Wo kommt eigentlich dieser ganze Feminismus immer her?

„Wer als Frau ständig für Gleichstellung und gegen Sexismus wettert, hat offenbar noch nie ein Kompliment bekommen“.

Sophia Thomalla, Homepage „Hart aber Fair“, abgerufen am 02.03.2015

 

 

 

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Lesbenfriedhöfe und Schreibblockaden

Ja, was denn nun? Schreibblockade oder Lesbenfriedhof? Schreibblockade auf dem Lesbenfriedhof? Nein, Missbrauch von Lesbenfriedhof um Schreibblockade zu überwinden!

Also, mir fällt nichts ein. Zum Glück habe ich den befreundeten Onkel, der ja mein Muserich (wieso sollen das immer Frauen sein?) und immer ganz nah dran an dem, was gerade viral wichtig ist. Der befreundete Onkel informiert mich nun darüber, dass gerade in Berlin ein Lesbenfriedhof eröffnet hat. Er setzt mich des Weiteren in Kenntnis über seine Vermutung, dass die Lesbenfriedhof-Kuh vermutlich übermorgen schon durchs Internetdorf gejagt sein worden wird und ein Blogeintrag sich mithin kaum lohnt. Allerdings liefert er darüber hinaus noch ca. siebzig Argumente gegen Lesbenfriedhöfe, beziehungsweise dafür, sich über letztere lustig machen zu dürfen („Auch alberne Lesben haben ein Recht darauf, mich zu amüsieren. das ist ja total herablassend, die unter Auslach-Schutz zu stellen, …“).  Da wird mir also ein Haufen Arbeit erspart. Bevor ich nun dessen Argumente („Es sind ja auch noch viele weitere Themenfriedhöfe denkbar und das Thema der postmortalen sexuellen Umorientierung ist auch noch nicht ausreichend beleuchtet worden. Wenn jetzt bei ner beerdigten Lesbe rauskommt, dass die eigentlich bi war, muss sie dann umgebettet werden? Es kann ja auch nicht im Interesse der anderen beerdigten Lesben sein, dass das ganze verwässert wird, da muss man schon streng sein.“) in der Luft zerfetze, sei zur Ehrenrettung des befreundeten Onkels angemerkt, dass er sich, sobald jemand Lesbenfriedhöfe verbieten wollte, sich schützend davor stellen würde (am liebsten gegen Nazis!).

Wenn also Lesben einen Friedhof nur für Lesben eröffnen, dann müssen sie sich natürlich anhören, dass sie damit andere Menschen ausgrenzen. Nicht nur die bösen Männer (das könnte mensch ja noch verstehen), sondern auch alle Frauen, die sich nicht als Lesben definieren. Das ist wahrlich ein starkes Gegenargument, wer bestimmt denn, ob eine Dame lesbisch genug für den Friedhof ist, gibt es ein Auswahlkomitee? Einerseits pochen die Frauen immer darauf, dass „Geschlecht“ ein Konstrukt sei, das es aufzulösen gelte, andererseits engagieren sie sich dann für Gesetze oder Räume, in denen es gerade auf diese Unterschiede, die sie eigentlich auflösen wollen, ankommt. Dieser (scheinbare) Gegensatz wird auch als das „feministische Dilemma“ oder das „diskriminatorische Paradoxon“ bezeichnet. Denselben Vorwurf wie dem Lesbenfriedhof kann man ja auch den Frauenquoten oder dem AGG machen. Der vermeintliche Widerspruch kann aber schnell aufgelöst werden. Auch wenn die Menschen sich eigentlich nicht unterscheiden, haben sie ja aufgrund der jeweiligen Zuschreibungen sehr unterschiedliche Sozialisationsprozesse vollzogen und befinden sich daher in sehr unterschiedlichen sozialen Lagen. Ein als „lesbische Frau“ sozialisierter Mensch hat beispielsweise eine wesentlich geringere Chance, im Teenageralter im Rahmen eines Initiationsrituals in einem Bordell gelandet zu sein und aufgrund von Gruppenzwang gegen Geld Sex mit einer anderen Frau gehabt zu haben, als eine als Mann aufgewachsene Person – und so weiter und so fort, das muss ja nicht weiter erklärt werden. Diese unterschiedlichen Lebenslagen rechtfertigen dann auch unterschiedliche Behandlungen durch Gesetze und unterschiedliche Räume. Es kommt nur darauf an, dass ein Bewusstsein für die Möglichkeit und Gefahren ausschließender Prozesse besteht. So legen auch die Friedhofsgründerinnen Wert darauf, ein „Statement gegen die weitgehende Unsichtbarkeit von Lesben in Gesellschaft, Politik und Medien“ abzugeben. Es geht also nicht darum, negativ, bestimmte Menschen auszugrenzen, sondern, positiv, bestimmte Menschen, nämlich lesbische Frauen, sichtbar zu machen.

Was ist mit „Sichtbarmachen“ gemeint? Es gibt ja diesen (vom befreundeten Onkel für doof und von mir für lehrreich befundenen) Witz: Sitzt ein homosexuelles Pärchen im Flugzeug, sagt die eine: „Die meisten haben sich jetzt gerade zwei Schwule vorgestellt.“ Da meine Lesendenschaft natürlich total gendersensibel ist, habt Ihr alle an Frauen gedacht, das gilt aber nicht für den Rest der Welt. Homosexuelle Männer erfahren viel mehr Aufmerksamkeit als homosexuelle Frauen. Die Geschichtsschreibung der Homosexualität beschäftigt sich weit mehrheitlich mit Schwulen und nicht mit Lesben. Letzere wurden und werden kaum wahr oder ernst genommen (was auch seine Vorteile hat, der §175 StGB stellte bekanntlich nur gleichgeschlechtlichen Sex zwischen Herren und nicht zwischen Damen unter Strafe). Mediale Darstellungen von Sex unter Frauen werden oft als Phantasien heterosexueller Männer repräsentiert. Damit wird ihnen also der Subjektstatus verneint, Frauen, die Sex ohne Männer haben, können nur als Objekte wiederum männlicher Phantasien erlaubt sein. Die Kommunikationswissenschaftlerin Elke Amberg hat Zeitungsartikel verschiedener Münchener Tageszeitungen, die zum Thema „Christopher Street Day“ veröffentlicht wurden, ausgewertet und dort eine starke Überrepräsentanz wiederum männlicher Homosexueller festgestellt. Das Thema oder gar das  Wort „lesbisch“ kommt kaum vor, „schwul“ findet sich hingegen sogar in den Artikel-Überschriften.

Wenn Lesben für sich einen Friedhof gründen, dann definieren sie eine Gruppe mit bestimmten Kriterien (Frauen, homosexuell), aus der alle anderen Menschen, die diese Kriterien nicht erfüllen, herausfallen und zu dieser bestimmten Gruppenaktivität, zu einem bestimmten Raum („Friedhof“) nicht zugelassen werden (z. B. bisexuelle Frauen, intersexuelle Menschen, asexuelle Menschen, alle Männer). Um diese Definition von Kriterien und damit verbundenen Ausschlüsse politisch zu bewerten, muss aber zugrunde gelegt werden, dass die Gruppe der homosexuellen Frauen ihren Zusammenschluss als Gruppe und Ausschluss anderer aus einer marginalisierten Position heraus vollzieht.  Das Grundmotiv der Gruppenaktivität besteht also darin, sich zu solidarisieren und einer diskriminierten Gruppe zu mehr Sichtbarkeit und Gleichberechtigung zu verhelfen. Das ist das Gegenteil von Diskriminierung. Eine Parallele zum Lesbenfriedof stellt die ebenfalls umstrittene Satzung der Universität Leipzig dar, in der ausschließlich die weibliche Form, das generische Femininum, verwendet wird (mit einem Vermerk, Männer seien mitgemeint). Es gibt Leute, die sind der Ansicht, die Satzung sei männerdiskriminierend. Aber auch dort geht es nicht um den Ausschluss von Männern, sondern um die (sprachliche) Sichtbarmachung von Frauen, die sich (sprachlich) in einer marginalisierten Position befinden. Das ist etwas grundsätzlich anderes.

Daher würde ich auch davon ausgehen, dass sich andere marginalisierte Gruppen von Lesben-Themenfriedhöfen nicht diskriminiert fühlen, sondern die Lesben eher als Vorbilder, die sich ihren Raum und Sichtbarkeit erkämpfen, sehen. Wenn der befreundete Onkel nun also anführt, dass durch diesen Friedhof alle inter- bi- oder asexuellen und natürlich die schwulen Leute diskriminiert würden, oder auch, dass man sich nur mal vorstellen solle, dass Kardinal Meisner solche Friedhöfe forderte, dann geht das am Kern der Sache vorbei. Wenn Fans von Schalke 04 einen Friedhof nur für sich aufmachen, dann beschweren sich die Anhängerinnen von Werder Bremen ja auch nicht. Die haben nämlich verstanden, dass ein Schalke-Friedhof nicht gegen Bremen, Lüdenscheid-West oder die Intersexuellen gerichtet ist, sondern es darum geht, die Gelsenkirchener zu ehren und zu feiern. Es sind genug Friedhöfe für alle da!