Lustigkeit in Zeiten der Repression

Liebe Nichten und Neffen,

dieser Beitrag ist ohne Witze. Dafür hat der Onkel fein ein paar ungemein interessante Reflektionen zum Verhältnis von Humor und Politik für Euch vorbereitet: Er wird darüber sinnieren, ob sich die humoristisch-satirische Auseinandersetzung zu einem immer wichtigeren Instrument in der politischen Debatte entwickelt.

Um nur ein paar Beispiele anzuführen: Der Antrag auf Einreisegenehmigung nach Hamburg eines besorgten Kölners, der dort seine Tante besuchen wollte, „ägyptische Verhältnisse“ befürchtete und damit ein unglaubliches mediales Echo erreichte. Zu nennen ist hier auch „Pofalla-Gate“, das vom erfolgreichsten Blog Deutschlands, dem Postillon, geschickt dazu genutzt wurde, den jämmerlichen Zustand des deutschen Journalismus zu entlarven. Aus den USA ist zu vernehmen, dass dort nicht mehr den traditionellen Nachrichtensendungen  der höchste Informationswert zugebilligt wird. Wer wissen will, was gerade wichtig ist, schaut lieber satirische Formate wie die daily show oder den Colbert Report. (Ähnliches über die deutsche heute show zu behaupten, hat mir der befreundete Onkel leider verboten.) Die Darlegungen des Kabarettisten Volker Pispers – Wilfried Schmickler oder Georg Schramm gehen in eine ähnliche Richtung – empfinde ich häufig als recht sachorientierte politische Reden. Humoristische Überzeichnungen kann ich da oft gar nicht erkennen und würde mir wünschen, solche Vorträge mal von Repräsentant_innen der SPD zu hören. Das Gegenstück zu den Kabarettist_innen, die Politik machen, sind natürlich Politiker_innen, die (ohne, dass es ihnen selber immer bewusst ist) kabarettistisch agieren. Unübertroffen hierbei ist natürlich Edmund Stoiber. Aber auch viele andere CSU-Charaktere, die mensch so bei Anne Will beobachten kann, könnten kaum besser erfunden sein. Zu Philipp Rösler und Claudia Roth muss ebenfalls nicht mehr viel hinzugefügt werden. Eine besondere Verschmelzung von Satire und verfassungsrechtlicher Institutionalisierung sehe ich in der Partei „die Partei“ verkörpert. Zugegebenermaßen gab es vorher schon viele andere Spaßparteien, wie die legendäre APPD, Christoph Schlingensiefs Chance 2000 oder natürlich die FDP. Aber „die Partei“ erreicht ein nie dagewesenes Organisations- und Verbreitungsniveau.

Woher kommt das? Eine Ursache könnte in der zunehmend sachzwang- und alternativlosigkeitspostulatslastigen öffentlichen Debatte begründet liegen: „Nein, wir müssen Griechenland in Sparzwang, Bankrott und die  Hände von Nazibanden treiben – Das liegt an der Globalisierung: Wettbewerb, Wachstum, Wachstum!“, sagt Angela Merkel. Sigmar Gabriel widerspricht nicht sehr vehement. Die einzige, die was dagegen sagt, die Linkspartei mit teilweise guten Argumenten, wird weiträumig ignoriert. Zugegebenermaßen hat Mitglied Gregor Gysi eine große öffentliche Präsenz, aber der ist ja irgendwie auch wieder nur ein Clown.

Außerdem, oder kommt es mir nur so vor, war die politische Debatte noch nie so stark darum bemüht, es sich in Bezug auf künftige Wahlen nicht mit dem Volke zu verscherzen. Es wird gar keine Politik mehr gemacht, sondern sich in die beste Ausgangsposition für kommende Landtags- und Europawahlen manövriert.

Eine zweite Frage, neben der nach den Ursachen, ist die nach einer politischen Einschätzung. Ist die viele Lustigkeit (politisch) gesund? Über den Antrag auf Einreisegenehmigung habe ich mich zum Beispiel sehr gefreut, ebenso jeden dritten Tag über den Postillon (hoffentlich liest Titanic-Apologet Nörgelvid das jetzt nicht). Für mich hat die scherzhafte Auseinandersetzung oft eine befreiende, antidepressive Wirkung. Auch gefällt mir die, ich nenne es mal noble Gesinnung der Witzbolde. Sie lassen sich nicht auf das niedrige Niveau ihrer verlogenen, gewalttätigen Gegner_innen herab (damit meine ich zum Beispiel die Grundrechtsfeinde vom Senat der Stadt Hamburg). Stattdessen bedienen sie sich eines Instrumentariums, das niemanden verletzt. Vielmehr wird die Absurdität der gegnerischen Position auf freundlich-friedliche aber gleichermaßen überzeugende Weise ans Licht gebracht.

Alles gut also? Der befreundete Onkel kommt mal wieder mit Gegenargumenten: Indem ich alles in einen ironischen Kontext setze – Überführe ich damit nicht gesellschaftlich drängenden Widersprüche in eine (humoristische) Komfortzone? Ist die Ironisierung nicht gewissermaßen die Boulevardisierung des (Möchtegern-)Linksintellektuellen? Der notwen-dige Widerstand wird mit dem Kabarettbesuch abgeleistet. Dass in Hamburg die Gefahrenzonen wieder aufgehoben wurden, hat derweil keine_r so richtig mitbekommen. Und wenn es das nächste Mal soweit ist, sind alle, lustig war es ja zumindest, schon ein bisschen daran gewöhnt.