Heute ist ein fröhlicher Tag…

…also zum einen natürlich das Wetter. Über alle Trübsal legt sich die heitere Sonne, wie schön. Dazu gesellt sich die Zeitungslektüre. Oft meckere ich ja über die mangelnde Akuratesse der von mir rezipierten Publikationen. Dabei vergesse ich aber zu was für lustigen Resultaten das oft führt: „Mehrheit der Deutschen fordert Berufsverbote bei Depressionen“ titelt die Online-Ausgabe des Kölner Stadtanzeiger. Muss ich das noch kommentieren? Nö, ne, das wirkt für sich, oder? (Ich hoffe allerdings, dass die „Mehrheit der Deutschen“ sich das nochmal überlegt.)

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Manchmal erfinde ich Sachen…

… die schon jemand vor mir erfunden hat. Gerade, in der Tagesschau, angesichts der an einen Betonhelm gemahnenden Haartracht unserer Verteidigungsministerin, kam mir in den Kopf, die Dame könnte mit Fug und Recht auch „Frisursula“ genannt werden (das niemals von mir, sondern immer nur von anderen erfundene „Zensursula“ war ja auch schon sehr lustig gewesen.). Die Euphorie währte aber höchstens ungefähr drei Sekunden. Dann, allwissendes Internet hier Fluch und Segen gleichermaßen, ergoogelte ich, dass die Idee vor mir schon viele andere hatten, natürlich gibt es längst den Hashtag. Ganz genauso erging es mir im letzten Sommer mit dem, sich als leider nicht so lecker wie ausgemalt herausstellenden Strandgetränk „Rhabarbier“. Ein Rezept dafür findet sich auf essen-und-trinken.de (es sollen Eiswürfel aus Himbeersirup hinein geworfen werden). Vor lauter Enttäuschung und zum Troste erfand ich dann schnell den „Rhabarsekt“. Der hat zwar einen deutlich uneingängigeren Namen, schmeckt aber besser (und war außerdem natürlich, laut glaubhafter Auskunft von Neffe immerabgelenkt, zu jenem Zeitpunkt bereits von anderen entdeckt worden).

Realität, Satire und das BWAttraktStG

Während die Weltöffentlichkeit aus aktuellem Anlass diskutiert, was Satire darf und sollte, bin ich mit einer vorgelagerten Problematik beschäftigt. Zunehmend fällt es mir schwer, Satire überhaupt zu erkennen und von der Realität zu unterscheiden: Letzte Woche bin ich zum ersten Mal auf den Postillon hineingefallen. Den, von diesem (wie es scheint) erfundenen „Helene Fischer-Fernsehkanal, welcher auch in weiteren Publikationen angekündigt wurde, wo ich darüber stolperte, hielt ich für ein reales Projekt. (Ich finde das Vorhaben auch nach wie vor ziemlich wirklichkeitsnah, aber egal).

Und dann unterlief mir gestern eine umgekehrte Verwechslung: Auf Titanic-Online fanden sich Witzeleien  über das „Bundeswehr-Attraktivitätssteigerungsgesetz“.  Nur mittelmäßig belustigt, las ich mir das durch und dachte so, bereits im Weiterklicken begriffen: „Was, wenn es tatsächlich ein solches Gesetz gäbe, eigentlich kann das ja nicht sein…“ Und, tatsächlich, ein Gesetz dieses Namens, mit der griffigen Abkürzung „BWAttraktStG“, wurde im Oktober letzten Jahres vom Kabinett verabschiedet (hier der Entwurf).

Also, ich will mich kurz fassen, aber ich finde, wer mit Sprache so umgeht, wer seine Gesetze so nennt, der macht doch die Kabarettisten arbeitslos (und befördert Politkverdrossenheit). Wie daneben ist das denn bitte? Bundeswehr, Soldat sein, im Krieg arbeiten, das ist sicher alles mögliche, in mehr oder weniger vielen Fällen (das hängt natürlich von der politischen Haltung ab) unter anderem notwendig und ehrenwert – aber doch niemals „attraktiv“.

Soldat sein (also jetzt richtiger Soldat mit echtem Krieg und so), ist meines Erachtens für genau zwei Sorten Leute attraktiv: Zum einen für die unrettbar Wahnsinnigen und zum anderen für diejenigen, die keine andere Perspektive auf eine als sinnvoll empfundene und gesellschaftlich anerkannte Berufslaufbahn haben. Ich zumindest kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch der halbwegs bei Verstand ist und dem außerdem alternative Optionen zu Verfügung stehen, sich (und seine Kinder) zu ernähren, freiwillig in den Krieg zieht. Dafür ist das einfach zu unerfreulich und traumatisch, auch für die Angehörigen (in diesem Sinne kann die Bundeswehr, meines Erachtens, begriffsnotwendig auch niemals „familienfreundlich“ sein, einen Papa in Afghanistan wünsche ich nun wirklich keinem Kind – und wenn der wieder da ist, wirds vermutlich auch nicht besser, aber das nur am Rande). Sehr gute (mittelbare) Bundeswehr-Attraktivitätssteigerungsgesetze stellten daher bestimmt die Hartz VI-Reformen dar. Je mehr Menschen ich von guten Bildungs- und Berufsperspektiven ausschließe, je mehr von ihnen ich ins soziale Abseits dränge oder zumindest damit bedrohe, ein desto größeres Reservoir potentieller Berufssoldatinnen und Berufssoldaten wird geschaffen. In den USA funktioniert das doch auch so.

Also, ähm, ich fürchte, oh man, ich mach mich mal wieder unbeliebt, aber…

…ich bin wohl eher nicht Charlie – Jetzt isses raus, auch wenn ich damit wieder, wie mit der Forderung nach dem Katzenessen, in die unbeliebte Gruppe einsortiere. Um es klar zu stellen: Natürlich bin ich nicht für die Erschießung von Menschen, die ihre Arbeit und ihre Grundrechte ausüben. Aber nun wurde ja gerade nicht ich erschossen, sondern andere Leute. Andere Leute, mit denen ich nicht viel gemeinsam habe. Erstens bin ich nicht so mutig: Wenn schon mal jemand, wegen meiner Kernbeschäftigung, mit Brandbomben nach mir geworfen hätte, so wie ja 2011 in den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo bereits geschehen, ich würde von der in dieser Form sanktionierten Tätigkeit Abstand nehmen und mich einem anderen Betätigungsfeld zuwenden, wohl sogar Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen. Also eher, wenn überhaupt: J’adore Charlie! Il est très courageux! Darüber hinaus hätte ich aber auch keine große Freude an der Verunglimpfung des Propheten. Grundsätzlich befürworte und praktiziere ich politisch unkorrekte und zynische Witze (in einem meiner Lieblingswitze geht es beispielsweise um einen kleinen Jungen, der von einem Pädophilen im Wald ermordet wird), aber nur, wenn es sich lohnt, d.h., die Witze gut sind. Das Lustigkeits-/Gefühlsverletzungsverhältnis muss zugunsten der Lustigkeit ausschlagen. Eine Mohammed-Karikatur, die dieses Kriterium erfüllte, ist mir noch nicht begegnet. Also: Charlie, nous avons un sens d’humour différent! (Aber natürlich solltet Ihr deswegen nicht erschossen werden, ich sags lieber noch mal). Aber wen interessiert das und es passt auch nicht auf so ein Schild.

Und, da jetzt der Ruf bereits unumkehrbar ruiniert ist, ein paar weitere, möglicherweise unpopuläre, Annmerkungen. Ich habe mir gestern teilweise die Liveübertragung des Trauermarsches aus Paris angeschaut und hatte ein ungutes Gefühl dabei. Die Kommentatorinnen sprachen die ganze Zeit davon, dass die Demonstrierenden so wunderbar ihre „Solidarität“ zum Ausdruck brächten. Das schien eine gute – und wohl nicht selbstverständliche, sonst wäre es ja nicht bemerkt worden – Angelegenheit gewesen zu sein. Ich hingegen fragte mich die ganze Zeit: Ist das nicht selbstverständlich? Dass wir mit Leuten, die einfach so, während sie friedlich ihrer Arbeit nachgehen, mit Maschinengewehren erschossen werden, solidarisch sind? Naja, es kommt schon immer sehr darauf an, wer da gerade erschossen wird, woher die Leute kommen und warum, auch die Hautfarbe scheint manchmal ein bisschen Einfluss darauf zu haben, ob sich jemand an ungerechtfertigten Ermordungen stört oder nicht, aber so im Grundsatz, so dachte ich, herrschte da ein umfassender Konsens. Gegen „Terrorismus“ zu sein und zu demonstrieren ist darüber hinaus auch tautologisch. Gewalt, die für sinnvoll befunden wird, nennt man begriffsnotwendig nicht Terrorismus (sondern, je nach Umstand: „Befreiungskampf“, Selbstverteidigung etc.). Vielleicht bin ich ja streng und kaltherzig, aber während ich mir die Übertragung und ihre Kommentierung so anschaute, dachte ich bei mir: Frankreich, warum so aufgeregt? So sehr überraschend kommt das alles nicht.

Unser linksrheinischer Nachbar hat bekanntlich nicht nur die viel bessere Esskultur und unterhaltsamere Philosophen aufzuweisen, sondern auch ein weit größeres Problem mit der „Integration“ (davon reden alle politisch unkorrekterweise immer noch – Es müsste „Inklusion“ heißen, ungebildetes Pack!) von (insbesondere) jungen Menschen mit Migrationshintergrund als beispielsweise Deutschland. Das hat zum einen etwas mit der viel höheren Jugendarbeitslosigkeit zu tun, aber auch andere Ursachen. (Allerdings, so nebenbei, gut zuhören, CSU, keine sprachlichen, alle auch noch so schlecht integrierten jungen französischen Muslime sprechen zu Hause in der Familie, lupenreines Französisch). Das führt, neben anderen Ursachen zu einem, man muss es leider so sagen, vor allem unter französischen Muslimen weit verbreiteten und tiefsitzenden Antisemitismus, der zunehmend auch in extremer Gewalt seinen Ausdruck findet. Das ist nicht erst seit dem siebten Januar so, das ist schon lange so (und wurde auch nicht von der Systempresse verheimlicht). Die Zahl der Juden, die von Frankreich nach Israel migrierten, hat sich im vergangenen Jahr von 3.500 auf 7.000 verdoppelt, und das nicht, weil die Situation im gelobten Land sich in letzter Zeit so angenehm entspannt hat. Alleine die Tatsache, dass sich jüdische Leute in Europa nicht mehr sicher fühlen, sollte für meinen Geschmack zu Massenprotesten führen. Wenn Europa von irgendwas genug hatte, dann jawohl von Judenverfolgung und -vernichtung, dass das überhaupt noch gesagt werden muss. Also steckt Euch Euer „Ich bin Charlie“ an den Hut. Das gilt auch für die, wie ich finde, relativ verlogene Teilnahme der europäischen und sonstigen Regierungsvertreter an der gestrigen Prozession. Ihr seid alle nicht solidarisch, nehmen wir als Beispiel die EU: Höchst unsolidarisch befördert die von der deutschen Regierung vorangetriebene Austeritätspolitik unserer Regierung die sozialen Krisen in den südeuropäischen Ländern. Verarmung der Mittelschichten und (Massen)jugendarbeitslosigkeit sind unter anderem die Folgen. Da kann Angela Merkel auf dem Foto mit Herrn Hollande noch so niedlich-traurig verträumt daher schauen, solidarisch wird ihre Politik davon nicht.

Ulrich Wickert hat gestern bei Günter Jauch gesagt: Es ist nicht die Religion, welche die jungen Menschen gewalttätig macht, es ist die Sozialisation. Von dieser eigentlichen Selbstverständlichkeit sollten wir ausgehen und anfangen herauszufinden, wie wir wirklich solidarisch sein können.

 

Bildvon VaterCharlie, der Kampf geht weiter: Ein höchstens mittelguter Witz über Alkoholmissbrauch

K.-o.-Tropfen – Pro und Contra

Grundsätzlich lehne ich K.-o.-Tropfen (Schreibweise von Wikipedia übernommen) ab. Wenn ich von K.-o.-Tropfen-Ereignissen und ihren Opfern lese, fühle ich mich alt und denke, dass ich eine weniger anstrengende Adoleszenz hatte als junge Damen dieser Tage. Teenagerin sein, sich unglücklich verliebt und manchmal auch im Alkohol Trost suchend auf Tanzveranstaltungen und anderen Ereignissen herumzutreiben, war bereits ohne die allgegenwärtige Bedrohung, dabei  noch betäubt und vergewaltigt zu werden, Mühsal genug.

Daher sind mir bis eben keine guten Argumente für K.-o.-Tropfen eingefallen. Der Express hat mich nun gerade mit der Schlagzeile:

Express

zu einer günstigeren Interpretation der Möglichkeiten der Tropfen inspiriert: So doof diese auch sein mögen, der einen oder anderen weiblichen Person können sie  nach einer rein alkoholinduzierten Danebenbenehmung vielleicht als wohlfeile Ausrede dienen, zum Beispiel: „Im fümpfzehnten Glühwain wahn K.-o.-Tropfen“! – „Na gut, dann ist es nicht so schlimm, dass Sie vor den Verkaufsstand gekackt haben, diese hinterhältigen Männer aber auch immer!“. Frau sollte es in einem solchen Falle dann aber nicht auf eine polizeiliche Beweiserhebung ankommen lassen.