Menschenversuche auf offener Straße

Einmal die Woche helfe ich abends in einem Flüchtlingscafé mit, das im Allerweltshaus, in meinem Veedel, nahe meiner Wohnung stattfindet. Ich habe mir angewöhnt, dort, da es immer einerseits spät und andererseits nahe ist, in legerer Kleidung aufzutauchen. Sagen wir so: Mein Outfit für die Flüchtlingscafé-Schichten wurde immer schlafanzugähnlicher und nie sagte jemand was und ich wurde kühner. (Lags an mir oder den toleranten Gutmenschen um mich herum, die sich rühmen, alles, aber auch alles, zu akzeptieren? Keine*r weiß es und meine heutige Schlafanzughose, rosa-weiß-kariert, ist auch wirklich hübsch und der Sommer war so überraschend über uns hereingebrochen und ich  wollte zwischen meinen Schichten an einem Yoga-Kurs teilnehmen, was sollte ich tun?)

Heute fuhr ich also wie jede Woche ins Allerweltshaus, erledigte meine Aufgaben, räumte Tische, Getränkekisten in den Kühlschrank und so weiter. Ging zwischenzeitlich zum Yoga-Kurs (wo sich die Schlafanzughose, festes Leinen, als nur mäßig tauglich erwies), und wieder zurück und leistete meinen Dienst bis zum Ende ab. Danach, so gegen zehn Uhr abends, stieg ich auf mein Fahrrad, um die wenigen hundert Meter, die mich davon trennten, zu meinem Zuhause zu überwinden. Aber, oh wie lieblich umarmte mich die warme, milde aber auch frische (und das ist in Köln selten) Luft. Ich rollte auf meinem Fahrrad langsam durch die ruhige, lockende Nacht und dachte, oh wie schön. Gerne wollte ich heim, kuscheln mit dem Manne, jetzt wäre er vielleicht noch wach, aber auch genauso gerne weiter durch die Nacht gondeln, denn wann würde die Freiheit je mehr?

Freiheit-Schmeiheit!, feixte Mephisto destruktiv – Das ist doch nur ein soziales Konstrukt, vergiss es, Maike. Das wollen wir sehen, Du Teufel, antwortete ich und überlegte, was ich, im Schlafanzug, in dieser wundervollen Nacht noch alles erreichen könnte. Einfach am Büdchen ein Bier kaufen und ins Gras im Dunklen in den Park legen, zum Beispiel. Hm, nicht mutig genug!, sagte ich mir und entschloss mich, in meine Skat-Stammkneipe, den Weißen Holunder, zu fahren. Dort wurde ich freundlich, aber (wie immer, es ist eine normale Kneipe, sie kennen mich) mit mäßigem Interesse begrüßt. Im Fernseher lief gerade Deutschland gegen Lettland, Viertelfinale Eishockey-Weltmeisterschaft. Ich schaute ein spannendes Penalty-Schießen, trank ein Bier und begab mich zurück auf die Straße. Was nun? Zum Rhein, die Füße ins Wasser tauchen mit einem Kiosk-Bier? Nicht die schlechteste Wahl. Aber zu einfach und es gab eine andere Möglichkeit: Im Eigelsteinviertel, unweit des weißen Holunders, befindet sich eine von Kölns berühmtesten Spelunken, das „Durst“. Oh, ein guter Ort, um da mal in Schlafanzughose einzukehren. Mal sehen, was passiert. Ich fuhr hin, parkte mein Fahrrad an einer Laterne, ging ins dunkle „Durst“, wo drei Männer an der Theke saßen, bestellte ein Pils vom Fass und ging damit zurück auf die Straße (die schöne Luft). Neben mir standen drei Leute, die über ihren Chor, Madrigale und alte Musik plauderten. Ich fiel ins Gespräch ein, die drei fanden mich kurz doof und dann nett und die Konversation drehte sich auf  einmal um Bückeburg, wo mein Onkel Organist ist und eine der drei mal bei einem Konzert den Schaumburg-Lippischen Prinzen kennengelernt hatte. Olli von „Kein Mensch ist Illegal“ kam vorbei, er spendierte mir ein Bier, ich spendierte ihm ein Bier und wir plauderten über wissenschaftlichen Feminismus und revolutionäres Yoga. Die Kölner Spitzenkandidatin der Partei „Die Partei“ stand auf einmal neben uns, wir tranken noch ein Bier und irgendwann, mein schönes „ich habe eine Schlafanzughose an, mal sehen, was passiert-Experiment“ war längst vergessen, beschloss ich, nun sei es Zeit, nach Hause zu fahren. Durch die schöne Nacht.

Was soll ich sagen. Nun bin ich fröhlich angeheitert daheim und würde meinen: Keiner hat mich in diesen vielen Stunden auf meine Kleidung angesprochen: Ob mit Schlafanzug oder ohne, mag es an mir liegen oder an Köln, die Dinge im Leben enden immer gleich.

Was war das denn?

Nordrhein-westfälische Nichten und Neffen!

Euer lieber Onkel ist sehr irritiert über den gestrigen Wahlausgang. Ja, in unserem schönen Bundesland liegt einiges im Argen. Es ist pleite, chaotisch und kaputt. Wenn wir so wollen, funktioniert eigentlich nichts und die Lebensqualität ist in vielen Bereichen allerhöchstens mittel.  Die Infrastruktur ist im Eimer, die Luft verpestet, die Polizei stets überfordert und der Innenminister unwillens, für irgendetwas die Verantwortung zu übernehmen.  Unser Schulsystem ist so marode, dass die meisten unserer Abiturienten noch nicht mal wissen, wie man Nordrhein-Westfalen überhaupt schreibt (ich muss auch immer wieder nachschauen: mit Bindestrich!).

Aber deswegen wählt man doch nicht die Regierung ab. Als wenn das was ändern würde. Ich fand, dass es eine halbwegs freundliche, nicht völlig korrupte Regierung war (jaa, der Innenminister klebte etwas sehr an seinem Pöstchen, gebe ich zu). Das ist zum Beispiel nun daran zu erkennen gewesen, dass ihre beiden Anführerinnen ohne zu zögern die Verantwortung für die Niederlage übernommen haben und von ihren Führungsjobs zurückgetreten sind.

Eure Reaktion auf die genannten Missstände, war meines Erachtens nicht die klügste, liebe Nichten und Neffen. Regierungen, vor allem schon mal gar keine, in denen die FDP mitmacht, haben noch nie Probleme gelöst und schon gar nicht in Nord-Rheinwestfalen. Wenn Ihr nicht zufrieden seid, dann macht was. Fragt nicht, was Euer Bundesland für Euch tun kann. Fragt, was Ihr für Euer Bundesland tun könnt. Schmeißt Euer Auto weg und kauft Euch ein Fahrrad. Renoviert die baufälligen Schulen Eurer Kinder halt selber. Gründet Kollektive aller Art und helft denjenigen, die Hilfe brauchen. Helft Euch selber. Protestiert gegen Nazis und nichtfunktionierenden Nahverkehr. Denkt Euch was aus!

Ja, aber Onkel Maike, fragt Ihr jetzt, Nichten und Neffen, wie sollen wir das schaffen? Wir sind eh schon völlig überfordert mit allem. Unsere Kinder (und, sofern hier aufgewachsen, auch wir selber) können kaum lesen und schreiben, geschweige denn richtig atmen, bei der verschmutzten Luft, und wenn wir unser Auto wegschmeißen, kommen wir nicht mehr zur Arbeit und dann?

Ich muss gestehen, dass ich das auch nicht so genau weiß. Aber ich fürchte, anders ändert sich nichts.

Euer Onkel Maike

 

 

 

Who the fuck is Leitkultur?

Oh, es gibt wieder eine Leitkultur-Debatte? Dazu habe ich eine sehr entschlossene und eindeutige Meinung. Sie geht so: Es gibt keine deutsche Leitkultur. Fertig. Was soll das sein? Was wir in Deutschland allerdings haben, ist eine geschriebene Verfassung. Sie enthält viele, nennen wir es unjuristisch „Leit-Werte“, die ich teile: Demokratie, Rechtsstaat, Gleichheit und so. Menschen, die nach Orientierung suchen, können da mal reinschauen. Im übrigen finde ich nicht, dass sich unser Staat selber sonderlich ehrgeizig an die Anregungen unseres Grundgesetzes hält. Ich denke da zum Beispiel an unsere Handlungsbeziehungen und Völkerfreundschaft mit Saudi Arabien. Aber meine Güte, wer bin ich, dass ich über andere schimpfen dürfte. Es ist doch schön, reich zu sein. Wenn man dafür ein paar unethische Geschäfte machen muss, ach ja. Nicht so lange darüber nachdenken und lieber ein leckeres Feierabendbier trinken. Apropos Bier: Das könnte doch ein Teil dieser Leitkultur sein, dachte ich kurzfristig, als ich ernsthaft strebend mich bemühte, sie zu definieren. Wenn sogar der Innenminister von ihr spricht, dann muss es sie doch geben. Aber nein, Bier kommt auf der ganzen Welt vor, in China, in Belgien und in vielen anderen Ländern. Vielleicht ist eher das deutsche Bierbrau-Reinheitsgebot ein Ausdruck von Leitkultur. Bier gibt es in der ganzen Welt, aber so schöne Regeln, was in das Bier alles nicht hineingemischt werden darf, haben vielleicht nur wir Deutschen. Weitere Dinge, die es meines Wissens nur in Deutschland gibt, also deutsche Leitkultur darstellen könnten, sind: Das Ehegattensplitting und kein Tempolimit auf den Autobahnen. Dazu kommt noch der Holocaust sowie Skat. Alles Weitere, was wir in Deutschland haben, gibt es andernorts genauso. Glaubt mir das einfach, ich habe lange darüber nachgedacht.  Lasst Euch von Thomas „Wer das Vermummungsverbot nicht liebt, soll Deutschland verlassen“ de Maizière bloß nichts anderes erzählen, er ist nur ein mieser Populist.

Denkt Euch jetzt alle mal eine Geschichte aus, in der diese fünf Begriffe vorkommen und malt in Eurer Vorstellung ein Bild im Stile Carl Spitzwegs davon.  Vor meinen Augen taucht ein Ehemann auf, der besoffen von einem Skatturnier zum nächsten über die Autobahn rast. Seine Frau hasst ihn dafür erbittert und möchte ihn verlassen. Wegen des Ehegattensplittings hat sie jedoch nach den Kindern nicht wieder angefangen zu arbeiten und ist jetzt finanziell abhängig. Sie hofft, dass der Mann an seinem Gesaufe endlich mal zugrunde gehen möge. Leider aber ist das deutsche Bier wegen des Reinheitsgebotes so gesund, dass es dazu nicht kommt. All das frustriert die Frau so sehr, dass sie Sympathien für Björn Höcke und seine Holocaust-Leugnerei entwickelt.

Natürlich können mit diesen fünf Worten auch positivere Geschichten erzählt werden. Aber im großen und ganzen habe ich mit meiner kleinen Erzählung unsere Leitkultur gut zusammengefasst, wenngleich ihre Existenz natürlich nicht bewiesen. Einigen wir uns doch einfach darauf, dass, falls es die deutsche Leitkultur überhaupt gibt, wir sie dringend überwinden müssen.

Nachtrag:

Muriel scheint auch kein großer Fan der „Argumente“ des Innenministers zu sein,

Christoph Biermann auf Zeit Online auch nicht so.

Und auch Claudius Seidl auf FAZ online nicht.

Lebe wild und gefährlich!

Laut Bericht des nordrhein-westfälischen Innenministeriums gibt es in Köln 13 „gefährliche Orte“. Einer davon ist das „Ehrenfelder Kneipenviertel“. Indizien deuten, zu meiner Überraschung, darauf hin, dass damit der Ort gemeint ist, an dem ich lebe. Gefährlich? Bislang ging ich davon aus, die größte Bedrohung für die öffentliche Ordnung hier sei weit und breit immer noch ich! Im allgemeinen (ja, ich bin oißerst nett, aber nur, solange auch nett zu mir gewesen wird, sonst kann ich unangenehm werden, denn ich kenne viele gemeine Worte) und insbesondere, wenn ich Fahrrad fahre (ich kenne viele gemeine Worte, aber keine einzige Verkehrsregel). Ich fühle mich etwas in meiner Mackerehre gekränkt. Aber viel irritierender: Seit wann heißt mein Veedel denn Ehrenfelder „Kneipen“viertel? Ja, es gibt hier Kneipen (In denen ich mich übrigens einiger Bekanntheit erfreue. Blonde Krähen, die fröhlich herumposaunen, dass sie Hannover 96-Fans sind und den 1. FC Köln nur so mittel finden, stellen hier eine Ausnahmeerscheinung dar). Aber ich dachte, das sei normal. Gibt es Veedel ohne oder zumindest mit viel weniger Kneipen? Das wäre ja schrecklich. Nun habe ich große Angst, einmal aus Ehrenfeld wegziehen zu müssen. Das nämlich kann gut passieren, da viele Menschen nach Ehrenfeld ziehen wollen (wegen der Kneipen, wie ich jetzt annehmen muss) und die Mieten immer weiter steigen.

Fröhliche Ostern

Ich habe heute sorbische Ostereier gebatikt. Bevor ich allerdings zufriedenstellende Resultate erreichen konnte, hatte ich die Wohnung in einen Zustand versetzt, der sehr an eine Giftgasverbrennungsanlage erinnerte. Mein Freund fand das nicht so gut, aber ich glaube andere Leute hätten sich noch viel mehr aufgeregt. J-561pc0

 

Männer, die sich streicheln

Meistens ärgere ich mich ja über Spiegel Online. Heute habe ich mich aber mal gefreut: „Fasst Euch an, Männer“ übertitelten sie dort einen Artikel, in dem es um zwei niederländische Politiker geht, die als Zeichen der Solidarität gegen Übergriffe auf Schwule Hand in Hand durch Den Haag laufen. Dazu gibt es ein Foto der beiden sich an der Hand haltenden textgegenständlichen Herren. Niedlich.

Mich hat das, wie gesagt, vergnügt. Männer zum sich Anfassen oder Streicheln aufrufen, hat auf den ersten Blick was Subversives. Aber warum eigentlich? Streicheln sich Männer untereinander seltener als Frauen? Ich selber komme aus einer ländlich geprägten protestantischen Kleinbürgerfamilie. Da streichelt keiner keinen, Geschlecht egal. (Und? Hat es uns etwa geschadet!) Richtig mitreden kann ich also nicht.

Mir kam dazu eine alte Jugenderinnerung in den Kopf. In meiner ersten WG hatte ich einen Mitbewohner, der manchmal dabei beobachtet werden konnte, wie er seine beiden besten Freunde, sie hießen Martin und Thomas, streichelte. Einmal kam Thomas nach längerer Zeit zu uns zu Besuch. Mein Mitbewohner freute sich, ihn wiederzusehen und streichelte ihm ausgiebig über den Arm. Es war nicht so ein, ich nenne es mal typisches Männerstreicheln, rumpelig, eher hauend-klopfend als sanft gleitend, sondern richtig zärtlich. Was für ein guter Typ mein Mitbewohner ist, dachte ich damals, er streichelt einfach seinen Freund weil er ihn mag.

Vielleicht ist diese Erinnerung doch ein Zeichen dafür, dass Männerstreicheln etwas Besonderes ist, sonst wäre mir das Ereignis damals ja nicht aufgefallen und bis heute im Gedächtnis geblieben. Mein Eindruck ist allerdings, dass sich auch Frauen untereinander wenig streicheln. In unserem Kulturkreis (was auch immer das sein mag), scheint mir der Ort für das Streicheln die Liebesbeziehung zu sein. Wir streicheln unseren Freund/Freundin, Mann/Frau und sonst eher niemanden, oder? Mehr oder weniger unbeholfenes Umarmen und das wars. Am liebsten würde ich wieder eine Meinungsumfrage machen: Sie hieße: „Und: Wen streichelt Ihr so?“ Aber die Frage ist irgendwie so persönlich und manchmal auch schmerzhaft. Denn nicht alle Menschen sind Teil einer Liebesbeziehung und bleiben daher ungestreichelt. Viele Leute finden: Streicheln, Berührungen, Kuscheln – Schön und gut, aber den dazugehörigen Stress kann ich mir nun wirklich nicht antun. Manche von ihnen beschaffen sich stattdessen ein Tier. Tiere können oder wollen sich gegen menschliche Zärtlichkeiten in der Regel nicht wehren. Und wenn man nur die Tür richtig zumacht, laufen sie auch nicht weg.

Und während ich so nachdenke, wie ich den Bogen von den zwangsgestreichelten Hunden zurück zu den händchenhaltenden Herren schlagen soll, fällt mir folgende Geschichte ein, sie ist mir vor ein paar Wochen im Computerkurs passiert: Eine junge, kecke Teilnehmerin, die mir bis dahin primär deswegen aufgefallen war, weil sie mich nicht zurückgeduzt hatte, setzte sich auf einmal neben mich. „Darf ich mal Ihre Haare anfassen? Die sehen so schön weich aus.“, fragte sie mich. „Ähm, ja, ich mag meine Haare gar nicht so“, antwortete ich, „die gehorchen mir überhaupt nie, sondern machen immer, was sie wollen.“ „Ja, so sehen die auch aus“, antwortete die junge Frau, „aber auf eine nette Weise.“. Und dann streichelte sie mir kurz durch die Haare.

Nachtrag: Vetaro schickt mir einen Link zu diesem Artikel, der sich tiefergehend mit dem Thema „ungestreichelte Männer in den USA“ befasst. Sehr interessant.

 

In Würde altern

Es gibt ja dieses berühmte Sprichwort: „Wer mit 20 nicht prokrastiniert, hat kein Herz – Und wer mit 30 noch prokrastiniert, hat keinen Verstand (oder andere ernste Probleme).“

Wie ich nun gerade drauf komme? Ich sags mal so: Wir mussten heute unsere Küchenuhr nicht eine Stunde nach vorne stellen. Sie geht jetzt ganz von selber wieder richtig.

Nachtrag: Haha, zeitgleich mit mir postete der befreundete Onkel zum selben Sachverhalt Folgendes: „Ab heute geht dann auch wieder die Küchenuhr für ein halbes Jahr richtig.“ – Sehr lustig!