Nationalmannschaftkritik-Kritik

Liebe Nichten und Neffen,

etwas verspätet aber doch aktuell möchte ich ein wenig Kritik an der Kritik an der Nationalmannschaft üben. Verschiedenartigste Häme wurde über letztere, ihr turbulentes Trainingslager, mangelnden Gesangseifer, Testspiele und sogar den Anführer ausgeschüttet. Alles davon ist unbegründet. Erinnern wir uns doch noch einmal, warum wir uns überhaupt für Fußball interessieren: Wegen der Unterhaltung! Wenn dann Kevin Großkreutz in die Eingangshalle eines Hotels pinkelt, Jogi Löw ihn daraufhin an seine Vorbildfunktion erinnert, nur um am nächsten Tag zugeben zu müssen, dass ihm wegen wiederholter Geschwindigkeitsüberschreitungen beim Autofahren die Fahrerlaubnis entzogen wurde und Oliver Bierhoff dies wiederum zu bagatellisieren versucht, in dem er auf der Pressekonferenz zum Thema zu den Journalisten sagt: „Unter Ihnen sind doch sicher auch einige, die schon mal den Führerschein verloren haben!“ (kühne Vermutung, sag ich mal), dann ist das? Genau! Noch unterhaltsamer! Also: Danke schon mal dafür, Nationalmannschaft. Nun zu den von vielen beklagten Verletzungen wichtiger Spieler und dem nur mittelmäßig verlaufenen Testspiel gegen Kamerun: Seit wann hat es die deutsche Nationalmannschaft nötig, das beste Team im Turnier zu sein, um beste Plätze zu erreichen? Ich meine mich zu erinnern, dass auch schon sehr medioker veranlagte Truppen mit Trainern von zweifelhaftem Rang sich ausschließlich mit Hilfe eines guten Torwarts bei Welt- und Europameisterschaften zu hervorragenden Ergebnissen gekämpft haben. Das 2:2 gegen Kamerun ist mir da fast schon zu ambitioniert und die verbleibenden gesunden Spieler zu hochbegabt. Wie viel Freude hatten wir beispielsweise beim Turnier 2006, das mit der verkorksten 1:4 Generalprobe gegen Italien eingeleitet wurde? Mit anderen Worten: Die WM wird ganz bestimmt eine tolle Sause! Das Halbfinale wird sicher erreicht. Und ganz ehrlich: Viel mehr sollten wir auch nicht wollen, der Titel darf ruhig an die Gastgeber gehen.

Euer Onkel Maike

Kevin Großkreutzkritik-Kritik

Kevin Großkreutz hat besoffen in eine Hotellobby gepinkelt. Außer mir scheint darüber niemand so richtig begeistert zu sein: Ein „Skandal“ findet Bild.de, auch die Süddeutsche berichtet, Borussia Dortmund verhängte eine Geldstrafe und Jogi rief zum ermahnenden Gespräch („Kevin, das neggschde Mal gehscht aber auf die Toilette, gell?“). Der Gescholtene selbst zeigt sich reuig und führt einen „Blackout“ als Erklärung an (ich bin mir noch unsicher, ob ich finde, dass das als Entschuldigung funktioniert). Woher der Ärger? Möglicherweise neige ja ich ein bisschen dazu, den Punkrocklifestyle zu romantisieren, aber ich finde Kevin Großkreutz toll. Einerseits wird immer über die weichgespülten presse-gecoachten Cyborg-Profis von heute gejammert. Wie in der Politik beklagen wir, dass die „echten Typen“ verschwunden seien (Mats Hummels: Hübsch, aber langweilig, Mario Götze: Nur langweilig). Bitterlich vermissen wir Mario Basler, Werner Frosch, Paul Gascoigne und Herbert Wehner auf der Höhe ihrer Kunst (und irgendwo in unseren kranken Seelen sogar Stefan Effenberg und Franz Josef Strauß). Kevin hingegen weiß den Hooligan in sich hervorzuzaubern, wenn der Anlass es gebietet. Dann beglückt er uns mit Ausfällen, die allesamt ein beachtliches poetisches Potenzial aufweisen: Mit Dönern nach Leuten werfen, vor Kameras zum Kotzen aufs Dixieklo geführt werden, öffentlich ankündigen, dass er sein Kind zur Adoption freigebe, wenn es Schalke-Fan würde und natürlich die anmutige Halbglatze zur Meisterschaft 2011. Wen das nicht ergreift, der hat kein Herz. Ich traue ihm mindestens zwei WM-Tore zu.