Zauberberg 2.0

Mein Zauberberg-Exemplar und ich haben zwecks Inspektion meiner eigenwilligen Lunge einen guten Teil dieser Woche auf Station 3 b des Klinikums Merheim in Köln verbracht. Leider fehlte mir dort der Mut zu weiterer Lektüre, ich konnte mich jedoch an bereits Gelesenes erinnern und schöne Beschreibungen mit neuen Eindrücken auffüllen. Diese von mir bereits gelobte gelungene Beschreibung eines Hustens, hier auch schon zitiert

„…aber ein Husten, der keinem anderen ähnelte, den Hans Castorp je gehört hatte, ja mit dem verglichen jeder andere ihm bekannte Husten eine prächtige und gesunde Lebensäußerung gewesen war, – ein Husten ganz ohne Lust und Liebe, der nicht in richtigen Stößen geschah, sondern nur wie ein schauerlich kraftloses Wühlen im Brei organischer Auflösung klang.”

konnte vielfach am akkustischen Beispiel erlebt und so noch vorstellbarer gemacht werden.

Da ich nun über Davos und das Sanatorium Berghof nichts Neues berichten kann, möchte ich stattdessen kurz das Klinikum Merheim einer lobenden Darstellung unterziehen. Dort wird vieles richtig gemacht. Bei der Anreise geht es los. Recht mühselig, aber letztlich doch erfolgreich, konnte ich dem Internet die Information entringen, in welchem Teil des sehr weitläufigen Krankenhauskomplexes die Lungenstation gelegen ist (Gebäude 20b). Dieses Wissen war aber nicht hilfreich, da die Klinikverwaltung vorausschauend auf eine rudimentäre Ausschilderung mit Wegweisern annähernd verzichtet hat. Irgendwann findet sich dann ein Schild mit dem Hinweis „Lungenklinik Gebäude 23“. Aber auch Gebäude 23 lässt sich dann nur schwer aufspüren und ist ja auch nicht der Ort, an den man will. Kurz hätte ich fast geweint, begegnete dann aber einem Ortskundigen, der mir weiterhalf.

Ich finde das sinnvoll arrangiert. Das Krankenhaus erreichen nur Patienten, Besuchs- und Ausbildungswillige, die dort ernstlich hinwollen. Alle anderen geben auf oder sterben auf dem Weg. Das führt dazu, dass Pflege und Zuwendung nur dort aufgewendet werden, wo wirklich benötigt. Das Gesundheitssystem wird so entlastet. Auch wer versucht, aus der Klinik wieder wegzugelangen, vielleicht gerade aufgewühlt, weil die traurige schwerkranke Mutter besucht etc., freut sich doch über jeden anderen Grund, sich aufzuregen und ein bisschen abzulenken.

Diejenigen aber, die es schaffen, sich bis zum Krankenhaus durchzuschlagen, werden dann, ich meine das unironisch, menschenfreundlich bis sogar liebevoll behandelt. Bei jedem noch so hoffnungslosen Fall wird, im Zweifel gegen den eigenen Willen, versucht, ihn unter Einsatz hoher Sach- und Personalkosten am Leben und im Krankenhaus zu halten. Das hat mich angenehm überrascht. Um ein Beispiel zu nennen, ich hatte zur Anmeldung weder eine gültige Krankenkassenkarte, noch Personalausweis dabei. Außerdem konnte ich nicht verheimlichen, dass ich der AOK seit knapp zehn Jahren meine aktuelle Anschrift nicht verraten hatte. Das war für die nette Dame in der Verwaltung aber kein Grund mich unfreundlich oder genervt zu behandeln (Sie schien noch nicht mal verwundert).

Umgekehrt proportional zum angenehmen Umgang stellte sich jedoch die Organisation und das Zahlengedächtnis der Angestellten dar. Wer mich kennt, weiß, dass effiziente Verwaltung nicht zu meinen Primär-Kerninteressen und -kompetenzen gehört, um es euphemistisch zu formulieren. Wenn ich etwas schlecht organisiert finde, heißt das, es IST schlecht organisiert. Es muss schon ein sehr hoher Grad von Chaos erreicht werden, damit ich überhaupt anfange mir über das Thema Gedanken zu machen. Um ein Beispiel zu nennen: Ich merke, wenn meine Medikation häufig falsch aufgeschrieben oder ganz vergessen wird und kann um Korrektur bitten. Aber was ist mit Leuten, die im Koma liegen oder solche Dinge aus anderen Gründen nicht selber überwachen können? Rechnen sowie sich Zahlen merken und aufschreiben können, sind weithin überbewertete Eigenschaften. NUR NICHT IM KRANKENHAUS. So, jetzt aber genug geschimpft. Ich meine aufrichtig, dass das Glas halbvoll ist. Im Vergleich zu dem russischen Hospital, in dem ich mal war, ist die Klinik Merheim ein Viersterne-Hotel. In den USA hätte ich für den Spaß einige tausend Dollar bezahlt. Und die Menschen, die dort arbeiten, sind wirklich freundlich und engagiert. Außerdem darf einen der Boyfriend bis zehn Uhr abends besuchen – Das ist doch modern.

Der Zauberberg – Die zweiten hundert Seiten – Ein Husten ganz ohne Lust und Liebe

Die zweiten hundert Seiten: Schön wärs – Stattdessen ist es wie im richtigen Leben. Ich hänge selbst- und fremdgesetzten Zielen hoffnungslos hinterher. Bis auf Seite 36 konnte ich mich erst vorkämpfen. Meine Erwartungen finden sich bislang bestätigt: Der bourgeoisere der beiden Mann-Brüder weiß durch kunstvollen Gebrauch adjektivhaltiger Sprache und nix-passieren-lassen in mir eine zäh-mürbe-träge Stimmung zu erzeugen und meine bildungsbürgerlichen Bestrebungen ernsthaft zu behindern.

Als positive Abwechslung stach diese originelle Beschreibung eines Hustens hervor: 

„…aber ein Husten, der keinem anderen ähnelte, den Hans Castorp je gehört hatte, ja mit dem verglichen jeder andere ihm bekannte Husten eine prächtige und gesunde Lebensäußerung gewesen war, – ein Husten ganz ohne Lust und Liebe, der nicht in richtigen Stößen geschah, sondern nur wie ein schauerlich kraftloses Wühlen im Brei organischer Auflösung klang.“

Höhepunkt der Langeweile: die seitenlange Beschreibung des Geschirrs aus der Vitrine des längst verstorbenen Großvaters des Protagonisten. Da nützt auch das vom befreundeten Onkel beigesteuerte Hintergrundwissen, dass die Taufschale in der Vitrine von der echten Taufschale der Familie Mann inspiriert ist, nichts.

Um von den nicht gelesenen ersten hundert Seiten abzulenken, initiierte ich in Blogbeitrag Zauberberg Eins einen Thomas Mann Imitier-Contest (sehr neoliberal – mangelnder Inhalt wird durch einen überflüssigen Wettbewerb übertüncht), welcher sehr erfreuliche Resultate zeitigte: Die drei sympathischen Teilnehmenden begeisterten durch konsequente Nichtbeachtung der Vorgaben. Beitrag Eins: Plagiat, Beitrag zwei: „Ich imitiere lieber Ayn Rand“, Beitrag drei: “ Ich imitiere lieber ‚vage bildungsbürgerlich'“. Gewinner, mit sehr knappem Vorsprung, So‘ n Chaos mit Satzkunstwerken wie: „Ganz nach dem Vorbild von Mutter Merkel, gestand ein Teil von ihm sich leise ein, bevor dieser Teil wieder unter Granit verschüttet wurde.“ 

Lange sann ich über mögliche Nachfolge-Wettbewerbe nach, zum Beispiel: „Analysiere und interpretiere den Beitrag von So‘ n Chaos und setze ihn in einen literaturhistorisch-dekonstruktivistischen Kontext“, aber das ist zu schwer. So‘ n Chaos würde wahrscheinlich wieder gewinnen. Wie wäre es stattdessen mit der folgenden Frage: Nachdem wir uns jetzt lange und erfolgreich mit der Aufgabe „Wie würde Thomas Mann Sigmar Gabriel beschreiben“ beschäftigt haben, lassen Sie uns das doch einmal umkehren: Wie würde denn Sigmar Gabriel Thomas Mann darstellen?

Hier ein Vorschlag: „Currywurst, liebe Parteifreunde und Parteifreunde, die SPD ist Currywurst, die Partei der Arbeiterinnen und Arbeiter, des ehrlichen, des kleinen Mannes. Thomas Mann, hingegen, das ist Canapees, Arroganz, Bonzentum. Der Mann lebte nicht von seiner Hände harter Arbeit. Den ehrlichen Arbeiter, den zu stark behaarten Lastwagenfahrer, den bollerigen plumpen Lehrer, da war sich der Herr zu fein für, Genossinnen und Genossen!“