Ice Bucket Challenge Kritik-Kritik

Die Ice Bucket Challenge könnte man eigentlich doof finden, ne? Da hatte ich bis gestern nicht so viel drüber nachgedacht, aber Neffe immerabgelenkt hat mich sensibilisiert. Es gibt daher auch schon viel Ice Bucket Challenge Kritik. Und auch schon Ice Bucket Challenge Kritik-Kritik. Manche Menschen wollen wohl gar nichts mehr über die Ice Bucket Challenge hören, nicht mal, dass die Ice Bucket Challenge blöd ist.

Aber warum immer so negativ? Ich finde da den Approach von Cem Özdemir moderner. So tun, als würde man da mitmachen und heimlich eine eigene Agenda verfolgen. Die Ice Bucket-Öffentlichkeit raffiniert zur Promotion relevanter gesellschaftlicher Anliegen nutzen, zum Beispiel der Legalisierung von Hanf. Zur Challenge Nominierte könnten sich zum Beispiel Dinge überlegen, die zu Unrecht verboten oder tabuisiert sind oder Themen, die einfach mal breiter diskutiert werden sollten. Und dann Gegenstände, die dies repräsentieren, mit aufs Bild nehmen. Die Sachen können in den Eimer (statt Wasser) gefüllt oder auch, wie Cem Özdemirs Hanfpflanze, unauffällig neben dem Hauptgeschehen platziert werden. Wie wäre es mal, wenn der Protagonist seine Gehaltsabrechnung neben sich an die Wand hängte – Einkommensverteilung sollte transparenter gemacht werden. Wäre ich nominiert, würde ich vielleicht den Bundespräsidenten beleidigen (Zu Unrecht verboten) oder einen Kommunisten neben mich stellen – Die sieht man heute fast überhaupt nicht mehr (Ähnlich: eine Polit-Talkshow, in der sich die Gäste gegenseitig zuhören, ach, da gibts viel – Vorschläge nehme ich gerne entgegen).

Giovanni di Lorenzokritik-Kritik

Wie bitte was? Onkel Maike verteidigt diesen Schnösel? Fragt Ihr Euch gerade sicherlich. Giovanni di Lorenzo, ist das nicht der, der gerade noch dieses speichelleckerische Interview-Buch mit Herrn zu Guttenberg veröffentlicht hat? (Weswegen wir alle unser Zeit-Abo gekündigt haben würden, wenn wir eins gehabt hätten – Ach, ich wäre so gerne Inhaberin einiger hundert Zeit- und Taz-Abos, dann würde ich immer, wenn die wieder Quatsch verzapfen, einen Brief schicken: „Wegen dieses Ausfalls von Josef Joffe kündige ich zehn meiner Abos bei Ihnen!“). Giovanni di Lorenzo, dieser selbstherrliche Vollhonk, dessen bester Freund der noch selbstherrlichere Obervollhonk Helmut Schmidt ist? Ja, der. Das mit der Doppelwahl finde ich trotzdem nicht so schlimm. Im Gegenteil, das vergnügt mich. Denn erstens hat sich Giovanni damit aber mal  so dermaßen blamiert, dass es eine Freude ist. Ich glaube, der sitzt gerade zu Hause und ärgert sich sehr.  Und zweitens finde ich seinen Fehler nachvollziehbar. Ich halte es für möglich, dass mir an seiner Stelle dasselbe passiert wäre. Und zwar aufgrund der folgenden Erwägungen:

Würde man die nationalen Wahlrechtsgrundsätze unserer Verfassung anwenden, wäre ein Doppelwahlrecht Einzelner natürlich unzulässig. Das ergibt sich aus Art. 38 Absatz 1 Grundgesetz:

Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.

Entscheidend für unsere Frage ist die Gleichheit der Wahl. Das bedeutet Zählwert- und Erfolgschancengleichheit, nicht aber die Erfolgswertgleichheit der Stimmen. Das heißt, jede Stimme wird gleich gewichtet und hat die selben Chancen, sich durchzusetzen. Die Erfolgswertgleichheit ist in Deutschland vor allem durch die Fünfprozent-Hürde eingeschränkt. Die Stimmen, die für eine Partei abgegeben werden, die unter fünf Prozent erreichen, haben einen geringeren Erfolgswert (nämlich Null) als diejenigen Stimmen, die an eine Partei gehen, die diese Schwelle überschreitet. Hätte ein Mensch zwei Stimmen, dann wäre schon das Erfordernis der Zählwertgleichheit nicht erfüllt. Auf der europäischen Ebene sieht das aber schon etwas anders aus. Hier gilt das Prinzip der degressiven Proportionalität. Das heißt, dass größere Länder mehr Abgeordnete haben als kleine Länder (höchstens 96: Deutschland, mindestens 6: Malta, Zypern, Estland). Als Ausgleich haben dafür die kleineren Länder mehr Abgeordnete pro Einwohner. Malta beispielsweise hat 417.608 Einwohner und kommt damit auf  einen Abgeordneten pro 69.601 Einwohner, in Deutschland hingegen ein Abgeordneter auf 840.791 Einwohner. Das sind mehr als zehn Mal soviele. Zehn deutsche zählen also soviel wie eine maltekische Stimme. Das ist völlig in Ordnung, aber wir haben damit keine Zählwertgleichheit mehr im Vergleich der europäischen Bürger untereinander. Wenn Giovanni di Lorenzo zwei Mal wählt, hat er immer noch weniger Einfluss auf die Zusammensetzung des europäischen Parlamentes gehabt, als ein Zyprer. Vielleicht wusste er das ja und ein Doppelwahlrecht erschien ihm daher nicht so abwegig. Vielleicht wusste er darüber hinaus auch noch, dass es Länder mit Wahlpflicht gibt. Zur Europawahl verpflichtet sind zum Beispiel Belgier und Luxemburger. In Italien ist die Wahlpflicht in der Verfassung festgeschrieben, wird aber nicht durchgesetzt. Unterstellt, dass Giovanni di Lorenzo diese Sachverhalte im Hinterkopf hatte und ihm dann sowohl aus Deutschland und aus Italien Wahlbenachrichtigungen zugeschickt wurden, dann ist es doch sehr nachvollziehbar, dass er dachte, er solle an beiden Wahlen teilnehmen. Ich finde ja die Tatsache, der Zusendung der Wahlunterlagen beider Länder allein Grund zur Annahme genug, dass es damit schon seine Richtigkeit habe, gerade für uns autoritätshörige Deutsche. Können wir europäischen Bürgerinnen und Bürger etwa nicht mehr darauf vertrauen, dass unsere Behörden uns richtig informieren? (Nein, aber man kanns ja mal behaupten, wenns der eigenen Argumentation hilft).

 

 

Kevin Großkreutzkritik-Kritik

Kevin Großkreutz hat besoffen in eine Hotellobby gepinkelt. Außer mir scheint darüber niemand so richtig begeistert zu sein: Ein „Skandal“ findet Bild.de, auch die Süddeutsche berichtet, Borussia Dortmund verhängte eine Geldstrafe und Jogi rief zum ermahnenden Gespräch („Kevin, das neggschde Mal gehscht aber auf die Toilette, gell?“). Der Gescholtene selbst zeigt sich reuig und führt einen „Blackout“ als Erklärung an (ich bin mir noch unsicher, ob ich finde, dass das als Entschuldigung funktioniert). Woher der Ärger? Möglicherweise neige ja ich ein bisschen dazu, den Punkrocklifestyle zu romantisieren, aber ich finde Kevin Großkreutz toll. Einerseits wird immer über die weichgespülten presse-gecoachten Cyborg-Profis von heute gejammert. Wie in der Politik beklagen wir, dass die „echten Typen“ verschwunden seien (Mats Hummels: Hübsch, aber langweilig, Mario Götze: Nur langweilig). Bitterlich vermissen wir Mario Basler, Werner Frosch, Paul Gascoigne und Herbert Wehner auf der Höhe ihrer Kunst (und irgendwo in unseren kranken Seelen sogar Stefan Effenberg und Franz Josef Strauß). Kevin hingegen weiß den Hooligan in sich hervorzuzaubern, wenn der Anlass es gebietet. Dann beglückt er uns mit Ausfällen, die allesamt ein beachtliches poetisches Potenzial aufweisen: Mit Dönern nach Leuten werfen, vor Kameras zum Kotzen aufs Dixieklo geführt werden, öffentlich ankündigen, dass er sein Kind zur Adoption freigebe, wenn es Schalke-Fan würde und natürlich die anmutige Halbglatze zur Meisterschaft 2011. Wen das nicht ergreift, der hat kein Herz. Ich traue ihm mindestens zwei WM-Tore zu.

 

 

Nazikritik-Kritik

Alle regen sich darüber auf, dass der Ex-NPD Vorsitzende Holger Apfel eine Kneipe auf Mallorca aufgemacht hat. Alle außer mir. Was daran hat Nachrichtenwert (so z. B. Sponline hier)? Seit wann ist es ein Nazi-Charakteristikum, höflich zu Hause zu bleiben, nur weil sie das Ausland und Ausländer doof finden? Ja doch wohl gerade nicht. Daraus den Vorwurf inkonsequenten Verhaltens abzuleiten (er sagt doch Ausländer sind doof, hihi, und jetzt ist er selber im Ausland, hihi), finde ich auch ein bisschen niedlich. Seit wann zeichnen sich Nazis durch erstens rational-konsistentes Argumentieren und zweitens sich dann daran halten aus (Ein einfaches Beispiel: Die Kritik an der „entarteten Kunst“ hatte keinerlei Fundament, außerdem hat Hermann Göring sie gesammelt.)? Mein Eindruck war immer, denen geht es um was anderes.

Irritierte Grüße von Onkel Maike