Bümpliz

Heute hatte ich einen tollen letzten Ferientag. Und das kam so: Ich bin nach Bern gefahren, um dort ein bisschen nach Kindheitserinnerungsorten zu schauen. Meiner Mutters alte beste Freundin Helga war lange Jahre in zweiter Ehe mit einem Schweizer namens Rudolf, genannt Rudi, verheiratet. In der ersten Zeit ihrer Ehe lebten sie teilweise in Bern. Helga hatte einen Sohn, Stefan, eineinhalb Jahre jünger als ich, meinen brother from another mother. In den Schulferien war Stefan oft in Bern und ein paar Mal war ich auch mit.

Helga und Rudi (eigentlich Ruedi, sprich Rrruadi) lebten mit einer schwarzen Katze namens Jascha in einem Abrisshaus in einem Gewerbegebiet im Berner Arbeiterviertel Bümpliz. Rudi studierte Ethnologie (glaube ich) und Helga machte allerlei, zum Beispiel esoterische Körpertherapie und ein Studium der Sozialpädagogik. Eine Zeitlang spielte sie Theater in einem halbwegs seriösen Haus in der Innenstadt. (Als Kind nimmt man ja alles, was so passiert, als gegeben hin. Jetzt als Erwachsene frage ich mich schon, wie es dazu kam, denn Helga war in keiner Weise eine ausgebildete Schauspielerin oder sonstwie in dem Metier erfahren. Als ich mich bei meiner Mutter danach erkundige, sagt die gleichgültig: „Naja, das waren ja nur Nebenrollen“, ich finde das reicht als Erklärung eigentlich nicht aus.). Während eines Sommers war Helga pleite und hatte schlechte Laune deswegen. Wenn wir unterwegs waren, gab es nichts zu trinken und Zuhause nur Leitungswasser. Heutzutage würde ich sagen: „Na, immerhin, viele Kinder haben gar kein sauberes Wasser“. Damals, mit acht, meine Privilegien noch nicht reflektiert gehabt habend, fand ich es karg. Ansonsten war aber nicht viel Geld nötig. Wenn Helga was zu tun hatte, brachte sie uns ins Freibad, das konnte sie bezahlen und wir spielten Backgammon. Die Spielsteine waren Schweizer Rappen und Deutsche Pfennige. Ansonsten gingen wir oft in den Wald, der relativ bald hinter dem Gewerbegebiet anfing, Kuhwiesen, Bäche und so weiter, ich erinnere mich gern daran. Irgendwann kam Helga auf die Idee aus den Königskerzen, die im Garten wuchsen, Sirup zu machen. Von dann an hatten wir auch was Leckeres zu trinken.

Ich erinnere mich an die Bümplizer Chilbi (Todesangst in der wilden Maus), Ausflüge in die Berge mit der Seilbahn, viele schöne Kühe, einen Besuch bei Rudis Vater in Solothurn, der im Gegensatz zu Ruedi viel Geld und Originalnoten von Mozart hatte (wir waren zum Abendessen eingeladen und auf der Butter war ein Edelweiß eingraviert) und die Nachbarn Matti und Heidi (Heidi war der erste Mensch, den ich traf, der genauso viele Sommersprossen hatte wie ich). Auf dem Nachbargrundstück stand ein großer Vogelkäfig und ich verbrachte einige Zeit damit, mit einem Ast nach einer rot-grün leuchtenden Papageienfeder zu angeln, die auf dem Käfigboden lag. Mit acht habe ich Vogelfedern gesammelt, aber an diese kam ich nicht ran. Helga kochte gern und gut, ließ uns mithelfen und auch selbst machen. Einmal schlugen Stefan und ich die Sahne zulange und entdeckten, dass es dann Butter wird. Auch einmal, Helga war unterwegs, fanden wir raus, dass man ganz einfach aus dem Fenster auf das Dach des Hauses klettern konnte. Wir liefen drauf rum und verstecken Sachen unter den kaputten Ziegeln. Zu unserer Verwunderung war Helga, als sie wieder nach Hause kam, überhaupt nicht begeistert, sondern vielmehr richtig sauer (das Dach war nicht hoch, aber wenn wir da eingebrochen wären, naja).

Mit Helga war es nicht immer einfach, ihr Umgang mit uns war oft nicht sehr, ich nenne es mal, altersangemessen. Aber ich verdanke ihr auch einige originelle Erlebnisse. Einmal haben Helga und Rudi mit uns Kindern einen Film gedreht. Rudi war in der Schweizer Experimentalfilmszene unterwegs. Einer der Filme, an denen er mitgewirkt hatte, wurde sogar auf den Solothurner Filmfestspielen gezeigt (in Deutschland wissen das nicht alle, aber in der Schweiz sind die Solothurner Filmfestspiele eine ernstzunehmende Sache). Und so muss irgendwie die Idee entstanden sein. Es war ein Krimi, „Die zwei Gangster mit dem roten Halstuch“, hieß er, glaube ich. Stefan und ich waren zwei Gangster mit roten Halstüchern (nach dem äußeren Erscheinungsbild sechs und acht Jahre alt, egal) und Helga spielte eine reiche Frau, die wir umbrachten, um sie auszurauben. Außerdem war sie der Kommissar, der den Mord dann aufklären wollte. Am Ende kommt der Kommisar den Gangstern auf die Schliche und die rennen weg. Wie ich mich so erinnere und vor mich hinlache, fällt mir auf, dass sowas heute kein großes Ding wäre. Filmen kostet ja nichts mehr, aber damals war das richtig was Besonderes. Als der Film dann fertig war, wurde er zu allen sich bietenden Gelegenheiten gezeigt und es war immer allen eine lustige Freude. Katze Jascha wurde ein Zettel mit „Das Ende“ zwischen die Pfoten gesteckt, aber sie stand einfach auf und lief weg.

Das ist jetzt alles über dreißig Jahre her. Die beteiligten Personen sind geschieden und/oder nicht mehr befreundet. Aber ich bin heute mal vorbeigegangen in Bümpliz. Rudi, dessen E-Mailadresse ich zufälligerweise im Internet herausgefunden hatte, verriet mir die Anschrift und auch, dass das Haus längst abgerissen sei. Ich fuhr mit der Straßenbahn Linie 7 zur Endstation Bümpliz. Von da waren es noch ein bisschen Laufweg und dann war ich da. Leider habe ich tatsächlich nichts mehr wieder erkannt. Gewerbegebiet, eine Werkstatt, ein Verwaltungsgebäude, eine Lagerhalle und an der Ecke ein Wohnhaus. Ich war nur mäßig enttäuscht, nichts anderes hatte ich erwartet. Aber damit war meine Spurensuche noch nicht zu Ende. Ich wollte unbedingt noch in den Wald mit der Kuhwiese, hinter dem Haus, wo wir so oft gewesen waren. Die dürfte doch eigentlich nicht weg sein, hatte ich mir überlegt. Und tatsächlich, nachdem ich durch etwas Industriegebiet und Autobahnlandschaft gekämpft hatte, landete ich am Waldeingang und war aufgeregt. Ein bisschen den Waldweg hinauf und ich stand an einer großen großen Wiese mit Waldrand, die mir bekannt vorkam. Was fehlte, waren die Kühe. Hinzugekommen sind Anfänge einer Wohnsiedlung, noch im Bau befindlich. Obs das hier echt war? Ganz sicher bin ich mir nicht. Ich laufe den Weg entlang und eine freundlich aussehende Frau kommt mir entgegen. Ich nehme meinen Mut zusammen (to whom it may concern: Mein Reallife-Ich ist wirklich schüchterner als mein Internet-Ich) und spreche sie an: „Darf ich Ihnen eine dumme Frage stellen“, sie erlaubt es und ich ich frage: „Gab es auf dieser Wiese mal Kühe?“. Sie überlegt und antwortet: „Früher glaube ich schon“. Ich erzähle ihr, warum ich frage und sie findet es witzig und erzählt, dass sie als Kind auch oft auf der Wiese und im Wald hier gespielt hat.

Bern

So, jetzt fahre ich nach Bern. Spätestens da kann ich dann wieder verstehen, was die Leute sagen. Manchmal praktisch, meistens schrecklich. Nach jetzt knapp vier Wochen unterwegs bin ich ziemlich zerlaust und mal gespannt, wie die Leute im Berner Hotel mich anschauen werden.
Mailand war interessanter als ich erwartet hätte: Ein Mischung aus Rom und Bochum, breite Straßen, imposante Gebäude, der Bahnhof der pompöseste, der mir je begegnet ist (ein guter Ersatz für Leute wie mich, die es nie nach New York und zur Central Station schaffen, würd ich sagen). Zwischen der ganzen Pracht altertümliche Straßenbahnen und neue, sehr hässliche Häuser. Hui, Mailand wurde wohl im WK 2 ordentlich bombardiert sage ich witzelnd zu mir selbst. Und, siehe da, genauso war es. Nicht so gebildet zu sein, hat den Vorteil, dass es oft interessante Neuigkeiten gibt.
Überrascht war ich auch über die sehr vielen sorgfältig gestylten, gut oder wenigstens interessant aussehenden Menschen. Viele Männer mit Fönfrisur, schöne Schuhe und extravagante Sonnenbrillen. Ich könnte hier einige Tage nur damit verbringen, mir die ganzen Leute anzuschauen. Ich weiß schon, dass in die „Modehauptstadt“ Mailand viele Leute zum „Shopping“ kommen, aber hätte nicht gedacht, dass es so sichtbar ist. Als ordentliche Sozialist*in bin ich natürlich gegen Shopping, aber wenn Leute sich schön anziehen, ist das schon schön. (Der Sozialismus muss sich durchaus fragen lassen, wie er das nach der Revolution weiterhin ermöglichen will). Auch teure Schuhe müssen für Bedürftige immer noch zur Verfügung stehen.

Der Barbarossaplatz von Mailand

Mailand

Ups, gleich bin ich schon in Mailand. Da will ich gar nicht hin. Lieber würde ich noch weiter in der Toskana herumfahren. Aber ich muss so langsam wieder nach Hause. Der Regionalzug von Siena nach Empoli war wieder allerliebst. Zwar war er vergleichsweise lang, immerhin zwei Wagons. Dafür waren seine Trennwände mit originalgetreuen 70er-Jahre Tapeten ausgekleidet, die (unironisch) recht geschmackvoll anmuteten: Ein Muster aus Kreisen in verschiedenen Grautönen. Morgen geht es von Mailand weiter nach Bern. Das hoffe ich zumindest. Der Mann am Fahrkassenschalter hat mir eine Karte nach „Berna“ verkauft und ich gehe jetzt optimistisch davon aus, dass wir das selbe meinten. Mein Fantasie-Soähnlich-Italienisch klappt meistens gut, aber nicht immer. So heißt z. B. „A Sinistra“ nicht „Ab in die Finsternis“, sondern, anscheinend, „nach links“. Naja. Müssen die selbst wissen. Meinen Namen finden die Menschen hier auch merkwürdig. Ich lege deswegen im Hotel, am Bahnhof etc. immer ungefragt meine EC-Karte vor. Dann können die den da einfach abschreiben. Dachte ich. Im Bahnhof von Brindisi zeigte die freundliche Fahrkartenverkaufsfrau stirnrunzelnd auf meinen Namen auf der Karte und fragte ungläubig „Is that your Name?“. Sie fand es anscheinend genauso wahrscheinlich, dass ich „Stadtsparkasse KölnBonn“ heiße wie Maike Mustermann. „In Germany thats a normal name“, antworte ich entschuldigend und frage mich beim Rausgehen, ob das nicht etwas kulturimperialistisch geklungen haben mag. Es war aber auf keinen Fall so gemeint. Ich freue mich immer, wenn Leute meinen Namen exotisch finden. Apropos Kulturimperialismus, wenn ich sage, dass die Züge hier in Italien niedlicher sind, ist das nicht herablassend gemeint. Die italienische Bahn funktioniert in allen Belangen um Längen besser als die deutsche Bahn. Sie ist (wissenschaftlich bestätigt, soweit ich weiß) pünktlicher, sie zwingen die Leute, 3G nachzuweisen und verschenken im Schnellzug Wasser, Masken und Desinfektionsgel.
Aber dieses „Italien ist viel besser als Deutschland“ ist natürlich naiver, egozentrischer Unfug von mir. Italien behandelt Geflüchtete in vielerlei Hinsicht viel schlimmer um als Deutschland, um nur ein Beispiel zu nennen und so weiter, das ist mir schon alles klar.
Abschließend war ich gestern noch im Dom von Siena. Das hat sich gelohnt. Der Dom ist riesig, die Wände komplett bemalt und voller Säulen aus grünem und weißem Marmor, die dem ganzen eine helle Leichtigkeit verleihen. Eine üppige Pracht, der Kölner Dom ist eine trübe Hütte dagegen (ehrlich gesagt, find ich den Kölner Dom sowieso eine trübe Hütte). Auf dem Weg ins Hotel traf ich dann die beiden ersten richtigen Straßenkatzen überhaupt. Zerzaustes Fell, ehemals weiß jetzt grau, drei Augen auf zwei Katzen verteilt und null Interesse, mich kennenzulernen, Schade. (Außerdem glaube ich, dass die beiden etwas lernbehindert waren, jedenfalls hingen ihnen die ganze Zeit ihre Zungen aus dem Mäulchen, was zwar einerseits niedlich war, aber echt so ein bisschen trottelig wirkte, wobei das Wort „trottelig“ wahrscheinlich nicht mehr benutzt werden darf. Hm. Wie sag ichs unableistisch? Ich werde drüber nachdenken.).


Siena

Die Anreise aus Rom war herzallerliebst. Siena ist nicht sonderlich gut an das italienische Zugnetz angebunden, aber das macht nichts. Umsteigen musste ich in einer kleinen Stadt namens „Chiusi Chianciano Terme“. Das ist doch kein Name für eine Stadt! In mein Fantasieitalienisch übersetzt heißt es „Badeanstalt geschlossen, singend“. Ich bin zu faul, das mit der Realität abzugleichen. In Chiusi Chianciano Terme musste ich dann eineinhalb Stunden auf den Anschlusszug nach Siena warten. Das allerdings hat sich gelohnt. Der Zug nach Siena bestand nur aus einem einzigen Wagon und der war noch nicht mal besonders lang, dafür aber wirklich nicht mehr der Jüngste. Pittoresker als Mittelaltermarkt! In dem Zug war außer mir noch ein Tourist, der es auch nicht so ganz glauben wollte und mich fragte, ob das wohl der Zug nach Siena sei.

Zufällig hat es sich dann ergeben, dass ich in Sienas schönstem Hotel gelandet bin: In einem ehemaligen Kloster namens „Alma Domus“. Der Blick aus dem Fenster zeigt auf die Altstadt, mittelalterliche Gotik (gibts noch andere Gotik als mittelalterliche, bin zu faul nachzugucken), Unesco-Weltkulturerbe. So ganz mein Geschmack ist das aber nicht, alles ziemlich dunkel. Hier ist alles voller Backsteine, die mich an Preußen erinnern. Und, schlimmer, voller deutscher Studienrät*innen, die mich daran erinnern, wo uns Preußen hingeführt hat. Ich könnte jetzt losschimpfen über deutsche Studienrät*innen und an den deutschen Staat appellieren, dass er seine Lehrer*innen schlechter bezahlt, damit ich die im Urlaub nicht mehr treffen muss. (nichts gegen Dich, Mutter, Du bist nicht gemeint). Aber ich schenk mir das. Eins sei aber gesagt: Obwohl ich kein Italienisch kann, kann ich mit hundertprozentiger Sicherheit, Volkshochschulitalienisch sprechende deutsche Lehrer*innen identifizieren. Sehr entschlossen und selbstsicher aber ohne Gefühl für die Sprache oder sonst irgendwas Relevantes.

Außerdem erinnert mich Siena ein wenig an Venedig. Die Altstadt ist so wertvoll und berühmt, dass dort niemand mehr normal wohnt, es ist einfach ein Tourist*innenreservat, schön, aber auch ein bisschen künstlich.

Ich glaube noch nie hat jemand sich so unfreundlich über Siena geäußert, das als eine der schönsten Städte Italiens gilt (und das will was heißen). Aber ich bin auch etwas erschöpft und griesgrämig. Außerdem sind zwei Tage zu wenig, um sich eine Stadt anzuschauen, auch wenn sie klein ist. Puh, und jetzt muss ich mich langsam mal aufmachen, den Dom hier besichtigen gehen. Sonst kriegt mein inneres Lehrerkind ein schlechtes Gewissen.

Rom

Rom ist wunderbar. Es hält, was der Name verspricht (keine Selbstverständlichkeit heutzutage) und ist voller römischer Sachen. Selbst so schlichte Gemüter wie ich, die sich aktiv nicht für die Antike und sonstige Kulturgüter interessieren, sind ergriffen. Das geht gar nicht anders. Grundsätzlich ist das Meiste in Rom zu groß, um auf Fotos zu passen. Aber egal. Gestern hatte ich einen schönen letzten Tag. In Travestere saß ich mit anderen Leuten auf einer Treppe und hörte einem Straßenmusiker zu, als auf einmal die ganzen anderen Leute anfingen mitzusingen (Es schien mir ein italienisches Liebeslied zu sein, das ich aber nicht kannte). Das war ja mal eine Überraschung, habe ich noch nie so erlebt. Dann lief ich unverhofft an einer kleinen Anti-Corona Kundgebung vorbei. Heute vermelden deutsche Nachrichten, dass es noch zu gewalttätigen Ausschreitungen kam, weil die Demonstrierenden zu Romano Prodis Amtssitz vordringen wollten. Ich habe der Kundgebung ein wenig gelauscht. Italienischer Querdenker-Talk ist auch für des Italienischen Unkundige ganz gut zu verstehen. Es offenbar in ganz Europa dasselbe: Faschist*innen werfen Nicht-Faschist*innen vor, die wahren Faschist*innen zu sein. Eine wirksame politische Strategie gegen diese Dreistigkeit muss auch langsam mal erfunden werden. Grundsätzlich sind die Leute in Italien konsequenter, was Corona anbelangt. Wer in einen Schnellzug einsteigen will, muss 3G nachweisen. Im Bahnhof von Brindisi haben sie sogar Fieber gemessen, in manchen Supermärkten machen sie das auch. Aber Egal. Jetzt sitze ich hier im Bahnhof auf dem Fußboden und freue mich darauf, nach Siena zu fahren. Insgesamt stelle ich fest, dass ich recht erschöpft bin. Merkwürdig, da ich ja Urlaub habe und somit den ganzen Tag tun und lassen kann, was ich will. Ich will wohl erschöpft sein? Aber vielleicht ist ja so durch die Gegend reisen auch auf eine Weise anstrengend. Es ist eben alles neu. Jede alltägliche Sache muss ja erstmal ausprobiert und herausgefunden werden. Dusche, Klospülung, U-Bahneingang, tausend Sachen haben irgendwo Knöpfe, über die wir im Alltag gar nicht nachdenken. Jeden Tag muss ich rausfinden, wie ich wohin und worein komme, aber auch, wo ich was kaufen kann etc. Essen gehen ist ein zweischneidiges Schwert, immer lecker und interessant, aber meine Abenteuerlust hat auch schon zu ein paar Mahlzeiten geführt, die eher anstrengend als wohlbefindenssteigernd waren (in einer „Fischsuppe“ war ein ziemlich großer Tintenfisch am Stück. Mrs. Columbo hat gesagt „Und irgendwo im Mittelmeer sitzen jetzt die traurigen Tintenfischwaisenkinder von dem und sind ganz traurig und Du hast den gegessen“). Zwei Enttäuschungen kann ich abschließend noch vermelden: Der Fluss hier, ernsthaft, der Name Tiber ist so geheimnisvoll und vielversprechend und der so Bezeichnete doch eher ein Rinnsal. Außerdem hat Rom für meinen Geschmack sein Müllproblem deutlich zu gut in den Griff bekommen. Da gabs für mich Müllfotografin wenig zu holen.


Die Vatikanischen Museen

Kirchenkram ist nicht so meins, aber die Vatikanischen Museen: Amtlich!

Aristoteles, Lonely Planet „Rom und Umgebung“

Mir gehts ähnlich wie Aristoteles. Ich interessiere mich aktiv nicht für christliche Kirchen und das, was in ihnen drin ist. Mich ergreifen diese leidvoll die Augen senkenden Marien nicht. Im Gegenteil, ich ärgere mich. Aber mit guter Kirchenkunst ist es wahrscheinlich wie bei Asterix. Das lässt sich auf mehreren Ebenen verstehen und würdigen. Im Zweifel geht auch „Oh, schöne Farben, das war bestimmt nicht einfach herzustellen“. So sind auch die Museen des Vatikans wirklich voll mit Dingen die aufregend anzuschauen sind, von Ägyptischen Mumien und Katzenstatuen über Römische Skulpturen, moderne Kunst und eben auch christliche Deckenmalerei. Also viel davon ist noch nicht mal besonders kirchlich, es ist halt nur bei den reichen Leuten von der Kirche gelandet. Am Ende der Tour durch die vielen Museen, wartet dann als Belohnung die Sixtinische Kapelle. Wegen der war ich ja vor allem gekommen. Allerdings nach dreißig Räumen voller bester Kunst der Welt ist 1 dann schon ziemlich übersättigt und das ästhetische Erlebnis ist eher „Ok, der nächste Raum mit sehr hohen bemalten Decken.“ Auch die Freude an Michelangelos (wie heißt der eigentlich auf Deutsch? Michael Engels? Mit dem Namen wäre aus ihm nie was geworden, höchstens ein zweiter Wendler) „Erschaffung Adams“ hoch oben an der Kapellendecke ist leicht getrübt. Es ist, wie beim ersten Besuch im Fußballstadion. Live ist besser als vorm Fernseher, aber in echt ist nicht so viel zu sehen, die Männer sind weit weg und ziemlich klein.

Tschitscherone

Ich bin erschöpft, aber froh. Heute morgen habe ich an einer interessanten Stadtführung zum Colosseum, Forum Romanum, Capitol und Pantheon teilgenommen. Als ich dem Stadtführer erzählen wollte, dass ich gerade eine Geschichte über Cicero gelesen habe, verstand er mich erst gar nicht. „Zitzero?“ Ich versuchte es, modernes Latein, mit „Kickero“ aber auch den kannte er nicht. Dann machte es klick und er sagte „Ah, Tschitscherone“. Hihihihi. Mrs. Columbo hat gesagt: „Unter dem Namen stellen wir uns doch direkt eine ganz andere Person vor.“ Tschitscherone ist auch für mich eher jemand, der unbekümmert in den Tag hineinlebt und auch sonst viel mehr italienische Stereotype erfüllt als der ehrgeizige, arbeitswütige Cicero.

Dann war ich im Katzenheim an der Torre Argentina. Das ist ganz interessant. Italien hat sein Straßenkatzenproblem dadurch gelöst, dass sie alle Straßenkatzen von der Straße geholt und kastriert haben. Wenn irgendwo Straßenkatzen auftauchen, werden sie aufgelesen, kastriert und untergebracht. Die Katzen an der Torre Argentina sind die letzten in ganz Rom, die noch draußen rumlaufen dürfen. Im Heim sind nur die Katzen, die nicht draußen sein wollen oder können. Der Rest kommt nur zum Essen. Katzenfreund*innen können vorbeikommen und Katzen streicheln. Es war sehr schön. Ich war gar nicht lange da, schon kam eine liebe Tigerkatze, lief ein bisschen auf mir herum, buckte an und ließ sich auf meinen Schultern nieder. Dann kam noch ein ohrloser Katerherr und setzte sich für eine halbe Stunde auf meinen Schoß. Was will ich mehr.

Nudel-Ökumene
D

Trulli

Ich hab es in Apulien leider weder nach Monopoli noch nach Manfredonia geschafft. Für eine Namensfetischistin wie mich eigentlich ungenügend. Aber ich war bei den Trulli. Und das kam so: Auf der Suche nach einer Gruppentagesreise zu den Sehenswürdigkeiten der Region um Brindisi, war ich in einem Reisebüro gelandet. Der Herr vom Reisebüro konnte mir als Einzelperson aber nichts passendes anbieten. Und hatte mich, versehen mit ein paar uneigennützigen Tipps, wie ich anders zu meinem Glück kommen könnte, schon verabschiedet. Ich konnte aber die Agentur nicht sofort verlassen, da sich während meines Aufenthaltes die Baustellensituation vor der Eingangstür so verändert hatte, dass diese nicht mehr durchqueren konnte, sondern warten musste.
Und so saßen der Reisebüromann und ich auf dieser und jener Seite seines Bürotisches und mussten zwangsweise noch etwas plaudern. Was aus meiner Sicht nicht total schlimm war, weil wir uns (glaub ich) gegenseitig ganz nett fanden. Ich erzählte ihm unter anderem, dass mir Brindisi ausnehmend gut gefalle und dass in meinem Hotel außer mir noch die Erstliga-Basketballmannschaft aus Sassari, Sizilien, gewesen war. Nach einer Weile sagte der Reisebüromann dann, eigentlich könne auch er mit seiner Frau mit mir zum halben Preis eine halbtägige Tour in die Umgebung machen, wenn mir das zusage. Ich sagte, das würde mir gefallen und so fuhren wir am nächsten Tag, Maria-Rosaria, Mino und ich, nach Alberobello zu den Trulli und nach Ostuni.
Eigentlich hatte es woanders hingehen gesollt, aber Mino hatte beschlossen, dass ich unbedingt die Trulli sehen sollte, immerhin Unesco Weltkulturerbe (wobei ich das Gefühl hab, dass hier eigentlich jede zweite Altstadt Weltkulturerbe ist). Und die Trulli waren wirklich bezaubernd: Kleine Rundhäuser mit kegelförmigen Dächern in Trockenbauweise, auf deren Spitze noch eine kleine Kugel oder andere Verzierung appliziert ist. Die Trullisiedlung hat ein Flair wie eine Mischung aus Schlumpfhausen und da, wo Frodo wohnt (wie heißt das da? Elfenhausen?), ganz entzückend. Sehen Sie selbst:

Alles für die Tonne!

Ich bin dem Geheimnis der Schönheit Italiens ein bisschen auf die Schliche gekommen. Fähigkeit zur Ästhetik drückt sich häufig im Alltäglichen und im Detail aus. Hier wird das zum Beispiel daran sichtbar, wie im Restaurant die Tische eingedeckt werden, an den Balkonbepflanzungen, der Schaufenstergestaltung oder auch den Mülltonnen. Ich weiß nicht, was sie mit den Mülltonnen hier machen, aber die sind einfach sehr hübsch. Es folgen einige Beweisfotos. (Viele Grüße auch an meine liebe Müllmög-Person).

Brindisi

So hatte ich es mir vorgestellt. Ich sitze im Hafencafé und tippe Reiseberichte in meinen Laptop. Aber wie es mit Plänen so ist. Die gescheiterten geben in der Regel mehr her. Mir fällt gar nicht recht etwas ein. Jetzt ist alles, wie ich wollte, aber das ist doch langweilig. Außerdem: Ich find ja schon Leute mit Laptops im Café in Köln sind neoliberale Eiferer. Im Hafencafé in Brindisi doch dann erst recht.

Gestern bin ich mit der Buslinie 5 an den kommunalen Strand gefahren. Der macht auf den ersten Blick nicht viel her: Schmutzig-grauer Kieselstrand in Industriegebiet gelegen. Aber das Wasser und der Blick aufs Meer hinaus sind schön. Und urlauben wie die Einheimischen, das ist doch, was wir Lonelyplanet-Rezipient*innen wollen. Eigentlich war ich nach Brindisi gekommen weil hier die Fähren nach Griechenland ablegen. Damit hatte geliebäugelt. Aber die griechischen Inseln sind von Corona befallen und alles ist kompliziert und Italien ist zu schön, um nicht hierzubleiben. Insbesondere auch Brindisi. Viel touristisch Attraktives hat es nicht zu bieten (die üblichen römischen Mauern hier und da und, immerhin, die letzte Säule der Via Appia (oder die erste, ganz wie rum Ihr wollt, da wo Imperator Crassus nach der Niederschlagung des Spartacus-Aufstandes alle vier Zoll einen Sklaven aufgehangen hat, als Warnung an potentielle Nachahmer*innen). Aber sonst ist Brindisi eine ruhige normale Kleinstadt.

Ich kann nicht genau sagen, warum ich hier alles so wunderbar finde. Überall sind Bilder. Zwar sind die Dinge häufig alt, mehr oder weniger verfallen, nicht ganz regelmäßig und verwinkelt. Daneben jedoch, oder auch überschneidend, jedoch findet sich viel Liebe fürs Detail, Eleganz und Sinn für Farbe.