somebody is wrong on the internet!

Heute zum Beispiel Sascha Lobo und diese dumme Frau von der Taz: Beide finden kritische Reaktionen wie die meine auf den allgemeinen öffentlichen Umgang mit dem gestrigen Absturz eines German Wings-Airbus anscheinend nicht ganz angemessen. „Netzreaktionen nach Flugzeugunglück: Die verlogene Wut beim Posten“ betitelt Lobo seinen aktuellen Artikel bei Spiegel Online. Und meint damit genau solche Standpunkte, wie sie in diesem Onkel Maike-Post mit der Frage nach der Nachrichtenträchtigkeit der Nationalität von Todesopfern vertreten werden. Er schreibt: „Konstruierte Vergleiche stellen eine merkwürdige Reaktion auf die kollektive Trauer dar: „Sind denn 67 Tote mehr wert als andere Tote?“ Nein, sind sie nicht, aber sie sind näher, und die Nähe ist entscheidend […]“

Ebenso, aber insgesamt noch dümmer, argumentiert Edith Kresta von der Taz in einem Artikel, der genauso auch in der Welt hätte erscheinen können: „Warum uns dieses Unglück nahegeht“, meint sie zu wissen: „Ist es nationalistisch, Betroffenheit nach dem Absturz eines deutschen Jets zu zeigen? Nicht unbedingt, es zeigt erst einmal nur: Wir fühlen lokal.“. So viel Dämlichkeit allein in einer Überschrift zu verwirklichen, ist eigentlich wieder gut. Erstens: „Uns“ geht dieses Unglück gar nicht nahe. Der Verfasserin vielleicht und auch anderen, mir zum Beispiel und auch anderen aber nicht. Sie postuliert da ein kollektives „Wir“ deutscher Menschen (wer und was auch immer das sein soll), das es gar nicht gibt. Ich dachte außerhalb von Dresden und Pegida und gerade in Taz-Kreisen hätte sich das bereits rumgesprochen. Zweitens: „National“ ist nicht „Lokal“, Sie setzt es aber gleich. (Natürlich gibt es auch Leute, die vertreten die Ansicht, der Lokalpatriot sei der kleine, mindestens ebenso unsympathische Bruder des Nationalpatrioten, aber das ist hier gerade nicht das Thema). Mir persönlich gehen 67 abstrakte „Deutsche“ nicht näher als eine gleich hohe Anzahl Bosnierinnen oder Jemeniten. Wäre ein Flugzeug voller Menschen aus Köln-Ehrenfeld abgestürzt, würde ich hingegen wohl gerade nicht dieses fröhliche Hass-Posting verfassen (ein paar weniger von diesem Spacko-Hipstern täte dem Straßenbild zwar sicher gut, aber das Problem sollte vielleicht lieber im Wege der De-Gentrifizierung als durch Flugzeugabstürze gelöst werden). Edith Kresta erklärt weiter:

„In den sozialen Netzwerken wird aber genau darüber genörgelt: nur weil unter den Opfern vor allem Deutsche sind, zeigen wir so viel Betroffenheit. Das gleiche Unglück woanders wäre uns ,keine Zeile wert. Das stimmt. […] So funktionieren wir. Empathie, Mitgefühl hat immer etwas mit Sich-hineinversetzen-Können zu tun, und das fällt uns selbstverständlich leichter, wenn es unsere vertraute Umgebung, das bekannte Gegenüber betrifft.“

Schon wieder dieses fiese „wir“. Und nochmal, langsam und zum Mitschreiben: Ich funktioniere nicht so. Mir sind nicht alle Deutschen vertraut oder Teil meiner Umgebung. Ich traue mir und vielen anderen sehr wohl zu, ein „Sich-hineinversetzen-Können“ auch gegenüber Menschen ohne deutschen Pass an den Tag zu legen. Holländer sind mir sympatisch, Russinnen auch oder sogar manche Neger. Anders geht es anscheinend dieser elenden Tante von der Taz: „Es ist pure Heuchelei, so zu tun, als würden wir uns gegen Unterdrückung in Afrika genauso einsetzen wie gegen die eigene Unterdrückung vor Ort. Es ist auch verlogen, dass uns die Interessen der Fabrikarbeiter in Bangladesch genauso beschäftigen wie die eigenen Lohnverhandlungen“. Schon wieder dumm und falsch. Natürlich gibt es hierzulande Leute, die sich  primär mit Unterdrückung und Ausbeutung in Afrika und/oder zumindest vorrangig für Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft engagieren und denen die eigenen Lohnforderungen vergleichsweise egal sind. Gerade veranstalten doch die Gewerkschaften Erziehung und Wissenschaft und VERDI Warnstreiks für mehr Lohn im öffentlichen Dienst und mir (und vielen anderen dort Beschäftigten) ist das wirklich relativ gleichgültig (Und ich kann mir auch nicht gut vorstellen, mit Leuten befreundet zu sein, die ihre politischen Prioriäten andersherum setzen).

Ich möchte nicht kaltherzig erscheinen, aber mir gehen fremde Opfer eines Flugzeugabsturzes nicht näher als Opfer von Autounfällen oder alle Tode von Menschen, die  sterben mussten, obwohl sie das noch nicht wollten. Einen Flugzeugabsturz finde ich sogar vergleichsweise erträglich, da es sich um den Eintritt eines unvermeidbaren allgemeinen Lebensrisikos handelt, das war einfach großes Pech: Sobald ich meine Wohnung verlasse, um mich von A nach B zu begeben, sei es per Flugzeug, Fahrrad, Fuß oder Auto setze ich mich der Gefahr aus, dabei ums Leben zu kommen. (Und wenn ich zu Hause bleibe, wird es nur schlimmer, Haushaltsunfälle sind bekanntlich die häufigste unnatürliche Todesursache). Leuten, wie dieser dummen Taz-Autorin, die möglichst viele deutsche Menschen am Leben halten wollen, möchte ich nahelegen, sich doch auf nationaler Ebene für die Beseitigung vermeidbarer Transport-Todesursachen einzusetzen. Wie wäre es mit einem Engagement für strenge Tempolimits auf Autobahnen oder autofreie Innenstädte? Ansonsten: Lasst mich mit Eurem gefühlten Mitgefühl in Ruhe!

Also, ähm, ich fürchte, oh man, ich mach mich mal wieder unbeliebt, aber…

…ich bin wohl eher nicht Charlie – Jetzt isses raus, auch wenn ich damit wieder, wie mit der Forderung nach dem Katzenessen, in die unbeliebte Gruppe einsortiere. Um es klar zu stellen: Natürlich bin ich nicht für die Erschießung von Menschen, die ihre Arbeit und ihre Grundrechte ausüben. Aber nun wurde ja gerade nicht ich erschossen, sondern andere Leute. Andere Leute, mit denen ich nicht viel gemeinsam habe. Erstens bin ich nicht so mutig: Wenn schon mal jemand, wegen meiner Kernbeschäftigung, mit Brandbomben nach mir geworfen hätte, so wie ja 2011 in den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo bereits geschehen, ich würde von der in dieser Form sanktionierten Tätigkeit Abstand nehmen und mich einem anderen Betätigungsfeld zuwenden, wohl sogar Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen. Also eher, wenn überhaupt: J’adore Charlie! Il est très courageux! Darüber hinaus hätte ich aber auch keine große Freude an der Verunglimpfung des Propheten. Grundsätzlich befürworte und praktiziere ich politisch unkorrekte und zynische Witze (in einem meiner Lieblingswitze geht es beispielsweise um einen kleinen Jungen, der von einem Pädophilen im Wald ermordet wird), aber nur, wenn es sich lohnt, d.h., die Witze gut sind. Das Lustigkeits-/Gefühlsverletzungsverhältnis muss zugunsten der Lustigkeit ausschlagen. Eine Mohammed-Karikatur, die dieses Kriterium erfüllte, ist mir noch nicht begegnet. Also: Charlie, nous avons un sens d’humour différent! (Aber natürlich solltet Ihr deswegen nicht erschossen werden, ich sags lieber noch mal). Aber wen interessiert das und es passt auch nicht auf so ein Schild.

Und, da jetzt der Ruf bereits unumkehrbar ruiniert ist, ein paar weitere, möglicherweise unpopuläre, Annmerkungen. Ich habe mir gestern teilweise die Liveübertragung des Trauermarsches aus Paris angeschaut und hatte ein ungutes Gefühl dabei. Die Kommentatorinnen sprachen die ganze Zeit davon, dass die Demonstrierenden so wunderbar ihre „Solidarität“ zum Ausdruck brächten. Das schien eine gute – und wohl nicht selbstverständliche, sonst wäre es ja nicht bemerkt worden – Angelegenheit gewesen zu sein. Ich hingegen fragte mich die ganze Zeit: Ist das nicht selbstverständlich? Dass wir mit Leuten, die einfach so, während sie friedlich ihrer Arbeit nachgehen, mit Maschinengewehren erschossen werden, solidarisch sind? Naja, es kommt schon immer sehr darauf an, wer da gerade erschossen wird, woher die Leute kommen und warum, auch die Hautfarbe scheint manchmal ein bisschen Einfluss darauf zu haben, ob sich jemand an ungerechtfertigten Ermordungen stört oder nicht, aber so im Grundsatz, so dachte ich, herrschte da ein umfassender Konsens. Gegen „Terrorismus“ zu sein und zu demonstrieren ist darüber hinaus auch tautologisch. Gewalt, die für sinnvoll befunden wird, nennt man begriffsnotwendig nicht Terrorismus (sondern, je nach Umstand: „Befreiungskampf“, Selbstverteidigung etc.). Vielleicht bin ich ja streng und kaltherzig, aber während ich mir die Übertragung und ihre Kommentierung so anschaute, dachte ich bei mir: Frankreich, warum so aufgeregt? So sehr überraschend kommt das alles nicht.

Unser linksrheinischer Nachbar hat bekanntlich nicht nur die viel bessere Esskultur und unterhaltsamere Philosophen aufzuweisen, sondern auch ein weit größeres Problem mit der „Integration“ (davon reden alle politisch unkorrekterweise immer noch – Es müsste „Inklusion“ heißen, ungebildetes Pack!) von (insbesondere) jungen Menschen mit Migrationshintergrund als beispielsweise Deutschland. Das hat zum einen etwas mit der viel höheren Jugendarbeitslosigkeit zu tun, aber auch andere Ursachen. (Allerdings, so nebenbei, gut zuhören, CSU, keine sprachlichen, alle auch noch so schlecht integrierten jungen französischen Muslime sprechen zu Hause in der Familie, lupenreines Französisch). Das führt, neben anderen Ursachen zu einem, man muss es leider so sagen, vor allem unter französischen Muslimen weit verbreiteten und tiefsitzenden Antisemitismus, der zunehmend auch in extremer Gewalt seinen Ausdruck findet. Das ist nicht erst seit dem siebten Januar so, das ist schon lange so (und wurde auch nicht von der Systempresse verheimlicht). Die Zahl der Juden, die von Frankreich nach Israel migrierten, hat sich im vergangenen Jahr von 3.500 auf 7.000 verdoppelt, und das nicht, weil die Situation im gelobten Land sich in letzter Zeit so angenehm entspannt hat. Alleine die Tatsache, dass sich jüdische Leute in Europa nicht mehr sicher fühlen, sollte für meinen Geschmack zu Massenprotesten führen. Wenn Europa von irgendwas genug hatte, dann jawohl von Judenverfolgung und -vernichtung, dass das überhaupt noch gesagt werden muss. Also steckt Euch Euer „Ich bin Charlie“ an den Hut. Das gilt auch für die, wie ich finde, relativ verlogene Teilnahme der europäischen und sonstigen Regierungsvertreter an der gestrigen Prozession. Ihr seid alle nicht solidarisch, nehmen wir als Beispiel die EU: Höchst unsolidarisch befördert die von der deutschen Regierung vorangetriebene Austeritätspolitik unserer Regierung die sozialen Krisen in den südeuropäischen Ländern. Verarmung der Mittelschichten und (Massen)jugendarbeitslosigkeit sind unter anderem die Folgen. Da kann Angela Merkel auf dem Foto mit Herrn Hollande noch so niedlich-traurig verträumt daher schauen, solidarisch wird ihre Politik davon nicht.

Ulrich Wickert hat gestern bei Günter Jauch gesagt: Es ist nicht die Religion, welche die jungen Menschen gewalttätig macht, es ist die Sozialisation. Von dieser eigentlichen Selbstverständlichkeit sollten wir ausgehen und anfangen herauszufinden, wie wir wirklich solidarisch sein können.

 

Bildvon VaterCharlie, der Kampf geht weiter: Ein höchstens mittelguter Witz über Alkoholmissbrauch

Katzengrillen pro und contra

Bild.de hat es mal wieder geschafft, mich zu verärgern: „Ein Asiate hat die Katze eines Nachbarn gegrillt.„, war dort gestern zu lesen. Kann ja sein, dass ich mich ein bisschen zu ausführlich mit wertschätzender und inklusiver Sprache beschäftigt habe, aber ich bin doch fassungslos. Wer soll das denn sein: „ein Asiate“? Auch, wenn es sich bei den Übeltätern um die Bild-Zeitung handelt: Dass so eine Formulierung es überhaupt von des Autoren Kopf in einen Text, geschweige denn über Lektorat (ok, hat Bild vielleicht nicht) bzw. Redaktion bis zur Veröffentlichung schafft, hat mich überrascht.

Das mit dem Katzengrillen finde ich hingegen nicht so aufregungswürdig. Vielleicht hat meine Mama da was in der Erziehung falsch gemacht und ich sehe das zu kaltherzig, aber ich finde, mit dem Risiko, eingefangen und gegessen zu werden, müssen freilaufende Katzen leben. Das ist ihnen zuzumuten. So eine Grillkatze hat doch bis zum Zeitpunkt des Verzehrtwerdens ein tausendmal besseres Dasein gehabt, als beispielsweise die große Mehrzahl der Hühner, Kühe oder Schweine, in unserem Land, welche in ihrem Leben nie das Tageslicht gesehen haben und die diese häufig trostlose, tierunwürdige Existenz allein deswegen fristen, damit wir sie irgendwann essen können.

Natürlich tun mir die betroffenen Tiere und auch ihre Menschen leid. Aber das überzogene Bohei – Andernach in Panik – erinnert mich mal wieder daran, wie krank ich diese Aufspaltung in Haus- und Nutztiere und die daraus folgende unterschiedliche Behandlung finde. Der neurotische Dackel und die verfettete Katze (Deutsche Leute geben pro Jahr über eine Milliarde Euro für Katzenfutter aus, ich frage mal lieber nicht, wie viel Geld für Flüchtlingsheime aufgewendet wird), die vermenschlicht werden, als Beziehungsersatz dienen und mehr Liebe als der Ehepartner bekommen und auf der anderen Seite die gequälten zukünftigen Schnitzel. Ihr spinnt doch alle, Leute!

Der „mutmaßliche Katzenkoch“ hat Informationen des Express zufolge übrigens Integrationswillen gezeigt: „Gegenüber Polizisten zeigte er sich einsichtig und versprach seine Lebensgewohnheiten anzupassen.“