Prostitution III

Der befreundete Onkel und ich streiten nach wie vor trefflich über Prostitution. Ich, beeinflusst von Stellungnahmen wie dieser, welche die existierenden Ausbeutungs- und Gewaltverhältnisse in den Fokus rücken, sympathisiere mit restriktiven Ansätzen wie der von der CSU vorgeschlagenen Mindestalter-Erhöhung auf 21. Der befreundete Onkel ist eher auf der queer-libertären Ebene, repräsentiert von Positionen wie dieser. Hier wird (unbedingt lesen!) dargelegt, dass repressive Regelungen von Prostitution, z. B. Freierstrafbarkeit, immer auch strukturelle Gewalt gegen Sexarbeiter_innen sind. Daneben wird die Vermischung bzw. Gleichsetzung der Begriffe Armuts- und Zwangsprostitution kritisiert: „Warum muss man einen abwertenden Begriff dafür schaffen, dass Menschen (nur) aus ökonomischen Gründen arbeiten?

Ermüdet von steter Debatte haben der Onkel und ich uns längst den Themen des Boulevards zugewendet. Ich so: „Bah, ekelhaft, dieser Journalist, der als Priester verkleidet in Schumis Krankenhaus eingedrungen ist, also, da würde ich mich ja lieber prostituieren, als sowas zu machen.“ Der befreundete Onkel so: „Hm, das war vielleicht ein Zwangsjournalist.“

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Prostitution II – „Bestelle Taxen immer ausdrücklich ohne Bordellwerbung“

Eigentlich wollte ich mich in meinem zweiten Blogeintrag ja nicht mehr der Prostitution, sondern dem Anprangern eines verwandten Institutes – der Ehe – widmen.

Aber mit der Prostitution ging es so interessant weiter, deswegen ein paar Nachträge.

Am Wochenende unterhielt ich mich mit einem Bekannten, der die Schwarzer-Kampgagne unterstützt. Dieser rief mir noch mal ins Gedächtnis, dass  im Rahmen der Kampagne ja nicht nur die Bestrafung von Freiern, sondern beispielsweise auch „Prävention in Deutschland und in den Herkunftsländern, sowie Hilfen zum Ausstieg für Frauen in der Prostitution sowie Schutz vor Abschiebung von Zeuginnen sowie deren Aufenthaltsrecht“ gefordert wird. Ebenso wird verlangt, dass Bordellbesitzer keine Wuchermieten mehr nehmen dürfen. In Anbetracht der Tatsache, dass, wie ich bei Maischberger lernte, der Eigentümer des Kölner Großbordells „Pascha“ 160,- Euro pro Frau pro Tag pro acht Quadratmeter Zimmer berechnet, eine wichtige Maßnahme. Wer_wem das noch nicht reicht, oder nicht schnell genug geht, die_der kann auch Taxis ohne Bordellwerbung bestellen oder weitere Anregungen umsetzen. Hm, da bin ich mir schon wieder nicht mehr ganz so sicher.

Mit meinem Anliegen, das Bewusstsein des Bekannten für die Tatsache zu schärfen, dass, wie bei Udo Gerheim nachzulesen, nicht alle Freier Schweine sind, scheiterte ich. Das Beispiel des Kunden im Rollstuhl oder mit anderen körperlichen Einschränkungen, der auf andere Weise als durch Prostituiertenbesuch keine sexuellen Kontakte erreichen kann, wurde abgeschmettert: „Was ist denn beispielsweise mit der Frau eines querschnittgelähmten oder krankheitsbedingt anderweitig in der sexuellen Funktionsfähigkeit eingeschränkten Mannes? Darf die sich jetzt auch `nen Callboy rufen?“ fragte mein Bekannter. Tja, darf sie? Vielleicht darf sie, aber die allermeisten Frauen würden es wohl nicht tun.

Als ich im Nachhinein über das Gespräch nachdachte, fühlte ich mich bösartig und oberflächlich. Könnten meine Anti-Alice-Affekte in unaufgearbeiteten Gefühlen für meinen störrischen, autoritären Opa begründet sein, während mir die Prostituierten in Wirklichkeit egal sind?

Szenenwechsel: Montagabend, Kneipe, Skatverein: Anerkannt muss werden, dass die Kampagne bewirkt hat, dass alle drüber reden. Während ich noch damit beschäftigt bin, Skat um Bier zu spielen, fangen meine Skatfreunde am Nachbartisch eine Diskussion zum Thema an. Ausgangspunkt: Skatschwester 1 belehrt die Skatbrüder 2 – 4, dass es „zu einem richtigen Mann dazu gehört, dass er mal im Puff war“. Eine sinnvolle Mitteilung, denn die Brüder fangen jetzt an, von ihren Bordellerlebnissen zu berichten:  Aus dem Ohrenwinkel bekomme ich mit, dass Skatbruder 2 bei einer Prostituierten war und drei Mal 50 Mark nachzahlen musste; die Prostituierte fand, er sei ein „anstrengender Kunde“. Skatbruder 3 fand es im Puff „irgendwie steril, wie im Krankenhaus“.  Ich glaube, er meinte nicht die Sauberkeit des Etablissements, sondern die Art des körperlichen Kontakts, interessant. Skatbruder 4 sagte, er sei noch nicht bei einer Prostituierten gewesen, habe aber auch ein Rotlicht-Erlebnis zu berichten. Was das genau war, habe ich dann aber nicht verstehen können. Skatbruder 2 war danach noch länger in der Kneipe und ich habe ihn ein bisschen ausgefragt: „Warum fand die Dich denn anstrengend?“ (die Frau kam aus Essen, hatte eine Fahrgemeinschaft mit ihrer Freundin sowie eine neunjährige Tochter und es könnte sein, dass sie nervig fand, dass er so viel gefragt hat) und „Warum musstest Du dreimal bezahlen?“ (ja, schon klar, naive Frage). „Kannst Du verstehen, dass manche Leute, das schlecht finden, wenn Männer zu Prostituierten gehen“? Lange Rede kurzer Sinn: Die respektiven Skatbrüder sind sanftmütige, nette, unmisogyne Männer, ihre Art übers Thema zu sprechen war offen, aber nicht fies, oder sonst irgendwie von Frauenhass geprägt. Sie haben sich einfach ganz normal darüber unterhalten.

Als ich nach Hause kam, war ich aufgewühlt und konnte nicht schlafen. Schnell aß ich eine Tüte Zwiebelringe und eine Tüte Erdnüsse, um mich zu beruhigen.  Währenddessen und danach fragte ich mich, warum ich denn so unruhig bin. Möglichkeit Eins: An dem Abend hab ich ärgerlicherweise knapp verpasst, in die Medaillen-Ränge der Skatliga vorzustoßen. Möglichkeit Zwei: Vielleicht ist es doch unangenehmer, kränkender und verstörender als ich dachte, dass meine Kumpel mit mir in der Kneipe sitzen und sich ganz selbstverständlich drüber unterhalten, wie sie ins Bordell gehen und mit Frauen Sex für Geld haben.

Viele Grüße

Euer Onkel Maike

Prostitution

Alice Schwarzers Manifest für ein Prostitutionsverbot hat eine breite öffentliche Diskussion zum Thema ausgelöst. Ich finde das aus mehreren Gründen begrüßenswert. Prostitution als „geschlechterspezifisch und geschlechterhierarchisch strukturiertes Herrschaftsverhältnis“ (Udo Gerheim, Zeit-Online), oder einfacher gesagt: Der Tausch Geld für Sex funktioniert nur im in Richtung von Mann zu Frau – das gäbe es in einer guten Gesellschaft nicht. Es ist daher wichtig, in einem ersten Schritt über dieses tabuisierte Thema genauer zu sprechen. Zum Beispiel, um nicht immer zu verdrängen, in was für elenden Situationen sich viele Frauen in der Prostitution aus verschiedenen Gründen in verschiedenen Formen befinden, mitten unter uns. Oder die Frage, was das eigentlich über die „heterosexuellen Normalbeziehungen“ in unserer Gesellschaft aussagt, wenn hunderttausende der männlichen Teile dieser Beziehungen heimlich in den Puff gehen. Und ausgehend von den möglichen Antworten könnte dann über die passenden Maßnahmen, diese Zustände zu ändern, diskutiert werden. Leider ist meines Erachtens Alice Schwarzers Kampagne nicht dazu geeignet, einen Beitrag zum Erreichen dieser Ziele zu leisten.

Das liegt an der verkürzten, punktuellen und unfundierten Herangehensweise. Alice ist über das gesamte Phänomen so umfangreich und abschließend empört, dass sie sich als berechtigt betrachtet, auf wissenschaftliche Recherche zu verzichten und auch grundsätzlich die Auseinandersetzung mit Positionen, die der ihren widersprechen, zu verweigern. Ich finde das nicht hilfreich. Es folgen ein paar Vorschläge zur Besserung:

Schritt eins: Zunächst könnte eine gemeinsame Tatsachengrundlage geschaffen werden. Oder es könnte zugeben werden, dass es eine ausreichende solche noch nicht gibt. Nach allem, was ich so las, ist die mangelnde Faktenbasis ein großes Problem. Wie viele prostituieren sich, in welcher Form und warum? Meines Wissens gibt es beispielsweise keine gesicherten Belege dafür, dass sich in Schweden seit Einführung der Freierstrafbarkeit die Situation der Prostituierten (insbesondere der prekarisierteren, wie den ausländerrechtlich illegalisierten oder den drogenabhängigen) gebessert hat. Eine politische Forderung sollte sein, umfangreiche empirische Erhebungen durchzuführen.

Schritt zwei: Diejenigen fragen, die sich mit den betroffenen Themengebieten auskennen, zum Beispiel die Juristinnen. Die würden erklären, dass das Strafrecht nicht die Funktion hat, missliebige gesellschaftliche Entwicklungen in gewünschte Richtungen zu lenken. Es hat auch nicht die Funktion, Menschen vor Selbstschädigung zu schützen. (Versuchter) Selbstmord und Beihilfe dazu sind in Deutschland nicht strafbar. Die Strafbarkeit von Prostitutionskunden würde mithin bedeuten, dass eine Frau sich niemals eigenverantwortlich zu einem Austausch Geld gegen Sex entscheiden könnte. 

Ein weiterer Personenkreis, der zum Thema wenig gefragt wird, sind, meiner persönlichen Empirie zufolge, Sexualwissenschaftlerinnen. Ohne dass es näher begründet wird, gilt beispielsweise der Austausch von intimem Körperkontakt in Form von Sexualität als etwas substantiell anderes, ungesunderes, als intimer Körperkontakt, der nicht sexuell konnotiert ist. Alice Schwarzer spricht immer davon, dass die Freier während des prostituiven Aktes „die Seele der Frauen anfassen“ – Woher weiß sie das? Kann es nicht sein, dass verschiedene Menschen verschiedene Sexualitäten haben und sexuelle Kontakte mit vielen verschiedenen Menschen für manche nicht ungesund sind? Die meisten Leute, die ich kenne, sind sich noch nicht mal über ihre eigene Sexualität so ganz im klaren. Woher dann Wissen über andere nehmen?

Eine weitere wenig befragte Gruppe sind Menschen, die sich im Umgang mit Suchterkrankungen auskennen. Es sollte dringend diskutiert werden, wie es sich auf den Bereich der Drogenprostitution auswirkte, wenn Drogensucht entkriminalisiert würde und die Abhängigen angemessene medizinische und psychosoziale Betreuung erhielten. Ich würde für eine Freigabe auch von „harten Drogen“ auf Rezept, zumindest für Schwerstabhängige plädieren, zu meiner aufrichtigen Verwunderung ist das noch keine sehr populäre Forderung.

Schritt drei: Eine Prise Kapitalismuskritik macht die Sache rund. Auch wenn die genauen Zahlen nicht bekannt sind, gehe ich davon aus, dass viele Frauen sich aufgrund von Armut und mangelnder anderer Perspektive prostituieren. In der EMMA ist gerade ein Interview nachzulesen, in der ein Frau berichtet, sie sei in die Prostitution eingestiegen, weil sie sich die Studiengebühren für ihre Tochter nicht mehr leisten konnte. Ich stelle mir vor, wenngleich ich es nicht belegen kann, dass der Wunsch solcherart Grundbedürfnisse zu erfüllen, häufig der Auslöser für die Entscheidung zur Prostitution ist. Sich (oder den Kindern, dem Mann) etwas zu gönnen, was anders nicht möglich wäre. Markenklamotten, Computerspiele, Kinobesuch, für die Kinder, aber auch die Raten fürs Haus, die seit frau in Hartz IV gefallen ist, nicht mehr bezahlt werden können, zum Beispiel. Auch Drogenprostitution ist Armutsprostitution oder die Arbeitsmigration in die Prostitution aus Osteuropa. In Bezug auf letztere wird übrigens häufig der folgende argumentative Fehlschluss gezogen: Seit Erlass des Prostitutionsgesetzes, 2002, habe sich die Situation der Prostituierten, die Preise, die Konkurrenzsituation zum Schlechteren gewendet. Das liegt aber nicht primär im Prostitutionsgesetz begründet, sondern in der EU-Osterweiterung und der damit einhergehenden Erleichterung für osteuropäische Menschen, in Deutschland zu arbeiten. Dass so viele von ihnen diese Möglichkeiten ergreifen, auch unter entsetzlichen Bedingungen, ist wiederum ein Armutsproblem. Armut, aber auch ein Fokus auf materielle Dinge, fördert Prostitution. Ich bin nur was, wenn ich mir was kaufen kann, aber es ist auch legitim, alles zu kaufen und zu verkaufen. Je mehr ich mir kaufen kann, desto besser bin ich. Diese Haltungen fördern Prostitution. Wer wirklich erreichen will, dass sich weniger Frauen in Deutschland prostituieren, muss an diesen Grundphänomenen etwas ändern. Für jede Frau in der Prostitution muss es eine alternative soziale Perspektive geben. Eine Möglichkeit, sich eine gute Existenzgrundlage auch auf anderem Wege zu erarbeiten. Hiervon sind wir weit entfernt.

Naja, damit hätte ich oberflächlich ein paar Punkte angerissen, die mir in der aktuellen Auseinandersetzung zu kurz kommen. Das war mir wichtig, da ich auch denke, dass es vielen Frauen in der Prostitution schlecht geht, sie teilweise immer noch von Männern ausgebeutet werden und es nicht genügend gute Ausstiegsperspektiven gibt. Eine Strafbarkeit von Freiern und die sich darum rankenden Diskurse scheinen mir jedoch der falsche Weg zu sein. Viele gute, weiterführende und verständlich geschriebene Artikel zum Thema finden sich in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 2013/09, Herausgegeben von der Bundeszentrale für Politische Aufklärung, sie kann umsonst heruntergeladen werden,  eine löbliche Sache. Dort gibt es beispielsweise ein Interview mit Kölner Sozialarbeiterinnen, die auf dem ordnungsamtlich überwachten Kölner Straßenstrich arbeiten und die einen Vergleich mit den Bedingungen zur Zeit vor der Geltung des Prostitutionsgesetzes ziehen, oder einen Artikel zu unterschiedlichen ideologischen Hintergründe in der Prostitutionsgesetzgebung in Deutschland und Schweden. Auch sehr interessant ist ein Aufsatz des Soziologen Udo Gerheim, der zu Motiven von Freiern und deren Wegen ins „Feld“ geforscht hat. Das Ende dieses Aufsatzes zitiere ich hier, weil es sehr gut die von den Kontrahentinnen der Debatte zu beantwortenden Fragen auf den Punkt bringt:

Aus Sicht des hier vorgestellten Ansatzes, die Macht vom Feld aus zu denken, müsste die Anti-Prostitutionsseite beispielsweise begründen, welche qualitative Differenz – theoretisch und politisch – zwischen der Veräußerung sexueller Dienstleistungen gegen Geld und der Veräußerung von Arbeitskraft in allgemein akzeptierten Erwerbs- und Berufsfeldern gegen Entgelt besteht (sowie vice versa für die Nachfrageseite). Die „gewerkschaftlich“ orientierte Pro-Prostitutionsseite müsste – jenseits der berechtigten Forderung nach der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiterinnen – begründen, worin der grundlegende emanzipatorische Gehalt der Subsumtion von Sexualität unter das Diktat kapitalistischer Entfremdungslogik besteht.Verkürzt gesprochen kann argumentiert werden, dass erst dadurch der Blick frei werden kann für die Frage nach einer emanzipatorischen Form der gesellschaftlichen Organisation von Sexualität und ökonomischer Reproduktion – jenseits von Macht, Herrschaft und Ausbeutung von Menschen durch Menschen.

(Udo Gerheim, Motive der männlichen Nachfrage nach käuflichem Sex, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 2013/09, S. 40 – 46).

Viele Grüße

Euer Onkel Maike