Pompeji

Grundsätzlich interessiere ich mich für so Antikgedöns nicht sonderlich, aber Pompeji kann ich empfehlen – Aristoteles in: Lonely Planet, „Neapel und Amalfiküste“

Schon der große arabische Historiker des Mittelalters, Ibn Battuta, (oder war es Ibn Kaldoun) wusste, dass es beim Reisen einen Unterschied macht, ob wir eine uns unbekannte Stadt auf dem Kamel oder zu Fuß durchqueren . Wenn sich die Perspektive verändert, sehen wir andere Sachen.

Genauso ist es heute natürlich auch noch. Es ist anders, wenn wir mit dem Zug fahren, fliegen oder zu Fuß gehen. Wenn ich viel Geld ausgebe, lerne ich andere Leute kennen, als wenn ich wenig Geld ausgebe und so weiter. In Vor-Coronazeiten wäre ich nach Pompeji einfach mit dem Vorortzug gefahren und hätte mich dann vor Ort alleine durchgeschlagen. Post/Durante-Corona, sag ich mir „gönn Dir“ und buchte einfach einen Kleingruppenausflug mit Bustransport vom Hotel und Führung in Pompeji.

Morgens um acht, vor dem Hotel auf den Shuttlebus wartend, schloss ich schnell Bekanntschaft mit einem meiner Reisegruppenkollegen, einem plauderigen, netten Herren aus Luxemburg. Er hatte bereits eine siebentägigen Aufenthalt in Sorrento mit Ausflügen hinter sich. In seiner Reisgruppe waren außer ihm nur Amerikaner*innen gewesen und mit denen hatte er sich nicht so gut verstanden. Meine Haltung zu Neapel teilte er (sehr schön, wie alles in Italien, nicht maximal ordentlich aber warm, bunt und freundlich). Er sprach Englisch, Deutsch und Französisch, alles richtig gut, so wir uns das bei Personen aus Luxemburg ja auch vorstellen. Im Laufe des Auflugs kam ich zu dem Schluss dass er schon ein wenig zum Mansplainen neigte, aber wir wollen da nicht so streng sein. Als Alleinreisende bin ich für nette Begegnungen mit freundlichen Schwätzchen sehr dankbar.

Was Pompeji anbelangt, so kann ich mich Aristoteles nur anschließen. Ich interessiere mich nicht für Antikkram und habe auch nicht vor, damit anzufangen. Pompeji jedoch ist atemberaubend. Wenn ich mich dort so umschaue zieht es mir ein wenig in der Brust, so schön ist es.

Bring your cat to work-day in Naples

Neapel ist, wie alles in Italien, sehr schön. Enge Straßen, bunte Häuser, sogar die Graffitis sind freundlich, alle gehen auf der Straße, weil die Bürgersteige zu schmal sind, dazwischen Autos und Mopeds, Dreck, zum Teil runtergerockt, aber zwischendurch fein Erlesenes, vom Törtchen bis zur Kathedrale. Männergruppen stehen und sitzen auf der Straße, kakeln, schnattern laut, aber nicht aggressiv.
Die Architektur zeugt von einem Baurecht im besten wirtschaftsliberalen Sinne. Christian Lindner würde es mögen: Alles ist erlaubt und wenn mal wer dran stirbt, ist es voraussichtlich kein Reicher. Zwar liegt Müll rum, aber nicht nach dem Motto „Müllabfuhr streikt“, sondern eher „Müllabfuhr kommt regelmäßig, aber nicht so oft“. Die vielen Tonnen fügen sich optisch ins bunte Gesamtbild ein.

Vor der sprichwörtlichen neapolitanischen Kleinkriminalität fürchte ich mich auch nicht. Ob Köln, Swingerclub oder Neapels dunkle Gassen: Die verhaltensauffälligste Person bin immer noch ich. Meinen ersten Stadtrundgang hier musste ich zur Hälfte auf Strümpfen absolvieren, da meine neuen Sandalen zu weh taten und die Sonne zu heiß für barfuß war. Insgesamt bin ich so naiv und verpeilt, dass es schon wieder beunruhigend ist, deswegen glaub ich, dass die Leute sich sowieso nicht an mich rantrauen.

Metrostation „Toledo“ – Die schönste Metrostation Europas
Maradona is still very popular in Naples
Ich kann mir nicht helfen, ich finde diese Mülltonnen farblich schön zusammengestellt
Does she run the shop or is it just bring your cat to work-day?

Mailand oder Neapel – Hauptsache Italien

Onkel Maike ist mal wieder auf Reisen. Wie weit wird er kommen? Ich habe beschlossen, dass es mir egal ist, Hauptsache ich bin mal wieder woanders. Zum Beispiel in Karlsruhe, wo der italienische Zug nach Mailand, in dem ich sitze, gerade gehalten hat. Normalerweise war ich immer ehrgeizig, was das Erreichen anvisierter Reiseziele anbelangt, Zug verpassen etc. werte ich als Versagen, aber mit sowas will ich mich nicht mehr aufhalten.

Eineinhalb Jahre Lockdown (ja, es war kein Lockdown im rechtlichen Sinne, aber wir wissen doch alle, was gemeint ist) und gründliche freiwillige Vermeidung annähernd jeglichen Woreingehens, verändern die Maßstäbe.

Noch länger als Lockdown habe ich keine Blogbeiträge mehr erstellt. Im Nachhinein bedaure ich zum Beispiel, kein „Corona-Tagebuch“ geschrieben zu haben. Ich glaube, zwischendurch war es spektakulär. Am Anfang hatte ich das Gefühl, in einem Katastrophenfilm mitzuspielen. Zum Beispiel erinnere ich mich, dass Mrs. Columbo und ich uns anfangs nur nachts auf die Straße getraut haben und ich Angst vor an mir vorbeifahrenden Radler*innen hatte. Andererseits denke ich, dass mein Corona-Tagebuch nicht interessant geworden wäre. Auf eine Weise war ich die ganze Zeit innerlich ziemlich abgestumpft. War das die Isolation oder der tumbe Charakter, eine handelsübliche Depression? Egal. Jetzt bin ich geimpft und möchte wieder etwas mehr am sogenannten Leben vor dem Tod teilnehmen. Und ich weiß nicht, wie viele Tage und Stunden ich mich darauf gefreut habe, wieder mal im Zug zu sitzen und durch die Alpen zu fahren. Gerade tauchen am Zug-Horizont ebensolche auf. Hallo Berge! Aber wie es so ist, wenn die Dinge passieren, die wir ersehnen, gucken wir erstmal distanziert zu (oder ist das nur bei mir so?).

Ich bin außerdem aufgeregt, ob es mir wohl gelingen wird, nach Italien einzureisen. Die Vorbereitungen waren nicht unerheblich: Mrs. Columbo musste Impfzertifikate aus der Apotheke per QR-Code auf mein Handy laden und ich selbst habe im Internet ein ca. 12seitiges Einreise-Formular ausgefüllt, dessen Angaben nicht alle vollumfänglich wahr sind (woher soll ich denn die Zugart oder den Ort des Grenzübertritts wissen, Ihr Vögel), hoffentlich merkt es der Schaffner nicht.
Gleich hält der Zug in Freiburg und dann kommt erstes Ausland (naja, die Schweiz) und bei den von mir im vorherigen Absatz angepriesenen Alpen handelt es sich in echt um den Schwarzwald, ich habe den Geographen, der mir gegenüber sitzt, gefragt. Er hat mir dann gleich noch erklärt, wie der Rheingraben entstanden ist, cool, Mansplaining ist nicht immer schlecht.

Hahahaha erste geile Szene: paar Sitze hinter mir unterhalten sich Leute, eine Person fragt eine andere: „Why does he behave so well?“ (Hui, gehts da um ein Kind oder was anderes fragt sich die neugierige Lauscherin) „?“ – „He is very calm“, setzt die fragende Person konkretisierend hinzu. „Yeah, he is shy, I got him from a shelter“, antwortet die befragte Person. und die Umsitzenden lassen ein empathievolles hundepositives, „aawww“ ertönen. „He is a rescue“, präzisiert die befragte Person und das halbe Abteil fällt in ein kollektives „AAWWWWWWW“, ein. Hahahahaha, der ganze Zug lacht. Wie goldig. Ich sags doch, Zugfahren mit italienischen Leuten ist netter.

12.12.2019

Die Geschenke sind, an objektiven Maßstäben gemessen, unterdurchschnittlich: Ein Bademantel sowie ein dystopischer Roman (von der Mutter). Ebenso der Zustand der Wohnung, die aussieht als sei etwas Ungünstiges in ihr explodiert und dann verschimmelt. Keinen besseren Eindruck machen die Bewohner, Mrs. Columbo und ich, beide krank.  Optisch an zwei schlecht gekämmte aber zu gut gefütterte Trolle gemahnend, seit zwei bzw. einer Woche von einer hartnäckigen Bronchitis geplagt, schleppen wir uns vom Sofa ins Bett und wieder zurück. Was soll die Zukunft noch bringen? Wir finden Trost in der Einsicht, dass wir zumindest keine Angst vorm hohen Alter haben müssen. An unserem Leben wird sich im Vergleich zu jetzt einfach gar nichts verändern.

Wir beschließen, eine Expedition zum Bioladen auf der Venloer Straße zu riskieren, da ich gerne Kuchen hätte. Wir schlurfen los, schlagen uns gut durch und unterhalten uns nett. Erste und einzige Verstimmungen treten auf, als wir anfangen, über die künstliche Intelligenz zu diskutieren, die gerade die Fragmente von Beethovens Zehnter zu einer fertigen Sinfonie komponiert: „DAS HABE ICH SO NICHT GESAGT“ (hat er wohl). Re-Verbrüderung über unsere Einigkeit über schlecht gewählte Produktnamen im Biomarkt („Vegane Slices vom Rauch“, also bitte). Wir kaufen erfolgreich Kuchen, durchleben kleinere Machtkämpfe während des anschließenden Abstechers zum Rewe und kehren erschöpft nach Haus zurück. Bis jetzt ist es ein schöner Geburtstag.

Fudge Ripple Pouchhappy

Gestern kam ich betrunken aus der Kneipe nach Hause und, wie es manchmal so ist im Suff, schienen mir auf einmal Dinge wichtig, die sonst auf der Prioritätenliste nicht ganz oben stehen. Plötzlich wollte ich unbedingt dringend wissen, wie der Name des Protagonisten meines Lieblings-Kinderbuchs „Wer hat den Atlantik geklaut“, Kuno Kräusel Wampenfroh, wohl im amerikanischen Original lauten möge.

Zum Hintergrund: In „Wer hat den Atlantik geklaut?“ von Louis Phillips geht es um den „Klub der dicken Männer von Trenton, New Jersey“.  Trenton, New Jersey liegt am Meer und die dicken Männer vom Klub der dicken Männer sind gerne am Strand und gehen schwimmen. Leider machen sich dort aber alle über die dicken Männer und ihre Plautzen lustig. Die dicken Männer, unter Führung ihres Vorsitzenden, dem bereits erwähnten Kuno Kräusel Wampenfroh, beschließen, sich das nicht gefallen lassen zu wollen und Rache zu üben.

Eines Nachts schleichen sie, ausgerüstet mit Strohhalmen, Eimern und Einmachgläsern zum Strand, saugen das Atlantikwasser in ihre Behältnisse und transportieren es in ihr Klubhaus. Dort, in der Abgeschiedenheit ihres Kellers, haben sie dann das Meer für sich und können es frei von Erniedrigungen genießen.

Das ist gut für die Männer vom Klub der dicken Männer Trenton, New Jersey, aber blöd für alle anderen. Ich habe vergessen, wie das Buch genau weiter geht. Am Ende bringen die Männer den Atlantik zurück. Trotz dieser Wissenslücken erinnere ich mich gerne an die Geschichte. Und ab und zu frage ich mich, wie Kuno Kräusel Wampenfroh wohl auf Amerikanisch heißen mag (Ich wollte auch immer wissen, wie Douglas Adams‘ „gefräßiger Plapperkäfer von Traal“ wohl im Original bezeichnet wird. Das Ergebnis war mit mit „the ravenous bugblatter beast of traal“ eher enttäuschend.).

Lange Rede, kurzer Sinn, heute, wieder ausgenüchtert und ernst fiel mir mein gestriges Unterfangen wieder ein und ich berichte Mrs. Columbo davon. Sie findet die Geschichte nicht mal halb so lustig wie ich und mir fällt auf, dass ich gestern zwar herausgefunden haben mag oder auch nicht, wie Kuno Kräusel Wampenfroh auf Amerikanisch heißt (was nicht so einfach ist, denn „Wer hat den Atlantik geklaut?“ ist kein besonders berühmtes Kinderbuch – zu Unrecht), es jetzt jedenfalls aber schon wieder vergessen habe. Ich google aufs Neue, finde eine Amazon-Rezension und muss nun erstmal nachdenken, ob ich mit „Fudge Ripple Pouchhappy“ so richtig zufrieden bin. (Fudge = Karamellbonbon, Ripple = Wellenförmig, Pouch = Beutel/Sack; Fudge kauft Mrs. Columbo manchmal, den Rest musste ich nachschlagen).

fudge ripple pouch happy

Kindheit: In der Regel mehr als anstrengend, aber es gibt zum Trost gute Bücher.