Je suis Varoufakis!

Die Bild Zeitung und das Nachrichtenmagazin Der Spiegel sind hingegen eher nicht so auf Seiten der Hellenen und ihrer Regierung: „Endlich sagt mal einer den Pleite-Griechen die Meinung. Deutschland sagt: Danke, Wolfgang Schäuble!“, ist seit heute morgen auf Bild.de zu lesen. Dieses  Gepöbel gegen „die Griechen“ macht mich aufrichtig traurig und betroffen. Wann sagt mal jemand Kai Diekmann die Meinung oder besser, sperrt ihn gleich ins Gefängnis? Das Lower Class Magazin hat den nicht sehr erfolgsversprechenden aber doch ehrenwerten Vorschlag gemacht, der Bild-Herausgeber solle wegen ausuferndem Herumgehacke auf den „Pleite-Griechen“ wegen Volksverhetzung angezeigt und verklagt werden. Einen Straftatbestand, der das Verfassen von volksverdummenden Artikeln aus niederer antieuropäischer Gesinnung sanktioniert, gibt es ja leider noch nicht.

Neben traurig bin ich auch ärgerlich. Bild, aber auch anerkanntere Publikationen aus dem bürgerlichen Spektrum, allen voran Der Spiegel vereinfachen und personalisieren die Darstellung der Euro-Krise in so haarsträubender Weise, dass es kaum noch vorstellbar ist, dass das alles nur auf Fahrlässigkeit beruht. Der komplexe Sachverhalt mit einer multiplen gesamteuropäischen Interessengemengelage, den in Wirklichkeit niemand mehr so richtig erfasst, wird auf einen Konflikt zweier verfeindeter Nationen reduziert. Hier die vernünftigen, klug wirtschaftenden Deutschen, dort die verschwenderischen, naiven Griechen.

Diesen Quatsch noch zu steigern, schafft tatsächlich Der Spiegel, in dem er die Auseinandersetzung als ein Problem auf der persönlichen Ebene darstellt: „Haben Varoufakis, Schäuble und Co. die Sache wirklich unter Kontrolle? Oder scheitert eine Übereinkunft am Ende an Sturheiten, Eitelkeiten und persönlichen Verletzungen?… In den Verhandlungen wird es nun darauf ankommen, wie gut Dijsselbloem seine Emotionen im Griff hat.“ Ja, das steht da. Lieber Spiegel, man kann ja von Wolfgang Schäuble so einiges halten, ihn garstig und auch politisch fehlgeleitet finden, aber ganz sicher ist er ein Profi, der sich weder von ein paar Nazi-Karikaturen, in denen er die Hauptrolle spielt, noch von einem Amtskollegen, der noch nicht so ganz im Habitus des klassischen Politikers angekommen ist, von seinem Weg abbringen lassen wird. Im Gegensatz zum Rest der Weltöffentlichkeit ist ihm vermutlich egal, wie viele Krawatten sein Kollege sich zu ihren Dates umbindet: „Bürschchen!“, sagt Wolfgang entspannt in Gedanken zu Yanis, „Mach den Job zehn Jahre, warte ab, bis zum ersten Mal auf Dich geschossen wird, man Dich beim Schwarzgeldschmuggeln erwischt und wie es sich anfühlt, dass Du nie Chef wirst, obwohl Du viel schlauer und fleißiger bist als der – Dann sprechen wir uns noch mal!“. „Hoffentlich werde ich nie wie Du!“, antwortet Varoufakis stumm.

Währenddessen wissen Wolfgang und Yanis beide, dass der Schuldenstreit nicht ein Ausdruck eines bipolaren Konflikts zwischen zwei Ländern mit jeweils homogenen Interessen ist. Vielmehr (und eigentlich ist es offensichtlich und selbstverständlich, aber es wird so selten gesagt) handelt es sich um divergierende wirtschaftspolitische Haltungen, auf denen dann unterschiedliche Vorstellungen zum Umgang mit der Krise basieren. Auf der einen Seite steht, sehr vereinfachend skizziert, das neoliberale (wem das zu ideologisch klingt: auch ordo- oder wirtschaftsliberale) Austeritätsdenken: Auch in Zeiten von Rezession und geringen Staatseinnahmen muss gespart werden, durch Kürzungen im Sozialbereich und bei den Löhnen. Staatlicher Einfluss auf das Wirtschaftssystem muss möglichst reduziert werden, Privatisierungen sind demzufolge sinnvoll, weil sie zu mehr Effizienz und damit Wachstum (dass in der ganzen Debatte mal jemand darauf hinweist, dass alle einem unhinterfragten, anachronistischem Wachstumsbegriff gebrauchen, meine FreundInnen von der Linkspartei vorneweg, wäre übrigens wünschenswert)  führen. Demgegenüber steht die neokeynesianische, nachfrageorientierte Theorie. Derzufolge gilt das Prinzip der antizyklischen Fiskalpolitik. Einfacher (und natürlich völlig verkürzt) gesagt: In der Rezession müssen die Ausgaben, selbst wenn die Staatsverschuldung dann noch wächst, erhöht werden, um die Nachfrage zu steigern, und damit die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Die Abwackprämie ist ein schönes Beispiel für eine antizyklische Maßnahme.

Unabhängig davon, welcher der Auffassungen mensch folgt – Sie widersprechen sich, weil sie auf unterschiedlichen Annahmen davon basieren, wie Volkswirtschaften funktionieren. Daher sind hier auch echte Kompromisse nur schwer vorstellbar.

Für die keynesianistische Theorie spricht im Falle Griechenland zumindest auf den ersten Blick, dass die Sparpolitik hier offensichtlich nicht (hier ein Artikel, mit gutem Zahlenmaterial) funktioniert – Die Staatsverschuldung ist ja dort seit Einführung der Reformmaßnahmen noch gestiegen und hat zu den bekannten Zuständen geführt. Auf den zweiten Blick ist, so meine These, alles so kompliziert, dass niemand mehr weiß, was eigentlich passieren wird. Dies führt wiederum dazu, dass niemand wirklich will (oder zumindest wollen sollte), dass Griechenland aus der Währungsunion austritt – Die Folgen sind schlicht nicht vorhersehbar. Gute Karten im Schuldenpoker für die Griechen, könnte man daher denken. Auf der anderen Seite müssen die VertreterInnen der Austeritätspolitik befürchten, dass sobald sich die Griechen mit einem grundsätzlichen Strategiewechsel durchsetzen und damit sogar noch Erfolg hätten, dies unerwünschte Nachahmerinnen und Kettenreaktionen zur Folge hätte. In Spanien scharrt die Podemos-Partei schon mit den Füßen und in Frankreich wird das Geschehen auch sehr neugierig beobachtet. Während ich das hier schreibe, verfolge ich den Guardian-Liveticker zum Finanzminister-Treffen. Gerade haben sie sich geeinigt, hier das offizielle Statement, das Hilfsprogramm wird um vier Monate verlängert, wenn die Griechen bis Montag einen Katalog mit konkreten und zufriedenstellenden Maßnahmen vorlegen. Ein Ergebnis, das als Waffenstillstand oder Aufschub der wirklichen Auseinandersetzung gelesen kann: „This is not a moment for jubilation. This agreement is a small step in the right direction.“, kommentiert Varoufakis. Während Schäuble mit: „The Greeks certainly will have a difficult time to explain the deal to their voters.“ zitiert wird. Das klingt doch so, als habe der alte Fuchs den Punkt gemacht, schade.

Im Kölner Stadtanzeiger war heute zu lesen, dass die Zahl der armen Menschen in unserer Stadt in den letzten fünf Jahren um über fünf Prozent, von ca. 15 auf über 21 Prozent gestiegen ist. Auch wenn die Situation in Griechenland und Deutschland natürlich nicht eins zu eins vergleichen werden kann, so ist dies doch vielleicht ein weiterer Hinweis darauf, dass die Interessen- und Konfliktlinien nicht an den Ländergrenzen entlang verlaufen, sondern ganz woanders.

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Skandal: Spiegel Online – Immer schlimmer! Immer dümmer!

Sponline wird immer mehr wie „Bild“. Ich denke  oft, dass da ein direkter Zusammenhang mit Nikolaus Blome besteht, muss aber auch nicht sein. Heute mal wieder ein neues Low: „Saddams Tochter wird Terrorpatin“, erfahren wir. Interessant, nicht wahr? Nur der Vater endete im Erdloch, scheint es. Die Tochter lebt als Multimillionärin im jordanischen Exil. Trotz Kopftuch, so legt zumindest die Schlagzeile nahe, ist sie wohl eine mächtige Frau. Na, da lese ich den Artikel doch mal durch, brummele ich gutmütig in mich hinein. Und es ist schlechter als im schlechtesten Klischee. Belastbare Fakten, die belegen, dass Frau Hussein eine „Terrorpatin“ ist, d. h., muslimische Radikale finanziert, erhalten wir nicht. Informationen hierzu beschränken sich, ich bin fassungslos, auf: „Nun finanziere die Hussein-Tochter die Radikalen, schimpfen nahöstliche Diplomaten.“ Ansonsten werden uns einige allgemeinpolitische Inhalte mitgeteilt und natürlich viel über der Protagonistin Äußerlichkeiten und Shoppingverhalten: „Auch beim berühmtesten Schönheitschirurgen der Stadt gilt die Diktatorentochter als Stammkundin – Nase, Busen, Augenringe.“, „Raghad Hussein geht mit der Mode, privat wie politisch. Früher passte sie mit ihrer wallenden blondgefärbten Mähne zur Baath-Ideologie ihres Vaters„. Da Saddam Husseins Tochter so modebewusst sei, richte sie auch ihre politische Haltung nach dem Trend, verstehe ich die Kernaussage des Artikels. Frauen passen halt auch ihre Meinung an die aktuelle Frisurenmode an. Ich finde das langsam nicht mehr lustig, Spiegel!

 

Ich glaube, es ist der Bart!

Heute fand ich Bild.de mal wieder besonders perfide. In bewundernswertester Weise bedienen sie sich eigentlich gegenseitig ausschließende Ressentiments: „Russen-Hass gegen Conchita Wurst. Üble Hetze aus Russland!„, erfahren wir auf der ersten Seite. Das stimmt ja sogar, aber seit wann hat Bild was gegen üble Hetze?  Außerdem ist es natürlich immer gemein, gerade im Moment, zu betonen, dass „die Russen“ grobe Barbaren sind. Wie werden denn nun aber außerdem noch die hiesigen Homophoben zufrieden gestellt? Na, da lassen sie einfach, ebenfalls auf der Titelseite, den ehemaligen Regierungssprecher und stellvertretenden Chefredakteur Béla Anda raisonnieren: „Muss ich Conchita Wurst gut finden? Nein, muss ich nicht!“ Das stimmt natürlich. Das Grundgesetz gewährleistet bekanntlich die Gut- bzw. Dooffindefreiheit. Béla Anda weiß das auch. Der ist ja nicht dumm und ungebildet, sondern gemein. Das Ganze ist nur eine sprachliche Finte, um herausposaunen zu können, wie abartig diese Transe ja doch ist. Im nächsten Satz täuscht der Autor dann erneut Unkenntnis vor: Er wisse selber gar nicht genau, was ihm Unbehagen bereite: „Ich glaube, es ist der Bart!“  Dabei handelt es sich wiederum um einen rhetorischen Trick. In Wirklichkeit hat Béla längst herausgefunden, dass es die Gesichtsbehaarung ist, die ihm nicht gefällt:  „Ein Bart im Gesicht einer Frau, noch dazu ein Vollbart, stört mich, stört mein ästhetisches Empfinden, stört auch mein Rollenverständnis von Mann und Frau.“ Hä? Die Rolle der Frau besteht darin, keinen Bart zu haben? Aber vor allem: Conchita ist ja gar keine Frau, auch das dürfte sich unter den europäischen Boulevard-Journalisten herumgesprochen haben. Die Grandprix-Siegerin ist ein homosexueller Mann, der sich ab und zu als Frau verkleidet, die einen Bart trägt. So weit so unkompliziert. Hat Herr Anda vielleicht eigentlich was gegen Schwule? Nein, nein: „Einige meiner besten Freunde sind homosexuell. Einer meiner journalistischen Lehrmeister war schwul. Und ich habe viel von ihm gelernt.“ (Was mag er von dem Lehrmeister gelernt haben? – hübsches Deutsch wohl eher nicht). Ach ja, das gute alte „ich kenne selber viele Schwule“-Argument. Ganz billig. So ist am Ende festzustellen, dass nichts bleibt, worüber man sich ärgern müsste – Außer die Freude am Verkleiden vielleicht. Was also als Erkenntnisgewinn beim Artikel herauskommt, ist dünn: Höchstwahrscheinlich ist Béla Anda kein Kölner.