Kevin Großkreutzkritik-Kritik

Kevin Großkreutz hat besoffen in eine Hotellobby gepinkelt. Außer mir scheint darüber niemand so richtig begeistert zu sein: Ein „Skandal“ findet Bild.de, auch die Süddeutsche berichtet, Borussia Dortmund verhängte eine Geldstrafe und Jogi rief zum ermahnenden Gespräch („Kevin, das neggschde Mal gehscht aber auf die Toilette, gell?“). Der Gescholtene selbst zeigt sich reuig und führt einen „Blackout“ als Erklärung an (ich bin mir noch unsicher, ob ich finde, dass das als Entschuldigung funktioniert). Woher der Ärger? Möglicherweise neige ja ich ein bisschen dazu, den Punkrocklifestyle zu romantisieren, aber ich finde Kevin Großkreutz toll. Einerseits wird immer über die weichgespülten presse-gecoachten Cyborg-Profis von heute gejammert. Wie in der Politik beklagen wir, dass die „echten Typen“ verschwunden seien (Mats Hummels: Hübsch, aber langweilig, Mario Götze: Nur langweilig). Bitterlich vermissen wir Mario Basler, Werner Frosch, Paul Gascoigne und Herbert Wehner auf der Höhe ihrer Kunst (und irgendwo in unseren kranken Seelen sogar Stefan Effenberg und Franz Josef Strauß). Kevin hingegen weiß den Hooligan in sich hervorzuzaubern, wenn der Anlass es gebietet. Dann beglückt er uns mit Ausfällen, die allesamt ein beachtliches poetisches Potenzial aufweisen: Mit Dönern nach Leuten werfen, vor Kameras zum Kotzen aufs Dixieklo geführt werden, öffentlich ankündigen, dass er sein Kind zur Adoption freigebe, wenn es Schalke-Fan würde und natürlich die anmutige Halbglatze zur Meisterschaft 2011. Wen das nicht ergreift, der hat kein Herz. Ich traue ihm mindestens zwei WM-Tore zu.