Auch mal das Positive erwähnen, nicht immer nur jammern

Habe mir bei Kaufland so niedliche kleine Schnapsfläschchen gekauft, alle möglichen Sorten, Originalsorten, Whiskey, Cognac, Pastis, Rum, alles sowas, gefüllt in Mini-Fläschen aus Bitterschokolade, finde sehr süs. Eingepackt in Aluminium, da aufgedruckt die Originallabels – wie in 1 Alkoholikerpuppenstube. Womit trinkst Du Dir eine desaströse politische Zukunft schön? – Algrokol!

snäpse

 

 

 

 

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Alles scheise

Eigentlich wollte ich heute noch mehr über die SPD und darüber, dass eine erneute Groko in ihren Untergang führen würde, schreiben. Ich hatte ausführlich gegrübelt, wie die Sprache von Martin Schulz am treffendesten zu charakterisieren wäre. „Ich kann Martin Schulz nicht mehr hören.“, wollte ich sagen. Das ist wirklich so, ich kann ihn nicht mehr hören. Er macht mich aggressiv. Gut dressiertes Lehrerkind, das ich bin (da fällt mir ein, dass geplant war, diesen Post in vong-Sprache zu verfassen, formales Stilmittel, um die Egalheit allen Strebens zu illustrieren, aber das Über ich hat noch gewisse Kontrolle), also, gut dressiertes Lehrerkind, das ich bin (vong Bemühung um präzise Sprache her), wollte ich beschreiben, was das Besondere an Martin Schulz‘ Sprachduktus ausmacht. Gar nicht einfach #fürSiegetestet. „Martin Schulz hat ja eine ganz eigene Sprache.“ wollte ich sagen: „Ein warmer, leichter rheinischer Singsang, etwas nasal und immer emotional aufgeladen; stets schwingt die Möglichkeit mit, die Stimme könnte brechen und ins Weinen gleiten, weil das sozialdemokratische Herz vor Sorge über die Mühsal des kleinen Mannes bald überquillt.“ Zu viele Adjektive, aber sie stimmen alle. „Martin redet viel, sagt dabei jedoch, der Kanzlerin darin gleich, meistens wenig, zumindest nichts Konkretes.“, hätte ich angefügt.

Daran anschließend wollte ich darlegen, in was für eine auswegslose Situation Martin die SPD manövriert hat (wie passt der Titel „Tod eines Koalitionverhandlungssreisenden“?) und, dass es mit der SPD nach der nächten Groko endgültig vorbei sein wird , was wiederum auch egal wäre, wenn es eine andere sozialdemokratische Kraft gäbe (und nicht nur diese Nationalsozialdemokrat*innen um Wagenknecht/Lafontaine, die ja noch viel schlimmer als alles andere sind), welche die dann entstehende Lücke ausfüllen könnte.

Das war so die Gedankenlage bis heute morgen. Da machte mich Mrs. Columbo auf einige Spiegel-Artikel aufmerksam. Zum einen war zu lesen, dass die deutsche Regierung die Beschränkungen von Waffenexporten in die Türkei  aufheben will und außerdem, dass die türkische Armee jetzt kurdische Dörfer in Syrien angreift. Es ist so deprimierend. Zwar lassen sich aus den Berichten keine direkten Kausalzusammenhänge zwischen den konkreten Panzerdeals und aktuellen Militäroperationen ableiten. Sie stützen aber durchaus die Beobachtung, dass unsere Regierung, unter Mitwirkung von SPD-Außenminister Gabriel (laut letztem ZDF Politbarometer der beliebteste Politiker der Republik) grundsätzlich eine Politik „gestaltet“ die zu mehr Krieg, Tod und Flucht führt und nicht zu weniger. Eine klare Abgrenzung zu Erdogan und seinem Regime wäre in dieser Situation das Mindeste. Stattdessen lassen sich die bürgerlichen Parteien (rühmliche Ausnahme hier: die Grünen) von der AfD in der Flüchtlingsdebatte vor sich her treiben, vereinbaren de facto Aussetzungen des Familiennachzuges und scheinen kein wichtigeres Problem zu kennen als die Altersfeststellung bei Minderjährigen. Das ist alles so widerlich und die Frage, ob Groko oder No Groko scheint in diesem Lichte doch sehr nebensächlich.

SPD – Was soll der Quatsch?

Vielleicht hat der liebe Gott die SPD ja genau aus dem Grunde erschaffen, damit sie uns immer wieder enttäuscht. Auch wir sollen erfahren, wie Sisyphos oder auch Prometheus ihre Existenz empfunden haben. Immer wieder derselbe Scheiß (der Stein rollt wieder runter, der Adler kommt und frisst unsere Leber, immer wieder wird unsere Hoffnung in die sozialdemokratischen Idee verraten). Es hört nie auf.

Immer wieder dasselbe Elend, dieselben Muster, die trotz seit 100 Jahren andauernder Psychoanalyse nicht durchbrochen werden können: Das ist eine der Grunddialektiken des Lebens, Fortschritt und Stillstand nebeneinander, Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück, das wusste schon Lenin. Wir stehen auf, fallen hin, stehen wieder auf, es wiederholt sich und dann sterben wir. Das ist einer der ewigen Schmerzen des Daseins. Unser Schimpfen über die SPD dient hierbei auch als Katharsis und der Externalisierung dieses Paradoxons. Es hilft dabei, wieder anzufangen und loszuschieben, wieder dieselben Schmerzen auszuhalten und wieder aufzustehen, obwohl wir eigentlich wissen, dass wir früher oder später wieder hinfallen. So hoffnungslos das ganze Unterfangen ist, besser als die SPD werden wir das allemal bewältigen.

So wie Jesus für unsere Sünden am Kreuz gestorben ist, begeht die SPD immer wieder stellvertretend den Verrat an der Hoffnung, die Zerstörung der guten Möglichkeiten. In der Spiegel-Langzeit-Reportage von Markus Feldenkirchen ist es nachzulesen. Wie Jesus auf dem Weg nach Golgata, quälte sich Martin Schulz durch einen einsamen, zähen, von Anfang an zum Tode verurteilten Bundestagswahlkampf.

Aber trotzdem, SPD, was soll der Quatsch? Hättet Ihr Euch nicht ein bisschen teurer verkaufen können? Ich bitte Euch, die Rückkehr zur Parität bei den Beiträgen zur Krankenversicherung? Dagegen ist nichts zu sagen. Ihr müsst nur auf die Geschichtsvergessenheit der Wählenden hoffen, die sich vielleicht sonst daran erinnern, dass Du selber es warst, die das damals abgeschafft hat.

In der Sondierungsvereinbarung habt Ihr einiges an humanistischen Potentialen drangegeben: Zum Beispiel weitestgehend den Familiennachzug, den Traum von einem einem etwas gerechteren Steuersystem oder die Idee der Bürgerversicherung. Dafür habt Ihr erschreckend wenig Gutes eingetauscht. „Das Recht auf Rückkehr aus Teilzeit“, das war schon immer so ein alberner Unfug, SPD. Im öffentlichen Dienst gibt es das längst und auch das Elternzeitgesetz ermöglicht allen weiteren Arbeitnehmenden zumindest für einen Zeitraum von drei Jahren (fast) äquivalente Rechte . Aber egal. Vielleicht fällt das ja niemandem auf.

Aber richtig schlimm finde ich die beschlossene Erhöhung des Kindergeldes. Das Kindergeld ist sowieso eine der fehlkonstuiertesten Sozialleistungen, die man sich überhaupt ausdenken kann. Ungefähr 40 Milliarden Euro (Zahlen von 2013, bei sinkenden Geburtenraten kann das inzwischen weniger sein) gibt der Staat jährlich dafür aus (ca. 200 Euro pro Kind/Monat). Das alleine geht ja noch. Allerdings wäre es bestimmt klüger, diese hohen Summen nicht an die Eltern zu überweisen, sondern zumindest Teile davon ohne Umweg direkt in Strukturen zu investieren, die dann den Kindern auch wirklich zu Gute kommen. Was ich daneben aber noch viel himmelschreiend ärgerlicher finde, ist, dass für ALLE Kinder, egal, wie wohlhabend die Eltern sind, Kindergeld in annähernd gleicher Höhe gezahlt wird. Ich wäre hier doch sehr für eine Progression. Und übrigens: Hatte ich gesagt ALLE Kinder, ach nein. Für die Kinder, die es am dringendsten bräuchten, die nämlich, deren Eltern, Hartz IV beziehen,  wird es nicht gezahlt. Das ist doch nicht sozialdemokratisch. Hier hätte doch mal ein Ansatzpunkt für eine etwas gerechtere Verteilung von Ressourcen gelegen. Aber nein. Und vielleicht merkt es ja keiner. Aber ich fürchte ja doch.

Und das ist ein weiteres Problem. SPD, Du bist so scheiße. Aber die Welt braucht Euch trotzdem (siehe oben und immer noch werden in Eurer Partei vereinzelt Sozialdemokrat*innen gesichtet). Wenn Ihr jetzt noch mal vier Jahre Groko macht und nicht langsam mal anfangt, ein sozialdemokratisches Profil für Eure Partei auszuprägen, wird es böse enden. Dann bekommt Ihr zur nächsten Bundestagswahl noch weniger Stimmen als zur letzten und, wenns ganz schlecht läuft, auch weniger als die AfD. Ich glaube daher, dass Ihr lieber eine Minderheitenregierung hättet tolerieren oder tatsächlich Neuwahlen riskieren sollen und hoffe auf eine widerständige Parteibasis.

 

Mitmach-Wochen bei Onkel Maike! Heute: Sachen erfinden

Liebe Nichten und Neffen,

ich melde mich aus dem Winterschlaf zurück und rufe Euch hiermit zum Mitmachen auf:

Unser heutiges Thema ist das „Sachen erfinden“. Ich gehöre zu den Menschen, die schon viele Dinge erfunden haben. Meistens handelt es sich dabei um Wortspiele sowie Kochrezepte und manchmal auch um Gesetzesinitiatven mit dem Ziel der Förderung eines gedeihlicheren und gerechteren Zusammenlebens aller.

Das Genre „Erfindungen“ lässt sich vielfältig kategorisieren. In meinem Fall ist besonders praxisrelevant die Differenzierung zwischen „Sachen die vorher schon mal jemand erfunden hat“ und „Sachen, die noch nicht vorher erfunden worden sind“.

Zur ersten Gruppe gehört beispielsweise das alkoholische Erfrischungsmixgetränk „Rharbarbier“, die Verteidigungsministerinnendenomination „Frisursula“ oder die Beschimpfung „Alte Naive für Deutschland“. Google sei Dank lässt sich eine etwaige bereits bestehende Existenz des erfundenen Gegenstands in Windeseile überprüfen. So kann unverzüglich die Enttäuschung verarbeitet und ein überflüssiger Gang zum Patentamt vermieden werden.

In der zweiten Gruppe befindet sich zum Beispiel die Kuchenspezialität: „Melonenkäsekuchen“ oder das „Gesetz über das sofortige Verbot von Facebook, dem ZDF und Heidi Klum“

Bei meinen Erfindungen der zweiten Kategorie stellt sich in der Betaphase regelmäßig heraus, dass es kein Zufall ist, dass sie noch nicht erfunden wurden. Denn sie funktionieren schlecht und sind nicht, wie gute Erfindungen, dazu geeignet, das Leben der Menschen zu vereinfachen und zu verschönern. Der Melonenkäsekuchen war beispielsweise nicht lecker (komischerweise, man stellt sich das doch gut vor, oder?). In meiner Enttäuschung über das bereits erfundene „Rharbarbier“ erfand und testete ich ausgiebig zum Troste, den „Rharbarsekt“. Letzteren (zumindest unter der Bezeichnung), gibt es noch nicht. Er schmeckt aber auch nicht besonders gut (wobei, wenn ich Rharbarberlimonade statt Rharbarbersaft nähme? Kurze Unterbrechung.). Ein Facebookverbot würde uns, das ergibt sich nach kurzer gedanklicher Prüfung, schnurstracks in einen Bürgerkrieg führen. (Man betrachte nur die aktuellen Tumulte um das wesentlich weniger eingriffsintensive NetzDG).

„Ich erfinde fast immer nur Sachen, die es schon gibt“, sage ich selbstkritisch zu Mrs. Columbo. „Das spricht doch aber für die Qualität der Erfindungen“, tröstet sie mich. Das stimmt zwar, aber reich wird man so natürlich nicht.

Meine Frage nun an Euch, Nichten und Neffen: Was habt Ihr schon erfunden? Erzählt mir alles: Bereits Erfundenes, zu früh Erfundenes, schlechtes, noch nicht Erfundenes und was Euch sonst noch einfällt. Habt Ihr vielleicht mal das Internet, das Handy, eine Möglichkeit, in einer Woche bemannt zum Mars zu reisen, eine neue Hunde- oder Kuchenrasse, Sprache, Sexualpraktik, Biersorte, die nicht dick macht,  oder eine Religion, ein Gesellschaftsspiel, eine Fernsehserie oder Ähnliches erfunden und die Umsetzung scheiterte nur an den technischen Möglichkeiten, der Finanzierung, einer falschen Produktbezeichnung (ich sage nur: „Arsch vom Knorpelfisch“). Oder es fehlten einfach Menschen, die an Euch und Eure Visionen geglaubt haben? Hat Euch mal ein Kompagnon oder der russische Geheimdienst um eine Idee betrogen? Habt Ihr schon mal was Tolles erfunden und keiner hat es zu würdigen gewusst (so wie ich beispielsweise letzte Woche die saulustige Redewendung „Impfluenzer“)? Teilt Eure Erfahrungen mit mir, erfindet was! Ich freue mich über wirklich jede Antwort!

Winternachten

Bis jetzt ist Winternachten schön. Da wir im Dezember viel krank und beschäftigt waren, verlief alles holprig und improvisiert. Wir kamen erst „recht spät“ dazu, uns um einen Tannenbaum zu kümmern und mussten einen vom Müll klauen. Das klägliche Gewächs erinnert an ein sterbendes/gestorbenes Huhn, aber wir haben es nur um so lieber. Die zu Winternachten grundsätzlich fragile partnerschaftliche Harmonie ist intakt („Du bist so nett, muss ich bald sterben?“). Leider schaffte ich es nicht, dem Manne ein Geschenk zu besorgen. Sein Geschenk für mich ist dafür um so begeisterungwürdiger. Da ich ebenfalls versäumt hatte, mir Festtagsspirituosen zu kaufen, musste ich gestern den Kochwhiskey trinken und heute nichts, beides gut. Wir lungern auf dem Sofa und im Internet herum, kochen, schauen Filme und sind vergnügt.

 

 

 

Glitzerkommunismus

Immer, wenn ich in einem Laden bin, spüre ich meinen Hass auf den Kapitalismus. „Kapitalismus ist so scheiße“, rufe ich innerlich oder auch äußerlich, weil mich der ganze Überfluss und Prüll so anstrengt. „Lieber Supermarkt,“ („Lieber“ natürlich passiv-aggressiv, sarkastisch-ironisch gemeint), sage ich in Gedanken zum jeweiligen Kaufmannsladen: „Diese ganze Dreckscheiße, die Du hier verkaufen willst, die brauche ich nicht. Für wie doof hältst Du mich, dass ich denke, ich bräuchte „Männersalami!“ (wobei, die vielleicht gerade noch, kann ich aus Scherz dem Boyfriend schenken) oder Schnaps in kleinen Flaschen, wenn ich Schnaps will, kaufe ich eine große Flasche, der wird nicht schlecht (wobei, diese kleinen grünen Waldmeisterschnapsflaschen im Rewe finde ich putzig), oder zum Beispiel eine Pizzaschere (die braucht nun wirklich keiner, unter keinen Umständen) und was noch für eine Vielfalt von Mist, denn ihr da auffahrt.“. Es macht mich immer wütend, wenn ich denke, dass Leute (oder Supermärkte) mich für blöder halten, als ich bin.

So zetere ich dann, an der Kasse, wo ich meistens den Gipfel meiner Erschöpfung und damit auch des Kapitalismus-Hasses erreiche, vor mich hin. Bis dann mein Blick in den Einkaufswagen und die schönen, mintgrünen Weihnachtsbaumkügelchen für 6,99 Euro fällt, die ich nicht brauche, aber nicht widerstehen konnte zu kaufen. „Hui, sind die Weihnachtskügelchen aber schön“, freue ich mich. Und stelle mir vor, dass es im Kommunismus nicht so viel überflüssigen Glitzerkram zu kaufen gäbe (ich, als kommunistische Herrscherin, würde das zumindest erstmal verbieten, bis alle auf der Welt genug zu essen hätten). Und, dass das schon schade wäre. Vielleicht wäre ja ein Kommunismus mit viel Glitzer möglich und mir fehlt nur noch die Einfallskraft, mir das vorzustellen. Kann ja noch kommen.

 

supermarkt

Jamaikagedöns

Ein paar Anmerkungen zu „Jamaika“:

Ich finde die Jamaikaverhandlungen und das Drumherum aus verschiedenen Gründen sehr unterhaltsam.

Zum Ersten (sehr kontrovers): Ich finde alle, noch so doofen, Jamaika-Wortspiele, selbst, wenn sie von Alexander Dobrindt kommen, geil. Wir sind Deutschland, wir sind hölzern und unkreativ und machen eigentlich gar keine Wortwitze: Eure Metaphern sind ein hässlicher Tanker auf dem Weg zu einer Insel, wo es nicht lustig ist, aber irgendein Schiff ist besser als gar kein Schiff.

Zum Zweiten: Ich finde die Vorgänge aus demokratie- oder auch spieltheoretischer Sicht ausgesprochen interessant (Liebe Mitarbeitende von „Phoenix“ und diese langweiligen Politikprofessoren, die ihr immer interviewt (Warum sind das eigentlich immer nur Männer), da könntet Ihr viel mehr rausholen).

Zu allererst möchte ich sagen, dass ich aufrichtig fassungslos darüber bin, dass der Beginn dieser Verhandlungen drei Wochen verzögert wurde, um die Wahlen in Niedersachsen abzuwarten. Von mir ein sehr deutliches WATZEFACK ist in Euren Köpfen los, liebe Leute, die das entschieden haben? Wer mich fragte: Was ist der optimalste Weg bei den Wählenden Politikverdrossenheit und Misstrauen in die politisch Verantwortlichen zu erzeugen? Dann würde ich antworten: Genau das! Verschiebt einfach aus Euren persönlichen Machtinteressen die Bildung einer Regierung. Die Jamaikasondierungen als solche sind doch demokratische Prozesse, in denen die Beteiligten ihre Positionen austauschen, ausfeilen, bewerten, Schwerpunkte setzen, Profile schärfen und so weiter. Sie hätten doch die Wahlentscheidung der Menschen in Niedersachsen nicht negativ beeinflusst, sondern höchstens informierter gemacht.

symbolbildjamaika

 

Was die Konstellation der Beteiligten und die Sondierungen als solche anbelangt: Die finde ich einfach nur politisch spannend, so spannend war lange nichts mehr. Einerseits halte ich die Akteur*innen in guter vulgärsozialistischer Manier, für korrupte, ausschließlich von individuellen Macht- und Prestigeinteressen getriebene egoistische Subjekte. Andererseits vertreten diese Subjekte aber die durchaus nicht nur egoistischen Interessen ihrer Wählenden (Bestes Beispiel: Familiennachzug). Kathrin Göring-Göbbels mag der Familiennachzug egal sein (womit ich ihr vermutlich sogar Unrecht tue), aber ihren Wählenden ist der eben überhaupt nicht egal. Horst Seehofer mag selber gar kein garstiger Rassist sein, seine Wählenden, und vor allem seine zur AfD abgewanderten ihn neuerdings nicht mehr ihn Wählenden, aber schon.

In diesen Sondierungsverhandlungen treffen also tatsächlich existierende konträre politische Positionen, die mit einander in den Einklang gebracht werden müssen, aufeinander. Durch die Beteiligung von Grünen und CSU sind eben auch noch Reste von tatsächlich existierenden politischen Positionen und Werten involviert. Neben Scheinproblemen wie der „Migrationsfrage“ werden auch relevante Fragen, insbesondere die Energiepolitik verhandelt. So sehr ich vielleicht die FDP hasse (sehr), so repräsentiert sie aber die Bevölkerungsteile, die leider erheblich sind, die eben keinen Kohleausstieg wollen. Wenn die Ergebnisse nicht vorhersehbar so unzureichend und traurig wären, könnte ich das mit noch mehr Vergnügen spannend finden.

Rein abstrakt spannend finde ich auch die Frage, wer sich womit durchsetzen wird. Die Verhandelnden sind meines Erachtens (keine originelle Haltung) zum Erfolg verdammt. Da Merkel keine Minderheitsregierung will (was möglicherweise das Sinnvollste wäre), würde ein Scheitern zu Neuwahlen führen. Neuwahlen würden aber, ich meine mit hunderprozentiger Wahrscheinlichkeit, keine anderen Mehrheitsverhältnisse erzeugen. Die AfD, möglicherweise auch die Linkspartei würden voraussichtlich Zuwächse verzeichnen, aber doch nicht in Ausmaßen, die andere Koalitionsoptionen begründeten. Daher bleibt den Sondierer*innen  nichts anderes übrig, als sich zu einigen und eine Regierungsbildung ist sehr wahrscheinlich.

Gleichzeitig, und das vergnügt mich jetzt schon, kann ich mir gut vorstellen, dass es beispielsweise weder den Anhänger*innen der CSU noch denjenigen der Grünen gefallen wird, was ihre Repräsentantinnen für sie verhandelt haben werden. Die Ergebnisse und die darauf basierende Regierung werden nachhaltige Auswirkungen auf die daran beteiligten Parteien (nicht auf die FDP, denen und ihren Anhängern ist letztlich alles scheißegal) haben. Die letzten Linken, aufrechte Ökos und viele Rechte werden sich aufgrund für sie inakzeptabler Kompromisse möglicherweise von ihren Parteien abwenden. Welchen Grund soll ich als umweltbewusster Mensch noch haben, die Grünen zu wählen, wenn sie keine hinreichenden Maßnahmen zum Klimaschutz durchsetzen?