Wenn ich der Weltherrscher wäre

Ich habe ein Spiel erfunden. Es ist eine Phantasieübung und heißt „Wenn ich der Weltherrscher wäre“. Probiert es auch aus, indem Ihr Euch vorstellt, was Ihr machen würdet, wenn Ihr alles bestimmen dürftet. Schon lange träume ich davon, facebook und das ZDF zu verbieten. Hätte ich die allumfassende Weltherrschaft inne, müssten sich noch einige weitere Institutionen warm anziehen. PKW-Verkehr in der Innenstadt – Verboten; Privatbesitz an Hand- und sonstigen Feuerwaffen – Verboten; Werbefernsehen, Massentierhaltung, Mc Donalds, Frontex, NSA, Bundeswehr, Verfassungsschutz (NPD bliebe bei mir, Meinungsfreiheit, erlaubt) – Verboten! Der befreundete Onkel schlägt vor: Abschaffung der privaten Krankenversicherung und Zusammenlegung der verbleibenden Träger. Gute Idee, machen wir. Natürlich würde nicht nur mit Verboten gearbeitet. Sachen, die ich gerne verbieten würde, mich aber nicht traue, werden mit hohen Steuern belegt (Spiegel-Online, Google, VfL Wolfsburg, Aktienhandel, Heidi Klum).

„Gehen denn da nicht zu viele Arbeitsplätze verloren?“, sorgen sich einige nun. Das stimmt, aber es entstehen ja auch neue – in der Straßenbahn- und Gemüseindustrie beispielsweise. Es würde auch weiterhin Bedarf an Personenschutz, Nachrichtendiensten und Soldaten bestehen, da gebe ich mich keinen Illusionen hin. Viele meiner Maßnahmen würden auf erbitterte Gegenwehr stoßen, ich hätte mächtige Feinde, die meinen Tod wünschten; bürgerkriegsähnliche Zustände sind wahrscheinlich (die Entwaffnung der US-Amerikaner, die Abschaffung des Berufsbeamtentums und die Gleichstellung der Frauen in Saudi Arabien werden wohl nicht ohne Gegenwehr vonstatten gehen). Schnell würde ich paranoid und müsste, wie einst Saddam Hussein, lauter Doppelgänger engagieren, die dann statt meiner Attentätern als Zielscheibe dienen könnten.

Je länger ich das Spiel spiele, desto klarer wird mir, dass die Onkel Maike-Diktatur mit ihrem klaren Konfrontationskurs und scharfen Sanktionen schnell in den dritten Weltkrieg führen würde. Die ISIS ist im Irak nur deswegen so erfolgreich, weil sie einen starken Rückhalt in der (sunnitischen) Zivilbevölkerung hat. Auch ich muss meine Strategie modifizieren und die Menschen von meinen Ideen begeistern, sonst wird das alles nix. Erste Schritte bestünden vermutlich darin, facebook und das ZDF wieder zu erlauben.

Emblematische Liebespaare der Weltgeschichte

Wenn man Menschen, die in Beziehungen leben, fragte: „Mit welchem Liebespaar der Weltgeschichte würdet Ihr Euch vergleichen?“, dann erhielten wir vermutlich so Antworten wie: Cäsar und Kleopatra, Romeo und Julia (von den Faulen, die Bücher nicht zu Ende lesen), Bonnie und Clyde, Liz Taylor und Richard Burton oder Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Jogi Löw und Hansi Flick oder Matrix (viele hören ja nicht richtig zu). Die Mutigeren denken vielleicht an Henry und June, die bildungsbürgerlich-zeitgemäßen kommen auf Jules, Jim und Catherine und die, die keinen Ruf zu verlieren haben und sich was trauen, auf Vadder Abraham und die Schlümpfe. Das Referenzpaar von meinem Freund (der sich in dieser Sekunde gerade überlegt, ob er nicht doch Schluss machen soll) und mir sind Pumuckl und Meister Eder.

Für die jüngeren unter den Lesenden: „Meister Eder und sein Pumuckl“ sind die Helden einer Romanserie von Ellis Kaut, die Anfang der 80er Jahre durch ihre Verfilmung bei deutschen Kindern große Bekanntheit erlangten. Pumuckl ist ein anarchistischer Freigeist von der Gattung der Kobolde. Er ist ungefähr 15 cm lang, hat rote Haare, trägt ein gelbes T-Shirt und eine grüne Hose. Laut Erzählung werden Kobolde, die ja im Grundsatz unsichtbar sind, sichtbar, wenn sie an Leim festkleben, der jemandem anderes gehört (nur für diesen Eigentümer – für die vielen intellektuellen Hermeneutikerinnen unter meinen Lesenden: Meister Eder ist der einzige, der Pumuckl sehen kann. „Und sie erkannten sich“, heißt es im Hohelied der Liebe – Und bedeutet: Sie liebten sich). Die Kobolde müssen dann auch bei dem Leimbesitzer wohnen bleiben. Diese unüberzeugende Einleitung führt dazu, dass der Punkrocker Pumuckl und der kleinbürgerlich-solide Schreinermeister Eder (ihm gehört der Leim) ungewollt aneinander gebunden werden. Wie erwartbar empfinden die beiden gegensätzlich gepolten Protagonisten dies zunächst als hinderlich, entdecken dann aber zunehmend die Vorteile einer solchen Konstellation. Pumuckl gerät stets in Kalamitäten, aus denen ihn Meister Eder dann, aus seinem Trott ausbrechen müssend, retten muss. Letztlich profitieren beide von dem Arrangement. Meister Eders Leben wird lebendiger und Pumuckl erlangt Stabilität und Rückhalt, die auch jeder braucht.

Das ganze geht natürlich nicht ohne Reibungen vonstatten (sonst ja auch kein Romanstoff). „Ich benötige keinen Einkaufszettel, Meister Eder!“, muss ich wiederkehrend Samstags meinen Freund anherrschen, der sich nicht vorstellen kann, dass es Menschen gibt, die ohne verwaltungsförmige Präliminarien wissen, was sie brauchen. „Jetzt gibst amoal a Ruah, Pumuckl!“ (an seinem Bayerisch muss er noch arbeiten), erwidert der Lebensabschnittsgefährte häufig, wenn ich wütend herumkrähe, weil er ein von mir gerade erfundenes Spiel nicht sofort ausprobieren will.

Ich denke, dass diese Meister Eder-Pumuckl Konstellationen häufiger sind, als Film- und Literaturgeschichte widerspiegeln. Auf den ersten Blick erscheinen die halt nicht so hip. Andererseits braucht es doch ein bisschen Chaos, um einen tanzenden Stern zu gebären. Der Stern wiederum kann ohne ein bisschen Verlässlichkeit auch nichts Sinnvolles zustande bringen. Oder?

Nachtrag: Meister Eder regt an, ich könne doch die Lesenden auffordern zu berichten, mit welchem Paar sie sich identifizieren oder weitere Beispiele beizusteuern. Gute Idee, macht mal!

Frankreicher und Österzosen

Der befreundete Onkel hat gestern beim Fußballgucken ein Spiel erfunden. Es heißt (working title): „Sich über die extrem uneinheitlichen Bezeichnungen von Ländern und deren Bewohnern in der deutschen Sprache lustig machen“ (wie gesagt, working title). Das Spiel als solches ist dafür schon ausgereift und geht ganz einfach: Man nehme beliebige Ländernamen, die die gleiche Struktur aufweisen, z. B. Frankreich/Österreich, Deutschland/Schottland, Serbien/Kolumbien und leite die jeweiligen Bezeichnungen für die Staatsangehörigen verkehrt herum ab: z. B.: Frankreicherin/Österzösin, Deutschländer/Schotter, Serbianer/Kolumbe oder auch Chinenser/Palästinese. Über das Resultat kann dann, zumindest von Leuten, die so einen Pennälerhumor haben, wie der befreundete Onkel und ich, gelacht werden. Die deutsche Sprache benimmt sich hier wirklich außerordentlich unregelmäßig, man möchte das nicht als Erwachsene lernen müssen. Arme Holle oder Spanen, die das versuchen. Apropos arme Spanen: Ist Euch auch aufgefallen, wie sehr die Länderschicksale bei der Fußballweltmeisterschaft denen in der EU gleichen? Die meisten kacken ab, nur Deutschland startet durch und droht alle niederzuwalzen, was niemandem gefällt, außer den Deutschen? Manche dürfen trotz steten Bemühens und gutem Potential gar nicht erst mitmachen (Türken). Einige treten vorzeitig aus (Engländer). Andere müssen den finanziellen und spielerischen Offenbarungseid leisten (Spaniener) oder halten sich so gerade noch im Geschehen, pfeifen aber in höchst prekärer Situation monetär und physisch aus dem letzten Loch (Italen). Naja, damit der Vergleich jetzt hunderprozentig passt, müsste der Trainer der frankreichischen Nationalelf sich bei einer außerehelichen Affaire erwischen lassen und der Spielerrat von Rechtsradikalen übernommen werden. Auch scheint die Regierung des Teams der Belgen relativ stabil und die Mannschaft nicht akut davon bedroht, sich in einen französisch- und einen hollsprachigen Teil aufzuspalten. Kann ja noch kommen, ansonsten: Ausnahmen bestätigen die Regel.