Politisch aktive Hooligans pro und contra

Eigentlich finde ich es gut, wenn sich Hooligans und andere Fußballfans allgemeinpolitisch engagieren. Schon immer hat mich der Gedanke verstört, dass es so viele Menschen gibt, die sich mit anderen Menschen prügeln, nur weil sie unterschiedliche Fußballmannschaften gut finden. Diese Überidentifikation mit einem Verein, der doch primär an ökonomischen Prinzipien ausgerichtet ist, halte ich für eine entfremdete, unproduktive Kanalisierung fehlgeleiteter Energien. Ähnlich entfremdet finde ich, nebenbei gesagt, die ganzen Damen und Herren, welche sich so sehr mit der Firma identifizieren, die ihre Telefone und Computer herstellt. „Eigentlich müsst Ihr doch noch ein paar weitergehende Interessen und Anliegen haben, reflektiert das doch mal, Leute“, sage ich in Gedanken, begleitet von einem kleinen Überlegenheitsgefühl, öfter mal zu denen allen.

Im Grundsatz ist daher die gestrige Demonstration in meinem Sinne. Die konkrete Ausprägung war dann allerdings entsetzlich. Unter dem Motto „Hooligans gegen Salafisten“ versammelten sich über 4.000 Fußballfans, Nazi-Skinheads und andere Rechtsradikale hinter dem Kölner Bahnhof und übernahmen dort für ein paar Stunden die Macht. „So etwas habe ich noch nie erlebt, zum ersten Mal in meinem Leben hätte die Polizei mich beschützen müssen, aber sie hat versagt.“, teilte mir mein nachhaltig erschütterter Freund mit, der unter den paar hundert Gegendemonstranten, die sich vor dem Bahnhof zusammengefunden hatten, gewesen war. Mitten in Köln (immer noch Hauptstadt der antifaschistischen Folklore!) trat die Nazi-Band Kategorie C auf und sang: „Heute schächten sie Schafe und Rinder, morgen vielleicht schon Christenkinder. Zu unseren „Wir sind ja so tolerant zu allen Ausländern“-Großkonzerten – das Birlikte-Festival ist noch nicht lange her – versammeln sich immer zehntausende Kölner. Jetzt, wo es mal drauf ankam, waren alle (außer ein paar Aufrechten), inklusive mir, woanders. Zu unserer Verteidigung: Diese Veranstaltung war viel gefährlicher, sehr unerbaulich und im engeren Sinne auch nicht familienfreundlich.

Rechtsradikale Demonstrationen bestanden in Köln meiner Erfahrung nach bislang in der Regel aus ca. 20 kläglich-verbitterten Kleinbürgern, die die Abschaffung des Autonomen Zentrums, der Moschee oder ähnlichen Quatsch fordern und es dann mit einer ihre Personenzahl um ein Vielfaches übersteigenden linken Gegenveranstaltung zu tun bekommen. Zu einer interessanten Begegnung auf Augenhöhe wird das Ganze immer erst durch die nachteilsausgleichende Unterstützung der Stadt Köln, die den Rechten zur Hilfe eine große Menge Polizisten vorbeischickt. Diese heiteren Zeiten scheinen vorbei zu sein. Irgendetwas gerät da nachhaltig und immer weiter aus den Fugen. Gestern war nichts mehr lustig, mit viel Galgenhumor betrachtet vielleicht noch die Berichterstattung: Die plötzliche Bedrohung titelt Spiegel Online, „Das Thema Salafismus ist nur vorgeschoben“ Süddeutsche.de.

Ja, Süddeutsche, das ist aber mal eine ziemlich naheliegende und nicht so schlagzeilenträchtige Idee. Nein, Spiegel, die Bedrohung kommt gar nicht so plötzlich. Für die antimuslimische, rassistische Stimmung in Deutschland seid Ihr und viele andere Vertreterinnen und Vertreter der bürgerlichen Medien mitverantwortlich. Mir kommt da zum Beispiel Günther Jauchs unrühmliche Talkshow „Gewalt in Allahs Namen – wie denken unsere Muslime?“ (allein der Titel ist hanebüchen) in den Sinn. Wer vorgibt, neutral und objektiv über ein Thema, „den Islam“, informieren zu wollen, und dann viel Mühe aufwendet, um mit Abdul Adhim Kamouss einen der unsympathischsten Vertreter herauszusuchen, den diese Religionsgemeinschaft vermutlich zu bieten hat und der sogar Heinz Buschkowsky im Vergleich sympathisch erscheinen lässt, sollte sich über die Folgen nicht beschweren. Die aktuelle (von der politischen Mitte mehrheitlich getragene) nationale und europäische Flüchtlingspolitik ist meines Erachtens menschenfeindlich und rassistisch. Das wäre noch ein anderer Artikel. Aber wenn die EU das Mare Nostrum-Programm aufgibt, mit dem in den letzten beiden Jahren im Mittelmeer über hunderttausend Flüchtlinge aus Seenot gerettet werden konnten, weil es mit 9 Millionen Euro im Monat zu teuer ist, dann darf sich doch niemand wundern, dass manche Leute auf die Idee kommen, dass manche Menschen weniger wert sind als andere.

Nazikritik-Kritik

Alle regen sich darüber auf, dass der Ex-NPD Vorsitzende Holger Apfel eine Kneipe auf Mallorca aufgemacht hat. Alle außer mir. Was daran hat Nachrichtenwert (so z. B. Sponline hier)? Seit wann ist es ein Nazi-Charakteristikum, höflich zu Hause zu bleiben, nur weil sie das Ausland und Ausländer doof finden? Ja doch wohl gerade nicht. Daraus den Vorwurf inkonsequenten Verhaltens abzuleiten (er sagt doch Ausländer sind doof, hihi, und jetzt ist er selber im Ausland, hihi), finde ich auch ein bisschen niedlich. Seit wann zeichnen sich Nazis durch erstens rational-konsistentes Argumentieren und zweitens sich dann daran halten aus (Ein einfaches Beispiel: Die Kritik an der „entarteten Kunst“ hatte keinerlei Fundament, außerdem hat Hermann Göring sie gesammelt.)? Mein Eindruck war immer, denen geht es um was anderes.

Irritierte Grüße von Onkel Maike