Sonntags abends in meinem Fernseher…

Oft läuft bei uns zum Wochenendausklang die Fernsehsendung „Günther Jauch“. Wenngleich stets peinvoll und der Beziehungsdynamik abträglich, ist mir dieses Ritual heimelig und vertraut. Es sei konzediert, dass das was Hochneurotisches, Pathologisches sowie auch Unerklärliches an sich hat. Trotzdem steht zu vermuten, dass ich nicht die einzige mit dieser Krankheit bin, jene vielmehr ziemlich verbreitet ist (These u. a. gestützt auf persönliche Empirie,  gespeist aus sonntagabendlicher Rezeption des Twitter-Hashtags #jauch). Vielleicht lohnte es sich gar, in der Psychotherapeuten-Kostenabrechnungsverordnung eine eigene Kennziffer zu etablieren, denn ich glaube, dass der volkswirtschaftliche Schaden bei Nichtbehandlung erheblich ist: PTKA-Ziff. 3.44.: „Guckt wiederkehrend ohne erkennbaren äußeren Zwang – da über das Alternativangebot auf Phoenix im Bilde – unter körperlichen Schmerzen und am Rande der Arbeitsunfähigkeit Günther Jauch und schreit dabei den Fernseher an.“.

Gleichzeitig hat jede neurotische Struktur eine immanente Logik und ein Belohungssystem, sonst gäbe es sie ja nicht. Gestern war es wieder soweit. Die Ankündigung auf der ARD-Homepage katapultierte mich ins Nirwana: „Der Euro-Schreck stellt sich – Varoufakis bei GÜNTHER JAUCH“. Wow. Mein Erzfeind (ich pflege öfter mal Feindschaften, von denen der andere Teil nichts weiß) Günter „Lauch“ Jauch gegen Yanis „Superheld aus einem anderen neurotischen System“  Varoufakis. In Onkel Maikes kleiner Welt ist das vergleichbar mit einem Fußball WM-Finale Deutschland gegen Brasilien.

Über den noch spektakulärer als erwartet, ich sage nur #Stinkefingergate, aber nicht hundertprozentig im Sinne des Varoufakis-Lagers verlaufenen Gang der Sendung ist „hinreichend“ berichtet worden. Mir gefielen die Artikel von Michalis Pantelouris und Stefan Niggemeier. Immer wieder erfrischend auch, wie die ideologische Ausrichtung einer Publikation sich auf die Einschätzung von Ereignissen niederschlägt. „Der Fluch der Eitelkeit“ und „Die Varoufakis-Monologe“ titelt das neoliberal gesinnte Personal von Spiegel Online; „Der Freidenker“ fällt hingegen dem links-sozialdemokratisch regierten „Freitag“ dazu ein.

Dieser Beitrag hat also, mir ist das bewusst, keinen informatorischen, sondern, es deutete sich ja an, therapeutischen Charakter. Aber jetzt mal ehrlich, Jesus Christus und Herr im Himmel, ich bin eigentlich nicht gläubig und halte die Existenz von und die Identifikation mit albernen Konstrukten wie „Nationalität“ für überkommenen Quatsch. Aber gestern habe ich mich aufrichtig zutiefst geschämt, eine Deutsche zu sein. Was für eine miese, ekelhafte Veranstaltung war das denn bitte schön? Ich bin ja eigentlich auch nicht so status- und titelhörig, aber es gibt Grenzen. Da kommt der Finanzminister eines EU-Mitgliedsstaates, gleichzeitig ein renommierter, polyglotter Wirtschaftsprofessor und, dafür spricht manches, auch ein Menschenfreund, zu Besuch – Und wird dann so empfangen? Von Günther Jauch, seinen Einspielern auf Bild-Niveau, Markus Söder (MARKUS SÖDER!) und einem weiteren Vertreter der Bild-Zeitung? Als Gegengewicht lediglich eine Wirtschaftsjournalistin von der taz? Warum nur? Das ist in etwa so, wie wenn als seltener Gast der kultivierte, weitgereiste, inzwischen in Frankreich lebende Cousin zu Besuch kommt und wir laden zum gemeinsamen Essen den rassistischen Hausmeister aus der Eckkneipe und seinen Freund, den Hooligan Uwe, dazu. Würde man nicht machen (ja, zugegeben, der Cousin ist etwas selbstverliebt und hört sich gerne beim Reden zu,  alle sind auch ein bisschen froh, wenn er wieder weg ist, aber trotzdem). „Wir sind nicht alle so!“, hätte ich gerne in den Fernseher gerufen. Währenddessen würden der mehrfach wegen Körperverletzung und Tragens verfassungsfeindlicher Symbole vorbestrafte Uwe und der Hausmeister beim Essen anfangen, unseren Cousin, der seinen Magister in Lyon mit einer Arbeit über die Résistance abgeschlossen hat, über Antirassismus zu belehren:

„Ja die Griechen machen es uns Deutschen wirklich schwer, ihnen zu vertrauen. Der Herr Varoufakis sollte nicht so viele Interviews geben, sondern lieber mal seine Hausaufgaben machen. Wir Deutschen sind sehr fleißig“, musste sich der griechische Finanzminister von Markus Söder schulmeisterlich tadeln lassen. Jesus Christus. In was für einem Paralleluniversum lebt der denn? Oder begreift er sich schlicht und ergreifend als Dienstleister? – Ich brülle alles das raus, was der Stammtisch bestellt hat? Glaubt er selber, was er sagt? Man muss sich ungefähr drei Sekunden mit der Situation in Griechenland beschäftigen, um zweifelsfrei festzustellen, dass die Syriza-Regierung die erste in den fünf Jahren der für die Eurozone sehr bedrohlichen Finanzkrise ist, die die Mitgliedsstaaten nicht anlügt (sondern zugibt: „Die griechischen Kredite können ohne Umschuldung niemals zurück gezahlt werden.“). Weitere drei Sekunden reichen, um zu überprüfen, dass das stimmt. Egal also, wie Panne man Varoufakis und seine merkwürdige Regierung im Einzelnen nun finden mag, für diese Ehrlichkeit haben sie doch einen Vertrauensvorschuss verdient und nicht, dass man sie so vorsätzlich und respektlos diskreditiert. Shame on you Günther Jauch. Je suis von nun an Phoenix Runde!

Je suis Varoufakis!

Die Bild Zeitung und das Nachrichtenmagazin Der Spiegel sind hingegen eher nicht so auf Seiten der Hellenen und ihrer Regierung: „Endlich sagt mal einer den Pleite-Griechen die Meinung. Deutschland sagt: Danke, Wolfgang Schäuble!“, ist seit heute morgen auf Bild.de zu lesen. Dieses  Gepöbel gegen „die Griechen“ macht mich aufrichtig traurig und betroffen. Wann sagt mal jemand Kai Diekmann die Meinung oder besser, sperrt ihn gleich ins Gefängnis? Das Lower Class Magazin hat den nicht sehr erfolgsversprechenden aber doch ehrenwerten Vorschlag gemacht, der Bild-Herausgeber solle wegen ausuferndem Herumgehacke auf den „Pleite-Griechen“ wegen Volksverhetzung angezeigt und verklagt werden. Einen Straftatbestand, der das Verfassen von volksverdummenden Artikeln aus niederer antieuropäischer Gesinnung sanktioniert, gibt es ja leider noch nicht.

Neben traurig bin ich auch ärgerlich. Bild, aber auch anerkanntere Publikationen aus dem bürgerlichen Spektrum, allen voran Der Spiegel vereinfachen und personalisieren die Darstellung der Euro-Krise in so haarsträubender Weise, dass es kaum noch vorstellbar ist, dass das alles nur auf Fahrlässigkeit beruht. Der komplexe Sachverhalt mit einer multiplen gesamteuropäischen Interessengemengelage, den in Wirklichkeit niemand mehr so richtig erfasst, wird auf einen Konflikt zweier verfeindeter Nationen reduziert. Hier die vernünftigen, klug wirtschaftenden Deutschen, dort die verschwenderischen, naiven Griechen.

Diesen Quatsch noch zu steigern, schafft tatsächlich Der Spiegel, in dem er die Auseinandersetzung als ein Problem auf der persönlichen Ebene darstellt: „Haben Varoufakis, Schäuble und Co. die Sache wirklich unter Kontrolle? Oder scheitert eine Übereinkunft am Ende an Sturheiten, Eitelkeiten und persönlichen Verletzungen?… In den Verhandlungen wird es nun darauf ankommen, wie gut Dijsselbloem seine Emotionen im Griff hat.“ Ja, das steht da. Lieber Spiegel, man kann ja von Wolfgang Schäuble so einiges halten, ihn garstig und auch politisch fehlgeleitet finden, aber ganz sicher ist er ein Profi, der sich weder von ein paar Nazi-Karikaturen, in denen er die Hauptrolle spielt, noch von einem Amtskollegen, der noch nicht so ganz im Habitus des klassischen Politikers angekommen ist, von seinem Weg abbringen lassen wird. Im Gegensatz zum Rest der Weltöffentlichkeit ist ihm vermutlich egal, wie viele Krawatten sein Kollege sich zu ihren Dates umbindet: „Bürschchen!“, sagt Wolfgang entspannt in Gedanken zu Yanis, „Mach den Job zehn Jahre, warte ab, bis zum ersten Mal auf Dich geschossen wird, man Dich beim Schwarzgeldschmuggeln erwischt und wie es sich anfühlt, dass Du nie Chef wirst, obwohl Du viel schlauer und fleißiger bist als der – Dann sprechen wir uns noch mal!“. „Hoffentlich werde ich nie wie Du!“, antwortet Varoufakis stumm.

Währenddessen wissen Wolfgang und Yanis beide, dass der Schuldenstreit nicht ein Ausdruck eines bipolaren Konflikts zwischen zwei Ländern mit jeweils homogenen Interessen ist. Vielmehr (und eigentlich ist es offensichtlich und selbstverständlich, aber es wird so selten gesagt) handelt es sich um divergierende wirtschaftspolitische Haltungen, auf denen dann unterschiedliche Vorstellungen zum Umgang mit der Krise basieren. Auf der einen Seite steht, sehr vereinfachend skizziert, das neoliberale (wem das zu ideologisch klingt: auch ordo- oder wirtschaftsliberale) Austeritätsdenken: Auch in Zeiten von Rezession und geringen Staatseinnahmen muss gespart werden, durch Kürzungen im Sozialbereich und bei den Löhnen. Staatlicher Einfluss auf das Wirtschaftssystem muss möglichst reduziert werden, Privatisierungen sind demzufolge sinnvoll, weil sie zu mehr Effizienz und damit Wachstum (dass in der ganzen Debatte mal jemand darauf hinweist, dass alle einem unhinterfragten, anachronistischem Wachstumsbegriff gebrauchen, meine FreundInnen von der Linkspartei vorneweg, wäre übrigens wünschenswert)  führen. Demgegenüber steht die neokeynesianische, nachfrageorientierte Theorie. Derzufolge gilt das Prinzip der antizyklischen Fiskalpolitik. Einfacher (und natürlich völlig verkürzt) gesagt: In der Rezession müssen die Ausgaben, selbst wenn die Staatsverschuldung dann noch wächst, erhöht werden, um die Nachfrage zu steigern, und damit die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Die Abwackprämie ist ein schönes Beispiel für eine antizyklische Maßnahme.

Unabhängig davon, welcher der Auffassungen mensch folgt – Sie widersprechen sich, weil sie auf unterschiedlichen Annahmen davon basieren, wie Volkswirtschaften funktionieren. Daher sind hier auch echte Kompromisse nur schwer vorstellbar.

Für die keynesianistische Theorie spricht im Falle Griechenland zumindest auf den ersten Blick, dass die Sparpolitik hier offensichtlich nicht (hier ein Artikel, mit gutem Zahlenmaterial) funktioniert – Die Staatsverschuldung ist ja dort seit Einführung der Reformmaßnahmen noch gestiegen und hat zu den bekannten Zuständen geführt. Auf den zweiten Blick ist, so meine These, alles so kompliziert, dass niemand mehr weiß, was eigentlich passieren wird. Dies führt wiederum dazu, dass niemand wirklich will (oder zumindest wollen sollte), dass Griechenland aus der Währungsunion austritt – Die Folgen sind schlicht nicht vorhersehbar. Gute Karten im Schuldenpoker für die Griechen, könnte man daher denken. Auf der anderen Seite müssen die VertreterInnen der Austeritätspolitik befürchten, dass sobald sich die Griechen mit einem grundsätzlichen Strategiewechsel durchsetzen und damit sogar noch Erfolg hätten, dies unerwünschte Nachahmerinnen und Kettenreaktionen zur Folge hätte. In Spanien scharrt die Podemos-Partei schon mit den Füßen und in Frankreich wird das Geschehen auch sehr neugierig beobachtet. Während ich das hier schreibe, verfolge ich den Guardian-Liveticker zum Finanzminister-Treffen. Gerade haben sie sich geeinigt, hier das offizielle Statement, das Hilfsprogramm wird um vier Monate verlängert, wenn die Griechen bis Montag einen Katalog mit konkreten und zufriedenstellenden Maßnahmen vorlegen. Ein Ergebnis, das als Waffenstillstand oder Aufschub der wirklichen Auseinandersetzung gelesen kann: „This is not a moment for jubilation. This agreement is a small step in the right direction.“, kommentiert Varoufakis. Während Schäuble mit: „The Greeks certainly will have a difficult time to explain the deal to their voters.“ zitiert wird. Das klingt doch so, als habe der alte Fuchs den Punkt gemacht, schade.

Im Kölner Stadtanzeiger war heute zu lesen, dass die Zahl der armen Menschen in unserer Stadt in den letzten fünf Jahren um über fünf Prozent, von ca. 15 auf über 21 Prozent gestiegen ist. Auch wenn die Situation in Griechenland und Deutschland natürlich nicht eins zu eins vergleichen werden kann, so ist dies doch vielleicht ein weiterer Hinweis darauf, dass die Interessen- und Konfliktlinien nicht an den Ländergrenzen entlang verlaufen, sondern ganz woanders.