Heute kam die Feuerwehr

Vorbemerkung: Dieser Text ist zwei Jahre alt. Ich habe ihn bis jetzt nicht gepostet, weil ich über eine Tote schlecht spreche (Wer sowas nicht mag, lese dies nicht). Jetzt passt er aber schön zu einem aktuellen Text von meiner Blogfreundin Tikerschek.

Heute kam die Feuerwehr

Mit einer Feuerwehrleiter stieg sie in den dritten Stock unseres Hauses, um eine Nachbarin zu bergen, die dort seit einer Woche tot in ihrer Wohnung lag.

Ein Anlass, mal etwas über einsame ältere Damen und ein gedeihliches Zusammenleben nachzudenken. Der befreundete Onkel rief mich ans Fenster (wo er sich zwecks Rauchens häufig aufhält), weil vor unserer Haustür zwei Feuerwehrautos eintrafen, (just, wo ich es schreibe, kommt die Spurensicherung von der Polizei). Zu zwei sich ebenfalls dort aufhaltenden Nachbarn rief ich herunter, ob sie wüssten, was denn los sei. Ja, die Nachbarin sei wohl tot, antworteten sie. Seit einer Woche brenne das Licht und sie reagiere nicht aufs Klingeln. Die Nachricht war nicht so überraschend, zwar war die Dame noch nicht sehr alt, aber sie tat sich bereits außerordentlich schwer, die Treppe heraufzusteigen, ich nahm immer an, sie sei herz- oder alkoholkrank oder beides.

Ich bin nun ein bisschen erschrocken, wie egal mir das ist. Hm, dachte ich mir, trauriges Leben und Sterben und ging in die Küche, um mit der Zubereitung meines Capuccinos, auf dessen Milchschaum ich mit blauer Lebensmittelfarbe Fische zeichnen wollte, fortzufahren. Während das Kaffeeprojekt scheiterte, dachte ich bei mir, Maike, Du bist eine wahrhaft kaltherzige Sau. Der befreundete Onkel kam vorbei, lobte gutmütig die missratenen Fische und regte an, die Feuerwehr zu fragen, ob sie mich nicht auch mitnehmen könne.

Ich fand, die Nachbarin war ein schrecklicher Mensch. Niemand, den ich je traf, hat mich mehr an einen Blockwart erinnert (ironischerweise war sie Französin). Der befreundete Onkel hatte stets etwas Angst vor ihr, weil sie in gutem Kontakt mit dem noch weitaus scheußlicheren Vermieter (Aber Maike, Du magst wohl niemanden, stellen aufmerksame Lesende gerade fest, ja stimmt, und ich habe deswegen gute Chancen, auch mal auf die beschriebene  Art und Weise zu enden) stand und immer zu befürchten war, dass wir wegen missliebigen Verhaltens verpfiffen werden könnten.

Der Nachbar, der die Feuerwehr gerufen hatte, stand währenddessen auf der Straße, machte mit seinem Telefon ein Foto von den Feuerwehrautos sowie eine Halsabschneider-Geste, um einem weiteren aus dem Fenster gelehnten Nachbarn Hintergrundinformationen zum Geschehen zu liefern und rief dann seine Freundin an: „Ja, so sind die Nachbarn, kümmern sich nicht und schauen dann neugierig aus dem Fenster, wenn die Feuerwehr kommt.“, krähte er vorwurfsvoll und selbstgerecht in sein Handy. Ich poche vehement auf das Recht auch der garstige alte Damen vernachlässigenden Mietshausbewohnenden aus dem Fenster zu schauen, wenn die Feuerwehr kommt. Es könnte schließlich brennen. Aber der Nachbar wirft ja eine berechtigte, ernste Frage auf. Hätten wir uns mehr um die Frau kümmern sollen? (Zur Ehrenrettung des befreundeten Onkels und des unverschämten Nachbarn sei angemerkt, dass ersterer sich lange sehr wohl aufs Freundlichste bemühte und letzterer das wohl nicht weiß). Augenscheinlich lebte sie traurig vor sich hin. Eigentlich glaube ich, dass alle Menschen neugierig und gutwillig auf die Welt kommen, bereit, empathisch und liebevoll mit anderen zu sein. Dann passiert ihnen eine Menge traumatischer, verletzender, demütigender enttäuschender Erfahrungen, sie stumpfen ab, prägen eine Blockwartmentalität aus, schreiben Bücher wie „Deutschland schafft sich ab“ oder reagieren gleichgültig, wenn arme alte Nachbarinnen sterben, die sie vorher nach Kräften ignoriert haben.  Naja, frage ich mich aber dann: Sind wir nicht trotz allem für unser Verhalten selber verantwortlich und müssen mit den Reaktionen darauf leben? Bestimmen wir nicht doch selber, ob wir bösartig werden oder nicht? Lebe ich nicht im 21. Jahrhundert und in der Großstadt, um mir meine sozialen Zusammenhänge und wie ich mich wann und wie engagiere, selber auszusuchen? Wie oben schon angedeutet, führt so eine Einstellung allerdings dazu, dass ich selber auch eines Tages mal von der Feuerwehr aus einer Wohnung, in der ich alleine lebe, geholt werden muss. Das habe ich dann auch nicht anders verdient und mich auch bereits ein bisschen damit abgefunden. Schon irgendwie traurig. Aber glücklicherweise dann nur für mich.

somebody is wrong on the internet!

Heute zum Beispiel Sascha Lobo und diese dumme Frau von der Taz: Beide finden kritische Reaktionen wie die meine auf den allgemeinen öffentlichen Umgang mit dem gestrigen Absturz eines German Wings-Airbus anscheinend nicht ganz angemessen. „Netzreaktionen nach Flugzeugunglück: Die verlogene Wut beim Posten“ betitelt Lobo seinen aktuellen Artikel bei Spiegel Online. Und meint damit genau solche Standpunkte, wie sie in diesem Onkel Maike-Post mit der Frage nach der Nachrichtenträchtigkeit der Nationalität von Todesopfern vertreten werden. Er schreibt: „Konstruierte Vergleiche stellen eine merkwürdige Reaktion auf die kollektive Trauer dar: „Sind denn 67 Tote mehr wert als andere Tote?“ Nein, sind sie nicht, aber sie sind näher, und die Nähe ist entscheidend […]“

Ebenso, aber insgesamt noch dümmer, argumentiert Edith Kresta von der Taz in einem Artikel, der genauso auch in der Welt hätte erscheinen können: „Warum uns dieses Unglück nahegeht“, meint sie zu wissen: „Ist es nationalistisch, Betroffenheit nach dem Absturz eines deutschen Jets zu zeigen? Nicht unbedingt, es zeigt erst einmal nur: Wir fühlen lokal.“. So viel Dämlichkeit allein in einer Überschrift zu verwirklichen, ist eigentlich wieder gut. Erstens: „Uns“ geht dieses Unglück gar nicht nahe. Der Verfasserin vielleicht und auch anderen, mir zum Beispiel und auch anderen aber nicht. Sie postuliert da ein kollektives „Wir“ deutscher Menschen (wer und was auch immer das sein soll), das es gar nicht gibt. Ich dachte außerhalb von Dresden und Pegida und gerade in Taz-Kreisen hätte sich das bereits rumgesprochen. Zweitens: „National“ ist nicht „Lokal“, Sie setzt es aber gleich. (Natürlich gibt es auch Leute, die vertreten die Ansicht, der Lokalpatriot sei der kleine, mindestens ebenso unsympathische Bruder des Nationalpatrioten, aber das ist hier gerade nicht das Thema). Mir persönlich gehen 67 abstrakte „Deutsche“ nicht näher als eine gleich hohe Anzahl Bosnierinnen oder Jemeniten. Wäre ein Flugzeug voller Menschen aus Köln-Ehrenfeld abgestürzt, würde ich hingegen wohl gerade nicht dieses fröhliche Hass-Posting verfassen (ein paar weniger von diesem Spacko-Hipstern täte dem Straßenbild zwar sicher gut, aber das Problem sollte vielleicht lieber im Wege der De-Gentrifizierung als durch Flugzeugabstürze gelöst werden). Edith Kresta erklärt weiter:

„In den sozialen Netzwerken wird aber genau darüber genörgelt: nur weil unter den Opfern vor allem Deutsche sind, zeigen wir so viel Betroffenheit. Das gleiche Unglück woanders wäre uns ,keine Zeile wert. Das stimmt. […] So funktionieren wir. Empathie, Mitgefühl hat immer etwas mit Sich-hineinversetzen-Können zu tun, und das fällt uns selbstverständlich leichter, wenn es unsere vertraute Umgebung, das bekannte Gegenüber betrifft.“

Schon wieder dieses fiese „wir“. Und nochmal, langsam und zum Mitschreiben: Ich funktioniere nicht so. Mir sind nicht alle Deutschen vertraut oder Teil meiner Umgebung. Ich traue mir und vielen anderen sehr wohl zu, ein „Sich-hineinversetzen-Können“ auch gegenüber Menschen ohne deutschen Pass an den Tag zu legen. Holländer sind mir sympatisch, Russinnen auch oder sogar manche Neger. Anders geht es anscheinend dieser elenden Tante von der Taz: „Es ist pure Heuchelei, so zu tun, als würden wir uns gegen Unterdrückung in Afrika genauso einsetzen wie gegen die eigene Unterdrückung vor Ort. Es ist auch verlogen, dass uns die Interessen der Fabrikarbeiter in Bangladesch genauso beschäftigen wie die eigenen Lohnverhandlungen“. Schon wieder dumm und falsch. Natürlich gibt es hierzulande Leute, die sich  primär mit Unterdrückung und Ausbeutung in Afrika und/oder zumindest vorrangig für Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft engagieren und denen die eigenen Lohnforderungen vergleichsweise egal sind. Gerade veranstalten doch die Gewerkschaften Erziehung und Wissenschaft und VERDI Warnstreiks für mehr Lohn im öffentlichen Dienst und mir (und vielen anderen dort Beschäftigten) ist das wirklich relativ gleichgültig (Und ich kann mir auch nicht gut vorstellen, mit Leuten befreundet zu sein, die ihre politischen Prioriäten andersherum setzen).

Ich möchte nicht kaltherzig erscheinen, aber mir gehen fremde Opfer eines Flugzeugabsturzes nicht näher als Opfer von Autounfällen oder alle Tode von Menschen, die  sterben mussten, obwohl sie das noch nicht wollten. Einen Flugzeugabsturz finde ich sogar vergleichsweise erträglich, da es sich um den Eintritt eines unvermeidbaren allgemeinen Lebensrisikos handelt, das war einfach großes Pech: Sobald ich meine Wohnung verlasse, um mich von A nach B zu begeben, sei es per Flugzeug, Fahrrad, Fuß oder Auto setze ich mich der Gefahr aus, dabei ums Leben zu kommen. (Und wenn ich zu Hause bleibe, wird es nur schlimmer, Haushaltsunfälle sind bekanntlich die häufigste unnatürliche Todesursache). Leuten, wie dieser dummen Taz-Autorin, die möglichst viele deutsche Menschen am Leben halten wollen, möchte ich nahelegen, sich doch auf nationaler Ebene für die Beseitigung vermeidbarer Transport-Todesursachen einzusetzen. Wie wäre es mit einem Engagement für strenge Tempolimits auf Autobahnen oder autofreie Innenstädte? Ansonsten: Lasst mich mit Eurem gefühlten Mitgefühl in Ruhe!

Zeitung lesen ist oft interessant

Und oft reichen schon die Überschriften:

„Griechenland will zuviel gezahlte Milliarde wiederhaben“ betitelt Spiegel online einen Artikel. Diese dreisten Lümmel wieder. Immer, wenn ich eine Milliarde zuviel gezahlt habe, waltet Großzügigkeit: „Lasst mal stecken und kauft Euren Kindern ’nen Lolli.“, heißt es dann. Aber ich bin ja auch eine fleißige Deutsche und kann mir das erlauben.

Apropos Deutsche: Flugzeugabsturz in Südfrankreich: Vermutlich 67 Deutsche unter Absturzopfern, lautet die Überschrift eines weiteren Artikels. Siebenundsechzig Deutsche. Nicht achtundsechzig und nicht sechsundsechzig. Und zwar Deutsche und nicht Holländerinnen oder Jemeniten. Immer wieder frage ich mich, warum die Nationalität von Unglücksopfern so nachrichtenträchtig ist. Bild-Online hat derweil ihr Logo mit einem Trauerflor versehen. Und zwar, weil es sich bei den Opfern um siebenundsechzig Deutsche handelte und nicht etwa siebenundsechzig Slowenen. Immer wieder mal finde ich diese Welt und ihre Menschen zutiefst merkwürdig.

Sonntags abends in meinem Fernseher…

Oft läuft bei uns zum Wochenendausklang die Fernsehsendung „Günther Jauch“. Wenngleich stets peinvoll und der Beziehungsdynamik abträglich, ist mir dieses Ritual heimelig und vertraut. Es sei konzediert, dass das was Hochneurotisches, Pathologisches sowie auch Unerklärliches an sich hat. Trotzdem steht zu vermuten, dass ich nicht die einzige mit dieser Krankheit bin, jene vielmehr ziemlich verbreitet ist (These u. a. gestützt auf persönliche Empirie,  gespeist aus sonntagabendlicher Rezeption des Twitter-Hashtags #jauch). Vielleicht lohnte es sich gar, in der Psychotherapeuten-Kostenabrechnungsverordnung eine eigene Kennziffer zu etablieren, denn ich glaube, dass der volkswirtschaftliche Schaden bei Nichtbehandlung erheblich ist: PTKA-Ziff. 3.44.: „Guckt wiederkehrend ohne erkennbaren äußeren Zwang – da über das Alternativangebot auf Phoenix im Bilde – unter körperlichen Schmerzen und am Rande der Arbeitsunfähigkeit Günther Jauch und schreit dabei den Fernseher an.“.

Gleichzeitig hat jede neurotische Struktur eine immanente Logik und ein Belohungssystem, sonst gäbe es sie ja nicht. Gestern war es wieder soweit. Die Ankündigung auf der ARD-Homepage katapultierte mich ins Nirwana: „Der Euro-Schreck stellt sich – Varoufakis bei GÜNTHER JAUCH“. Wow. Mein Erzfeind (ich pflege öfter mal Feindschaften, von denen der andere Teil nichts weiß) Günter „Lauch“ Jauch gegen Yanis „Superheld aus einem anderen neurotischen System“  Varoufakis. In Onkel Maikes kleiner Welt ist das vergleichbar mit einem Fußball WM-Finale Deutschland gegen Brasilien.

Über den noch spektakulärer als erwartet, ich sage nur #Stinkefingergate, aber nicht hundertprozentig im Sinne des Varoufakis-Lagers verlaufenen Gang der Sendung ist „hinreichend“ berichtet worden. Mir gefielen die Artikel von Michalis Pantelouris und Stefan Niggemeier. Immer wieder erfrischend auch, wie die ideologische Ausrichtung einer Publikation sich auf die Einschätzung von Ereignissen niederschlägt. „Der Fluch der Eitelkeit“ und „Die Varoufakis-Monologe“ titelt das neoliberal gesinnte Personal von Spiegel Online; „Der Freidenker“ fällt hingegen dem links-sozialdemokratisch regierten „Freitag“ dazu ein.

Dieser Beitrag hat also, mir ist das bewusst, keinen informatorischen, sondern, es deutete sich ja an, therapeutischen Charakter. Aber jetzt mal ehrlich, Jesus Christus und Herr im Himmel, ich bin eigentlich nicht gläubig und halte die Existenz von und die Identifikation mit albernen Konstrukten wie „Nationalität“ für überkommenen Quatsch. Aber gestern habe ich mich aufrichtig zutiefst geschämt, eine Deutsche zu sein. Was für eine miese, ekelhafte Veranstaltung war das denn bitte schön? Ich bin ja eigentlich auch nicht so status- und titelhörig, aber es gibt Grenzen. Da kommt der Finanzminister eines EU-Mitgliedsstaates, gleichzeitig ein renommierter, polyglotter Wirtschaftsprofessor und, dafür spricht manches, auch ein Menschenfreund, zu Besuch – Und wird dann so empfangen? Von Günther Jauch, seinen Einspielern auf Bild-Niveau, Markus Söder (MARKUS SÖDER!) und einem weiteren Vertreter der Bild-Zeitung? Als Gegengewicht lediglich eine Wirtschaftsjournalistin von der taz? Warum nur? Das ist in etwa so, wie wenn als seltener Gast der kultivierte, weitgereiste, inzwischen in Frankreich lebende Cousin zu Besuch kommt und wir laden zum gemeinsamen Essen den rassistischen Hausmeister aus der Eckkneipe und seinen Freund, den Hooligan Uwe, dazu. Würde man nicht machen (ja, zugegeben, der Cousin ist etwas selbstverliebt und hört sich gerne beim Reden zu,  alle sind auch ein bisschen froh, wenn er wieder weg ist, aber trotzdem). „Wir sind nicht alle so!“, hätte ich gerne in den Fernseher gerufen. Währenddessen würden der mehrfach wegen Körperverletzung und Tragens verfassungsfeindlicher Symbole vorbestrafte Uwe und der Hausmeister beim Essen anfangen, unseren Cousin, der seinen Magister in Lyon mit einer Arbeit über die Résistance abgeschlossen hat, über Antirassismus zu belehren:

„Ja die Griechen machen es uns Deutschen wirklich schwer, ihnen zu vertrauen. Der Herr Varoufakis sollte nicht so viele Interviews geben, sondern lieber mal seine Hausaufgaben machen. Wir Deutschen sind sehr fleißig“, musste sich der griechische Finanzminister von Markus Söder schulmeisterlich tadeln lassen. Jesus Christus. In was für einem Paralleluniversum lebt der denn? Oder begreift er sich schlicht und ergreifend als Dienstleister? – Ich brülle alles das raus, was der Stammtisch bestellt hat? Glaubt er selber, was er sagt? Man muss sich ungefähr drei Sekunden mit der Situation in Griechenland beschäftigen, um zweifelsfrei festzustellen, dass die Syriza-Regierung die erste in den fünf Jahren der für die Eurozone sehr bedrohlichen Finanzkrise ist, die die Mitgliedsstaaten nicht anlügt (sondern zugibt: „Die griechischen Kredite können ohne Umschuldung niemals zurück gezahlt werden.“). Weitere drei Sekunden reichen, um zu überprüfen, dass das stimmt. Egal also, wie Panne man Varoufakis und seine merkwürdige Regierung im Einzelnen nun finden mag, für diese Ehrlichkeit haben sie doch einen Vertrauensvorschuss verdient und nicht, dass man sie so vorsätzlich und respektlos diskreditiert. Shame on you Günther Jauch. Je suis von nun an Phoenix Runde!

Immer noch Griechenland

Liebe Nichten und Neffen,

gerne schrübe ich ja mal über was anderes, aber es ist einfach zu unterhaltsam:
„Schäuble ‚fassungslos‘ über Varaoufakis“, berichtet Spiegel Online. Dieser Griechen-Lümmel hört einfach nicht damit auf, Schuldenschnitte zu fordern und Onkel Wolfgang verliert langsam bald seine Geduld. Zwei Fragen drängen sich auf: Spielen die alle Theater? Liest Herr Schäuble etwa meinen Blog nicht? Denn dann wüsste er, dass die griechische Regierung eine fundamental andere Wirtschaftstheorie und –politik vertritt (und ja bekanntlich Ihren Mitgliedern sowie Wählerinnen und Wählern, von denen die kritischeren ja wegen der Zugeständnisse an die Institutionen formerly known as Troika jetzt schon sauer sind, diesbezügliche Versprechungen gemacht hat). So weit, wie die Finanzminister der Eurozone es verlangen, können die ihre ja doch sehr weit herausgeholten Schwänze gar nicht wieder einziehen, ohne völlig das Gesicht zu verlieren – und auch nicht, ohne letzte verbliebene Hoffnungen in die europäische linke Sozialdemokratie endgültig zu zerstören.
Apropos Schwänze: Mensch mag ja von Yanis Varoufakis halten, was er möchte, aber dieser Mann weiß, wie und wo er sich und seine Anliegen zu präsentieren hat. Wo platziert er seine neueste Kampfansage? Natürlich in der neuen Charlie Hebdo-Ausgabe! Gut gemacht! Wie soll das denn in Punkto Öffentlichkeitswirksamkeit noch übertroffen werden? Ich schlage vor, eine künstliche Verknappung der sicher wieder höchst nachgefragten Publikation zu erzeugen, indem sie ausschließlich von mit Masern infizierten Kindern auf dem Majdan in Kiew verteilt wird.
Euer Onkel Maike

Je suis Varoufakis!

Die Bild Zeitung und das Nachrichtenmagazin Der Spiegel sind hingegen eher nicht so auf Seiten der Hellenen und ihrer Regierung: „Endlich sagt mal einer den Pleite-Griechen die Meinung. Deutschland sagt: Danke, Wolfgang Schäuble!“, ist seit heute morgen auf Bild.de zu lesen. Dieses  Gepöbel gegen „die Griechen“ macht mich aufrichtig traurig und betroffen. Wann sagt mal jemand Kai Diekmann die Meinung oder besser, sperrt ihn gleich ins Gefängnis? Das Lower Class Magazin hat den nicht sehr erfolgsversprechenden aber doch ehrenwerten Vorschlag gemacht, der Bild-Herausgeber solle wegen ausuferndem Herumgehacke auf den „Pleite-Griechen“ wegen Volksverhetzung angezeigt und verklagt werden. Einen Straftatbestand, der das Verfassen von volksverdummenden Artikeln aus niederer antieuropäischer Gesinnung sanktioniert, gibt es ja leider noch nicht.

Neben traurig bin ich auch ärgerlich. Bild, aber auch anerkanntere Publikationen aus dem bürgerlichen Spektrum, allen voran Der Spiegel vereinfachen und personalisieren die Darstellung der Euro-Krise in so haarsträubender Weise, dass es kaum noch vorstellbar ist, dass das alles nur auf Fahrlässigkeit beruht. Der komplexe Sachverhalt mit einer multiplen gesamteuropäischen Interessengemengelage, den in Wirklichkeit niemand mehr so richtig erfasst, wird auf einen Konflikt zweier verfeindeter Nationen reduziert. Hier die vernünftigen, klug wirtschaftenden Deutschen, dort die verschwenderischen, naiven Griechen.

Diesen Quatsch noch zu steigern, schafft tatsächlich Der Spiegel, in dem er die Auseinandersetzung als ein Problem auf der persönlichen Ebene darstellt: „Haben Varoufakis, Schäuble und Co. die Sache wirklich unter Kontrolle? Oder scheitert eine Übereinkunft am Ende an Sturheiten, Eitelkeiten und persönlichen Verletzungen?… In den Verhandlungen wird es nun darauf ankommen, wie gut Dijsselbloem seine Emotionen im Griff hat.“ Ja, das steht da. Lieber Spiegel, man kann ja von Wolfgang Schäuble so einiges halten, ihn garstig und auch politisch fehlgeleitet finden, aber ganz sicher ist er ein Profi, der sich weder von ein paar Nazi-Karikaturen, in denen er die Hauptrolle spielt, noch von einem Amtskollegen, der noch nicht so ganz im Habitus des klassischen Politikers angekommen ist, von seinem Weg abbringen lassen wird. Im Gegensatz zum Rest der Weltöffentlichkeit ist ihm vermutlich egal, wie viele Krawatten sein Kollege sich zu ihren Dates umbindet: „Bürschchen!“, sagt Wolfgang entspannt in Gedanken zu Yanis, „Mach den Job zehn Jahre, warte ab, bis zum ersten Mal auf Dich geschossen wird, man Dich beim Schwarzgeldschmuggeln erwischt und wie es sich anfühlt, dass Du nie Chef wirst, obwohl Du viel schlauer und fleißiger bist als der – Dann sprechen wir uns noch mal!“. „Hoffentlich werde ich nie wie Du!“, antwortet Varoufakis stumm.

Währenddessen wissen Wolfgang und Yanis beide, dass der Schuldenstreit nicht ein Ausdruck eines bipolaren Konflikts zwischen zwei Ländern mit jeweils homogenen Interessen ist. Vielmehr (und eigentlich ist es offensichtlich und selbstverständlich, aber es wird so selten gesagt) handelt es sich um divergierende wirtschaftspolitische Haltungen, auf denen dann unterschiedliche Vorstellungen zum Umgang mit der Krise basieren. Auf der einen Seite steht, sehr vereinfachend skizziert, das neoliberale (wem das zu ideologisch klingt: auch ordo- oder wirtschaftsliberale) Austeritätsdenken: Auch in Zeiten von Rezession und geringen Staatseinnahmen muss gespart werden, durch Kürzungen im Sozialbereich und bei den Löhnen. Staatlicher Einfluss auf das Wirtschaftssystem muss möglichst reduziert werden, Privatisierungen sind demzufolge sinnvoll, weil sie zu mehr Effizienz und damit Wachstum (dass in der ganzen Debatte mal jemand darauf hinweist, dass alle einem unhinterfragten, anachronistischem Wachstumsbegriff gebrauchen, meine FreundInnen von der Linkspartei vorneweg, wäre übrigens wünschenswert)  führen. Demgegenüber steht die neokeynesianische, nachfrageorientierte Theorie. Derzufolge gilt das Prinzip der antizyklischen Fiskalpolitik. Einfacher (und natürlich völlig verkürzt) gesagt: In der Rezession müssen die Ausgaben, selbst wenn die Staatsverschuldung dann noch wächst, erhöht werden, um die Nachfrage zu steigern, und damit die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Die Abwackprämie ist ein schönes Beispiel für eine antizyklische Maßnahme.

Unabhängig davon, welcher der Auffassungen mensch folgt – Sie widersprechen sich, weil sie auf unterschiedlichen Annahmen davon basieren, wie Volkswirtschaften funktionieren. Daher sind hier auch echte Kompromisse nur schwer vorstellbar.

Für die keynesianistische Theorie spricht im Falle Griechenland zumindest auf den ersten Blick, dass die Sparpolitik hier offensichtlich nicht (hier ein Artikel, mit gutem Zahlenmaterial) funktioniert – Die Staatsverschuldung ist ja dort seit Einführung der Reformmaßnahmen noch gestiegen und hat zu den bekannten Zuständen geführt. Auf den zweiten Blick ist, so meine These, alles so kompliziert, dass niemand mehr weiß, was eigentlich passieren wird. Dies führt wiederum dazu, dass niemand wirklich will (oder zumindest wollen sollte), dass Griechenland aus der Währungsunion austritt – Die Folgen sind schlicht nicht vorhersehbar. Gute Karten im Schuldenpoker für die Griechen, könnte man daher denken. Auf der anderen Seite müssen die VertreterInnen der Austeritätspolitik befürchten, dass sobald sich die Griechen mit einem grundsätzlichen Strategiewechsel durchsetzen und damit sogar noch Erfolg hätten, dies unerwünschte Nachahmerinnen und Kettenreaktionen zur Folge hätte. In Spanien scharrt die Podemos-Partei schon mit den Füßen und in Frankreich wird das Geschehen auch sehr neugierig beobachtet. Während ich das hier schreibe, verfolge ich den Guardian-Liveticker zum Finanzminister-Treffen. Gerade haben sie sich geeinigt, hier das offizielle Statement, das Hilfsprogramm wird um vier Monate verlängert, wenn die Griechen bis Montag einen Katalog mit konkreten und zufriedenstellenden Maßnahmen vorlegen. Ein Ergebnis, das als Waffenstillstand oder Aufschub der wirklichen Auseinandersetzung gelesen kann: „This is not a moment for jubilation. This agreement is a small step in the right direction.“, kommentiert Varoufakis. Während Schäuble mit: „The Greeks certainly will have a difficult time to explain the deal to their voters.“ zitiert wird. Das klingt doch so, als habe der alte Fuchs den Punkt gemacht, schade.

Im Kölner Stadtanzeiger war heute zu lesen, dass die Zahl der armen Menschen in unserer Stadt in den letzten fünf Jahren um über fünf Prozent, von ca. 15 auf über 21 Prozent gestiegen ist. Auch wenn die Situation in Griechenland und Deutschland natürlich nicht eins zu eins vergleichen werden kann, so ist dies doch vielleicht ein weiterer Hinweis darauf, dass die Interessen- und Konfliktlinien nicht an den Ländergrenzen entlang verlaufen, sondern ganz woanders.