „ready player one“, da gehts um Computerspiele). Dort wird Kierkegaard mit seinem tollen Spruch : „Angst ist der Schwindel der Freiheit.“ zitiert.  Im Existentialismus wird dies so gedeutet: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Zur Freiheit verurteilt zu sein, bedeutet, dass alle danach zu beurteilen sind, zu welchem Handeln sie sich in der konkreten Situation, in die sie jeweils gerade geworfen sind, entscheiden. Das ist einerseits gut, denn es gibt keine Vorverurteilungen, kein Gepäck aus der Vergangenheit, immer geht es wieder von vorne los. Andererseits ist es aber auch schlecht, denn ständig in jedem Moment wieder müssen wir Entscheidungen treffen, für die wir dann die Verantwortung tragen. Das bedeutet eine ständige Überforderung. Wenn wir nun an einem Abgrund stehen, dann ist eine der vielen Entscheidungen, die wir angesichts dieser Situation treffen könnten, herunterzuspringen. Und zwar in jedem Moment wieder aufs Neue. Es ist diese Möglichkeit, die uns schwindeln lässt.

Ich bin bislang nicht so ein Fan von Existentialismus, aber ich glaube, an der Stelle haben sie einen Punkt. Aber es bleibt die Frage offen, warum manche Leute an Klippen und vor anderen Abgründen mehr Angst haben und andere weniger.

UK OK!

Ist das Steinzeitsprache oder ein großbritannienbezogenes Wortspiel, das bestimmt schon viele Leute vor mir erfunden haben? Wir wissen es nicht.

Gleich fahre ich mit dem Zug nach Edinburgh, wo ich ja sowieso eigentlich hinwollte (lesen Sie hier die ganze Geschichte). Ich reise so halbzufrieden ab. Drei Tage sind viel zu wenig, um sich auch nur eine subjektive Meinung von so einer großen Stadt zu verschaffen. Normalerweise, wenn ich wo hinfahre, laufe ich so lange da herum, bis ich das Gefühl habe, ok, jetzt habe ich einen Eindruck, der kann ja falsch sein, aber er ist meiner. Das hat hier nicht so geklappt. Ich habe eher so ein paar Mosaiksteinchen zusammengesammelt (Einige dieser Steinchen sind etwas grauer als in meiner Erinnerung, ehrlich gesagt). Das schönste von Ihnen: Die riesengroße, auf zwei Gebäude mit insgesamt ca. 15 Stockwerken verteilte Tate Modern Gallery. Es handelt sich hierbei um ein quasi kommunistisches Museum, zumindest dürfen alle umsonst hinein. Es gibt eine Vielzahl an frei zugänglichen, hochkarätig bestückten Ausstellungen, von der klassischen Modern, Fotografie bis hin zu allem möglichen anderen Kram.

Ich besuchte eine Ausstellung von Olafur Eliasson, der ist ja gerade der heiße Scheiß und da wollte ich nicht hinten anstehen. Olafur Eliasson ist ein wichtiger skandinavischer Künstler, seine Kunst dreht sich um man weiß es nicht genau, Raum, Zeit und Natur und andere wichtige Sachen („Eliasson setzt sich in seinem Werk mit physikalischen Phänomenen auseinander.“, sagt die Kunstkritik. Gibt es denn auch etwas, das kein physikalisches Phänomen ist? Das ist vielleicht eine Frage der Weltanschauung.). Eliassons Kunst ist jedenfalls erbaulich anzuschauen. Er fotografiert isländische Gletscher und stellt manchmal schmelzende Eisblöcke an Orte, wo normalerweise keine sind, das rüttelt dann auf, sieht aber auch schön aus. Ich bin eigentlich keine Freundin von politischer Kunst, komischerweise gelingt die meistens nicht so gut (ja, nicht meckern, Brecht-Fans, Ausnahmen bestätigen die Regel). Aber drastische Zeiten erfordern drastische Maßnahmen, die Klimakatastrophe stellt uns vor unfassbare Herausforderungen und bedingt eine neue Philosophie und auch Kunst.

Das Highlight der gestrigen Ausstellung ist ein ca. 10 Meter langer Nebeltunnel, namens „the blind passenger“. Es wurden immer 20 Leute gleichzeitig hineingelassen, um hindurch zu laufen. Man kann nur ungefähr einen Meter weit schauen und wer langsam geht, sieht vor sich die anderem im Nebel (genauer: „der Nebel-Licht Installation“) verschwinden (ich verrate mal lieber nicht, was meine erste Assoziation beim Betreten war). Solange man nicht an den Boden oder die Decke schaut, wo Orientierungslinien verlaufen, sondern nur nach vorne und zur Seite, verschwinden sämtliche Anhaltspunkte und Begrenzungen. Plötzlich weiß man nicht mehr, wo oben und unten oder irgendwas ist und wird eins mit allem und Raum und Zeit. Ich glaube nicht, dass ich jemals in einer Kunstausstellung so eine aufregende Erfahrung gemacht habe. So wird es doch auch beschrieben, wenn man stirbt!, denke ich auf einmal. Du gehst durch einen Tunnel auf ein Licht zu. Och, das könnte ja ganz schön werden, am Lebensende! Allein dafür jedenfalls haben sich die 15 Euro Eintritt gelohnt. Wann verlässt man schonmal das Museum und sagt sich: „Mensch, Sterben wird vielleicht viel netter als gedacht.“  Olafurs Tunnel aber endet erstmal in einem weiteren Ausstellungsraum, in dem ein Kaleidoskop steht, durch das man auch laufen kann.