Der Zauberberg – Die vierten hundert Seiten – Powered by Kulmbacher

Die Zauberberg-Lektüre infiltriert zunehmend mein und des befreundeten Onkels Miteinander. Kaum eine Stunde verstreicht, als das nicht ein aufs Ergötz-lichste plaisierendes Bonmot durchs spätweihnachtliche Wohnzimmer schwirrt: Sach ma, die Mann-Brüder, sind die nicht quasi die Bender-Zwillinge der deutschen Literaturgeschichte?„, kräht der eine aus dem Schlafzimmer herüber, „Wohl wahr, welch possierliches Aperçu, mein Lieber!„, bekräftigt der andere – So keck und munter konversieren die Oheime sich durch den Tag.

Nun aber zum Buch, was ist passiert: Hans Castorp leidet unter rotgeränderten Augen sowie starkem Herzklopfen und hustet etwas Blut, hält sich aber weiterhin für gesund. Er versucht zu altem Rauchgenuss zurückzufinden (die wichtigste Frau in seinem Leben ist eine Zigarre namens Maria Mancini – ich fürchte, bald müssen wir über die Sache mit der latenten Homosexualität mal ausführlicher sprechen) und trinkt noch ein Bier, das oben erwähnte Kulmbacher. Ein drittes, diesmal sehr üppiges Mittagessen wird eingenommen. „Ein Löwenappetit herrschte im Gewölbe, ein Heißhunger, dem zuzusehen wohl ein Vergnügen gewesen wäre, wenn er nicht gleichzeitig auf irgendeine Weise unheimlich, ja abscheulich gewirkt hätte.“ Wir lernen neue Gäste mit blöden Namen kennen; unter anderem die weibliche Protagonistin: Klawdia Chauchat. Die Liegekur wird weitergeführt und selbst Hans fällt auf, dass es langsam vorangeht: „Gott, ist immer noch der erste Tag?“ Sein Zeitgefühl gerät durcheinander, kurz vergisst er sein Alter (vierundzwanzig, es fällt ihm dann wieder ein).

Auch setzt Hans sich mit der Frage auseinander, ob er eigentlich ins Sanatorium gehört oder nicht: „Und irgendwie muss ich ja auch markieren, dass ich nur zu Besuch bin bei Euch.“ Er überlegt abzureisen, doch als Settembrini genau das vorschlägt, verärgert es ihn. Angeregt durch den sich daneben benehmenden unheilbaren Herrn Albin, sinniert er über das „Ist der Ruf erst ruiniert-Prinzip“ – Ehre und Schande, Wie fühlt sich das Leben an, wenn es nichts mehr zu verlieren gibt?

„Hauptsächlich schien ihm, daß die Ehre bedeutende Vorteile für sich habe, aber die Schande nicht minder, ja, daß sie ihre Vorteile der letzteren geradezu grenzenloser Art seien. Und indem er sich probeweise in Herrn Albins Zustand versetzte und sich  vergegenwärtigte, wie es sein müsse, wenn man endgültig des Druckes der Ehre ledig war und auf immer die bodenlosen Vorteile der Schande genoß, erschreckt den jungen Mann ein Gefühl von wüster Süßigkeit, das sein Herz vorübergehend zu noch hastigerem Gange erregte.“

Und was macht eigentlich Thomas. Das fragt Ihr noch? Der „unheilbare Herr Albin“ und die „wüste Süßigkeit“ (süße Wüstigkeit ginge auch, und auf jeden Fall rheinländisch-genüsslich langezogen die erste Silbe im Wort betonen, z. B. in: „Die ledige Lydia fröhnte der wüsten Süßigkeit“ – Bitte einmal laut aufsagen!):

Der schnurrbartbeschreibende Schwadroneur ist uns lautmalerischerseits mal wieder nichts schuldig geblieben.

Advertisements