Glitzerkommunismus

Immer, wenn ich in einem Laden bin, spüre ich meinen Hass auf den Kapitalismus. „Kapitalismus ist so scheiße“, rufe ich innerlich oder auch äußerlich, weil mich der ganze Überfluss und Prüll so anstrengt. „Lieber Supermarkt,“ („Lieber“ natürlich passiv-aggressiv, sarkastisch-ironisch gemeint), sage ich in Gedanken zum jeweiligen Kaufmannsladen: „Diese ganze Dreckscheiße, die Du hier verkaufen willst, die brauche ich nicht. Für wie doof hältst Du mich, dass ich denke, ich bräuchte „Männersalami!“ (wobei, die vielleicht gerade noch, kann ich aus Scherz dem Boyfriend schenken) oder Schnaps in kleinen Flaschen, wenn ich Schnaps will, kaufe ich eine große Flasche, der wird nicht schlecht (wobei, diese kleinen grünen Waldmeisterschnapsflaschen im Rewe finde ich putzig), oder zum Beispiel eine Pizzaschere (die braucht nun wirklich keiner, unter keinen Umständen) und was noch für eine Vielfalt von Mist, denn ihr da auffahrt.“. Es macht mich immer wütend, wenn ich denke, dass Leute (oder Supermärkte) mich für blöder halten, als ich bin.

So zetere ich dann, an der Kasse, wo ich meistens den Gipfel meiner Erschöpfung und damit auch des Kapitalismus-Hasses erreiche, vor mich hin. Bis dann mein Blick in den Einkaufswagen und die schönen, mintgrünen Weihnachtsbaumkügelchen für 6,99 Euro fällt, die ich nicht brauche, aber nicht widerstehen konnte zu kaufen. „Hui, sind die Weihnachtskügelchen aber schön“, freue ich mich. Und stelle mir vor, dass es im Kommunismus nicht so viel überflüssigen Glitzerkram zu kaufen gäbe (ich, als kommunistische Herrscherin, würde das zumindest erstmal verbieten, bis alle auf der Welt genug zu essen hätten). Und, dass das schon schade wäre. Vielleicht wäre ja ein Kommunismus mit viel Glitzer möglich und mir fehlt nur noch die Einfallskraft, mir das vorzustellen. Kann ja noch kommen.

 

supermarkt

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Jamaikagedöns

Ein paar Anmerkungen zu „Jamaika“:

Ich finde die Jamaikaverhandlungen und das Drumherum aus verschiedenen Gründen sehr unterhaltsam.

Zum Ersten (sehr kontrovers): Ich finde alle, noch so doofen, Jamaika-Wortspiele, selbst, wenn sie von Alexander Dobrindt kommen, geil. Wir sind Deutschland, wir sind hölzern und unkreativ und machen eigentlich gar keine Wortwitze: Eure Metaphern sind ein hässlicher Tanker auf dem Weg zu einer Insel, wo es nicht lustig ist, aber irgendein Schiff ist besser als gar kein Schiff.

Zum Zweiten: Ich finde die Vorgänge aus demokratie- oder auch spieltheoretischer Sicht ausgesprochen interessant (Liebe Mitarbeitende von „Phoenix“ und diese langweiligen Politikprofessoren, die ihr immer interviewt (Warum sind das eigentlich immer nur Männer), da könntet Ihr viel mehr rausholen).

Zu allererst möchte ich sagen, dass ich aufrichtig fassungslos darüber bin, dass der Beginn dieser Verhandlungen drei Wochen verzögert wurde, um die Wahlen in Niedersachsen abzuwarten. Von mir ein sehr deutliches WATZEFACK ist in Euren Köpfen los, liebe Leute, die das entschieden haben? Wer mich fragte: Was ist der optimalste Weg bei den Wählenden Politikverdrossenheit und Misstrauen in die politisch Verantwortlichen zu erzeugen? Dann würde ich antworten: Genau das! Verschiebt einfach aus Euren persönlichen Machtinteressen die Bildung einer Regierung. Die Jamaikasondierungen als solche sind doch demokratische Prozesse, in denen die Beteiligten ihre Positionen austauschen, ausfeilen, bewerten, Schwerpunkte setzen, Profile schärfen und so weiter. Sie hätten doch die Wahlentscheidung der Menschen in Niedersachsen nicht negativ beeinflusst, sondern höchstens informierter gemacht.

symbolbildjamaika

 

Was die Konstellation der Beteiligten und die Sondierungen als solche anbelangt: Die finde ich einfach nur politisch spannend, so spannend war lange nichts mehr. Einerseits halte ich die Akteur*innen in guter vulgärsozialistischer Manier, für korrupte, ausschließlich von individuellen Macht- und Prestigeinteressen getriebene egoistische Subjekte. Andererseits vertreten diese Subjekte aber die durchaus nicht nur egoistischen Interessen ihrer Wählenden (Bestes Beispiel: Familiennachzug). Kathrin Göring-Göbbels mag der Familiennachzug egal sein (womit ich ihr vermutlich sogar Unrecht tue), aber ihren Wählenden ist der eben überhaupt nicht egal. Horst Seehofer mag selber gar kein garstiger Rassist sein, seine Wählenden, und vor allem seine zur AfD abgewanderten ihn neuerdings nicht mehr ihn Wählenden, aber schon.

In diesen Sondierungsverhandlungen treffen also tatsächlich existierende konträre politische Positionen, die mit einander in den Einklang gebracht werden müssen, aufeinander. Durch die Beteiligung von Grünen und CSU sind eben auch noch Reste von tatsächlich existierenden politischen Positionen und Werten involviert. Neben Scheinproblemen wie der „Migrationsfrage“ werden auch relevante Fragen, insbesondere die Energiepolitik verhandelt. So sehr ich vielleicht die FDP hasse (sehr), so repräsentiert sie aber die Bevölkerungsteile, die leider erheblich sind, die eben keinen Kohleausstieg wollen. Wenn die Ergebnisse nicht vorhersehbar so unzureichend und traurig wären, könnte ich das mit noch mehr Vergnügen spannend finden.

Rein abstrakt spannend finde ich auch die Frage, wer sich womit durchsetzen wird. Die Verhandelnden sind meines Erachtens (keine originelle Haltung) zum Erfolg verdammt. Da Merkel keine Minderheitsregierung will (was möglicherweise das Sinnvollste wäre), würde ein Scheitern zu Neuwahlen führen. Neuwahlen würden aber, ich meine mit hunderprozentiger Wahrscheinlichkeit, keine anderen Mehrheitsverhältnisse erzeugen. Die AfD, möglicherweise auch die Linkspartei würden voraussichtlich Zuwächse verzeichnen, aber doch nicht in Ausmaßen, die andere Koalitionsoptionen begründeten. Daher bleibt den Sondierer*innen  nichts anderes übrig, als sich zu einigen und eine Regierungsbildung ist sehr wahrscheinlich.

Gleichzeitig, und das vergnügt mich jetzt schon, kann ich mir gut vorstellen, dass es beispielsweise weder den Anhänger*innen der CSU noch denjenigen der Grünen gefallen wird, was ihre Repräsentantinnen für sie verhandelt haben werden. Die Ergebnisse und die darauf basierende Regierung werden nachhaltige Auswirkungen auf die daran beteiligten Parteien (nicht auf die FDP, denen und ihren Anhängern ist letztlich alles scheißegal) haben. Die letzten Linken, aufrechte Ökos und viele Rechte werden sich aufgrund für sie inakzeptabler Kompromisse möglicherweise von ihren Parteien abwenden. Welchen Grund soll ich als umweltbewusster Mensch noch haben, die Grünen zu wählen, wenn sie keine hinreichenden Maßnahmen zum Klimaschutz durchsetzen?

 

Waffengesetzgedöns

 

Schon wieder ist in der Zeitung von einem schrecklichen Amoklauf mit Schusswaffengebrauch aus den USA zu lesen. Im Zusammenhang damit taucht dann immer die Forderung nach strengeren Waffengesetzen auf. Das scheint logisch. In den USA gibt es offensichtlich zu viele Waffen (Oder auch nur zu viele Verrückte. Vielleicht liegt es nicht an den Waffen. Jedoch sollten Verrückte möglichst keinen Zugang zu Waffen haben. Je weniger Waffen es gibt, desto schwieriger ist es möglicherweise für die Verrückten, in ihren Besitz zu gelangen).

Wenn es so ist, wie es scheint, dass Amokläufe in den USA viel häufiger sind, als hier in Europa, fände ich interessant zu wissen, warum das so ist. Die Antwort ist sicherlich nicht so einfach. Sind Amokläufe in den USA sozial akzeptierter? Ich glaube nicht.

Bei einer Sache bin ich mir leider sicher. Strengere Waffengesetze richten vielleicht keinen Schaden an. Aber ich fürchte, sie nützen auch überhaupt nichts, wenn die Maßeinheit für den Nutzen „verhinderte Amokläufe“ lautet. Wer das mit dem Amoklaufen ernst meint, der besorgt sich auch eine Waffe. Selbst, wenn es dafür ein paar Hürden zu überwinden gilt. Sogar wenn in den USA der Verkauf von Waffen komplett verboten würde, so gäbe es doch immer noch genug Waffen und Wege, sich welche zu besorgen (Ich sage nur: Fluch und Segen des Internets).

Lange Rede kurzer Sinn, ich glaube, dass strengere Waffengesetze kurzfristig in den USA keinen messbaren Einfluss auf Amokläufe hätten. Dennoch sind sie mittelfristig vielleicht sinnvoll. Wie mensch diese Frage beurteilt, hängt meines Erachtens davon ab, wie mensch die Frage der gesellschaftspolitischen Wirkung von Gesetzen einschätzt. Es kann zum Beispiel vermutet werden, dass das geltende Recht einen Einfluss auf die moralischen/ethischen Vorstellungen der ihm Unterworfenen hat: „X/Y ist in unserem Land verboten/restriktiv behandelt – da wir unseren Gesetzgebenden trauen, wird das schon seinen Sinn haben und X/Y etwas Schädliches sein.“ Ich glaube, dass es diesen Kausalzusammenhang gibt. Wie stark dieser wirkt, ist natürlich schwer einzuschätzen und je nach Regelungsgegenstand sehr unterschiedlich. Denkbar ist auch ein entgegengesetzter Effekt: „X/Y ist verboten, oh das könnte heißen, dass es eine spannende Sache ist.“ (Auch in diesem Sinne: Für eine Freigabe von Marihuana jetzt!) Problematisch ist ein Verbot auch dann, wenn den Unterworfenen (oder zumindest beachtliche Teilen dieser) besonders viel an X/Y liegt. Dann könnte das Verbot das sanktionierte Verhalten möglicherweise, im Sinne einer Trotzreaktion, noch fördern. Die Sache ist also gar nicht einfach.

Daneben haben Gesetze, idealerweise (häufig leider nicht, wenn Heiko Maas sie initiiert hat) eine tatsächliche Wirkung auf die Verhältnisse. In unserem Fall würde das bedeuten, dass eine gesetzliche Regulierung von Waffenbesitz zu weniger Waffenbesitzenden führte. Das könnte unter anderem im Fall von spontanen Gewalttaten (zum Beispiel Suizide) zu einer Verringerung von Gewaltopfern führen. Im weiteren könnte eine Reduktion von Waffenbesitz allgemein auch wieder diesbezügliche ethische/moralische Vorstellungen beeinflussen. Wenn Waffenbesitz so reguliert würde, dass er weniger alltäglich wäre, dann könnte sich, sehr langsam natürlich, auch die gesellschaftliche Einstellung, die diesbezügliche „Kultur“ verändern.

In unserem konkreten Fall so fürchte ich, dass eine strengere Regulierung von Waffenbesitz eine geringe Auswirkung haben wird, auch mittelfristig, solange nicht weitere Faktoren hinzutreten, die die gesellschaftliche Einstellung vieler US-Amerikaner zu Waffen und Waffenbesitz verändern werden. Gesetze, insbesondere Verbotsgesetze, haben bestimmt einen Einfluss auf die Einstellungen der Menschen. Sie sind aber, glaube ich, nicht geeignet, feststehende tiefe Überzeugungen zu brechen. Hier müssen andere, bzw. zusätzliche Wege gefunden werden. Ich weiß nur nicht, welche. Es ist sehr schwierig und traurig. Vielleicht muss Daniel-Pascal Zorn dringend „Mit Waffenfreund*innen reden“ schreiben, damit wir an der Stelle weiterkommen.

 

Mit Björn Höcke reden

Seit Ewigkeiten will ich mal was schreiben über das zur Zeit berühmte Thema „mit Rechten reden“. Das Ergebnis steht, wie immer, schon bevor ich mir eine gute Begründung zurechtgelegt habe, bereits fest: Mit Rechten reden ist Quatsch (außer in Ausnahmen). Rechte müssen aufs Maul kriegen und vernichtet werden. Die Situation ist zu ernst für Entgegenkommen. Soweit so einfach. Oder eben nicht, weil es in Echt eben doch kompliziert ist. Wer fällt unter den Begriff „Rechte“, zum Beispiel? Oder auch: Wie können wir, sobald definiert, die Rechten denn vernichten? Schwierig.

Da es ja ums Reden geht, dachte ich, dass die Diskursethik mir vielleicht Anhaltspunkte für eine Bewertung des Miteinanderredens bzw. auch eine Verweigerung davon liefern könnte. Vielleicht lassen sich daraus Regeln herleiten, deren Anwendung von den Redenden eingefordert werden könnte, dachte ich mir, kramte ein Habermasbuch aus dem Regal und beschäftigte mich ein wenig mit dem Thema (indem ich das Buch mit mir herumtrug und den entsprechenden Wikipedia-Eintrag las). Es stellte sich heraus, dass meine Vermutung nicht zutraf. (Wer sich den Artikel „Warum die Diskursethik nicht dabei hilft, zu begründen, dass man Rechten aufs Maul hauen darf“ wünscht, der sage Bescheid, ich könnte den schreiben).

Also muss ich mir selber was überlegen. Mein Ausgangspunkt wäre der Folgende: Für ein Gespräch, das einen konstruktiven Beitrag zu einem politischen Austausch liefern soll (ich nenne es im Folgenden „politisches Gespräch“), müssen seitens der Beteiligten bestimmte Mindestvoraussetzungen erfüllt sein (das hat bestimmt auch schon mal ein offizieller Philosoph irgendwo aufgeschrieben).

Meines Erachtens müssen alle an einem solchen politischen Gespräch Beteiligten es zumindest für möglich halten, von den jeweils anderen Beteiligten, zumindest in Teilen, überzeugt zu werden. Sie müssen es für möglich halten, etwas Neues zu erfahren, die eigene Meinung zu ändern. Es muss ein solches Maß an Vertrauen in die Kompetenzen und Aufrichtigkeit des Gesprächsgegenübers vorhanden sein, dass dies für möglich erachtet wird. Dies muss die Grundlage für den Austausch sein, sonst hat er keinen Sinn.

Das Sprechen muss also darauf gerichtet sein, Informationen (zum Beispiel über Tatsachen oder Sichtweisen) zu vermitteln. Das Schul-Gegenbeispiel sind die politischen Talkshows. Dort geht es den Sprechenden nicht darum, im Austausch das gegenseitige Wissen zu erweitern. Es handelt sich eher um eine Inszenierung eines solchen Austauschs. Addressat*innen sind die Zuschauenden (was ja bei einer öffentlichen Diskussion auch eine Berechtigung hat. Das Talkshow-Beispiel ist damit nicht eins zu eins auf den direkten Austausch ohne Öffentlichkeit übertragbar, ebenso die Bundestagsdebatte. Diese Formen von Meinungsäußerung dürfen dann nur nicht mit einem „politischen Gespräch“ verwechselt werden).

Aus der skizzierten Mindestanforderung folgt, dass das Gesagte dem Gedachten entsprechen muss. Die Sprechenden müssen ehrlich sein (soweit das geht natürlich nur, die meisten Lügen finden ja im Verhältnis der Sprechenden zu sich selbst statt) und einander die Ehrlichkeit glauben. Das klassische Schul-Gegenbeispiel aus der Talkshow-Welt wäre Markus Söder. Im Gegensatz zu Cem Özdemir, dem ich glaube, dass er glaubt, dass eine etwas bessere Umweltpolitik nicht so schlecht wäre, sagt Markus Söder nicht wirklich, was er denkt (hoffe ich). Markus Söder versucht, mit dem, was er sagt, das zu treffen, von dem er vermutet, dass es seine potentiellen Wählenden denken. (Das hoffe ich wenigstens. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Markus Söder wirklich findet, dass eines unserer virulentesten Probleme darin besteht, dass auf deutschen Straßen nur noch so wenig „deutsch“ aussehende Leute herumlaufen. Auch wenn er das tatsächlich öffentlich sagt.) Ich mag mich irren, aber ich glaube, dass Cem Özdemir auf einer gewissen Ebene ehrlich spricht, während Markus Söder lügt. Dabei gibt es verschiedene Varianten des Lügens. Für Angela Merkel finde ich es beispielsweise typisch, dass sie zwar nicht Dinge sagt, die sie gar nicht denkt, bzw. so offensichtlich wie Söder dem Pöbel nach dem Maul redet. Dafür bemüht sie sich sehr erfolgreich darum, möglichst gar nichts Konkretes zu sagen. Auch dies verunmöglicht das politische Gespräch, da ja kein Inhalt vermittelt wird.

Das wäre es eigentlich schon. Die Voraussetzungen für das politische Gespräch sind Ehrlichkeit und Vertrauen. Im politisch-öffentlichen Leben scheitert die Erfüllung dieser Voraussetzungen häufig daran, scheint mir, dass die Akteur*innen sich nicht trauen, zu sagen, was sie wirklich denken, weil sie Angst haben, Zustimmung zu verlieren. Und Zustimmung ist eben das Kapital im demokratischen Geschäft (ein Bisschen Vulgärsozialismus darf nach meinen Regeln sein, es ist ja meine ehrliche Meinung).

Aber wie funktioniert nun die Anwendung dieser Regeln auf das politische Reden mit den „Rechten“? Dazu muss ich nun doch erstmal „Rechts“ zumindest ungefähr definieren (was ja leider ein eigener Besinnungsaufsatz wäre). Ich würde oberflächlich versuchen dies in die Richtung von rechtspopulistisch/rechtsextrem/rassistisch zu bestimmen: „Rechts“ ist zumindests schon mal, wer ein gewisses Maß an Rassismus überschreitet.
Interessanterweise sind meinen Regeln zufolge, auf den ersten Blick, aufrechte Rechtsextreme, wie beispielsweise Björn Höcke, geeigneter für den demokratischen Austausch als manipulative Karriererpopulist*innen im Stile einer Frauke Petry. Björn Höcke sagt, was er denkt (glaube ich), zumindest das, was er meint, sagen zu können ohne ins Gefängnis zu kommen. Frauke Petry tut das weniger (glaube ich).

Folgt daraus jetzt tatsächlich, dass ich eher mit Björn Höcke politisch reden sollte als mit Frauke Petry? Zunächst: vielleicht ja. Oder ich lege eine weitere Gesprächsvoraussetzung fest. Diese müsste ungefähr lauten, dass alle Beteiligten sich zu den allgemeinen Menschenrechten und der gleichberechtigten Teilnahme aller am Gespräch bekennen.
Wenn ich dies festlegen würde und dazu festlegen würde, dass Björn Höckes rassistische Weltsicht eben nicht mit den Grundsätzen, die sich aus den Menschenrechten herleiten lassen, übereinstimmt, wäre auch das Gespräch mit ihm auch sinnlos.
Ein solches weiteres Kriterium wäre vielleicht zweckmäßig, aber auch schwierig zu definieren. Björn Höcke würde ja selber sagen, dass er die Menschenrechte anerkennt. Und es gibt sicher Menschen, die noch linker sind als ich, die vielleicht bestreiten würden, dass mein Denken im Einklang damit steht. Es ist also nicht einfach.

Aber ein Gespräch mit Björn Höcke würde nach meinen Kriterien auch schon an einer anderen Stelle scheitern: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Björn Höcke mich überzeugen kann (und andersherum ist es vermutlich genauso). Sein Weltbild (Kulturbegriff, Begriff von „Ethnie“ etc.) weicht so sehr von meinem ab, dass ich mit fast an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließen kann, dass er mich von irgendwas überzeugen können wird. Das heißt nicht, dass es nicht interessant oder sinnvoll sein könnte, sich mit ihm zu unterhalten, im Gegenteil. Ich könnte etwas über ihn erfahren, wie er genau denkt, ihm Fragen stellen etc. Ich könnte etwas lernen. Aber ein solcher Austausch wäre kein politisches Gespräch zwischen zwei sich als politisch gleichberechtigt anerkennenden Subjekten.
Vielleicht ist es denkbar und auch sinnvoll, ein Gespräch anzufangen, mit der Intention, das Gegenüber zu überzeugen. Ich könnte die Haltung haben (die ich dann aber transparent machen müsste): Ich kann mir nicht vorstellen, dass Du mich überzeugen kannst, aber darf ich versuchen, Dich zu überzeugen? Das wäre ja nicht schädlich. Aber, zum Beispiel bei Björn Höcke und mir sehr unwahrscheinlich. Ich würde das nicht versuchen.

So. Ich wollte ja darauf hinaus, dass man den Rechten auf jeden Fall aufs Maul hauen darf. Wenn wir meine Kriterien auf AfD-Politiker*innen, wie oben auf Björn Höcke anwenden, kommen wir in vielen Fällen zu dem Ergebnis, dass das politische Gespräch sinnlos ist. Teilweise, weil es sich bei den Akteur*innen um manipulative Lügner*innen handelt, teilweise, weil die Weltbilder zu inkompatibel sind. (Aber gilt das nur für den Austausch mit den sogenannten Rechten? Oder gilt das nicht auch in Bezug auf viele andere Politiker*innen auch? Ich glaube, dass es mir in Wirklichkeit nicht gelingt, klar genug zu definieren und abzugrenzen. Für mich ist ja schon Wolfgang Schäuble wegen seiner Griechenlandpolitik ein totaler Verbrecher. Er darf nur nicht gehauen werden, weil er im Rollstuhl sitzt.).

Ja, ich glaube, das ist mein Ergebnis (es stand ja auch schon von vorneherein fest): Mit den meisten Rechten ist das politische Gespräch nicht möglich. Trotzdem gilt: Natürlich muss miteinander und mit allen geredet werden. Etwas anderes bringt ja nichts. Ein paar von den Rechten können vielleicht mit Zuwendung und Liebe zurückgewonnen werden. Das mit der Gewalt meinte ich ja eher lustig-polemisch. Ich halte es nur für einen gefährlichen Irrtum, zu denken, dass mit den meisten „Rechten“ ein politisches Gespräch, so wie ich es hier versucht habe zu beschreiben, möglich ist.
Die Rechten spielen nicht nach diesen Regeln und fordern die Einhaltung lediglich von uns (wer auch immer dieses „uns“ ist) ein, wenn es ihnen passt (um es ganz deutlich zu sagen: ich denke, dass Rechte wie Götz Kubitschek auch nicht am Dialog wie Leuten mit mir interessiert sind. Der würde mich und meinesgleichen, sobald er die Macht hätte, ins Umerziehungslager schicken oder Schlimmeres.). Ich glaube, dass wir uns nicht so sehr um das „mit den Rechten reden“ und vor allem über die Themen der Rechten reden (Flüchtlinge, Flüchtlinge, Flüchtlinge, innere Sicherheit), kümmern sollten. Es sollte eher darum gehen, zu fragen, wie wir überhaupt an diesen Punkt gekommen sind und wie vielleicht etwas Diskurshoheit zurückgewonnen werden könnte. Von der Lösung dieser Fragen sind wir aber meines Erachtens, vor allem wegen der, ich nenne es mal Rechtsblindheit großer Teile der „bürgerlichen Mitte“ noch weit entfernt.

Nachtrag:

Nachdem ich diesen Text hier aufgeschrieben hatte, ist mir ein schon etwas länger zurückliegender Versuch eines „Mit Rechten reden“ aus dem real life eingefallen. Muriel von überschaubare Relevanz hat mal Herrn Riehl von der AfD zu einem Gastbeitrag auf seinem Blog eingeladen (fand ich eine echt coole Aktion). Herr Riehl kam der Einladung nach und wir diskutierten. Meiner Erinnerung nach ist das Unterfangen der Förderung der gegenseitigen Verständigung allerdings ziemlich bombastisch an mir und Herrn Riehl gescheitert. Irgendwann schaltete Muriel uns mit den Worten „Maike und Herr Riehl schämt Euch“ (sinngemäß) auf Moderationsvorbehalt, weil sowohl Herr Riehl als auch ich den Pfad des guten Benehmens weiträumig verlassen hatten. Was könnte bei Anwendung meiner eigenen Kriterien der Grund für dieses Scheitern gewesen sein? Möglicherweise habe ich in der Diskussion mit Herrn Riehl zu keinem Zeitpunkt geglaubt, dass er mich überzeugen können würde. Ich habe ihn also gar nicht als gleichberechtigten Diskussionsgegenüber anerkannt. Auf der anderen Seite hat auch Herr Riehl vielleicht zu keinem Zeitpunkt geglaubt, dass er von mir etwas erfahren könnte, was ihn seine eigene Meinung revidieren lassen würde. Er hat mir also auch nicht vertraut. 

 

 

Reisebericht (10), Rückkehr nach Kölns

Und dann bin ich wieder nach Hause gefahren. Wie ich vom Hotel, hinterm Bahnhof entlang, zum Zug schlurfe, fühle ich mich ein wenig aufgewühlt und traurig. Auf Wiedersehen Frankreich, denke ich. Einigen wir uns auf, ich liebe Dich schon, auch wenn Du es nicht erwiderst. Das ist okay.
Ich fuhr von Le Havre über Niedersachsen nach Paris, wo mir meine schwerste Aufgabe noch bevorstand. Auf der Rückfahrt konnte ich wegen eines zu kleinen Zeitfensters nicht zu Fuß von Bahnhof zu Bahnhof laufen, sondern musste eine Taxifahrt auf mich nehmen. Das hatte mir in den Tagen davor gehörig die Laune verdorben, denn ich hasse Taxifahren. Im Grundsatz kann ich gar nicht empirisch belegt begründen, warum, da ich es so sehr hasse, dass ich es eigentlich nie tue. Außer in Notfällen, und dann hasse ich es. Ich hasse ja schon Autofahren. Aber mich unter die Kontrolle von fremden Menschen, die, wie in Köln, selten der deutschen Sprache oder auch nur einer gewissen Vorstellung des Kölner Stadtplans mächtig sind, finde ich furchtbar.
Ich werfe den Taxifahrenden das nicht vor. Deutsch und Taxifahren wurde ihnen einfach nicht richtig beigebracht. Weder Taxifahren noch Deutsch ist eine Fähigkeit, die ich von irgendwem erwarte. Ehrlich. Ich kann ja beides auch nicht, und? Es ist ja auch kein Problem, da ich einfach nie taxifahre. Außer eben jetzt in Paris. In Paris auch noch, zetert es in mir, wo es dann auch noch dreimal so teuer wird, weil die Straßen verstopfter sind als irgendwas.
Als ich dann in das Taxi stieg, hatte ich mich aber bereits halbwegs mit meinem Schicksal abgefunden. So ist es ja meistens. Der Taxifahrer sah nett aus. Wir fuhren los, von draußen rief ihm ein anderer Taxifahrer irgendetwas zu, wo man nicht langfahren könne. „Es ist ja Streik.“, erklärt mir der Taxifahrer. Ich zeige mich irritiert und jammere innerlich kurz laut auf. „Nicht mitgekriegt?“, wundert sich der nette Mann. Ich verneine, ohne Begründung (bin verreist ohne Integrationswillen, hab zum Einschlafen keine französischen Nachrichten, sondern Maybritt Illner gehört). Der Taxifahrer und ich geraten ins Plaudern. Die Beamten streiken gegen Macron. Irgendwas müsse sich ja mal ändern bei der Arbeitslosenquote, findet der Taxifahrer. Ich erzähle ihm, dass ich ja aus Deutschland sei, und dass wir Deutschen den französischen Antiautoritarismus und Streikeifer lieben („Wir“ Deutschen, vor allem…).
„Euch Deutschen nehmen wir ja immer als Vorbild“, sagt der Taxifahrer. „Die Deutschen und ihre Reformen, die haben alles richtig gemacht, sagen wir hier“, erzählt er. Ich versichere ihm, dass es von innen anders aussehe, die vielen durch die Reformen geschaffene Arbeit doch meistens befristete, schlechtbezahlte Mistjobs seien und überhaupt.
„Ah, prekäre Beschäftigung.“, sagt der Fahrer. „Und wie.“, sage ich. Es ist ein, trotz der traurigen Thematik, fröhliches Gespräch mit Kichern. Der Taxifahrer hört eine Radiosendung mit einer Diskussion über Feminismus, wir gondeln friedlich durch Paris, ich höre zu, merke, dass ich jedes Wort verstehe und denke, dass ich jetzt, ganz kurz, ein bisschen angekommen bin.
l’end

Reisebericht (9), „Rückkehr nach Reims“

Als ich in Le Havre war, habe ich auch ein Buch gelesen: Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“. Herr Eribon ist ein aufrechter, schwuler Linker mit genau der richtigen politischen Meinung. Das Buch, in dem er seine eigene Geschichte mit allgemeinen politischen Gedanken verknüpft, liest sich gut. Allerdings könnte der Inhalt meines Erachtens konziser gefasst werden: Homosexuelle Herren leiden unter Diskriminierung, immer noch (und mir als Kölnerin fällt es peinlicherweise äußerst schwer, das aufzuschreiben, ohne mich darüber lustig zu machen), und die französiche Arbeiterklasse war und ist im Arsch. Schuld daran ist mehr die Bourgeoisie und weniger die Arbeiterklasse (die aber auch etwas, da träge). Sehr rassistisch (und, für Didier ganz persönlich tragisch, auch homophob) waren die Angehörigen der französischen Arbeiterklassen schon immer (ist das jetzt eigentlich ein Trost? Ich bin mir unsicher). Sie haben das nur früher nicht ihrer Wahlentscheidung zugrundegelegt. Erst als sie die Hoffnung in die linken Parteien, und dass diese etwas an ihrer Situation ändern würden, aufgaben, fingen sie an, rechts zu wählen. Die Wahlentscheidung für den Front National ist also das einzige Mittel, sich Gehör zu verschaffen, ein Protest, Ausdruck von Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit. (Ich glaube, in Deutschland, wo es den Menschen ingesamt besser geht, liegt die Sache anders. Hier wählen die Leute rechts, weil sie ganz miese Typen sind.)

Ich danke Madame A. für den Lese-Tipp, es ist ein gutes Buch. An alle: Lesen, und sich Gedanken machen.

Reisebericht (8), Gestern

Gestern bin ich nach dem Frühstück erstmal wieder ins Bett zurückgegangen. Habs mir gemütlich gemacht und mit Mrs. Columbo gechattet. Das verlief holprig, da die Mrs. gleichzeitig arbeiten musste. Die hierdurch entstehenden Lücken füllte ich durch eine Twitter-Konversation mit Muriel, der davon bald so genervt war, dass er sie mit den Worten: „Alter. Ich geh jetzt arbeiten.“ abbrach. Gleichzeitig fand ich heraus, dass der lustige Twitter-Bekannte Gurkenkaiser ein Blog betreibt und erfuhr, dass der sich gerade auf Geschäftsreise in Peru befindliche nette real-life-Bekannte Oliver (sein Business ist fair gehandelter Lötzinn) bedauert, in Peru wenig Peruaner, sondern nur so „Internationals in ihrer Filtblase“ zu treffen.

So kam es, dass ich mich erst gegen zwölf Uhr mittags (und mit äußerst schlechtem Gewissen) auf den Weg machte. Mein erstes Ziel war der nahegelegene Bahnhof, wo ich ein bisschen Klavier spielen wollte. Die französische Eisenbahngesellschaft hat in ihren Bahnhöfen Klaviere zur freien Verfügung der Reisenden aufgestellt. Läuft man durch einen französischen Bahnhof ist häufig, je nachdem, wie nahe man dem Klavier kommt, mehr oder weniger lautes bzw. gekonntes Geklimpere zu hören. Ich finde, dass das eine entspannte Atmosphäre schafft, befürchte allerdings, die Leute, die in den Bahnhöfen arbeiten und dem permanent ausgesetzt sind, könnten das anders empfinden. Das Piano war dann, wie es ja häufig vorkommt, schon von drei anderen Kindern in Beschlag genommen und ich trollte mich.

Ich lief den Berg hoch, zum Stadtrand, immer bestrebt, da wo ich bin, nicht nur die touristisch frequentierten Orte kennenlernen zu wollen. Schnell erreichte ich die Peripherie, dann den grauen Nachbarort „St. Adresse“ und fand mich, weil es angefangen hatte zu regnen, in einer Bushaltestelle irgendwo im Niemansland wieder. Ich aß die vom Frühstücksbuffet geklauten Ei, Croissant und Pain au Chocolat und starrte in die unverheißungsreiche Gegend. Eine alte Dame kam, bat mich etwas Platz auf der Bushaltestellenbank zu machen, sagte es sei kalt, verweilte kurz und ging wieder weg.

lehavre

So sieht es in Le Havre halt aus

Ich lief zum Strand hinunter, setzte mich in ein Café mit Blick aufs Meer, tippte eine Geschichte in mein Laptöpchen und schaute ab und an auf die See hinaus. Marguerite Duras, die ja in der Normandie lebte, wird mit der Aussage „Ein Blick auf das Meer ist wie ein Blick auf das Leben“, zitiert. Madame Duras hatte offensichtlich mehr Phantasie als ich. Ich finde das Leben nicht so langweilig wie einen Blick auf dieses Meer. Allerdings eignet sich das Meer dazu, an ihm entlang zu laufen und über das Leben zu nachzudenken (das ist ausnahmsweise mal kein Filmklischee, sondern echt so, ne?). Heute gibt die Ebbe sogar einen schmalen Streifen Sand frei. Ich ziehe die Schuhe aus und laufe fröhlich los. Obwohl Oktober, herrscht inzwischen eine angenehme Temperatur, ich sehe sogar eine nackte Frau, die im Meer gebadet hat und muss mich zusammenreißen, es ihr nicht gleichzutun.