Meine Oma kriegt Internet

Meine Mutter mailt mir: „Oma bekommt am Mittwoch Internet“. Und ergänzt: „Dann kann man sie zutexten, ohne dass sie direkt dazwischen redet.“ Ich bin etwas aufgeregt. Das Internet und meine Oma passen gut zusammen. Da lässt sich schließlich viel interessanter Quatsch finden und meine Großmutter ist eine neugierige, kluge, humorvolle Person, an den Dingen der Welt interessiert und nicht schnell einzuschüchtern. (Ihr konkretes Interesse an einem Tablet entstand, als sie von Wikipedia hörte – In your face, alle Leute mit nicht so tollen Omas!).

Ich zweifle allerdings noch daran, ob Oma und das Internet tatsächlich zusammenkommen werden. Meine Großmutter ist nicht technikaffin. Insgesamt lagen ihre Stärken nie im pragmatischen Umgang mit den Phänomenen des Alltags. Außerdem wird sie nächstes Jahr 90 Jahre alt. Wenn wir sie früher am Wochenende besuchten, begrüßte sie uns oft mit: „Kinder, Ihr werdet nicht glauben, was mir gerade wieder passiert ist!“. Typischerweise hatte sie dann ihre Brille verloren und im Küchenmülleimer wiedergefunden oder den Deckel der Küchenmaschine nicht richtig aufgeschraubt und die Wand eine neue Farbe oder andere Kalamitäten vergleichbaren Ausmaßes verursacht (die nur deswegen zu vorübergehenden ungemütlichen Spannungen führten, weil mein Großvater häufig nicht bereit war, das alles lustig zu finden).

Soweit so freundlich und nett (Opa war nie lange sauer). Etwas ernster gesprochen, befürchte ich aber, dass meiner Großmutter, nennen wir es „Ungeschicklichkeit in manchen Dingen“, die in einem umgekehrt-proportionalen Verhältnis zu ihrem intelligenten, wachen Wesen steht, auch Aspekte einer leicht neurotischen, unterbewussten Selbstsabotage hat (Wobei es, zugegeben, schon streng ist, einer 90jährigen sowas zu attestieren. Ich traue mich das auch nur, weil ich Eigenschaften beschreibe, die sie schon hat, seit ich sie kenne). Das könnte dazu führen, dass sie sich auf dem Weg nach online verzettelt. „Wir müssten irgendwas im Internet verstecken, was sie unbedingt haben will“, überlegen Mutter und ich, aber was könnte das sein? Ein bisschen fühle ich mich auch wie eine Teilnehmerin an einer Primatenerforschungsexkursion. Das intelligenzbegabte, uns ähnliche aber doch auch fremde Wesen bekommt ein Spielzeug/Werkzeug mit vielen Verwendungsmöglichkeiten ausgehändigt und es bleibt abzuwarten und zu beobachten, ob und wie es zu einer Nutzbarmachung kommen wird.

Aber eigentlich bin ich optimistisch, könnte sein, dass ich morgen meine erste Mail von ihr bekomme: „Meine Liebe, Du bist ein bisschen frech!!“, wird sie mir dann vielleicht mitteilen.

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Hitlers Oma

Der befreundete Onkel und ich diskutieren die Frage, ob jeder Mensch von Geburt an freundlich sei und erst später durch Familie und Gesellschaft bösartig gemacht werde. Oder gibt es genuin schlechte Leute? Der Onkel nennt (wenig originell) Hitler. Ich entgegne: „Aber Hitler hatte auch einen netten Kern, er mochte Hunde!“, „Aber die Hunde hatten Angst vor ihm!“, gibt der Onkel zu bedenken, „Das ist auf den Fotos von Hitler und seinen Hunden an den Ohren der Hunde deutlich zu erkennen.“. Ich entgegne mit einer meiner Kindheitserinnerungen, derenzufolge ich unsere damaligen Katzen zeitweise etwas untiergerechten Behandlungen unterwarf und die deswegen auch Angst vor mir gehabt haben könnten (ich bin nicht stolz darauf). „Ja, aber da warst Du viel jünger als Hitler“, argumentiert der befreundete Onkel und schließt die Vermutung an, dass dies eine selten geäußerte Aussage unter Paaren sei. Lustig genug. Aber mir kommt eine weitere Jugenderinnerung in den Sinn. Mit Anfang 20 hatte ich eine depressive Phase und wollte mein Bett nicht mehr gerne verlassen (zu damaligen Zeiten, als es noch keine Bachelorstudiengänge gab, karrieretechnisch nicht so problematisch, für die unmittelbare Umwelt aber dennoch nervig). Meine Oma wollte helfen, rief an und fragte, was mich bekümmere: „Ich bin ein schrecklicher Mensch und niemand mag mich!“ sagte ich. „Ja, aber Kind, ich habe Dich doch lieb!“, versuchte sie mich zu trösten. „Das zählt überhaupt nicht“, wehrte ich ab, „Hitlers Oma mochte Hitler auch!“ Scharfsinnig argumentiert, nicht wahr? Die psychologische Forschung hat ja ergeben, dass depressive Menschen zu größerem Realismus neigen als die sogenannten Gesunden, die sich immer etwas überschätzen. Eigentlich glaube ich aber, dass Hitler keine derartig nette Oma hatte wie ich, sonst wäre er nicht so geworden.