Wir sagen nicht: So soll es sein. Wir sagen: So kann es sein.

In diesen beiden längeren Texten habe ich schon einige kritische Überlegungen zur gendersensiblen Sprache angestellt. Das Ergebnis lautete: herausfordernd, aber spannend und für mich persönlich auch alternativlos. Irrigerweise nahm ich an, mich in der Materie ganz gut auszukennen.

Dann las ich in Spiegel-Online ein charmantes Interview mit Professx Lann Hornscheidt, die mit der AG „Feministisch Sprachhandeln“  der Humboldt Universität Berlin unter dem griffigen Titel „Was tun? Sprachhandeln – aber wie? W_ortungen statt Tatenlosigkeit“ einen Leitfaden zum antidiskriminierenden Sprachhandeln veröffentlichte. Die Publikation enthält umfangreiche Reflektionen und Erläuterungen zu Sprachhandlungen und ihren Wirkungen. Wie können wir sprechen, wenn wir nicht (unbewusst) bestimmte Normen setzen, Personengruppen damit ausschließen und damit zum Beispiel rassistisch, sexistisch oder ableistisch sein wollen? Für Leute, die vielleicht noch gar nicht wussten, was „ableistisch“ bedeutet, (nein, ich doch nicht, neinnein) enthält das Werk ein umfangreiches Glossar. Ableistisch bedeutet demzufolge, Menschen, die keine körperlichen oder sonstigen Einschränkungen haben, als Norm zu verstehen, wie beispielsweise in dem Satz: „Diesen Text lesen bitte alle bis zum nächsten Seminar.“ Das „alle“ grenzt nämlich alle Menschen aus, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in der Lage sind, den Text zu lesen.

Eine zentrale Neuerung in sprachlicher Hinsicht stellt die im Leitfaden vorgeschlagene X-Form dar. Das X überwindet die Zweigeschlechtlichkeit in radikalerer Weise als zum Beispiel der Unterstrich („Professor_in“). Es ist als Symbol des Durchstreichens überkommener Rollenvorstellungen zu verstehen. Die möglicherweise beim Lesx auftretende Irritation ist gewollt.

Sicherlich stoße ich auf viel Zustimmung, wenn ich finde, dass diese Vorschläge radikal erscheinen. Daher ist es wichtig zu betonen, dass Professx (Sprich „Professix“) Hornscheidt und ihre Studierxe (Sprich „Studierixe“), ihre Ideen niemandem aufzwingen wollen: „Nein, wir wollen niemandem etwas vorschreiben, keine neuen Regeln aufstellen. Wir sagen nicht: So soll es sein. Wir sagen: So kann es sein. Ich habe nichts dagegen, wenn Personen sich Frau oder Mann nennen bzw. Professorin oder Professor. Wer sich aber in der Zweigeschlechtlichkeit nicht wiederfindet, soll ein anderes Angebot bekommen.“, erläutert Lann Hornscheidt maximal unoffensiv. Sich Sprachhandlungen anzueignen, zuhören, ausprobieren macht Spaß, sagt der Leitfaden. (Ix kann das nur bestätixen!) Umso verwunderlicher muten dann die überengagierten Gegenreaktionen im Gewande von Aussagen wie: „Das ist doch alles rot-grün versiffter Genderwahn, die Rache untervögelter hässlicher Schlampen! Bürgerinnensteig, Steuergelder HARHARHAR!“ an (und entsprechen nicht ganz dem, was Lann Hornscheit mit Freude an kreativer Sprachgestaltung gemeint haben dürfte). Juristixe würden so etwas wohl als unverhältnismäßig klassifizieren. Moderate Kritik, wie zum Beispiel hier, finde ich allerdings angebracht. Punkt Eins: Jedx darf natürlix soviele Ixe in seine Worte tun wie x möchte. Es darf aber nicht zum Zwang oder Ausschlusskriterium werden. Ich vermute jedoch, dass sich Ablehnixe der X-Form in der „AG Feministisch Sprachhandeln“ und auf deren Partys eher nicht so wohl gefühlt haben werden. Aber schlimmer: Ich finde den Leitfaden zutiefst ableistisch. Ich fürchte, dass ihn kaum einX versteht. Es scheint mir schon eine hohe Schwelle, überhaupt eine Idee von „Sprachhandeln, das im Wege der Aneignung Frauisierung und Zweigeschlechtlichkeit überwinden soll“ zu haben. Dafür muss ich doch mit gewissen Diskursen und Terminologien vertraut sein. Und, hui, das erlangt mensch wohl eher im akademischen Raum. Der Leitfaden stellt wichtige und wesentliche Überlegungen zu Sprache und Ausgrenzungen an. Es ist ja tatsächlich so, dass viele Menschen, die Texte, die ihnen in der Uni vorgelegt werden, nicht lesen können. Aus den verschiedensten Gründen. Körperlich eingeschränkte Menschen werden wirklich ausgegrenzt und das hat viel damit zu tun, wie über sie und mit ihnen (nicht) gesprochen wird. Die Uni Köln zum Beispiel hat einige hundert Studierxe, die nicht gut hören können und dadurch benachteiligt sind. Das weiß kaum einx. Durch die selbstreferentiell-elitistische Herangehensweise konterkariert der Leitfaden sein eigenes Ziel, Ausgrenzung zu minimieren allerdings zum Teil. Aber wenigstens wird der Versuch unternommen und das verdient alle Achtung. Ich verkneife mir deswegen die vielen Asterix-Witze, welche die X-Form ja dann doch nahelegt. Wex bessere Lösungen als Professx Hornscheidt hat, melde sich!

Nachtrag: Der befreundete Onkelix, stets zu konstruktiver Kritik aufgelegt, merkt an: Mit so einer positiven Haltung wirst Du Dir, außer bei Martinix, nicht viele Freunde machen (manchmal ist er ein bisschen spießix). Und messerscharf erkennt er, dass der Terminus „Studierixe“ höchst ausgrenzerisch ist, was ist beispielsweise mit den ganzen Gasthörixen? Oder alljenixen, die aus anderen Gründen im Raum sind? (Außerdem: so lange es Menschen gibt, die gerne in der Universität wären, aber durch vielfältige Mechanismen davon abgehalten werden, trotz Wunsch, dort zu sein? Sollten, so lange das so ist, überhaupt Vorlesungen abgehalten werden?) Um nicht in Diskriminierungsgefahr zu geraten, sollte bei jeder Ansprache immer ein „und alle anderixen“ angefügt werden. 

Advertisements

Werdet dem Geschlecht gerecht, wenn Ihr mit ihr_ihm sprecht! – Fortsetzung

…aber, Alter, es klingt einfach doof

„Wie bitte???“, hätte ich noch vor nicht allzulanger Zeit jemanden angekreischt, die es gewagt hätte zu sagen, gendergerechte und inklusive Sprache sei partiell unpraktikabel. Inzwischen sehe ich das anders. Dazu wieder ein bisschen aus der eigenen Erfahrungswelt:

Als ich zum ersten Mal mit dem „gender gap“ konfrontiert wurde, war ich sofort verliebt. Gender gap (nicht zu verwechseln mit dem „gender pay gap“) bedeutet, dass wir statt „Freundinnen und Freunde“ jetzt Freund_innen schreiben. Das ist nicht nur kürzer, sondern auch inklusiver. Durch den Unterstrich schaffe ich einen Raum für Identitäten jenseits von Mann (Freund) und Frau (Freundin). Ich verdeutliche das Kontinuum der geschlechtlichen Identität. Mir nichts, Dir nichts, habe ich mit Hilfe der Grammatik die bipolare Matrix aufgelöst. Das ist zwar radikal, schließlich war der Unterstrich bislang noch nicht Teil unseres Alphabets und jetzt hat er sich einfach so mitten in die Worte geschlichen. Dafür wird die Ausdrucksmöglichkeit ins Unendliche erweitert. Mit dem Strich, über dem Strich ensteht ein Freiraum, Platz für eigene Bilder, unbeeinflusst von sprachlichen Zeichen. Es gibt inzwischen Leute, die benutzen den Unterstrich nicht nur, um Personen zu benennen, sondern immer, wenn sie finden, dass Begriffe mehrdeutig sind. Zum Beispiel in diesem recht bekannten Blog wird eine solche Schreibweise gebraucht. In der Theorie finde ich das immer noch großartig. In der Praxis kommt es mir inzwischen manchmal unpraktisch vor. Zum einen funktioniert es grammatikalisch häufig nicht so gut. Beispielsweise die „Bäuer_innen“ – Da habe ich die Bauern nicht mit drin. Ebenso tun sich Probleme auf, sobald wir uns nicht mehr im Nominativ befinden. „Gebt Eure_r_m Lehrer_in die Hefte“ (wieso fällt mir kein lustigeres Beispiel ein?) ist, bei aller Liebe, gewöhnungsbedürftig.

Nun könnte gesagt werden, na, macht doch nichts, sind wir doch einfach nicht so streng. Das läuft aber unserer Sprachkultur, in der sich gute Sprache, zumindest vermeintlich, auch dadurch auszeichnet, dass sie auf eine eindeutige Weise grammatikalisch richtig ist, zuwider. Zum anderen finde ich den Unterstrich in enger, gehäufter Abfolge nicht schön. Er zerbricht das Schriftbild. Das mag eine Frage der Gewöhnung sein, aber ich habe schon Texte geschrieben, da fand ich es hässlich. Eine einfache Lösung sehe ich nicht. Zur Abwechslung auf die Beidnennung ausweichen, wäre eine Möglichkeit, die finde ich aber unbefriedigend. Wenn ich mich einmal zur Auflösung der binären Kategorien entschlossen habe, will ich nicht wieder in die enge Welt der Bipolarität zurück. Außerdem ist so ein Mix uneinheitlich.

Eine weitere Anmerkung ergibt sich auf einer anderen Ebene, nämlich dem Bereich der gesprochenen Sprache. Ich weiß nicht, wie es anderen Leuten geht, aber bei mir ist es so, dass ich nicht automatisch gendersensibel spreche. Das generische Maskulinum kommt mir doch häufig noch unter. Manche Formen fallen mir schwer, aufzugeben. Zum Beispiel das „man“ benutze ich oft und gerne. Ist aber eigentlich verboten und es stehen viele Möglichkeiten zur Verfügung, es zu umgehen, nicht nur das auffällige „mensch“ oder „frau“. Insgesamt bin ich recht viel damit beschäftigt, darüber nachzudenken, wie ich jetzt was sagen soll oder will. Sehr überichlastig ist das alles. Und ich frage mich, ob es sinnvoll ist, wenn ich mich beim Sprechen beobachte und kontrolliere. Es wäre mir den Aufwand wert, wenn die Welt dadurch ein bisschen geschlechtergerechter und inklusiver würde. Aber ich habe da meine Zweifel. Werde ich, indem ich auf mein liebgehabtes „man“ verzichte, emanzipierter? Das wäre durchaus gut, da gibt es Luft nach oben, denn ich bin, keine Koketterie, leider eher ein abhängiger und unselbstbewusster Mensch. Könnte es daher nicht vielleicht sinnvoller sein, nackt um Bäume zu tanzen oder ähnliches, als mich selber beim Sprechen und Einhalten einer Form zu beobachten, die ich gar nicht empfinde? Schließlich gibt es keine Studien, die belegen, dass der bewusste Gebrauch von geschlechtergerechter Sprache zu mehr Geschlechtergerechtigkeit führt. Allerdings kann ich mir auch nicht vorstellen, wie eine solche Studie aussehen könnte. Daher ist das kein abschließendes Gegenargument. Vielleicht sollte ich einfach nackt um Bäume tanzen und dabei Lieder in geschlechtergerechter Sprache singen.

Ein weiterer Kritikpunkt an der gendergerechten Sprache, den ich auch nicht ganz von der Hand weisen würde, ist der Vorwurf des Elitismus. Um geschlechtergerecht zu sprechen und schreiben, müssen, meines Erachtens, mehrere Voraussetzungen erfüllt sein. Zunächst muss mensch fähig (und willens) sein, Sprache zu reflektieren. „Das generische Maskulinum kann häufig durch den Gebrauch des Partizip Präsens umgangen werden“ – das verstehen viele nicht. Sehr viele sogar, behaupte ich mal kühn und verrate nicht, wie kurz es erst her ist, dass ich gelernt habe, was ein Partizip Präsens ist. Aber, damit ist es nicht getan, zur Sprachreflektion muss sich die Selbstreflektion gesellen. In welcher Beziehung steht das, was ich sage, zu mir, was sagt es über mich aus, beispielsweise mein Selbstverständnis als „Mann“ oder „Frau“. Eine weitere kühne Behauptung: Viele Leute sehen sich nicht veranlasst, solche Überlegungen anzustellen, und manche sind dazu auch nicht in der Lage. Wen kann ich mit der Forderung nach geschlechtergerechtem Sprechen denn dann eigentlich realistischerweise erreichen und damit sinnvoll politisch wirken? Andererseits, wissenschaftlichem, politischem Fortschritt entgegen zu halten, dass er kognitiv oder auch emotional nur schwer zugänglich sei, ist wiederum reaktionär.

Um es klarzustellen: Meine kritischen Erwägungen beziehen sich auf den Lebensbereich, in dem ich mich privat und politisch bewege, nicht auf meine Tätigkeit im öffentlichen Dienst. Dass Bund und Länder als juristische Personen, sich, also ihre Behörden, und damit die dort öffentlich-rechtlich tätig werdenden Menschen, in den Landesgleichstellungsgesetzen zur Beidnennung der Geschlechter, bzw. zum Gebrauch neutraler Formen verpflichten, finde ich zu hundert Prozent sinnvoll. Beidnennung und neutrale Formen sind auf jeden Fall ein Fortschritt gegenüber dem generischen Maskulinum. Vielleicht wäre eine vorübergehende Lösung auch die Einführung des generischen Femininums, darüber könnte zumindest nachgedacht werden. (Das generische Femininum ist nur leider noch unmehrheitsfähiger als andere Varianten der gendergerechten Sprache – siehe beispielsweise den Aufruhr um die Satzung der Uni Leipzig).

Aber selbst im privat-politischen, so wurde mir, während ich diesen Beitrag schrieb, noch mal deutlicher, bleibt nichts anderes übrig, als über Sprache nachzudenken und sich um gerechtes, angemessenes Sprechen zu bemühen, immer in dem Bewusstsein, dass es kein richtiges Sprechen im falschen Leben gibt. Zu welchen (Zwischen)-Lösungen mensch dabei kommt – und vor allem, ob und welche Forderungen sie_er_es daran stellt, wie andere Personen möglichst sprechen sollen, das muss jede_r für sich selbst entscheiden.

Werdet dem Geschlecht gerecht, wenn Ihr mit ihm sprecht!

In diesem Artikel sollen ein paar Überlegungen zur geschlechtergerechten bzw. gendergerechten und inklusiven Sprache angestellt werden. Offen gestanden war ich lange ein großer Fan meiner eigenen Meinung zum Thema: „Du bist eigentlich die einzige, die das Problem in seiner Komplexität so richtig erfasst hat“, lobte ich mich selbstzufrieden von Zeit zu Zeit und postete aufgeregt Kommentare unter Taz-Online-Artikel zur Debatte um das N-Wort. 

Mindestens so kluge oder auch weit klügere Ideen als die eigenen, finden sich dann aber doch allerortens: Ein befreundeter Onkel brachte die Problemlage mit „die Idee ist gut, aber, Alter, es klingt einfach doof“ gut auf den Punkt. Elaborierter und fundierter äußert sich Anatol Stefanowitsch im Sprachlog:

Gerade Sexismus ist derartig tief nicht nur im Wortschatz, sondern auch in der Grammatik des Deutschen verankert, dass fast jeder Vorschlag zu einer gerechteren Sprache kurzfristig ein mehr oder weniger problematischer Kompromiss bleiben muss…“

Die Idee ist gut…

Die meisten Leute finden das mit dem gendergerechten Sprechen sowieso albern. Zu Unrecht: Die deutsche Sprache spiegelt in ihren Worten und ihrer Struktur wider, dass Frauen unterdrückt und ungleich behandelt wurden und werden. Das sogenannte „generische Maskulinum“ ist ein Ausdruck davon. Generisches Maskulinum bedeutet das sogenannte Mitmeinen von Frauen, durch Gebrauch der männlichen Form. „Der Doktor“, „der Historiker“ können auch eine Frau sein, während – außer neuerdings in der Satzung der Uni Leipzig – „die Historikerin“ niemals einen Herren bezeichnet.  (In diesem Video wird das von Anatol Stefanowitsch so gut erklärt, dass ich es zum ersten Mal verstanden habe).

Na und, wenden jetzt einige ein, dumm gelaufen für die Frauen und die Sprache, aber das kann ja nun nicht mehr geändert werden. Und es ist schließlich auch nicht mehr notwendig – die Frauen sind jetzt rechtlich gleichgestellt, unterdrückt werden sie auch nicht mehr.

Aber das ist zu kurz gegriffen. Forschungsergebnisse belegen, dass der Gebrauch des generischen Maskulinums Ungleichheit verfestigt und Gleichstellung entgegenwirkt. Meine Lieblingsstudie ist (sinngemäß) diese hier: Der einen Gruppe wurde gesagt: Schreiben sie „20 berühmte Sänger“ auf. Die andere Gruppe wurde gebeten, „20 berühmte Sängerinnen und Sänger“ zu notieren. Das Ergebnis ist, wie erwartet, mehr Sängerinnen wurden in Gruppe zwei genannt. Insgesamt belegt die Forschung, dass wir, wenn wir in der männlichen Form sprechen, auch mehr an Männer denken. Sein und Denken beeinflusst die Sprache; aber die Sprache beeinflusst auch Denken und Sein. Außerdem sind Sprache und Denken flexibel. Ein Beispiel hierfür ist die „Kauffrau“. Als der Begriff in den 70er Jahren eingeführt werden sollte, gab es Proteste. Auch für Damen sei der „Kaufmann“ die einzig angemessene Bezeichnung. Heutzutage hat sich die Kauffrau durchgesetzt, Damen als Kaufmänner anzusprechen, käme jetzt den meisten komisch vor. So schnell kann das gehen.

Ich selber bemerke, dass meine Wahrnehmung sich verändert hat, seit ich mich berufsbedingt mit der gendergerechten Sprache auseinandergesetzt habe. Es fällt mir auf, wenn Frauen von sich in der männlichen Form sprechen und ich finde es absurd, das war früher nicht so. Ein anderes persönliches Beispiel für die Sinnhaftigkeit inklusiver Sprache sind für mich die sogenannten Menschen mit Migrationshintergrund. Früher sagte ich ganz selbstverständlich „Ausländer“. Das kann ich heute kaum glauben. Ist doch ganz klar, dass das ein völlig unklarer und außerdem negativ besetzter Begriff ist. Also weg damit und nehmen wir lieber den „Migrationshintergrund“. Menschen mit Migrations-hintergrund sind solche, bei denen zumindest ein Elternteil aus dem Ausland kommt. Oh Mist, da ist ja dieses komische Ausland schon wieder. Aber der Begriff ist offensichtlich schon menschenfreundlicher und inklusiver. Es ist zum Beispiel unwichtig, was für einen Pass die Person hat. Es geht nur darum, dass sie, oder Vorfahren von weiter her kommen. Auch ist der Migrationshintergrund nur eine Eigenschaft unter vielen. Aber auch dieser Begriff hat Schwächen – Es geht ja immer noch darum, dass die Leute, oder ihre Eltern migriert sind, also mal eine Landesgrenze überschritten haben – und Landesgrenzen sind ja zufällige, willkürliche Setzungen. Es sollte also nicht dazu führen, dass bestimmten Leuten bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden. Sind sich nicht vielleicht eine bayerische und eine österreichische oder eine freiburgische und eine elsässische Person kulturell näher, obwohl zwischen denen eine Grenze ist, als eine bayerische und eine nordfriesische Person? Ich selber kann ein Lied von innerdeutschem cultural clash singen: Der oben schon erwähnte befreundete Onkel wirft mir zumindest häufig meinen niedersächsisch-protestantischen Migrationshintergrund und mangelnde Integration ins schöne Köln vor.

Ich schreibe das alles nur auf, um zu illustrieren, dass mir in der Auseinandersetzung mit dem Begriff der Migration, dem Versuch angemessener und genauer zu sprechen, deutlich wurde, dass das gar nicht so einfach ist. Im bewussten Gebrauch des Wortes „Migrationshintergrund“ wurde klar, dass auch dieser Begriff ungenau und unangemessen ist. Gleichzeitig ist der Versuch, bewusst gerechter zu sprechen, der einzig richtige, auch wenn niemals ein ideales Ergebnis, eine genau zutreffende und abschließend gerechte Bezeichnung gefunden werden kann. Der selbe Prozess setzt sich in Gang, wenn ich versuche, geschlechtliche Identitäten angemessen anzusprechen.

(Fortsetzung folgt)