Werdet dem Geschlecht gerecht, wenn Ihr mit ihr_ihm sprecht! – Fortsetzung

…aber, Alter, es klingt einfach doof

„Wie bitte???“, hätte ich noch vor nicht allzulanger Zeit jemanden angekreischt, die es gewagt hätte zu sagen, gendergerechte und inklusive Sprache sei partiell unpraktikabel. Inzwischen sehe ich das anders. Dazu wieder ein bisschen aus der eigenen Erfahrungswelt:

Als ich zum ersten Mal mit dem „gender gap“ konfrontiert wurde, war ich sofort verliebt. Gender gap (nicht zu verwechseln mit dem „gender pay gap“) bedeutet, dass wir statt „Freundinnen und Freunde“ jetzt Freund_innen schreiben. Das ist nicht nur kürzer, sondern auch inklusiver. Durch den Unterstrich schaffe ich einen Raum für Identitäten jenseits von Mann (Freund) und Frau (Freundin). Ich verdeutliche das Kontinuum der geschlechtlichen Identität. Mir nichts, Dir nichts, habe ich mit Hilfe der Grammatik die bipolare Matrix aufgelöst. Das ist zwar radikal, schließlich war der Unterstrich bislang noch nicht Teil unseres Alphabets und jetzt hat er sich einfach so mitten in die Worte geschlichen. Dafür wird die Ausdrucksmöglichkeit ins Unendliche erweitert. Mit dem Strich, über dem Strich ensteht ein Freiraum, Platz für eigene Bilder, unbeeinflusst von sprachlichen Zeichen. Es gibt inzwischen Leute, die benutzen den Unterstrich nicht nur, um Personen zu benennen, sondern immer, wenn sie finden, dass Begriffe mehrdeutig sind. Zum Beispiel in diesem recht bekannten Blog wird eine solche Schreibweise gebraucht. In der Theorie finde ich das immer noch großartig. In der Praxis kommt es mir inzwischen manchmal unpraktisch vor. Zum einen funktioniert es grammatikalisch häufig nicht so gut. Beispielsweise die „Bäuer_innen“ – Da habe ich die Bauern nicht mit drin. Ebenso tun sich Probleme auf, sobald wir uns nicht mehr im Nominativ befinden. „Gebt Eure_r_m Lehrer_in die Hefte“ (wieso fällt mir kein lustigeres Beispiel ein?) ist, bei aller Liebe, gewöhnungsbedürftig.

Nun könnte gesagt werden, na, macht doch nichts, sind wir doch einfach nicht so streng. Das läuft aber unserer Sprachkultur, in der sich gute Sprache, zumindest vermeintlich, auch dadurch auszeichnet, dass sie auf eine eindeutige Weise grammatikalisch richtig ist, zuwider. Zum anderen finde ich den Unterstrich in enger, gehäufter Abfolge nicht schön. Er zerbricht das Schriftbild. Das mag eine Frage der Gewöhnung sein, aber ich habe schon Texte geschrieben, da fand ich es hässlich. Eine einfache Lösung sehe ich nicht. Zur Abwechslung auf die Beidnennung ausweichen, wäre eine Möglichkeit, die finde ich aber unbefriedigend. Wenn ich mich einmal zur Auflösung der binären Kategorien entschlossen habe, will ich nicht wieder in die enge Welt der Bipolarität zurück. Außerdem ist so ein Mix uneinheitlich.

Eine weitere Anmerkung ergibt sich auf einer anderen Ebene, nämlich dem Bereich der gesprochenen Sprache. Ich weiß nicht, wie es anderen Leuten geht, aber bei mir ist es so, dass ich nicht automatisch gendersensibel spreche. Das generische Maskulinum kommt mir doch häufig noch unter. Manche Formen fallen mir schwer, aufzugeben. Zum Beispiel das „man“ benutze ich oft und gerne. Ist aber eigentlich verboten und es stehen viele Möglichkeiten zur Verfügung, es zu umgehen, nicht nur das auffällige „mensch“ oder „frau“. Insgesamt bin ich recht viel damit beschäftigt, darüber nachzudenken, wie ich jetzt was sagen soll oder will. Sehr überichlastig ist das alles. Und ich frage mich, ob es sinnvoll ist, wenn ich mich beim Sprechen beobachte und kontrolliere. Es wäre mir den Aufwand wert, wenn die Welt dadurch ein bisschen geschlechtergerechter und inklusiver würde. Aber ich habe da meine Zweifel. Werde ich, indem ich auf mein liebgehabtes „man“ verzichte, emanzipierter? Das wäre durchaus gut, da gibt es Luft nach oben, denn ich bin, keine Koketterie, leider eher ein abhängiger und unselbstbewusster Mensch. Könnte es daher nicht vielleicht sinnvoller sein, nackt um Bäume zu tanzen oder ähnliches, als mich selber beim Sprechen und Einhalten einer Form zu beobachten, die ich gar nicht empfinde? Schließlich gibt es keine Studien, die belegen, dass der bewusste Gebrauch von geschlechtergerechter Sprache zu mehr Geschlechtergerechtigkeit führt. Allerdings kann ich mir auch nicht vorstellen, wie eine solche Studie aussehen könnte. Daher ist das kein abschließendes Gegenargument. Vielleicht sollte ich einfach nackt um Bäume tanzen und dabei Lieder in geschlechtergerechter Sprache singen.

Ein weiterer Kritikpunkt an der gendergerechten Sprache, den ich auch nicht ganz von der Hand weisen würde, ist der Vorwurf des Elitismus. Um geschlechtergerecht zu sprechen und schreiben, müssen, meines Erachtens, mehrere Voraussetzungen erfüllt sein. Zunächst muss mensch fähig (und willens) sein, Sprache zu reflektieren. „Das generische Maskulinum kann häufig durch den Gebrauch des Partizip Präsens umgangen werden“ – das verstehen viele nicht. Sehr viele sogar, behaupte ich mal kühn und verrate nicht, wie kurz es erst her ist, dass ich gelernt habe, was ein Partizip Präsens ist. Aber, damit ist es nicht getan, zur Sprachreflektion muss sich die Selbstreflektion gesellen. In welcher Beziehung steht das, was ich sage, zu mir, was sagt es über mich aus, beispielsweise mein Selbstverständnis als „Mann“ oder „Frau“. Eine weitere kühne Behauptung: Viele Leute sehen sich nicht veranlasst, solche Überlegungen anzustellen, und manche sind dazu auch nicht in der Lage. Wen kann ich mit der Forderung nach geschlechtergerechtem Sprechen denn dann eigentlich realistischerweise erreichen und damit sinnvoll politisch wirken? Andererseits, wissenschaftlichem, politischem Fortschritt entgegen zu halten, dass er kognitiv oder auch emotional nur schwer zugänglich sei, ist wiederum reaktionär.

Um es klarzustellen: Meine kritischen Erwägungen beziehen sich auf den Lebensbereich, in dem ich mich privat und politisch bewege, nicht auf meine Tätigkeit im öffentlichen Dienst. Dass Bund und Länder als juristische Personen, sich, also ihre Behörden, und damit die dort öffentlich-rechtlich tätig werdenden Menschen, in den Landesgleichstellungsgesetzen zur Beidnennung der Geschlechter, bzw. zum Gebrauch neutraler Formen verpflichten, finde ich zu hundert Prozent sinnvoll. Beidnennung und neutrale Formen sind auf jeden Fall ein Fortschritt gegenüber dem generischen Maskulinum. Vielleicht wäre eine vorübergehende Lösung auch die Einführung des generischen Femininums, darüber könnte zumindest nachgedacht werden. (Das generische Femininum ist nur leider noch unmehrheitsfähiger als andere Varianten der gendergerechten Sprache – siehe beispielsweise den Aufruhr um die Satzung der Uni Leipzig).

Aber selbst im privat-politischen, so wurde mir, während ich diesen Beitrag schrieb, noch mal deutlicher, bleibt nichts anderes übrig, als über Sprache nachzudenken und sich um gerechtes, angemessenes Sprechen zu bemühen, immer in dem Bewusstsein, dass es kein richtiges Sprechen im falschen Leben gibt. Zu welchen (Zwischen)-Lösungen mensch dabei kommt – und vor allem, ob und welche Forderungen sie_er_es daran stellt, wie andere Personen möglichst sprechen sollen, das muss jede_r für sich selbst entscheiden.