Günther Jauch, Pegida und Hobbypsychologie

Als ich mich gestern vor den Fernseher setzte, war ich – im Gegensatz zum befreundeten Onkel – aufgeregt. Zum ersten Mal schickte Pegida eine Vertretung in eine deutsche Fernsehtalkshow. Nazis (nein, nein, sind alles keine Nazis, – okay, dann nicht, aber so rassistisch, wie sie sich benehmen, darf man sie mit Fug und Recht als solche beschimpfen) – würden sie zum ersten Mal seit 1944 wieder die Lufthoheit im Deutschen Rundfunkraum ergreifen oder könnten sie noch mal zurückgedrängt werden? Was würde passieren? Wie sehr würde Günther „Viel Faktenwissen-Nulltransfer“ Jauch uns mal wieder durch inkompetente Gesprächsführung enttäuschen und Wolfgang Thierse durch pastoralbräsige Langweiligkeit daran scheitern, die Pegidisten mal life und zur Primetime durch gute Argumente ein wenig vorzuführen? Würde Pegida als Gewinnerin hervorgehen, sich auch im bislang gemiedenen Medium Fernsehen gegen die Kräfte von Aufklärung und Vernunft durchs(h)etzen können? Ein Gefühl, das an Länderspielvorfreude grenzte machte sich in mir breit.

Das Ergebnis entsprach dann, mit ein paar kleinen Abweichungen, den Erwartungen. Wie der befreundete Onkel und dann auch noch die Süddeutsche zutreffend analysierten, stellte sich Frank Richter, Vorsitzender der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung als eigentlicher Für- und Pressesprecher der Pegida heraus, Herrn Gauland von der AfD blieb nicht viel Arbeit übrig. Den Pegidisten ginge es ja gar nicht um den Islam, die hätten ganz andere Sorgen und Krisen zu bewältigen und seien (und zwar zu Recht, gestützt auf den etwas fernliegenden Verweis auf die Tatsache, dass die BRD die EU-Stabiliätskriterien selber nicht einhalte) allgemein politikverdrossen. Das mag ja sogar sein. Aber, und ich finde, das hätte etwas (sehr viel) deutlicher gesagt gehört – Nur weil ich besorgt, in der Krise und politikverdrossen bin, stelle ich doch nicht rassistische Forderungskataloge auf und gehe nicht mit Hooligans und Skinheads zusammen dafür demonstrieren. Oder was?! Da gibt es doch dann schon das ein oder andere Format, in dem ich meine Nöte ethisch aktzepabler kanalisieren kann. Ich finde es zutiefst verstörend, sowas hier aufzuschreiben zu müssen, aber irgendwie sagt es sonst niemand so richtig.

Skurriler Nebeneffekt – Während sowohl Pegida und auch die Islamisten an einer, nennen wir es plakativ „Spaltung“ der Gesellschaft (die ja eigentlich sowieso schon atomisiert ist) arbeiten, erreichen sie gerade, zumindest bei mir, eine bislang unbekannte innere Abgrenzung vom ehemaligen Ostteil dieses Landes – Ich werde zunehmend ossistisch – Alles und alle (oder doch zumindest viel, was da aus Dresden kommt und passiert (Pegida, Frank Richter, Alexander Gauland, extrem rechtsblinde Polizei, Flüchtlinge, die sich Montags nicht mehr auf die Straße trauen), scheint dumpfer und brutaler zu sein, als die Akteur_innen und Zustände, die ich hier so aus dem feuchtfröhlichen Westen kenne (unsere Kölner Hogesa-Riots hinterm Hauptbahnhof verdränge ich da mal lieber, aber so machen Rassisten das halt, dass ich noch nie in Dresden war, befördert das Ressentiment, natürlich).

Zwar habe ich nun gerade bei „Je suis Charlie“ gelernt, dass wir alle solidarisch sein sollen, wohl also auch mit den befremdlichen DresdenerInnen, aber es fällt schwer. Ich bin beim Fernsehgucken auch noch mal näher drauf gekommen, warum. Meine Analyse ergibt, dass sich die Pegidisten sich in einem Zustand der narzisstischen Regression befinden. Ihre Forderungen und Feststellungen sind alle gerechtfertigt und sinnvoll möglicherweise (in seltenen Fällen) sogar liebenswert und lustig (da in Deutschland auch gegen den Regenwald demonstriert werde, obwohl es hier ja gar keinen Regenwald gebe, könne Dresden auch gegen Ausländer demonstrieren, obwohl es fast keine davon hat) – Aber nur, wenn sowas von unter dreijährigen Kindern kommt. Wenn Erwachsene sich so benehmen, die Entwicklungsblockade bis ins hohe Alter anhält und die daraus resultierende Frustration sich in der Gewalt gegen Schwächere kanalisiert (andere Formen von Sublimation sind ja durchaus denkbar – Selbstschädigung oder kreative Bewältigung zum Beispiel), dann wird es unsympathisch. Immer wieder, so auch gestern, Thilo Sarrazin hat der empirisch offensichtlich falschen These ein ganzes Buch gewidmet, wird folgende abwegige Realitätsbschreibung geäußert: Es sei in unserem schönen Deutschland ein Tabu, Flüchtlinge, Asyl, Ausländer- und Integrationspoltiik zu kritisieren. Das berühmte „sowas darf man ja nicht sagen.“ Doch darf man, und macht „man“ ständig. Aber die (meisten) Leute, die diese These äußern, glauben ja an sie. Wie kommt es zu dieser verzerrten Wahrnehmung? Die Lösung ist: Kulturrassistische Thesen sind durchaus erlaubt und salonfähig – Und werden z. T. auch in widerlicher Weise bestätigt und unterstützt. Tiefpunkt der gestrigen Sendung war für mich persönlich beispielsweise das Zugeständnis von Jens Spahn, CDU, an  Pegida, es sei tatsächlich ein unbefriedigender Zustand, dass Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien nicht schnell genug abgeschoben würden, aber nun habe man ja gesetzlich Serbien und Montenegro zu sicheren Drittstaaten erklärt (viel menschenverachtender geht’s für meinen Geschmack gar nicht, aber das nur mal am Rande). Noch mal nur so ganz am Rande: Glaubt auch nur eine einzige Pegidistin, dass ihr persönliches Leben auch nur einen Fitzel besser wird, weil wir ein paar arme Menschen schneller in ihre Belgrader Slums oder ein paar der vielzitierten nordafrikanischen jungen Männer, in ihre „Urlaubsländer“, abgeschoben werden? Glaubt sie, dass auch nur einer von den möglicherweise gesparten paar wenigen Euros auf ihrem Konto landet? So doof kann eigentlich niemand sein.

Ach doch, vielleicht Leute, die im Nachdenken nicht so geübt sind, weil sie ihren dritten Geburtstag noch vor sich haben. Ja, genau, da lag das Problem. Mit „Es gibt ein Redeverbot“ meinen die Menschen in Wirklichkeit: Wenn wir mit unseren rassistischen Thesen, um die Ecke kommen, erfahren wir Ablehnung, auch in von Form Gegenargumenten, die nicht völlig abwegig sind (und uns irgendwie doof, dumm und gemein aussehen lassen). In der Liebe der Eltern zum kleinen Kind ist so eine Form der kritischen Reaktion auch nicht angebracht: Selbst, wenn das Kind recht hässlich ist, beispielsweise zu große Füße hat, unterdurchschnittlich bewegungsbegabt oder des Singens nicht mächtig ist oder die ganze Zeit nur dummes Zeug brabbelt: die Eltern müssen es trotzdem bedingungslos lieben und loben und dürfen es für seine Defizite nicht in Frage stellen. Das gilt ungefähr bis zu einem Alter von drei Jahren, würde ich sagen, dann muss es so langsam – Erst sehr moderat, natürlich – losgehen mit Rückmeldungen, die nicht nur reine Euphorie beinhalten. Ein bisschen Kontakt mit Realität und Außenwelt muss nach und nach hergestellt werden, das ist dann Erziehung und Erwachsen-Werden. In einem gesunden Prozess verlässt das Kind dann zunehmend den Zustand des Narzisstischen, nur sich selbst wahrnehmen könnenden (was, wie gesagt, bis zu einem bestimmten Alter normal und gesund ist) und gerät mehr und mehr in die Lage, sich in andere hineinversetzen zu können (wenn ich meinen Kindergartenkumpel beiße, tut ihm das weh; wenn ich traurig bin oder mich wertlos fühle und nicht weiß, wie ich das so schnell ändern kann, gehe ich nicht los und hacke auf Schwächeren herum, ein kleines Kind, dass sehr arm ist, hackt naturgemäß auf einem noch ärmeren rum, ein erwachsener Mensch hingegen entwickelt Mitgefühl für diejenigen, die noch weniger haben, genau diesen Schritt haben aber die Pegidisten noch nicht vollzogen). Wenn Pegida (oder Thilo, Akif, Matthias, Harald) sagen: „Wir dürfen nicht sagen, was wir sagen wollen!“ Meinen sie:“ Wir wollen unsere im fortdauernden Zustand des Narzissmus  entsprungenen Ideen unwidersprochen und mit uneingeschränkter Liebe erwidert sehen. Und plötzlich ergibt die Aussage Sinn. Was allerdings nicht die gestern diskutierte Frage beantwortet: Wie sollen wir denn jetzt mit diesen hässlichen, ungeliebten Kindern umgehen; lohnt sich eine politische Auseinandersetzung mit Menschen, die sich auf diesem geistig-emotionalen  Niveau bewegen? Was würde Habermas dazu sagen? Die SPD scheint sich gerade, mit wie ich finde, ganz guten Argumenten gegen den Dialog zu entscheiden.

Pegida – Pro und Contra

Eine Sache gefällt mir an Pegida: Und zwar, dass die nicht mit der „Systempresse“ reden. Wäre ich eine Protestbewegung, ich machte es genauso. Zwar glaube ich nicht, dass Fernsehsender und Zeitungen sich verabredet haben, nur noch die Unwahrheit zu verbreiten, aber dem öffentlichen Bildungsauftrag und der damit einhergehenden Verpflichtung zum Bemühen um Objektivität wird auch niemand mehr so richtig gerecht (naja, sagen wir mal: alle außer Phoenix). Indigniert stellte Günther Jauch gestern fest, dass Pegida nicht in seine Talkshow kommen will. Heul doch! Ich würde zu dem auch nicht hingehen. Ausreden lässt einen da keiner und wenn es schlecht läuft, wird man hinterher wochenlang als „Quassel-Imam“ beschimpft.

Natürlich gibt es auch Sachen an Pegida, die mir nicht gefallen, zum Beispiel die öffentliche Auseinandersetzung damit. Ich habe mir die Talkshows zum Thema angeschaut und hätte noch was zu ergänzen. Meines Erachtens wird den Pegida-Aktivistinnen und -Aktivisten zu viel entgegenkommendes Verständnis zuteil: „Wir müssen die Sorgen der Demonstrierenden verstehen!“, fordern Diskutantinnen und Diskutanten jeglicher politischer Provenienz. Nein, liebe Leute, das müsst Ihr nicht. Ich verstehe ja, dass Ihr Euch auch an die unsympathischen Elemente des Wahlvolkes ranwanzen wollt, aber dabei solltet Ihr Maß halten. Pegida muss nicht verstanden, sondern als rassistisch benannt und beschimpft werden: „Die Islamisierung des Abendlandes“ ist keine reale Bedrohung und keiner Sorge wert. Der sich dahinter nur sehr schlecht versteckende kulturelle Rassismus hingegen schon. Gruselige Ergebnisse erreicht man auch durch Ersetzen von „Islamisierung“ durch „Judaisierung“ („Patriotische Europäer gegen die Judaisierung des Abendlandes“, zum Beispiel).

Sorgen sollten sich die VolksvertreterInnen und alle anderen um die Frage, wo eigentlich unsere Empathie und Humanismus geblieben sind. Die Leute in den Flüchtlingsheimen sind die Schwächsten unter den Schwachen bei uns, und auf denen wird jetzt rumgetrampelt. Vielleicht sind nicht alle diese Menschen politisch verfolgt im Sinne des deutschen Asylrechts. Na und? Trotzdem sind es Menschen, denen es, da wo sie herkommen, schlecht ging und die sich ein besseres Leben wünschen, sonst wären sie ja nicht hier und würden sich diesen entwürdigenden Umständen aussetzen. Ich habe selber öfter mal mein Herkunftsland für länger verlassen. Das war immer freiwillig, aus Neugierde und Abenteuerlust, ich hatte immer genug Geld, Freunde, Familie und ein Zuhause in das ich zurück konnte. Trotzdem habe ich mich manchmal sehr alleine und einsam gefühlt. Und das, obwohl niemand gegen mich demonstrierte, meine Abschiebung forderte, mich persönlich bedrohte oder versucht hat, mich anzuzünden.

Also bitte kein Verständnis für die Sorgen der Pegida-Leute, sondern für die Menschen, die von denen angegriffen  werden. Ich möchte zum Beispiel gerade nicht gerne (vermeintlicher) Muslim in Sachsen sein. Ich würde mir wie ein Teil einer kleinen (es sind ja nur 4.000), dafür aber ziemlich bedrohten Minderheit vorkommen. Und das wäre ich ja auch.

 

 

Birlikte

Am Pfingstwochenende wurde in Köln-Mülheim zum zehnten Jahrestages des NSA-Anschlags in der Keupstraße das Birlikte-Festival veranstaltet. Birlikte ist türkisch und heißt „zusammenstehen“. Auch ich wohnte dem Ereignis kurz bei. Während ich Wolfgang Niedecken betrachtete und hoffte, dass bald ein anderer Künstler auftreten möge, damit ich meinen Vorsatz, den Abend bierfrei zu gestalten einhalten könnte, wurde das Konzert wegen einer Unwetterwarnung abgebrochen. Meter Paffay und Udo Lindenberg konnten deswegen nicht auftreten. Schade. Der Anlass für den Eintrag sind meine ambivalenten Gefühle gegenüber antirassistischen Groß-Konzerten in Köln. Vorläufer von Birlikte sind die „Arsch Huh“-Konzerte. 100.000 Kölner versammelten sich 1992 auf dem Chlodwigplatz, um gegen die rechtsradikalen Übergriffe auf ein Flüchtlingheim in Rostock-Lichtenhagen zu protestieren. Köln und die kölschen Bands sind sehr engagiert gegen Ausländerfeindlichkeit. So ein großes Konzert setzt sicher ein eindrucksvolles Zeichen. Die Pessimistin in mir fragt sich allerdings, wer genau da beeindruckt wird. Die Nazi-Skinheads, die gerade den nächsten Überfall auf eine Dönerbude vorbereiten? Die NPD? Die Antisemitinnen auf den Montagsdemos? Der Verfassungsschutz? Ich fürchte nicht, die fühlen sich ja eh schon als Märtyrer in einem politisch-korrekt totalitären System, das ihnen die Meinung verbieten will. Die Hannoveranerin in mir hat immer ein bisschen den Eindruck, als erfreuten sich die Kölner auf diesen Veranstaltungen vor allem an sich selbst. Sie sind dann ganz ergriffen, vor allem von ihrer eigenen Toleranz. Auf eine Schule mit einem hohen Ausländeranteil möchten viele von ihnen ihre Kinder aber doch lieber nicht schicken. Musikalisch sind die Kölnerinnen und Kölner Antirassisten. Wenn dann aber in der Keupstraße eine Bombe gezündet wird, kann sich die kölner Polizei gar nicht vorstellen, dass es einen rechtsradikalen Hintergrund geben könnte und hält erst mal die türkischen Anwohner für die Schuldigen. Es dauerte dann knapp zehn Jahre und bedurfte einer Selbstoffenbarung der Attentäter, dass von solchen Ideen Abstand genommen wurde. Deswegen hadere ich mit dem schönen Fest, auch wenn es in dessen Rahmen sicherlich viele sinnvolle Veranstaltungen gab. Zum Beispiel ist mir die Zielrichtung nicht so ganz klar, wogegen genau stehen wir zusammen? Nagelbombenanschläge dürfte sogar die Mehrheit der NPD-Wähler ablehnen. So darf dann zum Beispiel Alfred Neven DuMont auf der großen Bühne das Wort ergreifen und verkünden, das Festival sei „ein Triumph für die Nation“. Das ist mir dann, bei aller Sympathie, doch ein bisschen zu sehr Teil des Problems und nicht der Lösung. Jürgen Zeltinger im Kaftan – „Egal was früher war, jetzt sind wir unvermittelbar“ – war natürlich trotzdem toll.

 

 

Stellt Euch vor, es ist Sarrazin und keiner geht hin!

Der schnauzbärtige Unhold hat ein neues Buch geschrieben. Es zeichnet sich ab, dass er damit wieder eine breite öffentliche Aufmerksamkeit erreichen wird. Da der Autor mit seinen Thesen auf besorgniserregend viel Zustimmung stößt und darüber gesprochen werden muss, ist das auch gut so.

Die Art und Weise der Debatte ist meines Erachtens allerdings dringend verbesserungswürdig. Thilo Sarrazin darf nicht als gleichberechtigter Partner in öffentlichen Diskussionen neben Menschen, welche die demokratischen Grundwerte unserer Verfassung vertreten, erscheinen. Der Nazi-Skinhead Manfred Brothonk aus Dortmund-Ochsenbüttel wird auch nicht zu Beckmann in die Talkshow eingeladen. Dasselbe muss für Thilo gelten. Er ist ein lupenreiner Sozialdarwinist und Rassist und nicht salonfähig. Wenn wir mit ihm und nicht über ihn und vor allem über seine Anhängerinnen und Anhänger (was, wie gesagt dringend notwendig ist) sprechen, dann wird damit impliziert, dass seine rassistischen Aussagen der Auseinandersetzung würdig sind. Sind sie aber nicht. Wir diskutieren ja auch nicht, ob der Holocaust stattgefunden hat (und nein, leider ist das nicht so sehr anders, Sarrazin bewegt sich genau in dieser unheilvollen Ideologie und Denktradition).

Es soll noch mal kurz daran erinnert werden (für meinen Geschmack geschieht das nämlich nicht ausreichend), dass im März letzten Jahres der UN-Antirassismus-Auschuss (Ich wiederhole: Die UNO, nicht irgendein hyperradikales, weltfremdes Antifakollektiv!!!, sich diesen Einschub bitte in hysterisch-aggressiv gekreischtem Ton vorgetragen vorstellen), festgestellt hat, dass die Berliner Staatsanwaltschaft (als Behörde des Deutschen Staats) mit ihrer Entscheidung, Thilo Sarrazin nicht wegen Volksverhetzung strafrechtlich zu verfolgen, gegen Deutschlands völkerrechtliche Verpflichtung, Betroffenen wirksamen Schutz vor Rassismus zu gewähren, verstoßen hat. Wegen Thilo Sarrazins menschenverachtender Umtriebe musste die UNO (wieder aggressives Kreischen) angerufen und um Hilfe gebeten werden. Um das noch mal schnell klarzustellen: Es geht hier nicht um diesen einen gemeinen Menschen, es geht um den großen Zuspruch, die „Endlich traut sich mal jemand, das zu sagen“-Fraktion (wieder gekreischt: Nix da mutig getraut, Ihr Vollzeitarschlöcher, Ihr posaunt euren dumpf-bornierten Menschenhass im Schutz der reaktionären Masse schon die ganze Zeit und ständig in die Welt hinaus), die uns unablässig daran erinnern: Aus der Mitte entspringt der Rassismus (Plagiat nach Georg Diez, der hier darüber schreibt).

Links zum Weiterlesen:

Die Entscheidung des UN-Antirassismus-Ausschusses im Original

Eine deutsche Übersetzung wichtiger Auszüge der Entscheidung (leider ein klein bisschen schlampig)

Hervorragend aufbereitete Erläuterungen zum Sachverhalt des Deutschen Instituts für Menschenrechte

Nachtrag:

Während ich den Artikel schrub, verhinderten Demonstranten die vom Magazin Cicero organisierte Vorstellung des Buches im Berliner Ensemble. Es kam zu Tumulten, die Parteien beschimpften sich gegenseitig als „Faschisten“ respektive „Linksfaschisten“ (lese hier), was ja auch ein bisschen lustig ist. Ich bin unschlüssig, ob das jetzt toll ist. Ich wünschte mir, dass der Cicero und das Berliner Ensemble Sarrazin aus freiwilligem Entschluss keine Bühne bieten würden. Um das nächste Mal Handgreiflichkeiten und die Gefahr von Körperverletzungen zu unterbinden, könnte vielleicht die UNO versuchen, den nächsten Sarrazin-Auftritt mit einem Blauhelm-Einsatz zu verhindern?

Der Onkel ist Rassist

Was ich schon immer ahnte, konnte jetzt im Selbstversuch bestätigt werden. In einem guten Artikel auf Freitag.de (Sie können auch einfach den lesen, und sich meinen Quatsch hier sparen) hat Matthias Dell, den ich bislang nur von seinen, wie kann man das nennen, hm, ich versuchs mal mit „absurd beknackten“ Tatort-Artikeln, kannte, erklärt, warum Axel Hackes Buch über Verhörer, „Der weiße Neger Wumbaba“, rassistisch ist. Aufgeklärtere, sensiblere Leute denken jetzt schon, oh man, scheißdummer Onkel, ist doch offensichtlich. Ja, schon, aber ich bin ja auch Rassist. Ganz kurz erklärt, in dem Buch geht es um Verhörer. Also, dass Leute, wenn sie, zum Beispiel englische Lieder hören, etwas anderes hören, als eigentlich gesungen wurde. Weil mir spontan kein Beispiel einfiel, obwohl mir das auch ständig passiert, und erstmal im Internet gesucht werden musste, weiß ich jetzt aus Spiegel-Online, Eines Tages, dass es sogar ein Fachwort dafür gibt: „Soramimi“. Also zum Beispiel: „The ants are my friends, they‘ re blowing in the Wind“, das Lehrbuchbeispiel ist wohl „Agathe Bauer“ für „I got the power“. Weltberühmt, kann mensch sich aber immer nochmal anschauen: diese deutschen Missversteher eines türkischen Songs („Keks, alter Keks, ist der mit Ohrsand, Keller-Lügner“).

Ach ja, eigentlich wollte ich ja erklären, warum ich rassistisch bin, protokolliere aber lieber, wie ich im Internet surfte (auch das ist vermutlich rassistisch oder zumindest aktive Verhinderung von Aufklärungsarbeit). Der weiße N* Wumbaba ist nun ein Verhörer von „der weiße Nebel, wunderbar“ – Teil eines Gedichtes von Matthias Claudius. (Übrigens weiß ich nicht, ob es auch ein Soramimi ist, wenn mensch sich in der selben Sprache verhört). Weil Axel Hacke nun gerade diesen Verhörer von allen am publikumswirksamsten fand (ich nehme an, das war der Grund), hat er ihn als Titel für sein Buch ausgesucht. Michael Sowa hat dazu das Titelbild gemalt. Die dargestellte Figur ist hellhäutig, erfüllt ansonsten aber viele rassistische Klischees: in den Haaren ein Knochen, große Ohrringe, wulstige Lippen, Bastrock, dicker nackter Bauch. Was mensch sich halt so vorstellt. Unter anderem ich anscheinend. Ich kenne das Buch schon lange und fand das nie problematisch. Gestern nun lese ich den Artikel, der das kritisiert und mein erster Gedanke ist – Ja, aber die Figur, das ist doch ein Ausdruck kindlicher Phantasien, das ist halt lustig und nicht böse – und es bringt doch nichts, das zu verbieten. Es ist aber eben doch böse. Matthias Dell erklärt das so:

Stellen wir uns einmal vor, einer der Einsender hätte sich so verhört, dass dabei – bei welchem Lied auch immer – „der ewige Jude Jägermann“ herausgekommen wäre. Wäre das der Titel des Buches geworden? Hätte Zeichner Sowa einen „ewigen Juden“ gemalt mit Hakennase, fiesem Grinsen, münzenschwingend, der einen putzigen Jägerhut trägt und das Gewehr über der Schulter? Hätte es diese Verhörung überhaupt in das Buch geschafft? Hätte der Mensch, der sich als Kind so verhört hätte, diese Fehlleistung eingesandt? Hätte er sich überhaupt derart verhört?

Tja, ertappt, dem gibt’s nichts hinzuzufügen. Gings noch wem so? Der befreundete Onkel hat die Aussage verweigert. Also, guter Artikel, ich verzeihe Matthias Dell seine sämtlichen, wie soll ichs nennen, ich versuchs mal mit „mein Fassungsvermögen übersteigenden“ Tatort-Artikel. Ach, und immer wieder herzerfrischend, die bösartigen, grunddummen Menschenhasser-Kommentare unter menschenfreundlichen Artikeln wie diesem, erste Bemerkung gleich so: „Tja Herr Dell, auch wenn Sie sich dagegen verwahren wollen, das ist ein sprachpolizeilicher Gutmenschenartikel in Reinform.“ – Boah, ich könnt mich schon wieder aufregen über die fiesen Rassisten – Aber ich bin ja jetzt einer von denen.