A room of one’s own?

Uli Hoeneß muss ja jetzt ins Gefängnis. Vermutlich wird er dort nicht sehr lange bleiben, sondern bald Freigang bekommen, um tagsüber arbeiten gehen zu können. Manche Leute finden das ungerecht und wünschen dem Uli eine höhere Strafe (ich nicht, aber darum solls hier nicht gehen). Diese Menschen kann ich vielleicht ein bisschen trösten. Spiegel online von gestern informierte uns in: „Zwei-Mann-Zelle zum Haftantritt darüber, dass der berühmte Delinquent die erste Zeit seiner Haft wohl nicht alleine wohnen wird. „Au wei, armer Uli“, dachte ich beim Lesen. Mit einer fremden Person in ein Zimmer gesperrt zu werden, finde ich einen furchtbaren Gedanken. Jean Paul Sartre sah das ähnlich und verhalf dem Sujet in „Geschlossene Gesellschaft“ zu Weltruhm. Mit zwei anderen Leuten in einem Raum: Das ist die Hölle!

Des Onkels Mitgefühl speist sich aus eigener peinvoller Erfahrung. Im Laufe meines Lebens musste ich einige Krankenhausaufenhalte absolvieren. Jedes Mal, wenn ich im Hospital ein Zimmer bezog, empfand ich es als demütigend, in dieser Situation mit einer fremden Person den Raum teilen zu müssen. Gerade, wenn einem elend zumute ist, wünscht mensch sich doch alleine, oder doch zumindest in Anwesenheit von Leuten, die man mit aussuchen durfte, zu sein. (Trotzdem danke, AOK.) Aber es geht um noch mehr: Ein Zimmer für sich allein ist eine unverzichtbare Voraussetzung für kreatives Schaffen, schreibt Virginia Woolf in ihrem gleichnamigen Essay.

That’s it. Intellectual freedom depends upon material things. Poetry depends on intellectual freedom. And women have always been poor, not for two hundred years merely, but from the beginning of time. women have had less intellectual freedom than the sons of Athenian slaves. Women, then, have not had a dog’s chance of writing poetry. That is why I have laid so much stress on money and a room of one’s own.

Ich hatte mein Leben lang eigene Zimmer. Meistens war ich traurig und unkreativ in ihnen (was unter anderem zu einer starken Aufräumschwäche führte). Gleichzeitig kommen mir ein paar schöne Dinge und Menschen, die ich in Krankenhauszimmern erlebte, in den Sinn. Im Alter von fünfzehn Jahren wurden mir die Nasenpolypen entfernt. Meine Zimmernachbarin hatte einen Verehrer, der ihr aus den Tagebüchern der Anaïs Nin vorlas. Letztere zweifelte an ihrer körperlichen Attraktivität, ließ sich dadurch aber nicht von von gewinnbringenden sexuellen Experimenten abhalten. Ich erinnere mich gerne an diese Vorlesenachmittage, die Frühlingssonne schien ins Zimmer und trotz des schlüpfrigen Themas herrschte eine unaufdringliche, leichte Atmosphäre. Ein paar Jahre später freundete ich mich im Krankenhaus der Henriettenstiftung Hannover mit meiner Zimmernachbarin Mareike an. Eine schöne Freundschaft – Wir tanzten, schrieben Geschichten und malten zusammen, überschätzten voller Begeisterung die Resultate maßlos und zerstritten uns dann eines Tages während eines Besuchs der Art Cologne für immer. Noch ein paar Jahre später teilte ich während eines Aufenthalts in der pneumologischen Abteilung des Kreiskrankenhauses Krasnojarsk ein Krankenzimmer mit der Akkordeonspielerin Galina Pawlowna. Galina war eine reizende alte Dame, das fand nicht nur ich. Immer, wenn das Stationspersonal eine Party feierte, wurde sie, die eigentlich sehr krank war und besser keinen Sekt getrunken hätte, dazu eingeladen. „Die Ärzte mögen mich“, erklärte sie mir diesen Umstand: „Ich bin wirklich nett und man kann sich vortrefflich mit mir über medizinische Themen unterhalten.“ (Letzteres lag auch daran, dass ihr Vater Arzt, unter anderem während des zweiten Weltkrieges Chirurg im Feldlazarett, gewesen war).

Vielleicht lernt Uli Hoeneß in seiner Zelle einen netten neuen Freund kennen. Das wäre schön, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich noch kein Fazit aus meinen widersprüchlichen Erläuterungen gezogen habe. Zwangskrankenhaus und -gefängnis für alle? Vielleicht liegt die Lösung darin, den Begriff des Raumes in einem weiteren Sinne zu denken. Ein möbliertes Zimmer ist nicht genug, es muss mit auch Gedanken und Gefühlen gefüllt werden. Das schafft man nicht allein. Wirklicher Raum entsteht nur zwischen und im Miteinander von Menschen. Das schreibt übrigens auch Virginia Woolf: Kreative Leute bedürfen nicht nur der materiellen Unabhängigkeit, sie brauchen auch jemanden, der sie und ihre Kunst wahrnimmt und anerkennt.

Sulidarität!

Über Uli Hoeneß ist wohl alles gesagt. Meine Prognose: Es könnte tatsächlich eine Haftstrafe ohne Bewährung dabei rauskommen. Wenn es nach mir ginge, sollten die Richter eine Sache strafmildernd berücksichtigen: Persönliche Recherchen ergeben, dass Herr Hoeneß der einzige Akteur (Spieler, Trainer und Manager) der gesamten Bundesliga ist, der eine Dame mit grauen Haaren zur Ehefrau hat. Ein Klick  hier lohnt sich, ich finde, das ist ein ganz reizendes Foto!

Lustige Alice

Für meinen Text zum Verhältnis von Humor und Politik suchte ich neulich erfolglos nach einem guten Beispiel für Realsatire. Alice Schwarzer hat jetzt mit ihrer Stellungnahme zur Steueraffaire geliefertDanke, ich kriege vor erschrockener Begeisterung Schnappatmung, das ist kaum zu steigern (Unerwartet gelungen jedoch: Titanic-Online hier; vom Postillon hätte ich mir dagegen mehr erwartet, irgendeinen Beitrag, in dem Alice und Uli lustig in einen Topf geworfen werden, zum Beispiel).

Der von vielen prophezeite Anti-Alice-Shitstorm hingegen ist bislang ausgeblieben. Die von mir rezipierten Medien begnügten sich, meiner Einschätzung nach, mit einem angemessen-zurückhaltende-Reaktions-Storm (Ergebnis dennoch sehr unschmeichelhaft). Dies hat sicherlich mit Frau Schwarzers wichtigen, historischen Verdiensten um die Sache der Frauen und dem Bedürfnis, sich nicht mit jämmerlichen Wichten wie Jörg Kachelmann in einen Frauenhasser-Mob einreihen zu wollen, zu tun.

Auch ich möchte mich aus den genannten Gründen zurückhalten, aber ein paar Anmerkungen seien doch gestattet. Vorweg geschickt werden soll, dass das grundsätzliche Problem nach meinem Dafürhalten nicht in Individuen wie Alice Schwarzer oder Uli Hoeneß begründet liegt, sondern im deutschen Steuerrecht. Kurz sei auch vermerkt, dass Steuerhinterziehung nicht eine Angelegenheit reicher Leute, sondern ein Volkssport ist. Viele, die nicht zu arm, faul oder blöd (ich, zum Beispiel) sind, machen das.

Der in § 371 Abgabenordnung (AO) vorgesehene „persönliche Strafaufhebungsgrund“ der Selbstanzeige ist im deutschen Strafrecht einzigartig. Ladendiebinnen, Leuten, die das Sozialamt um ein paar hundert Euro betrogen haben oder Menschen, die eine Hauswand mit Graffiti besprühen und das nachher selber wieder wegputzen, steht dieser Weg zur Strafbefreiung nicht offen. Die allgemeine Möglichkeit zum Rücktritt von einer Straftat nach   § 24 Strafgesetzbuch ist viel enger (nach Vollendung der Tat grundsätzlich nicht mehr möglich). Mir kommt der § 371 AO daher ein wenig verfassungswidrig vor. Ähnlich ging es vor längerer Zeit auch mal dem AG Saarbrücken. Das Verfassungsgericht, bei dem zugegebenermaßen lauter Leute mitmachen, die mehr Ahnung von Jura haben als ich, sieht das aber leider ganz anders.

In Deutschland sitzen hunderte Leute im Gefängnis, weil sie Geldstrafen wegen Schwarzfahrens oder ähnlicher Delikte nicht zahlen können. Wäre ich der deutsche Staat, mir wäre das peinlich (zumindest vor Bertold Brecht). Aber da ich ja nicht die Staatsgewalt bin (leider, ich würde sofort Freibier sowie das Bedingungslose Grundeinkommen ausrufen und dann das ZDF und Facebook verbieten), noch eine paar Anmerkungen zu Alice Schwarzer. Ich finde, dass sie und ihr altersstörrisch-patriarchaler Habitus, mit dem sie durch die Talkshows reist, ihr Magazin regiert und die weltdämlichsten Kampagnen erfindet, dem Feminismus eher keinen Dienst leisten. Na gut, dass sie eine so hohe Öffentlichkeitswirksamkeit erreicht, muss anderen vorgeworfen werden. Mal so nebenbei: Liebe Fernsehsender und Fernsehsenderinnen, wenn es anscheinend so anstrengend ist, erträgliche kompetente Gäste einzuladen (und nicht IMMER WIEDER Alice Schwarzer, Jutta Ditfurth, Arnulf Baring und Hans Olaf Henkel), dann macht doch einfach seltener eine Talkshow, dafür aber in gut.

Was ich Frau Schwarzer dann aber doch gerne kurz persönlich ankreiden möchte, ist ihre plumpe elitär-selbstgerechte Haltung. Es ist ihr nicht zu dumm, sich mit „Ich gehöre nicht zu den tausenden, die Schwarzgeld in der Schweiz haben, das bis heute nicht versteuert ist.“ auf die Seite der Gerechten zu schlagen, um dann aber doch ein paar Sätze später zuzugeben, dass sie ihre Steuern lieber doch nur für den Zeitraum nachgezahlt hat, für den sie das MUSSTE, um strafrechtlicher Verfolgung zu entgehen. Das Vermögen bezüglich dessen die Strafbarkeit der Hinterziehung verjährt ist, erstattet sie nicht zurück. Dann lieber schnell eine Stiftung gründen (das ist aber dann doch zu eigenmächtig, Geld klauen und selber bestimmen, welchem Zweck es zugeführt werden soll, wo kommen wir denn da hin?).

Sie beruft sich dann auch noch auf die Rechtsordnung, welche das ausdrücklich vorsehe (Das ist als Globalargument etwas schwach, denn manchmal ist die Rechtsordnung ja auch etwas unzulänglich und sieht so einigen Quatsch vor, bis 1997 zum Beispiel die Vergewaltigung der Ehefrau). Dem Spiegel wird dann noch in Unkenntnis der Rechtslage illegales Denunziantentum vorgeworfen, während Alice genau das ist, was die Leute vom Spiegel nicht sind: Jemand, der einen Straftatbestand verwirklicht hat. Die Verjährung bedeutet lediglich ein Strafverfolgungshindernis, nicht aber, dass die Tat als nicht begangen gilt. (Ebenso bei einer Körperverletzung oder einem Diebstahl, die verjähren auch nach vier bzw. fünf Jahren, begangen wurden sie trotzdem).

Jetzt aber genug geschimpft. Um es noch mal klar zu stellen: Menschen wie Uli Hoeneß und Alice Schwarzer haben sich um den deutschen Fußball respektive die deutschen Frauen sehr verdient gemacht. Ich gönne ihnen als Belohnung gerne ein wenig oder auch ein wenig viel illegal erwirtschaftetes Geld. Aber irgendwann sollte Schluss sein. Von den ganzen Steuern, die Uli und Alice hinterzogen haben, würde Vater Staat bestimmt ein paar schöne Frauenhäuser errichtet haben können. Naja, das hätte er vermutlich eh nicht gemacht, sondern lieber eine halbe flugunfähige Drohne gekauft. So gesehen, ein bisschen verstehe ich die beiden ja auch.