Reisereportage (3)

Alors. Nun sitze ich in einem Bistro in Honfleur und habe mir gerade drei Austern bestellt. (Dialog mit der Kellnerin: „Ich würde mir gerne Austern bestellen, aber ich habe noch nie welche gegessen, ist das kompliziert?“, „Also ich liebe Austern.“, antwortet sie. „Ganz bestimmt zu Recht.“, sage ich, „Aber ist es schwierig, sie zu essen?“, „Nein, sie sind ja sind offen.“, sagt die Kellnerin. Ok. Ich bestelle und bin jetzt aufgeregt. Ansonsten bin ich von Honfleur enttäuscht. „Die schönste Hafenstadt der Normandie, wenn nicht ganz Frankreichs“, war irgendwo zu lesen. Ich kann dem nicht zustimmen (so sehr anders als in Cuxhaven ist es hier wirklich nicht) und habe mich wahrscheinlich von schönen Fotos im Internet täuschen lassen. Aber zurück zum Anfang, also zum Ende des letzten Teils dieser Reportage.

honfleur

Typisches Honfleur-Bild aus dem Internet

Ich stieg in Paris in den Zug nach Le Havre und freute mich neugierig auf eine zweistündige Zugfahrt durch die Normandie. Schließlich war ich dort noch nie gewesen und verband damit eine romantische Vorstellung von rauer, abenteuerlicher Schönheit. (Bei genauerer Erinnerschungserforschung deucht mir, dass diese Idee vor allem aus meiner Lektüre von „Asterix bei den Normannen“ und der Landung der Alliierten an normannischen Stränden resultiert). Die Normandie, vom Zugfenster der Linie Paris-Rouen-Le Havre aus betrachtet, unterscheidet sich nicht merklich von Niedersachsen: ländlich, eckige flache Felder, reizlos. Le Havre selbst weist hingegen wenig niedersächsisches Flair auf. Dafür erinnert die Stadt sehr an eine typische sibirische Metropole: Viel Beton, sonst nicht viel. Man kann das Le Havre nicht vorwerfen. Mitgestalter der deutschen Leitkultur, auf deren Leistungen wir heutzutage glücklicherweise wieder stolz sein dürfen, hatten hier im Zweiten Weltkrieg eine Garnison und eine Hafenfestung errichtet. Durch Bombardements der Engländer wurde die Stadt dann fast komplett zerstört. Beim Wiederaufbau wurden lange breite Straßen planiert und viele eckige, flächdächrige, schmucklose Gebäude errichtet. Mir gefällt Le Havre gut. Erhebliche Teile der städtischen Infrastruktur liegen am Hafen bzw. den vielen Hafenbecken, die Universität, die Therme und die Einkaufszentren zum Beispiel. Die Schnörkellosigkeit, ein großzügiger Umgang mit Raum, die Idee, zwischen den vielen Beton auch ein paar Glasfassaden zu setzen, all das schafft eine klare und luftige Atmosphäre.

Ich wandere am Hafen entlang zum Strand. Dieser ist wiederum, objektiv betrachtet, hässlich: Viel Asphaltpromenade, dann ein Steinstrand, bestehend aus faustgroßen bzw. noch größeren Kieselsteinen, zwischen denen unmotiviert Inseln aus struppigem Grünzeug hervorragen. So lange man aufs Meer und nicht zu Boden schaut, ist alles in Ordnung, dreht man sich allerdings um, präsentieren sich die hässlichen Häuser von Le Havre. Mir gefällt dieser Strand gut. Schöne Strände finde ich nach spätestens einer Minute langweilig. Dieser Strand hier ist nichts für Angeberfotos. Das hat er mit mir gemeinsam. Ich laufe über den Beton, dann über die dicken Kiesel, die etwas an den Füßen schmerzen, freue mich über das Meeresrauschen und den Sonnenschein. Mitten auf den Kieseln liegt ein großer schwarzer toter Vogel. Das passt alles gut zusammen.

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Reisebericht (2)

Alors, hier nun der zweite Teil von Onkel Maikes Reisereportage. Innerhalb von zwei Stunden bin ich von einer Hippie-Steinzeitfrau („Internet? Ich komme ohne klar.“) zu einem homo modernus mutiert, der sich für Cafés mit W-Lan interessiert.

Nun habe ich bereits beachtliche Teile meiner Fahrt absolviert (inklusive eines kleinen Anfalls von ichwärjetztlieberZuhausebeiMrsColumboundsiewürdemichfüttern) und sitze jetzt etwas erschöpft, aber zufrieden im Gare St. Lazare und warte auf den Zug nach Le Havre. (Hä, Onkel Maike warum fährst Du nach Le Havre?, fragt Ihr Euch vielleicht. Ich sags lieber gleich: Das weiß ich eigentlich auch nicht. Ich hatte Urlaub, wollte verreisen, wusste nicht wohin und mir fiel auf, dass ich noch nie in der Normandie war. „Warste schon mal in der Normandie?“, fragte ich daraufhin viele Leute ohne befriedigende Antworten zu erhalten. Ich kaufte mir einen kleinen Reiseführer und fand darin auch nicht recht etwas, das mich reizte. Aber irgendwie war die Entscheidung gefallen.)

Ich steige am Gare du Nord aus dem Zug, zücke mein Stadtplänchen und mache mich auf den Weg zum  Gare St. Lazare. Da die Straßen um den Bahnhof herum nicht konsequent beschildert sind, ist das zunächst schwierig. „Können Sie mir sagen, wie ich zum Gare St. Lazare komme?“, frage ich eine nette Familie auf der Straße. Sie wissen es auch nicht genau, erkundigen sich, ob ich denn kein Handy habe und sagen, dass ich lieber die Metro nehmen solle. Es sind nette Leute, aber mir wird klar, dass es heutzutage eigentlich völlig unmöglich ist, ohne sich als sozialen Außenseiter und totalen Freak zu outen, nach dem Weg zu fragen. Ganz egal, wo man gerade ist. Denn damit stellt man ja klar, dass man kein Smartphone betreibt.

Irgendwann finde ich den Einstieg in das Stadtplänchen und laufe los. Es ist spannend. Ich war seit ca. 20 Jahren nicht mehr in Paris, davor allerdings häufiger. Meine Romanze mit dieser Stadt ist die Geschichte einer Enttäuschung, an der ich mir die Schuld gebe und die ich immer noch nicht so ganz verwunden habe. Eigentlich wollte ich daher Paris, und nötigenfalls ganz Frankreich, nie mehr betreten. Der Gedanke, hierherzukommen und sei es auch nur, um eine Stunde hindurch zu laufen, fühlte sich unschön an. Aber die Züge nach le Havre fahren alle über Paris. „Na, dann nehme ich das halt als kleine Konfrontationstherapie“, sagte ich mir und machte mich auf den Weg. Das war eigentlich ganz gut. Paris ist wie immer: Deutlich hügeliger als Hannover, große, prächtige Häuser mit dicken Mauern und verschnörkelten Eisengittern vor Fenstern und Balkonen, dahinter verschlossen: man weiß es nicht, davor: viele arme und gestresste Leute. Alles ein bisschen abgerockt. Die Menschen sehen nicht sehr anders aus als in Köln. Es gibt mehr Leute, die betteln als bei uns, viele sehen aus als könnten sie Geflüchtete sein, mitten auf dem Boulevard Haussmann sitzt ein Vater mit zwei Kindern, die unter einer Decke auf einer Matraze liegen, Kastanienverkäufer und ein Obdachloser, der einen grünen Salat isst. Es ist rödelig-hektisch, aber ich wandere munter meines Weges und denke, dass alles vielleicht in Ordnung so ist, wie es ist (für mich natürlich nur, aber ganz selbstverständlich ist mir das Elend um mich herum einigermaßen egal). Ich denke, dass es nett wäre, Mrs. Columbo dabei zu haben und mit ihr durch die Pariser Straßen zu laufen. Aber Mrs. Columbo wollte nicht mit mir nach Frankreich reisen: „Maike, wir können doch nicht einmal gemeinsam in den Rewe gehen, ohne uns fürchterlich zu streiten.“ (Das stimmt.), „In Frankreich würden wir uns streiten und Du würdest mich stehen lassen, allein ohne ein Wort Französisch, mit den ganzen schrecklichen Franzosen.“ (Das stimmt).

Deswegen sitze ich hier jetzt alleine im Bahnhof St. Lazare und bin dennoch vergnügt-begeistert. Die Leute von der Eisebahngesellschaft hatten eine gute Idee: Mitten hier im Bahnhof steht ein Klavier für die Reisegäste. „Spielen Sie selbst“ steht auf dem Klavier. Und so wechseln sich nacheinander Leute ab, die sich daran setzen und etwas zumindest halbwegs Anhörbares zum Besten geben (Vielleicht funktioniert sowas ja auch nur hier, wo die Leute Contenance haben. Im Kölner Bahnhof wäre das Piano vermutlich durchgehend von angetrunkenen, ohne jegliches Taktgefühl den Flohwalzer schmetternden kölschen Onkeln belegt).

Meine Reise

Meine Reise beginnt mit einer Wanderung.

Durch den ganzen langen bescheuerten Zug muss ich wandern, weil die Ottos vom Kölner Bahnhof den Wagenstand falsch angezeigt hatten und ich gezwungen war, am falschen Ende einzusteigen. Mit zwei Rucksäcken quetsche ich mich angespannt durch den Gang und bereits die dritte Person, die ich erblicke, ist ein Opa mit Baskenmütze. Ich hatte gerade noch mit mir selber gewettet, dass ich bestimmt zu keinem Zeitpunkt in Frankreich jemanden mit Baskenmütze treffen würde, alles Klischees. Die Thalys-Innenarchitekten haben für die Zugsessel ungünstige Farben ausgesucht, finde ich: lila, aubergine, dunkelrosa. Schwer und plüschig, wie in einem Bordell, in dem seit Ende des 19. Jahrhunderts kein Staub mehr gewischt wurde, fühlt sich das an hier. Bordell mit WiFi allerdings, so dass ich jetzt zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Reise in einem Zug ein eigenes Internet dabei haben kann. Da ich kein Smartphone besitze, bin ich noch nie in meinem Leben mit Internet verreist und fand mich immer einen coolen, independent Punkrocker deswegen. Andererseits fühlte ich mich auch zunehmend einsam dabei und habe mir jetzt so ein kleines Laptöpchen für unterwegs gekauft. Das Internet ist bekanntlich Fluch und Segen zugleich. Ich fühle mich weniger alleine nun, aber irgendwie auch nicht recht verreist. Dabei dürfte ich inzwischen das europäische Ausland erreicht haben (Harharhar, Belgien nur). „Ich kaufe mir ein Läptöpchen und werde, ganz wie Charles Bukowski, meine Reise damit verbringen, mit Adornozitaten gespickte Kontemplationen über das Reisen und das Reisen als Chiffre für die Conditio Humana als solche zu verfassen.“, sagte ich zu mir. „Oder vielleicht das nicht, aber doch wenigstens seit hundert Jahren mal wieder eine Zeitung auf Papier lesen.“. Stattdessen gehe ich erstmal auf Twitter und gucke, was da so los ist. Apropos, was so los ist. Ich bin ja dafür, dass sich Länderteile von ihren Ländern abspalten können, wenn sie wollen. Wenn die ansässige Bevölkerung aus nationalistischen Dödeln besteht, was soll man machen? Andererseits besteht dann doch die Gefahr, dass immer mehr dieser überflüssigen, kleinen Mistländer in der Art Belgiens enstehen. Gleich muss ich einmal mit meinem zwei Rucksäcken durch halb Paris laufen, von einem Bahnhof zu dem anderen. Noch aber starre ich auf ein Stückchen belgische Felder, es sieht aus wie Niedersachsen.

Wählen gehen

Heute bin ich wählen gegangen. Mrs. Columbo, die selber nicht wählen darf, weil sie Ausländerin ist, begleitete mich. Wir integrierten einen Spaziergang über die Hohenzollernbrücke. Zeit für mich, noch mal über die Wahlentscheidung nachzudenken. „Möchtest Du Wünsche anmelden?“, frage ich Mrs. Columbo. Wo sie so nett ist, mit mir zu kommen, soll sie auch mitreden dürfen. „Nee, ich hab keine Wünsche“ sagt sie, „bin desillusioniert.“. Nach langem Hin- und herüberlegen hatte ich mich entschieden, mit der  Zweitstimme die Linkspartei und mit der Erststimme „Die Partei“ zu wählen. Um das mit der Linkspartei durchzuziehen, muss ich mir schon morgens mit Hilfe linker Kampflieder Mut zusingen: „Trotz alledem, trotz alledem – Trotz Wagenknecht und Lafontem…“. Die Wahlentscheidung für „Die Partei“ ist ein Zugeständnis an meine regressiv-selbstzerstörerischen Persönlichkeitsanteile, sie kommt von Herzen.

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Wir spazieren über die Hohenzollernbrücke und ich fühle mich überraschend positiv beschwingt. Wahltag ist doch ein bisschen wie Weihnachten – Es findet selten statt, erst gibt es einen Spaziergang, dann eine Überraschung und viele Erwachsene glauben nicht mehr dran. Es fühlt sich so an, als hätte meine Stimme, meine Teilnahme am Geschehen eine Bedeutung. Wir laufen über die Hohenzollernbrücke und betrachten die Liebesschlösser. Es sind hunderttausende. Wow, so viel Liebe!, sagen wir. Wieviel Prozent der Paare, die so ein Schloss aufgehangen haben, waren wohl betrunken? Und wieviele davon sind schon wieder getrennt und wie hoch ist die Überschneidungsrate, überlegen wir. „So ein Schloss als Symbol für die Liebe ist ja auch eher ambivalent.“, denke ich bei mir, finde den Gedanken aber zu profan, um ihn Mrs. Columbo zuzumuten. „So ein Schloss als Symbol für die Liebe ist ja auch eher ambivalent.“, sagt Mrs. Columbo. Ich finde, sie hat Recht. So ein Schloss ist hart, schwer und unflexibel, erinnert an Keuschheitsgürtel, manifestiert kapitalistisches Besitzdenken und Verdinglichung der Liebesbeziehung. Die Entscheidung für den_die Liebespartner*in ist ja auch eine Form von Wahl, denke ich. Zum Glück ist die Auswahl größer und die eigene Stimme zählt mehr.

Schlösser

Als Symbol für die Liebe eher scheiße, optisch aber geil – Liebesschlösser

In der Wahlkabine geselle ich mich dann zu der, wie man hört, hohen Prozentzahl an Menschen, die in der Kabine ihre Entscheidung noch mal ändern. Ich lese mir den Wahlzettel durch, überlege, ob ich nicht doch die „Initiative Grundeinkommen“ wählen soll, weil die freuen sich doch wahrscheinlich tatsächlich über jede Stimme und Kleinparteien sind ja lieb. Entscheide mich dagegen, verteile meine Zweitstimme an die Linkspartei und mache mich an die Erststimmvergabe. Dabei entdecke ich, dass ich die Direktkandidatin der Partei schon mal getroffen habe. Sie ist mir mal vor Kölns berühmt-berüchtigtster Spelunke, dem „Durst“ begegnet, wo sie wegen ungebührlichen Benehmens Bekanntheit erlangt hatte. Als ich sie damals traf, fand ich das lustig, jetzt, so nüchtern in der Wahlkabine, denke ich, hm, willste so eine eher wilde Dame wählen? Die Kleinbürgerin in meinem Gewissen gewinnt die Oberhand, ich will nicht und gebe meine Erststimme dem Herren von der SPD.

Das war also keine Heldengeschichte, merk ich selber. Und wie war Euer Wahltag?

Über die Kritik an der Partei „Die Partei“

Es wird gerade viel über die Partei „Die Partei“ diskutiert. Das Internet sagt, dass viele Menschen Die Partei kritisch sehen. Zumindest für Martin Kaul, Autoren dieses Taz-Artikels, trifft das zu.

„Dekadente Witzbolde“, die sich für klug hielten und sich dafür feiern, keinen Unterschied machen zu wollen, seien die Wähler*innen der Die Partei, findet Herr Kaul. „Amoralisch, elitär und bourgeois“, sind weitere, inzwischen vielzitierte Adjektive, die ihm zu Leuten wie mir einfallen. „Bourgeoiser, postmodern-zynischer Scheiß“ bestätigt mein Freund auf Nachfrage.

Ich möchte mich darüber nun etwas echauffieren. Das ist jawohl totaler Quatsch, blöder Martin Kaul und im Grundsatz nicht blöder, sondern ausnahmsweise hier fehlgeleiteter, mein Freund. Und zwar deswegen: Ich bin nicht zynisch oder elitär, sondern ich bin verzweifelt. Jeder Mensch, der sich tatsächlich entscheidet, Die Partei zu wählen (ich selber übrigens bin mir noch unsicher. Habe neulich Dietmar Bartsch im Interview gesehen und fand ihn echt gut und vernünftig, vielleicht wähle ich auch Linkspartei, oder die Veganpartei, andere Geschichte).

Die Klammer war zu lang, ich musste den Satz abbrechen. Also neu: Wer sich entscheidet, Die Partei zu wählen und sich damit gleichzeitig dagegen entscheidet, eine echte, also eine ernste Partei, eine Partei mit Mitgliedern, die noch glauben oder behaupten zu glauben, etwas durch Mitwirkung in unserem System der parlamentarischen Demokratie verändern zu können, zu wählen, gibt damit zum Ausdruck, dass sie oder er eben nicht mehr daran glaubt, dass dieses System noch funktioniert. Also der Satz war doch schon wieder zu lang. Einfacher: Wer Die Partei wählt, sagt damit, dass sie oder er die Hoffnung aufgegeben hat. Nicht mehr oder weniger. Aber die Wunde ist noch frisch, der Schmerz noch akut. Wir gehen dahin wos wehtut, in die Wahlkabine, begeben uns in das System, um es dann dort zu boykottieren. Das ist paradox und dysfunktional, aber so ganz haben wir noch nicht aufgegeben. Es scheint mir ein wenig verwandt damit, den Ex auf Facebook zu stalken. So richtig können wir noch nicht loslassen, denn eigentlich wollen wir ja dabei sein.

Dass wir so hoffnungslos sind, ist doch aber wiederum nicht die Schuld der Die Partei. Zynisch sind doch Angela Merkel oder Sigmar Gabriel und noch zynischer ist Alexander Gauland. Und, dass es Linke wie mich gibt, die sich weder mit dem Gedanken anfreunden können, SPD, Linkspartei oder Grüne zu wählen, muss das extra diskutiert werden? Insofern hat Martin Kaul teilweise Recht, wenn er schreibt:

die ernsthafte Zugewandtheit zur PARTEI steht für die Verlorenheit einer gesellschaftlichen Linken, die sich aufs Resignieren versteht und die eine fehlende Machtperspektive damit verwechselt, irrelevant zu sein.

Ja, verloren und resiginiert fühle ich mich. Und ich halte „uns“ in vielen Feldern auch für, sagen wir: zu irrelevant. „Wir“ verlieren auf der parteipolitischer Ebene und zunehmend in den Diskursen ganz allgemein unseren Einfluss. Viel mehr noch als das, was im Parlament passiert, deprimiert mich, was in „den Medien“ so abgeht. Ich schaue Anne Will und suhle mich im Elend. Das gebe ich zu und es ist auch irgendwie reichlich dumm.

Aber bin ich deswegen, so wie Martin Kaul schreibt „snobistisch und dekadent und zu bekämpfen“ „antiaufklärerisch“ und „amoralisch“? Bin ich eine, „die an einer Käsetheke so lange nach dem Lactosegehalt eines Schnittkäses fragen, bis der Kassiererin gekündigt wird.“? Ich hoffe nicht. Wie viele Leute aus meinem politischen Spektrum habe ich viel Hoffnung in das Parteiensystem (und einiges mehr) verloren. Aber trotzdem engagiere ich mich gesellschaftspolitisch, bin dabei einigermaßen fleißig und in diesem Rahmen auch durchaus zu Kompromissen bereit.

Statt Spaßpartei-Aktivitäten zu betreiben und dafür Ressourcen zu binden, sollen die Aktivist*innen sich lieber mal im Parlament betätigen. Die großen und deswegen kompromissbereiten  oder aber die kleinen, nicht kompromissbereiten, aber dafür eben sehr engagierten Parteien wählen, sagt Herr Kaul. Indirekt wirft er uns sogar vor, nicht genug gegen brennende Flüchtlingheime zu tun. Er scheint anzunehmen, dass beispielsweise ein Kreuz bei den Grünen zu weniger Brandanschlägen führen würde.

Ich glaube das aber schlicht nicht. Ich habe größte Sympathien für die ganzen Irren und nicht ganz so Irren in den Kleinparteien. Vielleicht wähle ich sogar die Veganpartei (andere Geschichte), weil ich durchaus finde, dass diese Menschen, wie auch viele Leute, die in den etablierten Parteien mitarbeiten, tatsächlich Unterstützung und Zuspruch verdienen. Ich sehe diese Menschen nicht als meine Gegner an. Allerdings würde ich mit so einer Teilnahme an der Wahl auch zum Ausdruck bringen, oder zumindest den Schein erwecken, dass ich bis zu einem gewissen Grade daran glaube, dass das System der parlamentarischen Demokratie (noch) funktioniert. Und da bin ich mir eben nicht mehr so sicher.

Re-Post: Wahlplakate-Spotting in Köln-Ehrenfeld

Vorweg: Findet Ihr auch, dass Wahlkampf ist, aber so richtig danach anfühlen tut es sich nicht? Immer wieder mal tauchen unmotiviert ein paar Wahlplakate auf, aber auch nicht zu massiv. Natürlich sollte sich die SPD, die, wie ich gehört habe, sollen es 17 Millionen sein, Wahlkampf-Euro sparen und lieber für noch bittere Zeiten aufheben. AfD-Plakate gibt es hier, wo ich mich herumtreibe keine, dafür viele der wackeren MLPD. Wenn ich mir so diese Wahlplakate anschaue, dann gilt immer noch, was ich mal zur Europawahl schrieb und deswegen poste ich diesen Artikel einfach noch mal.

Heute war ich mit dem befreundeten Onkel zur Wahlplakate-Schau auf der Venloer Straße unterwegs. (Neben den Europawahlen sind in Köln auch Kommunalwahlen geplant). Dass zeitgenössische Wahlplakate verstörend beliebig und gestalterisch verhunzt sind, hat sich bereits herumgesprochen. Ein näherer Blick lohnt sich trotzdem: Parteienwerbung ist schrecklich, aber es gibt durchaus Unterschiede.

Wahlplakate und ihre Slogans sind ein Eldorado für Hobbypolitologinnen. Sie lassen sich auf viele Arten und Weisen klassifizieren. Die folgenden Ausführungen eignen sich übrigens auch als Quiz, zu den jeweiligen Slogans kann die zugehörige Partei geraten und durch Klick überprüft werden.

Recht naheliegend ist eine Einteilung in die Kategorien „konkrete politische Forderungen vs. völlig beliebige Phrasen“. In Gruppe eins fallen zum Beispiel „Fahrscheinlos statt planlos„, „Mehr Kitas und Gesamtschulen für Köln„, „Ein Freund für ein gutes Radwegnetz“ oder „Erzeugerpreise rauf – Lebensmittelpreise runter„. Hier handelt es sich um klare Forderungen, deren Erfüllung (oder zumindest Bemühen um eine solche) am Ende der Wahlperiode einfach zu überprüfen sein wird. Wesentlich schwerer ist das in der zweiten Gruppe: „Wir können Köln!„, „Einfach mobil„, „Damit es gerecht zugeht“ oder „Mitreden, Mitdenken, Mitmachen!“ sind schöne Beispiele. Der Grad der Allgemeinplatzhaftigkeit solcher Forderungen kann überprüft werden, in dem sie in ihr Gegenteil verkehrt werden: „Damit es ungerechter zugeht“, „Bezahlbarer Wohnraum nirgendwo in Köln“ oder „Mit Köln wissen wir nichts anzufangen“, würde keine Partei je postulieren. Eine verwandte Kategorisierung lautet: „sich ranwanzen an alle Kölner vs. Forderungen aufstellen, die voraussichtlich bei erheblichen Teilen der Wähler nicht so gut ankommen werden“. Gewinner in Gruppe eins sind beispielsweise: „Mehr Raum für unsere Pänz“ oder „Gelebte Nähe im Veedel„. Schöne Beispiele für Gruppe zwei sind das unvergleichliche „Rebellion gegen die EU ist gerechtfertigt“ oder aber auch „Weniger Kriminalität in Köln – Legalize it„, was gerade bei konservativen Mitbürgern nur bedingt mehrheitsfähig ist. Eine hohe Prävalenz in dem von mir untersuchten örtlichen Ausschnitt weist auch die Untergruppe „Versuchtes Einschmeicheln bei der Damenwelt, welches aufgrund mangelnder Expertise und/oder Glaubwürdigkeit aber fehlgeht“ auf. Hier weiß „Für die Befreiung der Frau“ zu gefallen. Wer ist „die Frau“, die da „befreit“ werden soll. Das sind Fragen, die wohl nur sehr schwer zu beantworten sein werden und eine geringe weibliche Beteiligung bei der Plakatkonzeption vermuten lassen. Ganz ähnlich, hier schlägt es sich in der visuellen Umsetzung nieder,  der Slogan „Erfolgreich im Beruf und mehr Zeit für die Familie„, wo sich auf dem Plakat, in Abwesenheit jeglicher Frauen, natürlich die zwei Alpha-Männchen der werbenden Partei über diese wichtige Aufgabe Gedanken machen. Die CDU scheitert dann mit „Kinder? Job? Beides!“ zumindest an denen, die sich noch an die nicht allzulang zurückliegende Einführung des Betreuungsgeldes erinnern.

Abschließend sei noch meine persönlich favorisierte Plakatkategorie genannt: „Kuhschnauze ragt so unmotiviert deplaziert und perspektivisch verzerrt aus ihrem Rahmen, dass eine Abgrenzung zwischen voll daneben und interessanter Kunst gar nicht so einfach ist.

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Der Hund, der Katze hieß

Ich wache nachts auf, weil ich Pipi muss. Oh, Mist, erinnere ich mich, stimmt, beim Zelten muss man nachts zum Verrichten der Notdurft die Wohnung verlassen. In meiner großen Camping-Vorfreude hatte ich die damit einhergehenden kleinen Unannehmlichkeiten völlig ausgeblendet. Ich steige in meine Schuhe und laufe zu den glücklicherweise nahe gelegenen, sauberen Toiletten. Kalt ist es auch nicht.

Das nächste Mal wache ich durch ein Streitgespräch eines Poly-Pärchens aus einem benachbarten Zelt auf. Sie diskutieren akute Beziehungsprobleme. Sie findet, er nehme keine, gar keine, Rücksicht auf ihre Bedürfnisse. Er findet das ungerecht, schildert reflektiert seine eigenen Verfehlungen („ich weiß, dass ich nicht drauf klar komme, wenn Du was mit anderen hast“) und versichert, dass er an sich arbeite. Sie verstehe ich leider nur schwach, daher ist nicht feststellbar, was der genaue Anlass des Streits war. Auch wenn mir schmerzhaft bewusst wird, dass ein weiteres Minus beim Zelten darin besteht, aufgrund dünner Wände die umgebende nächtliche Geräuschkulisse oft intensiver als zu Hause wahrnehmen zu müssen, bin ich ganz vergnügt. „Wer aufs Antifa-Camp fährt, darf sich nicht wundern, wenn sie_er* nachts durch die Austragung von Konflikten geweckt wird, die aus polyamoren Beziehungskonstellationen resultieren.“, sage ich zu mir selbst. Außerdem denke ich, dass das ja auch eine schöne Anekdote für den befreundeten Onkel ergibt. Leider weint und schluchzt die Frau zunehmend so bitterlich, dass meine Erheiterung unangemessen wird und schwindet. Ich schlafe wieder ein.

Am nächsten morgen beim Frühstück erfahre ich von den anderen, dass die Diskussion wohl im ganzen Camp (und irgendwann Arbeiterlieder) zu hören war. Wir kichern fröhlich. „Ich hab ja nur ihn genau verstanden.“, sage ich. „Ich habe beide verstanden.“, sagt jemand anders. Bevor wir das aber vertiefen, wendet sich das Gespräch dem Thema „Biertrinken vor Moscheen zu“. Gestern hatten wir noch recht erbittert diskutiert, ob Agnostiker des Teufels sind, heute morgen ist es lustig, wie überhaupt meistens. Insgesamt finde ich das Antifa-Camp zu meiner eigenen Überraschung wunderbar. Nur durch Zufall war ich dort gelandet, da mich, wiederum aus Zufall, Menschen der Kölner Antifa gefragt hatten, ob ich dort einen Workshop zum Thema Intersektionalität abhalten wolle. Freitags morgen war ich angereist, geplant war, Freitag nachmittags wieder abzureisen. Bis ich mich dann spontan entschied, bis Samstag zu bleiben.

„Bevor Dein Workshop anfängt, ist noch Plenum, willste mit?“, fragen mich die netten Frauen, die mich vom Bahnhof abgeholt haben. „Na klar“, sage ich. Zum Glück wird auf dem Plenum nichts diskutiert, und als für nachmittags von drei bis sechs jemand für die Thekenschicht gesucht wird, melde ich mich. Der Workshop selbst läuft super, alle diskutieren konstruktiv, keine*r sagt was Blödes. „Ach Du scheiße, Maike“, fällt mir nach zehn Minuten siedendheiß ein, „Du bist hier bei der antiautoritären Antifa. Die ist ja dafür bekannt, keinen Wert auf falsche Höflichkeit zu legen. Wenns denen mit Dir nicht gefällt, gehen die gleich einfach weg.“ Aber die Leute sind freundlich, wie überhaupt alle, die ich im Folgenden noch treffen werde. Die Atmosphäre ist offener, als ich sie beispielsweise aus dem autonomen Zentrum in Köln kenne. Das Alter ist gemischt, die Frauen angenehm ungestylt, die Männer nicht zu ungeduscht. Eine sogenannte Küfa kocht leckeres veganes Essen und Damen können sich aussuchen, ob sie auf die LFTI* (Lesben-Frauen-Trans-Inter*) oder die All-Gender (Cis-Männer und alle anderen, die wollen)-Toiletten gehen wollen. Interessante Selbsterfahrung. Ich bin tatsächlich lieber auf die Klos ohne Männer gegangen, ich glaube, es kam mir vor, als würde ich bei den Herren in einen fremden Raum eindringen. Über den Zeltplatz toben der gutgelaunte, nicht-bellende Bordercollie-Mischling „Katze“ und sein kleiner Kumpel, der Dackel Kasimir und machen Hunderingkampf. Der eine von den Hunden heißt ja verwirrenderweise „Katze“, erzählen mir mehrere Leute und freuen sich. Es sind um die hundert Teilnehmende, von denen ca. ein Drittel, es ist ja selbstorganisiert, zwischendurch irgendwelche Dienste verrichtet. Sogar zum Kloputzen melden sich fünf Leute. Für die Nachtwache (Nazi-Abwehr notwendig), melden sich manche sogar ziemlich gerne, scheint mir. Vormittags und Nachmittags werden Workshops und Vorträge abgehalten. Bier verkauft die Bar erst ab vier.

Ich fühle mich auf dem Camp irgendwie frei. Ich finde es angenehm, dass sowas wie die All-Gender-Toiletten selbstverständlich zu sein scheinen. Den mit solchen Sachen ja häufig einhergehenden humorlosen Dogmatismus nehme ich nicht wahr. „Veganes Essen ist halt am einfachsten, können alle essen.“, sagen sie. Wer Fleisch grillen will, darf.

Ein Leben ohne alle halbe Stunde 1 Adorno-Witz ist möglich. Aber ich finde es zur Abwechslung sehr angenehm, mit lauter Menschen umgeben zu sein, die eher linker, engagierter und unfrisierter sind als ich. Innerlich erbaut und aufgeräumt, einen Tag später als geplant und ernsthaft in Erwägung ziehend, so schnell wie möglich einem Bakunin-Lesekreis beizutreten, fahre ich wieder nach Hause. Wo die ganze große Welt doch momentan so schrecklich scheint, war es tröstlich, mal einen Ausflug in eine kleine schöne Welt zu machen.

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Eine Alternative für diejenigen, die Berührungsängste mit der Antifa haben – Das Sommercamp der #Pferdepartei