Räuber flüchtet auf Damenfahrrad!

Immer wieder werden Nachrichten diesen Inhalts in regionalen und überregionalen Medien verkündet, zum Beispiel heute im Kölner Stadtanzeiger. Der Wortlaut der Schlagzeile ergibt gegugelt ca. 15.000 Treffer („Räuber flüchtet auf Herrenfahrrad“ ungefähr die Hälfte). Müssen wir uns sorgen? Zum Beispiel um die Ganovenehre von sich unstandesgemäßer Dienstfahrzeuge bedienender Delinquenten? Also, die Räuber von heute, sind auch nicht mehr das, was sie mal waren! Den Banküberfall mit Geiselnahme und zwei Toten durch Flucht auf einem ordentlichen Männermotorrad zu beenden, war früher aber Mindeststandard, mag manch einer grummeln. Der Hells Angels Ortsverein Köln-Zündorf, berichten informierte Quellen, sieht Anlass zu Beunruhigung und Kritik (was, ganz nebenbei, eine klassistische Diskriminierung von materiell benachteiligten Kriminellen  darstellt. Was ist mit denen, die sich das Geld für eine Harley erst noch erarbeiten müssen? Ja, genau so werden gesellschaftliche Ausschlüsse produziert!). Och, ganz im Gegenteil! Vermögen uns moderner gesinnte Gemüter zu trösten. Gendersensibilität und Gleichstellungsbemühungen sind nun auch zu den raueren Gesellen unter uns vorgedrungen. Diese können jetzt ihre metrosexuellen und weiblichen Persönlichkeitsanteile frei und selbstbewusst ausleben. Harter Gangster und zartes Fahrrad das geht heute so hervorragend zusammen wie familienfreundliche Arbeitsbedingungen und Bundeswehr!

So weit so gut. Allerdings könnten wir uns dem Themenkomplex auch aus diskursanalytischer Perspektive nähern und fragen, warum wir über das Damenfahrrad überhaupt informiert werden. Die berichtenswertesten Eigenschaften von Räuberinnen und Räubern scheinen Fahrradpräferenzen und Migrationshintergründe zu sein. Das wirkt auf den ersten Blick schon ziemlich politisch unkorrekt. Bei genauerer Betrachtung finden wir jedoch eine rationale Begründung: Den  Fahrradtyp zu spezifizieren und darüber zu berichten, gehört zum ordentlichen Polizei- bzw. JournalistInnenhandwerk. Eine detaillierte Beschreibung von Täterin und Täter hilft schlicht und ergreifend, diesen Menschen zu verhaften und ihn seiner Strafe zuzuführen. „Oh, da! Eine  hektische blonde Person auf dem schönen Peugeot-Rennrad! Die sieht mir aber ganz danach aus, als hätte sie gerade einen Geldautomaten geknackt!“, mag sich die wachsame Bürgerin denken. „Aber, nein, gerade las ich ja im Internet, dass der Täter ausländisch aussieht und auf einem Damenfahrrad unterwegs ist.“, macht sie sich dann klar. Ungerechtfertigte Verhaftungen können vermieden und Steuergelder gespart werden.

Die Ursache des Problems ist also vorgelagert: Wir haben es nämlich mit einem Fall von Konstruktion der binären Matrix durch geschlechtersegregierende Fahrradzuschreibungen zu tun. Ich meine das durchaus ernst: Unter „Damenfahrrad“ verstehen wir im Gegensatz zum „Herrenfahrrad“ eines, das keine Querstange hat. Querstangen weisen viele Nachteile auf, vor allem kann man und frau sich daran die Geschlechtsorgane quetschen. Penis- und hodentragende Menschen sind hier sogar gefährdeter als andere. Mit noch gravierenderen Problemen sehen sich allerdings Rockträgerinnen und Rockträger konfrontiert. Mit Minirock Herrenfahrrad zu fahren, das ist nur was für die schamloseren unter uns Damen (ich habe das, als ich noch schöne Beine und ein Herrenfahrrad hatte, durchaus gemacht). Mit anderen Worten: Das Problem liegt gar nicht an den Fahrrädern, es ist vorgelagert. Wir haben es in Wirklichkeit mit einem Fall von Konstruktion der binären Matrix durch geschlechtersegregierende Kleidung zu tun. Oh je. Ich glaube, diese Analyse hört niemals auf. Der Artikel hier aber schon.

Als ich einmal mein Fahrrad entnazifizierte

Bis vor kurzem hatte ich ein Fahrrad, das den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllte. Ab und an kicherte jemand: „Hihi, da steht ja NSU!“, aber im Grunde waren die Reaktionen minimal. Und ich dachte, das würde auf immer so bleiben. Nun, da hatte Onkel Maike allerdings die Rechnung  ohne den Kollegen Sichten gemacht, welcher jeden Missstand, der nicht bei drei auf dem Baum ist, aufdeckt, anprangert und hartnäckig auf Behebung drängt (zum ersten und letzten Mal in meinem Leben verlinke ich hier auf eine facebook-Seite). Da der tüchtige Gesell seine Spione überall hat, dauerte es nicht lange und er konnte ein Bild des Corpus Delicti auf seinem Blog veröffentlichen.

Das wollte ich dann doch nicht auf mir und dem Fahrrad sitzen lassen und schritt zur Entnazifizierung, hier dokumentiere ich das Ergebnis:

Foto 5

Hier noch die ganze Geschichte zum Nachlesen, insbesondere für diejenigen, die sich auch „fahrradpolitischkorrekt“ machen wollen:

Fahrrad0

Fahrrad2

Fahrrad3

Fahrrad4

Fahrrad5

 

Foto 5