Hitlers Oma

Der befreundete Onkel und ich diskutieren die Frage, ob jeder Mensch von Geburt an freundlich sei und erst später durch Familie und Gesellschaft bösartig gemacht werde. Oder gibt es genuin schlechte Leute? Der Onkel nennt (wenig originell) Hitler. Ich entgegne: „Aber Hitler hatte auch einen netten Kern, er mochte Hunde!“, „Aber die Hunde hatten Angst vor ihm!“, gibt der Onkel zu bedenken, „Das ist auf den Fotos von Hitler und seinen Hunden an den Ohren der Hunde deutlich zu erkennen.“. Ich entgegne mit einer meiner Kindheitserinnerungen, derenzufolge ich unsere damaligen Katzen zeitweise etwas untiergerechten Behandlungen unterwarf und die deswegen auch Angst vor mir gehabt haben könnten (ich bin nicht stolz darauf). „Ja, aber da warst Du viel jünger als Hitler“, argumentiert der befreundete Onkel und schließt die Vermutung an, dass dies eine selten geäußerte Aussage unter Paaren sei. Lustig genug. Aber mir kommt eine weitere Jugenderinnerung in den Sinn. Mit Anfang 20 hatte ich eine depressive Phase und wollte mein Bett nicht mehr gerne verlassen (zu damaligen Zeiten, als es noch keine Bachelorstudiengänge gab, karrieretechnisch nicht so problematisch, für die unmittelbare Umwelt aber dennoch nervig). Meine Oma wollte helfen, rief an und fragte, was mich bekümmere: „Ich bin ein schrecklicher Mensch und niemand mag mich!“ sagte ich. „Ja, aber Kind, ich habe Dich doch lieb!“, versuchte sie mich zu trösten. „Das zählt überhaupt nicht“, wehrte ich ab, „Hitlers Oma mochte Hitler auch!“ Scharfsinnig argumentiert, nicht wahr? Die psychologische Forschung hat ja ergeben, dass depressive Menschen zu größerem Realismus neigen als die sogenannten Gesunden, die sich immer etwas überschätzen. Eigentlich glaube ich aber, dass Hitler keine derartig nette Oma hatte wie ich, sonst wäre er nicht so geworden.