Dass der Focus so rechts ist, hätte ich nicht gedacht…

Ich hatte ja in meinem Hitzlsperger-Eintrag geschrieben, dass ich neugierig sei, wer sich so an Schwulenfeinden aus seinen Löchern wagen würde. An den Focus hatte ich nicht gedacht. Dort erschien aber ein bemerkenswerter Kommentar. Ich verlinke hier auf die private Homepage des Autors, Michael Klonovsky, der ihn ganz entrüstet noch um ein paar entrüstete Leserinnenreaktionen ergänzt.

Michael Klonovsky arbeitet seit 1992 für den Focus, zum Beispiel als Chef vom Dienst und Leiter des Debattenressorts. Hitzlspergers Outing findet er unzielführend, unter anderem aufgrund folgender Erwägungen:

Nur: Wem soll das Bekenntnis eines Fußballers, er sei schwul, etwas nützen? Den Schiedsrichtern? Möchtegern-Spielerfrauen auf dem zeitweiligen Holzweg? Dem Bundestrainer? Den Betroffenen wohl am allerwenigsten. Das hat einen einfachen Grund: Es gibt insgesamt deutlich mehr gegnerische Fans als eigene. Spieler können von einer Selbstoffenbarung nicht profitieren. Deshalb wollen sie auch nicht.

Mir wurde früh beigebracht, dass man Schwächere nicht haut. Ab einem gewissen Grad von eklatanter Doofheit wird daher auch nicht mehr gegenargumentiert. Ich referiere also einfach weiter. Diskriminierung von Homosexuellen gebe es nicht, schreibt Klonovsky, Beweis: Der Christopher Street Day. Ein besonderes Anliegen ist ihm, dass Homosexuelle und Ihre Unterstützerinnen sich nicht in die Bundesliga einmischen, denn:

Das Fußballstadion aber ist eine archaische Sphäre. Auf dem Platz imitieren Männer das Jagdrudel von ehedem und kämpfen gegen ein anderes Rudel. Die Ränge bilden den Ort der Parteinahme, der emotionalen Aufwallung, der Enthemmung, der Triebabfuhr. Das Stadion gehört zu den raren Klausuren, wo der von Verhaltensvorschriften und Tabus umstellte moderne Mensch sich noch gehen lassen kann. Die Fankurve ist die letzte Bastion gegen den Totalitarismus der Toleranzerzwinger.

Soso. Meine gute Erziehung verbietet es mir wiederum, auf der Abwegigkeit dieses Raisonnements herum zu reiten. Aber eine Anmerkung sei gestattet: Ich finde die Herren auf dem Fußballplatz imitieren ja nicht durchgehend Jagdrudel beim Kämpfen. Nach jedem Tor wälzen sie sich wild aufeinander, was stets auch etwas an ein fröhliche Rudelbumsen im Darkroom gemahnt. Herr Klonovsky ignoriert das frecherweise, weil es nicht in sein Weltbild passt (naja, mach ich auch immer so mit Fakten, die mir nicht so recht sind). Der Autor schließt, indem er ein paar Reaktionen auf seinen Text dokumentiert:

Eine Person schrieb: „Es ist ganz schön traurig, dass ein großes deutsches Magazin solch schwulenfeindlichen Mist verzapfen darf. (…) Eine Entschuldigung wäre das Mindeste, das nun geboten wäre.“ So und in ähnlichem Duktus äußern sich einige Kommentierende, verwundert darüber, solche Positionen in einem Magazin zu lesen, das dem demokratischen Spektrum zugerechnet wird.

Klonovsky bemerkt dann am Ende noch: „Was lernen wir aus dem Vorgang? Wer Frauen damit in den Ohren liegt, dass er bevorzugt Frauen vögelt, gilt im Zweifelsfall als Belästiger; wer sich indes gegen schwule Selbstoffenbarungen (auf dem Fußballplatz) verwahrt, ist ein ‚Schwulenfeind‘.“

Irrer, fernliegender Vergleich, so dermaßen fernliegend, dass ich ihn mir nur vulgärfreudianisch als Abwehrreaktion erklären kann. Und nicht anders. Weitere Lösungsansätze werden gerne entgegengenommen. Ich wiederhole mich aber dann doch noch mal: Liebe hysterische Schwulenfeinde und Schwulenfeindinnen, wenn ein Mensch sagt, er möchte lieber mit einem Mann zusammenleben und/oder einen heiraten, dann hat er uns über sein Sexualleben gar nichts mitgeteilt. Also, das mit dem ganzen Sex, das ist dann doch eher in Eurem Kopf. Was ja nicht schlimm wäre, wenn Ihr etwas lockerer damit umginget.

Lange Rede, kurzer Sinn, dieser homophobe Wahnsinnige hat also einen Arbeitsplatz beim Focus. Im letzten Jahr hat er außerdem einen Preis für engagierten Journalismus gewonnen. Als Laudator fungierte, nein, nicht Thilo Sarrazin, sondern auch ein Kollege von der Süddeutschen Zeitung, Marc Felix Serrao, mit den Worten: „Ich kenne keinen deutschen Journalisten, der so schreibt wie Klonovsky – so rücksichtslos gegen den herrschenden Ton und gleichzeitig so schön.“  (Zitiert nach Focus).

Soso. Eine weitere Kostprobe schöner schwulen- und lesbenfeindlicher Texte, nur eine Nummer krasser, findet sich hier auf eigentümlich frei (Nörgelvid hats entdeckt). Herr Klonovsky wendet sich gegen die Bildungspläne zur sexuellen Vielfalt der baden-württembergischen Regierung. Es fällt schwer, Hervorstechendes zu exzerpieren – Der Text trieft durchgehend vor reaktionärem Hass, der sich in kruden Wortschöpfungen Bahn bricht.

Allerdings besitzen weder die rotgrünen Schulstoffergänzungen noch brachialrespektable Selbstoffenbarungen vom Schlage Hitzlspergers irgendeine Relevanz für die Zukunft dieses Landes; es handelt sich um Gegenteil um spätluxuriöse Sumpfblüten verrottender, aber für die reizvollen Seiten der Dekadenz unbegabter Teile der Gesellschaft…

Soso, Darkroom nicht reizvoll? Brachialrespektabel? Verrottende Teile der Gesellschaft? Aber der Impuls zum Scherzen weicht Entsetzen. So ist zu lesen: „Der unterleibszentrierte Spaß hört auf, wo Kinder ins Spiel kommen.“ Ja, dann geh‘ doch in den Osten!, möchte man dem Autoren zurufen, er ist da ja ganz auf Putins Linie. Oder wie wäre es hiermit:

Dass solche staatlichen Eingriffe ins Allerprivateste wie in Baden-Württemberg immer zugleich Angriffe auf die Familien sind, ist ohnehin klar, und allein deswegen kann der Protest dagegen gar nicht entschieden genug ausfallen. Die LSBTTI-Propaganda ist nichts weniger als Minderheitenschutz; es handelt sich im Gegenteil um eine der inzwischen zahlreichen quasi molekularen Bürgerkriegserklärungen an die Mehrheit.

Quasi molekulare Bürgerkriegserklärungen! Es könnte der ganze Text zitiert werden. Ich empfehle die Lektüre als eindrückliches Beispiel für den Gegenwind, dem emanzipative Bewegungen, wie mir scheint, zunehmend ausgesetzt sind. Ich bin verwundert und verstört. Woher und wozu der ganze Hass? Erklärungen nehme ich gerne entgegen. Vielleicht rufe ich außerdem morgen mal beim Focus an und frage, was das soll.