Über die Kritik an der Partei „Die Partei“

Es wird gerade viel über die Partei „Die Partei“ diskutiert. Das Internet sagt, dass viele Menschen Die Partei kritisch sehen. Zumindest für Martin Kaul, Autoren dieses Taz-Artikels, trifft das zu.

„Dekadente Witzbolde“, die sich für klug hielten und sich dafür feiern, keinen Unterschied machen zu wollen, seien die Wähler*innen der Die Partei, findet Herr Kaul. „Amoralisch, elitär und bourgeois“, sind weitere, inzwischen vielzitierte Adjektive, die ihm zu Leuten wie mir einfallen. „Bourgeoiser, postmodern-zynischer Scheiß“ bestätigt mein Freund auf Nachfrage.

Ich möchte mich darüber nun etwas echauffieren. Das ist jawohl totaler Quatsch, blöder Martin Kaul und im Grundsatz nicht blöder, sondern ausnahmsweise hier fehlgeleiteter, mein Freund. Und zwar deswegen: Ich bin nicht zynisch oder elitär, sondern ich bin verzweifelt. Jeder Mensch, der sich tatsächlich entscheidet, Die Partei zu wählen (ich selber übrigens bin mir noch unsicher. Habe neulich Dietmar Bartsch im Interview gesehen und fand ihn echt gut und vernünftig, vielleicht wähle ich auch Linkspartei, oder die Veganpartei, andere Geschichte).

Die Klammer war zu lang, ich musste den Satz abbrechen. Also neu: Wer sich entscheidet, Die Partei zu wählen und sich damit gleichzeitig dagegen entscheidet, eine echte, also eine ernste Partei, eine Partei mit Mitgliedern, die noch glauben oder behaupten zu glauben, etwas durch Mitwirkung in unserem System der parlamentarischen Demokratie verändern zu können, zu wählen, gibt damit zum Ausdruck, dass sie oder er eben nicht mehr daran glaubt, dass dieses System noch funktioniert. Also der Satz war doch schon wieder zu lang. Einfacher: Wer Die Partei wählt, sagt damit, dass sie oder er die Hoffnung aufgegeben hat. Nicht mehr oder weniger. Aber die Wunde ist noch frisch, der Schmerz noch akut. Wir gehen dahin wos wehtut, in die Wahlkabine, begeben uns in das System, um es dann dort zu boykottieren. Das ist paradox und dysfunktional, aber so ganz haben wir noch nicht aufgegeben. Es scheint mir ein wenig verwandt damit, den Ex auf Facebook zu stalken. So richtig können wir noch nicht loslassen, denn eigentlich wollen wir ja dabei sein.

Dass wir so hoffnungslos sind, ist doch aber wiederum nicht die Schuld der Die Partei. Zynisch sind doch Angela Merkel oder Sigmar Gabriel und noch zynischer ist Alexander Gauland. Und, dass es Linke wie mich gibt, die sich weder mit dem Gedanken anfreunden können, SPD, Linkspartei oder Grüne zu wählen, muss das extra diskutiert werden? Insofern hat Martin Kaul teilweise Recht, wenn er schreibt:

die ernsthafte Zugewandtheit zur PARTEI steht für die Verlorenheit einer gesellschaftlichen Linken, die sich aufs Resignieren versteht und die eine fehlende Machtperspektive damit verwechselt, irrelevant zu sein.

Ja, verloren und resiginiert fühle ich mich. Und ich halte „uns“ in vielen Feldern auch für, sagen wir: zu irrelevant. „Wir“ verlieren auf der parteipolitischer Ebene und zunehmend in den Diskursen ganz allgemein unseren Einfluss. Viel mehr noch als das, was im Parlament passiert, deprimiert mich, was in „den Medien“ so abgeht. Ich schaue Anne Will und suhle mich im Elend. Das gebe ich zu und es ist auch irgendwie reichlich dumm.

Aber bin ich deswegen, so wie Martin Kaul schreibt „snobistisch und dekadent und zu bekämpfen“ „antiaufklärerisch“ und „amoralisch“? Bin ich eine, „die an einer Käsetheke so lange nach dem Lactosegehalt eines Schnittkäses fragen, bis der Kassiererin gekündigt wird.“? Ich hoffe nicht. Wie viele Leute aus meinem politischen Spektrum habe ich viel Hoffnung in das Parteiensystem (und einiges mehr) verloren. Aber trotzdem engagiere ich mich gesellschaftspolitisch, bin dabei einigermaßen fleißig und in diesem Rahmen auch durchaus zu Kompromissen bereit.

Statt Spaßpartei-Aktivitäten zu betreiben und dafür Ressourcen zu binden, sollen die Aktivist*innen sich lieber mal im Parlament betätigen. Die großen und deswegen kompromissbereiten  oder aber die kleinen, nicht kompromissbereiten, aber dafür eben sehr engagierten Parteien wählen, sagt Herr Kaul. Indirekt wirft er uns sogar vor, nicht genug gegen brennende Flüchtlingheime zu tun. Er scheint anzunehmen, dass beispielsweise ein Kreuz bei den Grünen zu weniger Brandanschlägen führen würde.

Ich glaube das aber schlicht nicht. Ich habe größte Sympathien für die ganzen Irren und nicht ganz so Irren in den Kleinparteien. Vielleicht wähle ich sogar die Veganpartei (andere Geschichte), weil ich durchaus finde, dass diese Menschen, wie auch viele Leute, die in den etablierten Parteien mitarbeiten, tatsächlich Unterstützung und Zuspruch verdienen. Ich sehe diese Menschen nicht als meine Gegner an. Allerdings würde ich mit so einer Teilnahme an der Wahl auch zum Ausdruck bringen, oder zumindest den Schein erwecken, dass ich bis zu einem gewissen Grade daran glaube, dass das System der parlamentarischen Demokratie (noch) funktioniert. Und da bin ich mir eben nicht mehr so sicher.

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Re-Post: Wahlplakate-Spotting in Köln-Ehrenfeld

Vorweg: Findet Ihr auch, dass Wahlkampf ist, aber so richtig danach anfühlen tut es sich nicht? Immer wieder mal tauchen unmotiviert ein paar Wahlplakate auf, aber auch nicht zu massiv. Natürlich sollte sich die SPD, die, wie ich gehört habe, sollen es 17 Millionen sein, Wahlkampf-Euro sparen und lieber für noch bittere Zeiten aufheben. AfD-Plakate gibt es hier, wo ich mich herumtreibe keine, dafür viele der wackeren MLPD. Wenn ich mir so diese Wahlplakate anschaue, dann gilt immer noch, was ich mal zur Europawahl schrieb und deswegen poste ich diesen Artikel einfach noch mal.

Heute war ich mit dem befreundeten Onkel zur Wahlplakate-Schau auf der Venloer Straße unterwegs. (Neben den Europawahlen sind in Köln auch Kommunalwahlen geplant). Dass zeitgenössische Wahlplakate verstörend beliebig und gestalterisch verhunzt sind, hat sich bereits herumgesprochen. Ein näherer Blick lohnt sich trotzdem: Parteienwerbung ist schrecklich, aber es gibt durchaus Unterschiede.

Wahlplakate und ihre Slogans sind ein Eldorado für Hobbypolitologinnen. Sie lassen sich auf viele Arten und Weisen klassifizieren. Die folgenden Ausführungen eignen sich übrigens auch als Quiz, zu den jeweiligen Slogans kann die zugehörige Partei geraten und durch Klick überprüft werden.

Recht naheliegend ist eine Einteilung in die Kategorien „konkrete politische Forderungen vs. völlig beliebige Phrasen“. In Gruppe eins fallen zum Beispiel „Fahrscheinlos statt planlos„, „Mehr Kitas und Gesamtschulen für Köln„, „Ein Freund für ein gutes Radwegnetz“ oder „Erzeugerpreise rauf – Lebensmittelpreise runter„. Hier handelt es sich um klare Forderungen, deren Erfüllung (oder zumindest Bemühen um eine solche) am Ende der Wahlperiode einfach zu überprüfen sein wird. Wesentlich schwerer ist das in der zweiten Gruppe: „Wir können Köln!„, „Einfach mobil„, „Damit es gerecht zugeht“ oder „Mitreden, Mitdenken, Mitmachen!“ sind schöne Beispiele. Der Grad der Allgemeinplatzhaftigkeit solcher Forderungen kann überprüft werden, in dem sie in ihr Gegenteil verkehrt werden: „Damit es ungerechter zugeht“, „Bezahlbarer Wohnraum nirgendwo in Köln“ oder „Mit Köln wissen wir nichts anzufangen“, würde keine Partei je postulieren. Eine verwandte Kategorisierung lautet: „sich ranwanzen an alle Kölner vs. Forderungen aufstellen, die voraussichtlich bei erheblichen Teilen der Wähler nicht so gut ankommen werden“. Gewinner in Gruppe eins sind beispielsweise: „Mehr Raum für unsere Pänz“ oder „Gelebte Nähe im Veedel„. Schöne Beispiele für Gruppe zwei sind das unvergleichliche „Rebellion gegen die EU ist gerechtfertigt“ oder aber auch „Weniger Kriminalität in Köln – Legalize it„, was gerade bei konservativen Mitbürgern nur bedingt mehrheitsfähig ist. Eine hohe Prävalenz in dem von mir untersuchten örtlichen Ausschnitt weist auch die Untergruppe „Versuchtes Einschmeicheln bei der Damenwelt, welches aufgrund mangelnder Expertise und/oder Glaubwürdigkeit aber fehlgeht“ auf. Hier weiß „Für die Befreiung der Frau“ zu gefallen. Wer ist „die Frau“, die da „befreit“ werden soll. Das sind Fragen, die wohl nur sehr schwer zu beantworten sein werden und eine geringe weibliche Beteiligung bei der Plakatkonzeption vermuten lassen. Ganz ähnlich, hier schlägt es sich in der visuellen Umsetzung nieder,  der Slogan „Erfolgreich im Beruf und mehr Zeit für die Familie„, wo sich auf dem Plakat, in Abwesenheit jeglicher Frauen, natürlich die zwei Alpha-Männchen der werbenden Partei über diese wichtige Aufgabe Gedanken machen. Die CDU scheitert dann mit „Kinder? Job? Beides!“ zumindest an denen, die sich noch an die nicht allzulang zurückliegende Einführung des Betreuungsgeldes erinnern.

Abschließend sei noch meine persönlich favorisierte Plakatkategorie genannt: „Kuhschnauze ragt so unmotiviert deplaziert und perspektivisch verzerrt aus ihrem Rahmen, dass eine Abgrenzung zwischen voll daneben und interessanter Kunst gar nicht so einfach ist.

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Der Hund, der Katze hieß

Ich wache nachts auf, weil ich Pipi muss. Oh, Mist, erinnere ich mich, stimmt, beim Zelten muss man nachts zum Verrichten der Notdurft die Wohnung verlassen. In meiner großen Camping-Vorfreude hatte ich die damit einhergehenden kleinen Unannehmlichkeiten völlig ausgeblendet. Ich steige in meine Schuhe und laufe zu den glücklicherweise nahe gelegenen, sauberen Toiletten. Kalt ist es auch nicht.

Das nächste Mal wache ich durch ein Streitgespräch eines Poly-Pärchens aus einem benachbarten Zelt auf. Sie diskutieren akute Beziehungsprobleme. Sie findet, er nehme keine, gar keine, Rücksicht auf ihre Bedürfnisse. Er findet das ungerecht, schildert reflektiert seine eigenen Verfehlungen („ich weiß, dass ich nicht drauf klar komme, wenn Du was mit anderen hast“) und versichert, dass er an sich arbeite. Sie verstehe ich leider nur schwach, daher ist nicht feststellbar, was der genaue Anlass des Streits war. Auch wenn mir schmerzhaft bewusst wird, dass ein weiteres Minus beim Zelten darin besteht, aufgrund dünner Wände die umgebende nächtliche Geräuschkulisse oft intensiver als zu Hause wahrnehmen zu müssen, bin ich ganz vergnügt. „Wer aufs Antifa-Camp fährt, darf sich nicht wundern, wenn sie_er* nachts durch die Austragung von Konflikten geweckt wird, die aus polyamoren Beziehungskonstellationen resultieren.“, sage ich zu mir selbst. Außerdem denke ich, dass das ja auch eine schöne Anekdote für den befreundeten Onkel ergibt. Leider weint und schluchzt die Frau zunehmend so bitterlich, dass meine Erheiterung unangemessen wird und schwindet. Ich schlafe wieder ein.

Am nächsten morgen beim Frühstück erfahre ich von den anderen, dass die Diskussion wohl im ganzen Camp (und irgendwann Arbeiterlieder) zu hören war. Wir kichern fröhlich. „Ich hab ja nur ihn genau verstanden.“, sage ich. „Ich habe beide verstanden.“, sagt jemand anders. Bevor wir das aber vertiefen, wendet sich das Gespräch dem Thema „Biertrinken vor Moscheen zu“. Gestern hatten wir noch recht erbittert diskutiert, ob Agnostiker des Teufels sind, heute morgen ist es lustig, wie überhaupt meistens. Insgesamt finde ich das Antifa-Camp zu meiner eigenen Überraschung wunderbar. Nur durch Zufall war ich dort gelandet, da mich, wiederum aus Zufall, Menschen der Kölner Antifa gefragt hatten, ob ich dort einen Workshop zum Thema Intersektionalität abhalten wolle. Freitags morgen war ich angereist, geplant war, Freitag nachmittags wieder abzureisen. Bis ich mich dann spontan entschied, bis Samstag zu bleiben.

„Bevor Dein Workshop anfängt, ist noch Plenum, willste mit?“, fragen mich die netten Frauen, die mich vom Bahnhof abgeholt haben. „Na klar“, sage ich. Zum Glück wird auf dem Plenum nichts diskutiert, und als für nachmittags von drei bis sechs jemand für die Thekenschicht gesucht wird, melde ich mich. Der Workshop selbst läuft super, alle diskutieren konstruktiv, keine*r sagt was Blödes. „Ach Du scheiße, Maike“, fällt mir nach zehn Minuten siedendheiß ein, „Du bist hier bei der antiautoritären Antifa. Die ist ja dafür bekannt, keinen Wert auf falsche Höflichkeit zu legen. Wenns denen mit Dir nicht gefällt, gehen die gleich einfach weg.“ Aber die Leute sind freundlich, wie überhaupt alle, die ich im Folgenden noch treffen werde. Die Atmosphäre ist offener, als ich sie beispielsweise aus dem autonomen Zentrum in Köln kenne. Das Alter ist gemischt, die Frauen angenehm ungestylt, die Männer nicht zu ungeduscht. Eine sogenannte Küfa kocht leckeres veganes Essen und Damen können sich aussuchen, ob sie auf die LFTI* (Lesben-Frauen-Trans-Inter*) oder die All-Gender (Cis-Männer und alle anderen, die wollen)-Toiletten gehen wollen. Interessante Selbsterfahrung. Ich bin tatsächlich lieber auf die Klos ohne Männer gegangen, ich glaube, es kam mir vor, als würde ich bei den Herren in einen fremden Raum eindringen. Über den Zeltplatz toben der gutgelaunte, nicht-bellende Bordercollie-Mischling „Katze“ und sein kleiner Kumpel, der Dackel Kasimir und machen Hunderingkampf. Der eine von den Hunden heißt ja verwirrenderweise „Katze“, erzählen mir mehrere Leute und freuen sich. Es sind um die hundert Teilnehmende, von denen ca. ein Drittel, es ist ja selbstorganisiert, zwischendurch irgendwelche Dienste verrichtet. Sogar zum Kloputzen melden sich fünf Leute. Für die Nachtwache (Nazi-Abwehr notwendig), melden sich manche sogar ziemlich gerne, scheint mir. Vormittags und Nachmittags werden Workshops und Vorträge abgehalten. Bier verkauft die Bar erst ab vier.

Ich fühle mich auf dem Camp irgendwie frei. Ich finde es angenehm, dass sowas wie die All-Gender-Toiletten selbstverständlich zu sein scheinen. Den mit solchen Sachen ja häufig einhergehenden humorlosen Dogmatismus nehme ich nicht wahr. „Veganes Essen ist halt am einfachsten, können alle essen.“, sagen sie. Wer Fleisch grillen will, darf.

Ein Leben ohne alle halbe Stunde 1 Adorno-Witz ist möglich. Aber ich finde es zur Abwechslung sehr angenehm, mit lauter Menschen umgeben zu sein, die eher linker, engagierter und unfrisierter sind als ich. Innerlich erbaut und aufgeräumt, einen Tag später als geplant und ernsthaft in Erwägung ziehend, so schnell wie möglich einem Bakunin-Lesekreis beizutreten, fahre ich wieder nach Hause. Wo die ganze große Welt doch momentan so schrecklich scheint, war es tröstlich, mal einen Ausflug in eine kleine schöne Welt zu machen.

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Eine Alternative für diejenigen, die Berührungsängste mit der Antifa haben – Das Sommercamp der #Pferdepartei

 

 

Ich verstehe die Welt nicht mehr

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Das denke ich in letzter Zeit häufiger. Wenn ich so auf dem Fahrrad nach Hause fahre und vor mich hinsinniere, zum Beispiel. Heute las ich auf Spiegel-Online, dass sich die Studierendenschaft an us-amerikanischen Universitäten in Trump-Befürworter und Trump-Gegner aufspaltet. Meinem Weltbild zufolge dürfte es unter allen Menschen der Welt mit Hochschulzugangsberechtigung keinen einzigen geben, der Donald Trump gut findet. Ich verstehe das wirklich nicht. Wie kann jemand gleichzeitig Student und Trump-Fan sein? Ich verstehe die Welt nicht mehr, denke ich. Aber das würde bedeuten, dass ich die Welt je verstanden hätte. Denn hätte ich sie je verstanden, verstünde ich doch jetzt, warum es gekommen ist, wie es kam. Und dann verstünde ich die Welt jetzt auch. Also habe ich die Welt noch nie verstanden. Indem ich nun verstehe, dass ich die Welt noch nie verstanden habe, verstehe ich meine Welt wiederum etwas besser.

Das ist nicht neu. Das ist nur das aristotelische „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Befreiend. Aber war es wirklich Aristoteles? Oder Sokrates? Vor drei Monaten hätte ich noch gegoogelt. Den Anspruch hätte ich an mich gestellt. Nur so kommen wir weiter, dachte ich. Wir müssen uns bemühen, die Welt so gut zu erklären, wie wir können, das herauszufinden, was wir herausfinden können. Auch wenn wir wissen, dass wir nichts herausfinden können. Aber, dass wir das wissen, macht das, was wir herausfinden, wiederum ein bisschen herausfindenswerter. Das war mühsam, aber es schien mir der einzig richtige Weg zu sein.

Papperlapapp, denke ich nun. Sehr vielen Menschen, möglicherweise einer Mehrheit, ist sowas wie Logik, Kausalität, Objektivität, Reflektion, Bemühen um Genauigkeit, die Welt ergründen zu wollen ohne eigenen Vorteil dabei anzustreben und all das egal. Vielleicht war das schon immer so und schon immer eine Illusion. Egal. Das ist auf jeden Fall auch befreiend. Ist es nicht absurd, dass sich mal ganz Deutschland über ein paar hingeschummelte Fußnoten von Herrn Guttenberg aufgeregt hat? Dabei war die inkriminierte Doktorarbeit immerhin noch ein langer Text mit logisch aufeinanderfolgenden Worten, die einen Sinn ergaben. Ach die gute alte Zeit möchte man meinen, aber auch das war ja schon schrecklich.

Sehr befreiend. Ich muss auf jeden Fall weniger googeln, nur noch wenn ich wirklich selber was wissen will. Nicht mehr aus Prinzip. Aristoteles, Sokrates oder Plato, das ist mir egal. Isch kenne die alle nischt. Für die persönliche Zufriedenheit reicht mir mein gefühltes Wissen, dass alles Wesentliche bereits von diesen griechischen Brudis erdacht wurde. Und die haben ja auch nicht gegoogelt, kein Internet, nicht mal Gay-Tinder hatten sie. Trotzdem haben sie alles Wichtige schon herausgefunden. Folgen wir dieser These konsequent, ergibt sich nebenbei, dass wir doch keine Frauen brauchen (außer für die Reproduktionsarbeit, natürlich), um die Welt voranzubringen. Die gab es ja damals auch nicht. Auch die Intersektionalitätsforschung hatte es einfacher. Sowas kann ich jetzt einfach mal schreiben. Allen Quatsch schön hinschreiben. Das keinen Quatsch-Sagen erzeugt jedenfalls keinen Mehrwert.

So gesehen, ich bin befreit. Aber ich frage mich, was ich jetzt den ganzen Tag tun soll, jetzt wo der Unterschied zwischen Aristoteles und Plato oder auch Japan und China nicht mehr zählt. Ich muss ja nicht mal mehr herausfinden, ob der nun Plato oder Platon heißt. Welches Leben, welche Politik, Welche Kunst ist denn dem Ganzen angemessen? Den Rückzug ins Private habe ich ja schon angetreten, aber da ist mir dann oft langweilig, obwohl Weltuntergangsstimmung ja eigentlich befreiend und spaßfördernd ist. Wenn die Welt sowieso untergeht und nichts mehr gilt, kann gemacht werden, was gefällt. Ohne Reue. Wäre ich jünger und fitter, würde ich mehr Alkohol trinken. Manchmal denke ich, ich sollte mal zu Fuß irgendwo hingehen, ganz weit, nach Barcelona zum Beispiel. Das würde mir Spaß machen. Was die Kunst anbelangt, ist es einfach. Durch die Welt zu schlendern und zu beschreiben, was so erlebt und erfühlt wird, lohnt sich doch noch immer (hier ein Beispiel) und kann immer wieder neu erfunden werden. Das musste ja noch nie logisch sein.

 

 

Wie schießt man vorsichtig?

Irgendwie fällt mir ja zu allem nichts mehr ein. Aber immer wieder mal findet sich was Lustiges in dem ganzen Absurden. Heute auf Spiegel online zum Thema „Hamburger Polizei vertreibt Biertrinkende von der Straße“:

„Erneut fahren die Wasserwerfer vor, diesmal kommen sie aus der anderen Richtung. Die Stimmung ist angespannt. Vorsichtig schießt der Wasserwerfer in Richtung Demonstranten und vertreibt sie von der Straße. Es ist ein erstes Abtasten zwischen Gipfelgegnern und Polizei. Erst um Mitternacht beruhigt sich die Lage.“

Ich finde zu „erstem Abtasten“ passt „mit Hilfe von Wasserwerfern von der Straße vertreiben“ eigentlich nicht so richtig. Mir scheint, dass Spiegel online da entweder sehr polizeifreundlich denkt und schreibt oder sich schlicht auch keine Korrekturlesenden mehr gönnt.

 

Die Ehe für alle und wahltaktische Überlegungen

Die „Ehe für alle“ ist gar keine Ehe für alle. Bitte nennt sie ab sofort „Ehe für ein paar mehr“. Danke. Eigentlich möchte ich kurz einen anderen Gedanken anreißen. Wie es scheint, wird die Ehe für ein paar mehr jetzt doch noch in dieser Legislaturperiode beschlossen. Für die paar mehr freut mich das. Zum Beispiel im Adoptionsrecht kann das einen großen Unterschied machen und schwerwiegende Ungleichbehandlungen beheben. Aber eigentlich möchte ich auf etwas anderes hinaus. Wenn das nun beschlossen wird, letztlich das Resultat einer verzweifelten Aktion von Martin Scholz (oder so ähnlich), dann ist die AfD die letzte Partei in Deutschland, die geschlossen gegen die Ehe für paar mehr steht. Ich fürchte, dass könnte ihr viele Wählerinnen und Wähler  in die Arme treiben. Denn es gibt leider viele Menschen in Deutschland, die gegen die Ehe für ein paar mehr und überhaupt gegen eine zeitgemäße Sexualität sind. Ich finde das nicht gut, aber es ist so. Da die AfD in den Umfragen gerade Richtung 5% und vielleicht darunter sinkt, finde ich das richtig schade. Und auch wenn ich eigentlich gegen Taktiererei bin, an dieser Stelle hätte ich mit mir reden lassen. Das hätte auch noch nach der Bundestagswahl beschlossen werden können.

Ich gehe zum „Marsch der Muslime“

Streng genommen bin ich kein „Muslim“, in vielerlei Hinsicht nicht. Ehrlich gesagt, sobald mir jemand erzählt, sie_er sei religiös, glaube an Gott/Allah (das ist doch vong Logik her dieselbe „Person“?), will ich schon gar nicht mehr mit dem Menschen befreundet sein oder ihn näher kennen lernen, so albern und unsexy finde ich Religiosität (also nicht, dass ich hier jetzt mega-intolerant rüberkomme, Gläubige sind keine Unmenschen, sie stehen bei mir ungefähr auf einer Stufe mit CDU-Wählenden: irgendwas ist in der Kindheit halt schon schiefgegangen. Ich möchte auch nicht ausschließen, dass es „Gott“ gibt und ich nur zu stumpfsinnig bin, es zu erfassen. Aber, warum sind die, die „ihn“ wahrnehmen können, dann in so hoher Zahl diese komischen blassen Langweiler?). Trotzdem gehen der befreundete Onkel und ich jetzt mal zum Marsch der Muslime, d. h. der von Muslimen/muslimischen in Deutschland organisierten Demonstration gegen Terror und für Frieden. Denn: wenig geht mir mehr auf den Geist als die Forderung an „die Muslime“, sich von islamistischem Terror zu distanzieren. Zum ersten und vor allem, weil die mit Abstand meisten Opfer dieses Terrors selber muslimische Menschen sind. Aber auch, weil ich es grundsätzlich eine große Unverschämtheit finde, von irgendjemandem zu fordern, sie_er solle ich von Terrorismus distanzieren. Außer natürlich es gibt Ansatzpunkte dafür, dass jemand Terror befürwortet. Diese Forderung an „die Muslime“ ist so offensichtlich rassistisch. Von den Katholiken hat doch bis jetzt auch noch niemand gefordert, sich von Pädophilie zu distanzieren, obwohl ohne Zweifel viel mehr katholische Würdenträger Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung Minderjähriger begangen haben (was jawohl auch eine Form von Terror ist), als islamische Würdenträger terroristische Anschläge. Niemand fordert von den Protestant*innen sich  von Antisemiten zu distanzieren, obwohl der Religionsstifter zweifelsohne einer war und die Evangelen am Terror des dritten Reiches sehr eifrig und erfolgreich mitgewirkt haben. Naja egal. Um Logik und Sinn geht es ja nicht und ging es vielleicht ja noch nie. Aber muss Rassismus wirklich so unkreativ daher kommen?