Sind wir nicht alle ein bisschen ADHS?

Ich bin ja gerade zur Untersuchung im Krankenhaus. Lustig ist es hier meistens nicht. (Dafür aber herzerwärmend, der befreundete Onkel kommt täglich aus dem fernen Ehrenfeld angereist, bringt Internet und hilft bei Verrichtungen, die mir alleine noch nicht recht gelingen möchten („Ich hole hier ja meinen Zivi nach.“, „Na, dann hättest Du schon noch ein paar Patienten mehr.“,“Ja, aber die wären alle netter!“, Meine störrische Zimmernachbarin, die mich fragt ob ich mit ihr böse sei (ja!), klärt er freundlich auf: „Die Maike ist nie böse, außer zu mir.“).

Eine unterhaltsame Kleinigkeit hat sich aber doch ereignet, ich möchte sie schnell erzählen und ein paar allgemeine Überlegungen dazu anstellen. Meine bereits erwähnte Mitpatientin, eine nette, allerdings etwas aufmerksamkeitsschwache und eigenwillige 74jährige Dame, erwähnte gestern in einem Gespräch mit der Krankenhauspsychologin, sie habe ADHS. ADHS?, dachte ich bei mir, ist das nicht die Domäne erziehungsschwieriger männlicher Grundschüler, die von ihren ebenfalls erziehungsschwierigen Eltern zu oft vor den Fernseher gesetzt werden? Bei näherer Betrachtung wurde mir aber klar, dass sich die Krankheit nach und nach auf alle Altersschichten auszubreiten scheint. Schon vor einigen Jahren tauchten auf Spiegel Online anonyme Studierende auf, die von der Diagnose berichteten: „Ich weiß jetzt, dass ich anders bin, aber auch besonders.“ Dann kamen die ersten berufstätigen Mittvierziger, die auf einmal ihre ausgedehnte Tendenz zur Prokrastination (und wieso sie trotz hervorragender Ausgangseigenschaften – weiß, männlich, heterosexuell, nicht chronisch krank – immer noch nicht Aufsichtsratsvorsitzdender eines DAX-Konzerns sind) erklären konnten, und nun eben die alten Damen. Auch bei meiner Lieblingskollegin und mir sind zunehmend Symptome feststellbar. (Erstere tut sich allerdings zeitweise mit der Akzeptanz noch schwer: „ADHS?!? – hochbegabt, bitte!“). ADHS für alle finde ich aus Gerechtigkeitsgründen gut. Schließlich ist es, wenn auch nicht ganz an Tourette heranreichend, eine attraktive Krankheit. Sie berechtigt zu ungehemmter Egozentrik und anderen Annehmlichkeiten. Wer keine Lust hat auf: Lesen oder für Physik-Klausuren lernen, Steuererklärungen, Rentenbescheide oder andere uninteressante Formulare ausfüllen, langweilige Anordnungen der Chefin erledigen, ein Buch ganz durchlesen, Freundinnen aufrichtig aufmerksam zuhören, wenn die über ihre Gefühle berichten wollen, dem Ehemann die Mettwurst ordentlich aufs Schnittchen legen usw., sondern lieber endlos Computer spielen, im Internet herumbrausen, nebenbei chatten, den facebook-Status aktualisieren, überflüssige Blogeinträge verfassen, Friedhof-Selfies knipsen, Musik hören oder komponieren, währenddessen gleichzeitig amerikanische Fernsehserien downloaden und anschauen, alle drei Minuten ein anderes Hobby anfangen, Drogen ausprobieren, neue Religionen, Kunstrichtungen oder Verschwörungstheorien erfinden oder sonstwie kreativ herum chaotisieren möchte, dem kann das jetzt nicht mehr als Flatterhaftigkeit, Charakter- oder Willensschwäche ausgelegt werden. Stattdessen entsteht ein sozialrechtlicher Anspruch, stimulierende Amphetamin-Derivate verabreicht zu bekommen.

Mit diesen martensteinesken Ausführungen  (betroffenenbeleidigend und recherchefrei bösartig dahingeschwatzt) soll nicht behauptet werden, ADHS, mit Ritalin als angemessener Therapie, existiere gar nicht. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass die Ursachen der beschriebenen Symptome häufig nicht in angeborenen, von individuellen und gesellschaftlichen Umständen unabhängigen, neurophysiologischen Dispositionen begründet liegen. Vielmehr denke ich, dass Faktoren wie Traurigkeit, Angst, Sorge, Mangel an Zuwendung und adäquater Spiegelung zu Egozentrik, schlechter Konzentrationsfähigkeit und Desorientierung führen können. Freier Zugang zu Internet, RTL 2 und ARD-Talkshows macht die Sache auch nicht immer besser. (Ich würde sehr viel Geld darauf setzen, dass ADHS unter Waldorfschülerinnen und Nordkoreanern signifikant niedrigere Prävalenzen aufweist). Mein eigenes ADHS zumindest ist während der sechs Tage Krankenhausaufenthalt schlimmer geworden. Adorno schreibt in Erziehung nach Ausschwitz, dass wir alle mehr Liebe brauchen als wir verdienen („Denn die Menschen, die man lieben soll, sind ja selber so, dass sie nicht lieben können, und darum ihrerseits keineswegs so liebenswert.“). Die aktuellen Strukturen und Tendenzen, Phänomene wie Entgrenzung bei gleichzeitiger Prekarisierung von immer mehr Lebensbereichen fördern meines Erachtens einen produktiven Umgang mit diesem Dilemma nicht und Ritalin hilft höchstens kurzfristig.

Abschließend möchte ich noch einen tröstlichen Aspekt der Erweiterung des Kreises potentieller ADHS-Betroffener auf Frauen jenseits der 70 kurz anreißen: Bislang unverständliches, gar befremdliches Verhalten so mancher Dame erscheint auf einmal in neuem Licht. Schon oft habe ich mich über mangelnde Wissenschaftlichkeit und Ausgewogenheit in EMMA-Artikeln geärgert. Jetzt kommt Erleichterung auf: Alice Schwarzer ignoriert nicht aus Überheblichkeit das, was was andere so sagen und schreiben – Sie kann sich einfach nicht drauf konzentrieren!