Günther Jauch, Pegida und Hobbypsychologie

Als ich mich gestern vor den Fernseher setzte, war ich – im Gegensatz zum befreundeten Onkel – aufgeregt. Zum ersten Mal schickte Pegida eine Vertretung in eine deutsche Fernsehtalkshow. Nazis (nein, nein, sind alles keine Nazis, – okay, dann nicht, aber so rassistisch, wie sie sich benehmen, darf man sie mit Fug und Recht als solche beschimpfen) – würden sie zum ersten Mal seit 1944 wieder die Lufthoheit im Deutschen Rundfunkraum ergreifen oder könnten sie noch mal zurückgedrängt werden? Was würde passieren? Wie sehr würde Günther „Viel Faktenwissen-Nulltransfer“ Jauch uns mal wieder durch inkompetente Gesprächsführung enttäuschen und Wolfgang Thierse durch pastoralbräsige Langweiligkeit daran scheitern, die Pegidisten mal life und zur Primetime durch gute Argumente ein wenig vorzuführen? Würde Pegida als Gewinnerin hervorgehen, sich auch im bislang gemiedenen Medium Fernsehen gegen die Kräfte von Aufklärung und Vernunft durchs(h)etzen können? Ein Gefühl, das an Länderspielvorfreude grenzte machte sich in mir breit.

Das Ergebnis entsprach dann, mit ein paar kleinen Abweichungen, den Erwartungen. Wie der befreundete Onkel und dann auch noch die Süddeutsche zutreffend analysierten, stellte sich Frank Richter, Vorsitzender der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung als eigentlicher Für- und Pressesprecher der Pegida heraus, Herrn Gauland von der AfD blieb nicht viel Arbeit übrig. Den Pegidisten ginge es ja gar nicht um den Islam, die hätten ganz andere Sorgen und Krisen zu bewältigen und seien (und zwar zu Recht, gestützt auf den etwas fernliegenden Verweis auf die Tatsache, dass die BRD die EU-Stabiliätskriterien selber nicht einhalte) allgemein politikverdrossen. Das mag ja sogar sein. Aber, und ich finde, das hätte etwas (sehr viel) deutlicher gesagt gehört – Nur weil ich besorgt, in der Krise und politikverdrossen bin, stelle ich doch nicht rassistische Forderungskataloge auf und gehe nicht mit Hooligans und Skinheads zusammen dafür demonstrieren. Oder was?! Da gibt es doch dann schon das ein oder andere Format, in dem ich meine Nöte ethisch aktzepabler kanalisieren kann. Ich finde es zutiefst verstörend, sowas hier aufzuschreiben zu müssen, aber irgendwie sagt es sonst niemand so richtig.

Skurriler Nebeneffekt – Während sowohl Pegida und auch die Islamisten an einer, nennen wir es plakativ „Spaltung“ der Gesellschaft (die ja eigentlich sowieso schon atomisiert ist) arbeiten, erreichen sie gerade, zumindest bei mir, eine bislang unbekannte innere Abgrenzung vom ehemaligen Ostteil dieses Landes – Ich werde zunehmend ossistisch – Alles und alle (oder doch zumindest viel, was da aus Dresden kommt und passiert (Pegida, Frank Richter, Alexander Gauland, extrem rechtsblinde Polizei, Flüchtlinge, die sich Montags nicht mehr auf die Straße trauen), scheint dumpfer und brutaler zu sein, als die Akteur_innen und Zustände, die ich hier so aus dem feuchtfröhlichen Westen kenne (unsere Kölner Hogesa-Riots hinterm Hauptbahnhof verdränge ich da mal lieber, aber so machen Rassisten das halt, dass ich noch nie in Dresden war, befördert das Ressentiment, natürlich).

Zwar habe ich nun gerade bei „Je suis Charlie“ gelernt, dass wir alle solidarisch sein sollen, wohl also auch mit den befremdlichen DresdenerInnen, aber es fällt schwer. Ich bin beim Fernsehgucken auch noch mal näher drauf gekommen, warum. Meine Analyse ergibt, dass sich die Pegidisten sich in einem Zustand der narzisstischen Regression befinden. Ihre Forderungen und Feststellungen sind alle gerechtfertigt und sinnvoll möglicherweise (in seltenen Fällen) sogar liebenswert und lustig (da in Deutschland auch gegen den Regenwald demonstriert werde, obwohl es hier ja gar keinen Regenwald gebe, könne Dresden auch gegen Ausländer demonstrieren, obwohl es fast keine davon hat) – Aber nur, wenn sowas von unter dreijährigen Kindern kommt. Wenn Erwachsene sich so benehmen, die Entwicklungsblockade bis ins hohe Alter anhält und die daraus resultierende Frustration sich in der Gewalt gegen Schwächere kanalisiert (andere Formen von Sublimation sind ja durchaus denkbar – Selbstschädigung oder kreative Bewältigung zum Beispiel), dann wird es unsympathisch. Immer wieder, so auch gestern, Thilo Sarrazin hat der empirisch offensichtlich falschen These ein ganzes Buch gewidmet, wird folgende abwegige Realitätsbschreibung geäußert: Es sei in unserem schönen Deutschland ein Tabu, Flüchtlinge, Asyl, Ausländer- und Integrationspoltiik zu kritisieren. Das berühmte „sowas darf man ja nicht sagen.“ Doch darf man, und macht „man“ ständig. Aber die (meisten) Leute, die diese These äußern, glauben ja an sie. Wie kommt es zu dieser verzerrten Wahrnehmung? Die Lösung ist: Kulturrassistische Thesen sind durchaus erlaubt und salonfähig – Und werden z. T. auch in widerlicher Weise bestätigt und unterstützt. Tiefpunkt der gestrigen Sendung war für mich persönlich beispielsweise das Zugeständnis von Jens Spahn, CDU, an  Pegida, es sei tatsächlich ein unbefriedigender Zustand, dass Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien nicht schnell genug abgeschoben würden, aber nun habe man ja gesetzlich Serbien und Montenegro zu sicheren Drittstaaten erklärt (viel menschenverachtender geht’s für meinen Geschmack gar nicht, aber das nur mal am Rande). Noch mal nur so ganz am Rande: Glaubt auch nur eine einzige Pegidistin, dass ihr persönliches Leben auch nur einen Fitzel besser wird, weil wir ein paar arme Menschen schneller in ihre Belgrader Slums oder ein paar der vielzitierten nordafrikanischen jungen Männer, in ihre „Urlaubsländer“, abgeschoben werden? Glaubt sie, dass auch nur einer von den möglicherweise gesparten paar wenigen Euros auf ihrem Konto landet? So doof kann eigentlich niemand sein.

Ach doch, vielleicht Leute, die im Nachdenken nicht so geübt sind, weil sie ihren dritten Geburtstag noch vor sich haben. Ja, genau, da lag das Problem. Mit „Es gibt ein Redeverbot“ meinen die Menschen in Wirklichkeit: Wenn wir mit unseren rassistischen Thesen, um die Ecke kommen, erfahren wir Ablehnung, auch in von Form Gegenargumenten, die nicht völlig abwegig sind (und uns irgendwie doof, dumm und gemein aussehen lassen). In der Liebe der Eltern zum kleinen Kind ist so eine Form der kritischen Reaktion auch nicht angebracht: Selbst, wenn das Kind recht hässlich ist, beispielsweise zu große Füße hat, unterdurchschnittlich bewegungsbegabt oder des Singens nicht mächtig ist oder die ganze Zeit nur dummes Zeug brabbelt: die Eltern müssen es trotzdem bedingungslos lieben und loben und dürfen es für seine Defizite nicht in Frage stellen. Das gilt ungefähr bis zu einem Alter von drei Jahren, würde ich sagen, dann muss es so langsam – Erst sehr moderat, natürlich – losgehen mit Rückmeldungen, die nicht nur reine Euphorie beinhalten. Ein bisschen Kontakt mit Realität und Außenwelt muss nach und nach hergestellt werden, das ist dann Erziehung und Erwachsen-Werden. In einem gesunden Prozess verlässt das Kind dann zunehmend den Zustand des Narzisstischen, nur sich selbst wahrnehmen könnenden (was, wie gesagt, bis zu einem bestimmten Alter normal und gesund ist) und gerät mehr und mehr in die Lage, sich in andere hineinversetzen zu können (wenn ich meinen Kindergartenkumpel beiße, tut ihm das weh; wenn ich traurig bin oder mich wertlos fühle und nicht weiß, wie ich das so schnell ändern kann, gehe ich nicht los und hacke auf Schwächeren herum, ein kleines Kind, dass sehr arm ist, hackt naturgemäß auf einem noch ärmeren rum, ein erwachsener Mensch hingegen entwickelt Mitgefühl für diejenigen, die noch weniger haben, genau diesen Schritt haben aber die Pegidisten noch nicht vollzogen). Wenn Pegida (oder Thilo, Akif, Matthias, Harald) sagen: „Wir dürfen nicht sagen, was wir sagen wollen!“ Meinen sie:“ Wir wollen unsere im fortdauernden Zustand des Narzissmus  entsprungenen Ideen unwidersprochen und mit uneingeschränkter Liebe erwidert sehen. Und plötzlich ergibt die Aussage Sinn. Was allerdings nicht die gestern diskutierte Frage beantwortet: Wie sollen wir denn jetzt mit diesen hässlichen, ungeliebten Kindern umgehen; lohnt sich eine politische Auseinandersetzung mit Menschen, die sich auf diesem geistig-emotionalen  Niveau bewegen? Was würde Habermas dazu sagen? Die SPD scheint sich gerade, mit wie ich finde, ganz guten Argumenten gegen den Dialog zu entscheiden.

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Pegida-Party!

Heute ist Pegida-Party in Köln. Oder sagen wir: Das hoffe ich zumindest. Alle Netten (alle Netten, die ich kenne, wenigstens) versammeln sich in Köln-Deutz und um Köln-Deutz herum und werden einer geringen Anzahl von Rassistinnen und Rassisten, die planen, sich bestimmungsgemäß am „Ottoplatz“ zu versammeln, verdeutlichen, dass sie ihren fiesen Quatsch hier nicht machen können. Eigentlich finde ich die persönliche Teilnahme an Demonstrationen (zum Missvergnügen des befreundeten Onkels) lästig und unbekömmlich. Die heutige Veranstaltung hat aber einen gewissen Event-Charakter und, was heute anbelangt, bin ich mir ziemlich sicher, dass meine Mannschaft gewinnt. Ich prognostiziere ein „Mindestens 10.000 zu 138“. Mal sehen.

Pegida – Pro und Contra

Eine Sache gefällt mir an Pegida: Und zwar, dass die nicht mit der „Systempresse“ reden. Wäre ich eine Protestbewegung, ich machte es genauso. Zwar glaube ich nicht, dass Fernsehsender und Zeitungen sich verabredet haben, nur noch die Unwahrheit zu verbreiten, aber dem öffentlichen Bildungsauftrag und der damit einhergehenden Verpflichtung zum Bemühen um Objektivität wird auch niemand mehr so richtig gerecht (naja, sagen wir mal: alle außer Phoenix). Indigniert stellte Günther Jauch gestern fest, dass Pegida nicht in seine Talkshow kommen will. Heul doch! Ich würde zu dem auch nicht hingehen. Ausreden lässt einen da keiner und wenn es schlecht läuft, wird man hinterher wochenlang als „Quassel-Imam“ beschimpft.

Natürlich gibt es auch Sachen an Pegida, die mir nicht gefallen, zum Beispiel die öffentliche Auseinandersetzung damit. Ich habe mir die Talkshows zum Thema angeschaut und hätte noch was zu ergänzen. Meines Erachtens wird den Pegida-Aktivistinnen und -Aktivisten zu viel entgegenkommendes Verständnis zuteil: „Wir müssen die Sorgen der Demonstrierenden verstehen!“, fordern Diskutantinnen und Diskutanten jeglicher politischer Provenienz. Nein, liebe Leute, das müsst Ihr nicht. Ich verstehe ja, dass Ihr Euch auch an die unsympathischen Elemente des Wahlvolkes ranwanzen wollt, aber dabei solltet Ihr Maß halten. Pegida muss nicht verstanden, sondern als rassistisch benannt und beschimpft werden: „Die Islamisierung des Abendlandes“ ist keine reale Bedrohung und keiner Sorge wert. Der sich dahinter nur sehr schlecht versteckende kulturelle Rassismus hingegen schon. Gruselige Ergebnisse erreicht man auch durch Ersetzen von „Islamisierung“ durch „Judaisierung“ („Patriotische Europäer gegen die Judaisierung des Abendlandes“, zum Beispiel).

Sorgen sollten sich die VolksvertreterInnen und alle anderen um die Frage, wo eigentlich unsere Empathie und Humanismus geblieben sind. Die Leute in den Flüchtlingsheimen sind die Schwächsten unter den Schwachen bei uns, und auf denen wird jetzt rumgetrampelt. Vielleicht sind nicht alle diese Menschen politisch verfolgt im Sinne des deutschen Asylrechts. Na und? Trotzdem sind es Menschen, denen es, da wo sie herkommen, schlecht ging und die sich ein besseres Leben wünschen, sonst wären sie ja nicht hier und würden sich diesen entwürdigenden Umständen aussetzen. Ich habe selber öfter mal mein Herkunftsland für länger verlassen. Das war immer freiwillig, aus Neugierde und Abenteuerlust, ich hatte immer genug Geld, Freunde, Familie und ein Zuhause in das ich zurück konnte. Trotzdem habe ich mich manchmal sehr alleine und einsam gefühlt. Und das, obwohl niemand gegen mich demonstrierte, meine Abschiebung forderte, mich persönlich bedrohte oder versucht hat, mich anzuzünden.

Also bitte kein Verständnis für die Sorgen der Pegida-Leute, sondern für die Menschen, die von denen angegriffen  werden. Ich möchte zum Beispiel gerade nicht gerne (vermeintlicher) Muslim in Sachsen sein. Ich würde mir wie ein Teil einer kleinen (es sind ja nur 4.000), dafür aber ziemlich bedrohten Minderheit vorkommen. Und das wäre ich ja auch.