Onkel Maike wird Hundert!

lieber onkel maike, willkommen im internet.“ (Hildegard, 01.12.2013)

Liebe Nichten und Neffen,

Mit diesem Beitrag wird mein Blog hundert Artikel alt. Ich freue mich und bin ein bisschen stolz. Eines Tages im letzten Jahr, nachdem ich lange und viel bei anderen Leuten herumkommentiert hatte, sagte ich zu mir: Jetzt will ich auch einen Blog haben. Mit Hilfe von Neffe 1falt und einem damals noch sehr unvorteilhaften Template veröffentlichte ich den ersten Eintrag: „Prostitution„. Dann eröffnete ich die Kategorie „Witze“ und fragte: „Was ist heute Lustiges passiert?“ Dazu kamen „Fußball“ mit einem Portrait von Peter Neururer und in einer Schnapslaune: „Zauberberg„.

Seitdem ist einiges passiert: Ich veranstaltete einen Thomas Mann-Imitierwettbewerb mit drei Teilnehmenden, was bei meiner geringen Lesendenzahl ein Erfolg ist (das Preis-Bier wurde an Herrn Königs Stammkiosk hinter dem Melatenfriedhof verliehen), aquirierte eine qualitativ hohe Anzahl von Followern, erschuf meinen ersten Cartoon und eine Peniszeichnung, entnazifizierte ein Fahrrad, knüpfte einige herzerwärmende Blogfreundinnenschaften (mein lieber „last Hippie standing“ immer abgelenkt, die störrische Gesine, mein ewiger Neffe 1falt), überwarf mich mit Muriel Silberfisch, weil er garstig zu mir war und lockte durch Fehltitulierung eines Artikels ungewollt perverse Onkel an (Lesen Sie hier die ganze Geschichte). Viele vergnügliche Momente verschaffte mir die WordPress-Statistik-Funktion. Der am häufigsten geklickte Artikel meines Blogs ist der bereits erwähnte und inzwischen indizierte „freiwillig sex mit onkel“. Unter den lustig bis verstörenden Suchbegriffen, die Euch zu mir führten, finden sich Highlights wie „Pimmelkopf Angela das Merkel ich mir“ oder „Menschenhass nach Zivildienst“.torteneu Sehr häufig geklickt wurde dieses Bild von Greulix (der wirklich aussieht wie Jenny Elvers) und letzte Woche hatte ich meinen ersten Klick aus Neukaledonien. Apropos Klicks: Davon hätte ich gerne mehr gehabt. Ebenso Kommentare. Einmal eröffnete ich einen Fake-GMX Account unter dem Namen „Johannes Meier“ und schickte damit eine Mail an den Bildblog, um meinen Artikel „Kevin Großkreutzkritik-Kritik“ anzupreisen und zur Verlinkung vorzuschlagen. Bei Tageslicht besehen arm und peinlich, aber ich hoffe, dass ich nicht die einzige bin, die je sowas tat.

Außerdem ist es schön genug, so wie es ist. Meine Kommentare sind dünn gesät, dafür aber in der Regel gut und lustig. Danke an die fünf Hauptverantwortlichen, zum Beispiel DEN Wolle oder Neffe 1falt, diesen alten Scherzkeks.

So, danke fürs Lesen und viel Spaß bei den nächsten hundert Artikeln.

Euer Onkel Maike

 

Zauberberg 2.0

Mein Zauberberg-Exemplar und ich haben zwecks Inspektion meiner eigenwilligen Lunge einen guten Teil dieser Woche auf Station 3 b des Klinikums Merheim in Köln verbracht. Leider fehlte mir dort der Mut zu weiterer Lektüre, ich konnte mich jedoch an bereits Gelesenes erinnern und schöne Beschreibungen mit neuen Eindrücken auffüllen. Diese von mir bereits gelobte gelungene Beschreibung eines Hustens, hier auch schon zitiert

„…aber ein Husten, der keinem anderen ähnelte, den Hans Castorp je gehört hatte, ja mit dem verglichen jeder andere ihm bekannte Husten eine prächtige und gesunde Lebensäußerung gewesen war, – ein Husten ganz ohne Lust und Liebe, der nicht in richtigen Stößen geschah, sondern nur wie ein schauerlich kraftloses Wühlen im Brei organischer Auflösung klang.”

konnte vielfach am akkustischen Beispiel erlebt und so noch vorstellbarer gemacht werden.

Da ich nun über Davos und das Sanatorium Berghof nichts Neues berichten kann, möchte ich stattdessen kurz das Klinikum Merheim einer lobenden Darstellung unterziehen. Dort wird vieles richtig gemacht. Bei der Anreise geht es los. Recht mühselig, aber letztlich doch erfolgreich, konnte ich dem Internet die Information entringen, in welchem Teil des sehr weitläufigen Krankenhauskomplexes die Lungenstation gelegen ist (Gebäude 20b). Dieses Wissen war aber nicht hilfreich, da die Klinikverwaltung vorausschauend auf eine rudimentäre Ausschilderung mit Wegweisern annähernd verzichtet hat. Irgendwann findet sich dann ein Schild mit dem Hinweis „Lungenklinik Gebäude 23“. Aber auch Gebäude 23 lässt sich dann nur schwer aufspüren und ist ja auch nicht der Ort, an den man will. Kurz hätte ich fast geweint, begegnete dann aber einem Ortskundigen, der mir weiterhalf.

Ich finde das sinnvoll arrangiert. Das Krankenhaus erreichen nur Patienten, Besuchs- und Ausbildungswillige, die dort ernstlich hinwollen. Alle anderen geben auf oder sterben auf dem Weg. Das führt dazu, dass Pflege und Zuwendung nur dort aufgewendet werden, wo wirklich benötigt. Das Gesundheitssystem wird so entlastet. Auch wer versucht, aus der Klinik wieder wegzugelangen, vielleicht gerade aufgewühlt, weil die traurige schwerkranke Mutter besucht etc., freut sich doch über jeden anderen Grund, sich aufzuregen und ein bisschen abzulenken.

Diejenigen aber, die es schaffen, sich bis zum Krankenhaus durchzuschlagen, werden dann, ich meine das unironisch, menschenfreundlich bis sogar liebevoll behandelt. Bei jedem noch so hoffnungslosen Fall wird, im Zweifel gegen den eigenen Willen, versucht, ihn unter Einsatz hoher Sach- und Personalkosten am Leben und im Krankenhaus zu halten. Das hat mich angenehm überrascht. Um ein Beispiel zu nennen, ich hatte zur Anmeldung weder eine gültige Krankenkassenkarte, noch Personalausweis dabei. Außerdem konnte ich nicht verheimlichen, dass ich der AOK seit knapp zehn Jahren meine aktuelle Anschrift nicht verraten hatte. Das war für die nette Dame in der Verwaltung aber kein Grund mich unfreundlich oder genervt zu behandeln (Sie schien noch nicht mal verwundert).

Umgekehrt proportional zum angenehmen Umgang stellte sich jedoch die Organisation und das Zahlengedächtnis der Angestellten dar. Wer mich kennt, weiß, dass effiziente Verwaltung nicht zu meinen Primär-Kerninteressen und -kompetenzen gehört, um es euphemistisch zu formulieren. Wenn ich etwas schlecht organisiert finde, heißt das, es IST schlecht organisiert. Es muss schon ein sehr hoher Grad von Chaos erreicht werden, damit ich überhaupt anfange mir über das Thema Gedanken zu machen. Um ein Beispiel zu nennen: Ich merke, wenn meine Medikation häufig falsch aufgeschrieben oder ganz vergessen wird und kann um Korrektur bitten. Aber was ist mit Leuten, die im Koma liegen oder solche Dinge aus anderen Gründen nicht selber überwachen können? Rechnen sowie sich Zahlen merken und aufschreiben können, sind weithin überbewertete Eigenschaften. NUR NICHT IM KRANKENHAUS. So, jetzt aber genug geschimpft. Ich meine aufrichtig, dass das Glas halbvoll ist. Im Vergleich zu dem russischen Hospital, in dem ich mal war, ist die Klinik Merheim ein Viersterne-Hotel. In den USA hätte ich für den Spaß einige tausend Dollar bezahlt. Und die Menschen, die dort arbeiten, sind wirklich freundlich und engagiert. Außerdem darf einen der Boyfriend bis zehn Uhr abends besuchen – Das ist doch modern.

Der Zauberberg – Die Kirgisenaugen von Přibislav Hippe

Heute möchte ich mich um etwas Niveau bemühen. Anstatt dem vielgeschmähten germanischen Großliteraten die ganze Zeit im Wege der Nachäfferei seine überkanditelte Schwurbelsprache und unausgelebte Homosexualität vorzuwerfen, soll jetzt mal mit Sachlichkeit, Respekt, weniger ironischer Distanz und kurzen, adjektivarmen Sätzen zu Werke gegangen werden. Das ist schwieriger. Wirklich.

Zunächst: Ich gewöhne mich ans Buch. Zauberberglesen ist wie in Strümpfen über den Teppich in Omas Wohnzimmer laufen. Das ist ruhig und gedämpft und ich sinke ein bisschen ein. Es passiert wenig, aber langweilig ist mir auch nicht. Die Welt ist auch aus der Ferne interessant.

Sogar latente Homosexualität befürworte ich inzwischen – Wenn sie gut beschrieben wird und so in bürgerliche Hochkultur mündet. Die Episode um Přisbislav (sprich: Pschibislaw) Hippe ist in diesem Sinne eine Erfolgsgeschichte:

Hans‘ homoerotische Neigungen werden früh in der Erzählung angedeutet. Sein größtes, existentiellstes Vergnügen besteht darin, an seiner Zigarre zu saugen. Hier bricht sich jetzt nicht wieder meine Neigung zu billigen Witzen Bahn, so steht es nun mal im Buch. Die weibliche Hauptperson, Klawdia Chauchat, die, im phallussymbolgeschwängerten Traum deutet es sich an, ein gewisses, erotisch konnotiertes Interesse erweckt, trägt männliche Züge. Sie benimmt sich rüpelig und hat wenig damenhafte Hände.

„Statt aber zum Guten Russentisch zu gehen, bewegte die unerzogene Frau sich ohne Laut auf Hans Castorp zu und reichte ihm schweigend die Hand zum Kusse, – aber nicht den Handrücken reichte sie ihm, sondern das Innere, und Hans Castorp küßte sie in die Hand, in ihre unveredelte, ein wenig breite und kurzfingrige Hand mit der aufgerauhten Haut zu Seiten der Nägel.“

Außerdem erinnert Klawdia Hans an jemanden. Zunächst fällt ihm nicht ein, wer das sein könnte. Dann aber, er sitzt vom Wandern überanstrengt mit Nasenbluten auf einer Bank am Gießbach, steht ihm plötzlich  ein Ereignis aus seiner Jugendzeit vor den Augen:

Zwei Jahre lang war Hans‘ Schullalltag maßgeblich bestimmt von Přibislav Hippe. Přibislav hat, abgesehen von seinen schmalen „Kirgisenaugen“, die sich auf eine „schmelzende Weise ins Schleierig-Nächtige verdunkeln konnten“, keine Eigenschaften, die des dreizehnjährigen Hans‘ Interesse zu erklären vermögen. Hans versucht auch nicht, seine Gefühle zu bestimmen oder zu benennen, „da kein Gedanke daran war, daß der Gegenstand je zur Sprache gebracht werden konnte“ und er „von der unbewußten Überzeugung durchdrungen war, dass ein inneres Gut wie dieses, vor solcher Bestimmung und Unterbringung ein für allemal geschützt sein sollte.“ Es ist eine Liebe aus der Ferne, die ihre Erfüllung in der freudigen Erwartung auf einen Blickwechsel auf dem Schulhof findet, ohne dass die Jungen je miteinander sprechen. Diese distanzierte Beziehung wird nur einmal durchbrochen und hat ihren Höhepunkt, als Hans in einem Anfall von Abenteuerlust Přibislav bittet, ihm einen Bleistift zu leihen. Přibislav kommt der Bitte nach:

„Und zog sein Crayon aus der Tasche, ein versilbertes Crayon mit einem Ring, den man aufwärts schieben mußte, damit der rot gefärbte Stift aus der Metallhülse wachse. Er erläuterte den einfachen Mechanismus, während ihre beiden Köpfe sich darüberneigten… Das war alles. Aber vergnügter war Hans in seinem Leben nie gewesen, als in dieser Zeichenstunde, da er mit Pribislav Hippe‘s Bleistift zeichnete…“

Das ist eine Liebesgeschichte, in der wenig passiert, zumindest äußerlich. Aber das Wenige wird genüsslich entfaltet. Die subtile, indirekte Darstellung ist reiz- und wirkungsvoll. Nachdem die großen Gefühle so unbenannt und unbestimmt und ohne, dass irgendwer irgendwas sagt – noch nicht mal zu sich selber – beschrieben werden, kommt einer die Stelle, an der der Bleistift aus der Metallhülle wächst, nahezu pornographisch vor. Mir gefällt das. Wenn ich endlich ein bisschen Sekundärliteratur gelesen haben werde, kann ich es vielleicht auch noch besser begründen.

Nachtrag: Aus gegebenem Anlass, zum Thema Phallussymbole – Bleistifte, Zigarren, was auch immer. Wäre ich ein länglicher schmaler Gegenstand (kann nicht aus eigener Erfahrung sprechen, da eher kurzer und unschmaler Gegenstand), würde ich langsam darüber nachdenken, eine Interessenvertretung zu gründen. Diese monothematische Überladung, immer und ausschließlich mit derselben Sache: Pimmel, Pimmel, Pimmel. Wäre ich ein langer schmaler Gegenstand, ich würde vielleicht auch mal etwas anderes symbolisieren wollen (eine Zuckerstange zum Beispiel, die sind immer so schön bunt) und wäre ich ein Penis, vielleicht hätte ich gerne mal meine (metaphorische) Ruhe.

Der Zauberberg – Die vierten hundert Seiten – Powered by Kulmbacher

Die Zauberberg-Lektüre infiltriert zunehmend mein und des befreundeten Onkels Miteinander. Kaum eine Stunde verstreicht, als das nicht ein aufs Ergötz-lichste plaisierendes Bonmot durchs spätweihnachtliche Wohnzimmer schwirrt: Sach ma, die Mann-Brüder, sind die nicht quasi die Bender-Zwillinge der deutschen Literaturgeschichte?„, kräht der eine aus dem Schlafzimmer herüber, „Wohl wahr, welch possierliches Aperçu, mein Lieber!„, bekräftigt der andere – So keck und munter konversieren die Oheime sich durch den Tag.

Nun aber zum Buch, was ist passiert: Hans Castorp leidet unter rotgeränderten Augen sowie starkem Herzklopfen und hustet etwas Blut, hält sich aber weiterhin für gesund. Er versucht zu altem Rauchgenuss zurückzufinden (die wichtigste Frau in seinem Leben ist eine Zigarre namens Maria Mancini – ich fürchte, bald müssen wir über die Sache mit der latenten Homosexualität mal ausführlicher sprechen) und trinkt noch ein Bier, das oben erwähnte Kulmbacher. Ein drittes, diesmal sehr üppiges Mittagessen wird eingenommen. „Ein Löwenappetit herrschte im Gewölbe, ein Heißhunger, dem zuzusehen wohl ein Vergnügen gewesen wäre, wenn er nicht gleichzeitig auf irgendeine Weise unheimlich, ja abscheulich gewirkt hätte.“ Wir lernen neue Gäste mit blöden Namen kennen; unter anderem die weibliche Protagonistin: Klawdia Chauchat. Die Liegekur wird weitergeführt und selbst Hans fällt auf, dass es langsam vorangeht: „Gott, ist immer noch der erste Tag?“ Sein Zeitgefühl gerät durcheinander, kurz vergisst er sein Alter (vierundzwanzig, es fällt ihm dann wieder ein).

Auch setzt Hans sich mit der Frage auseinander, ob er eigentlich ins Sanatorium gehört oder nicht: „Und irgendwie muss ich ja auch markieren, dass ich nur zu Besuch bin bei Euch.“ Er überlegt abzureisen, doch als Settembrini genau das vorschlägt, verärgert es ihn. Angeregt durch den sich daneben benehmenden unheilbaren Herrn Albin, sinniert er über das „Ist der Ruf erst ruiniert-Prinzip“ – Ehre und Schande, Wie fühlt sich das Leben an, wenn es nichts mehr zu verlieren gibt?

„Hauptsächlich schien ihm, daß die Ehre bedeutende Vorteile für sich habe, aber die Schande nicht minder, ja, daß sie ihre Vorteile der letzteren geradezu grenzenloser Art seien. Und indem er sich probeweise in Herrn Albins Zustand versetzte und sich  vergegenwärtigte, wie es sein müsse, wenn man endgültig des Druckes der Ehre ledig war und auf immer die bodenlosen Vorteile der Schande genoß, erschreckt den jungen Mann ein Gefühl von wüster Süßigkeit, das sein Herz vorübergehend zu noch hastigerem Gange erregte.“

Und was macht eigentlich Thomas. Das fragt Ihr noch? Der „unheilbare Herr Albin“ und die „wüste Süßigkeit“ (süße Wüstigkeit ginge auch, und auf jeden Fall rheinländisch-genüsslich langezogen die erste Silbe im Wort betonen, z. B. in: „Die ledige Lydia fröhnte der wüsten Süßigkeit“ – Bitte einmal laut aufsagen!):

Der schnurrbartbeschreibende Schwadroneur ist uns lautmalerischerseits mal wieder nichts schuldig geblieben.

Intermezzo: Wo ist Thomas, wenn man ihn braucht?

Aufmerksame Lesende meines „Zauberbergblogprojekts“ (oder auch: Hallo Jörg und Neffe 1falt!) wissen, dass ich mich einer eher kritischen Haltung (diese Lastwagenfahrer-geschichte und das Geschwurbele) gegenüber dem Deutschen Jahrhundertliteraten nicht so richtig schaffe, zu entledigen. „Enggeistige Schnurrbartbeschreiberei, das alles!“, pöbelt es bei der Lektüre immer wieder in mir.
Neulich aber, vermisste ich Thomas‘ Erzählkunst zum ersten Mal. Ich hatte, just zum Zwecke des Zauberberglesens, ein Café aufgesucht. Ohne Café schaffe ich es nicht, das Buch zu lesen, es darf kein Internet in der Nähe sein oder sonst irgendeine andere Ablenkung. Das Café ist ein angenehmes, unprätentiöses Café, manchmal gehe ich dahin, wenn ich nix zu tun, aber was zu lesen habe. Immer allerdings, wenn ich es betrete, fange ich sofort an, die anderen Gäste zu hassen. Warum ist das so, frage ich, eigentlich freundliche Natur, mich dann.
Es liegt wohl daran, dass diese Gäste alle so zufrieden wirken. Manche sind schwanger, manche kommen mit Freunden, andere mit einem Buch, das sie freiwillig zu lesen scheinen, sie sind nicht oder nur wenig geschminkt aber trotzdem hübsch und verfallen nicht in Selbstverachtung, wenn sie drei Kilo überm Idealgewicht liegen (was auch durch den Power-Yoga Kurs kommt), sie haben einen super Job/interessantes Studium, aber jetzt haben sie frei und können sich entspannen. Als hätten sie ein schönes, als sinnvoll empfundenes Dasein, wo alles seinen guten Platz hat. Mein Lebensgefühl ist da anders, ich passe nicht in das Café.
„Ha!, dann mache ich mir die Außenseiterinnenposition halt kreativ zunutze, indem ich ein paar scharfsinnig-treffende Portraits jener Menschen  hier, mit denen ich mich ohne ihr Wissen innerlich verfeindet habe, verfasse; keine echte Kunst ohne Opfer!“, versuchte ich mich beim letzen Besuch zu trösten. Und merkte schnell: Au weia, das ist schwer. Das könnte Thomas besser. Er hätte jetzt diese selbstzufriedenen Leute genüsslich und zutreffend (wenngleich vielleicht im Großen und Ganzen ungerechtfertigt), ebenso wie die Tischnachbarn Hans Castorps im Sanatorium, ihre kleinsten verstecktesten Schwächen sezierend, sich selber dabei aufs Vortrefflichste ins eloquenteste Licht setzend, ohne Rücksicht auf Verluste in Grund und Boden beschrieben.

Der Zauberberg – Die dritten hundert Seiten

Heute las ich bis Seite 100. Was ist passiert? Hans Castorp ist angereist, hat einmal übernachtet und am ersten Tag schon einiges erlebt. Er hat gefrühstückt und ein frühes Mittagessen eingenommen. Außerdem begegnet er einem Doktor (der eine Anämie und Begabung zum Patientsein diagnostiziert), geht spazieren, trifft Patienten – den „Club der halben Lunge“ – und den Literaten Settembrini (Scheißname). Er bekommt Lust zu philosophieren (über die Zeit) und seine Lieblingsaktivität ist bislang die „Liegekur“. Außerdem erfahren wir, dass Hans gewissen Lastern zugetan ist (dem Rauchen – war das damals überhaupt schon ein Laster?) und ein „Frühstücksbier“ trinkt. Auf einer anderen Ebene erweist er sich hingegen als spießig:

Herrgott, Donnerwetter! dachte er, indem er sich abwandte, um mit absichtlich geräuschvollen Bewegungen seine Toilette zu beenden. Nun, es sind Eheleute, in Gottes Namen, soweit ist die Sache in Ordnung. Aber am hellen Morgen, das ist doch stark. Und mir ist es ganz als hätten sie schon gestern keinen Frieden gehalten.“

Nach hundert Seiten haben wir eineinhalb Tage mit Hans Castorp verbracht. Aus der Einleitung ist bekannt, dass sein Aufenthalt in Davos sieben Jahre dauern wird. Das Buch hat ca. 1.000 Seiten. Mit Hilfe eines einfachen Dreisatzes ist also ermittelbar, dass es so exzessiv langsam nicht weitergehen wird (können). Ist das nicht ein bisschen schade, fragte ich mich beim Rechnen, dass die Form so viel über den Inhalt verrät? Beim Film ist es ja ähnlich, gerät der Hauptdarsteller in den ersten fünf Minuten in eine lebensgefährliche Situation, wissen wir, er wird (noch) nicht sterben. Im Kino ärgert mich das manchmal. Aber ist das mit der Langsamkeit überhaupt so schlimm? Eigentlich fange ich an, mich in der Entschleunigung gemütlich zu fühlen (solange nicht wieder großväterliche Vitrinen und Taufschalen beschrieben werden). Ich fühle eine beruhigende Wirkung und überlege, dass das Buch in der Apotheke statt Valium ausgegeben werden könnte (in akuten Paniksituationen hilft es sicher nicht, aber präventive Effekte sollten in klinischen Tests erprobt werden – Nebenwirkung: Langeweile).

Und was macht eigentlich Thomas?  Bewirbt sich natürlich weiterhin um den Preis für das beste Adverbium der Woche: „Settembrini erschien durch den Seiteneingang und schritt schnurrbartkräuselnd zu seinem Platz…“

Der Zauberberg – Die zweiten hundert Seiten – Ein Husten ganz ohne Lust und Liebe

Die zweiten hundert Seiten: Schön wärs – Stattdessen ist es wie im richtigen Leben. Ich hänge selbst- und fremdgesetzten Zielen hoffnungslos hinterher. Bis auf Seite 36 konnte ich mich erst vorkämpfen. Meine Erwartungen finden sich bislang bestätigt: Der bourgeoisere der beiden Mann-Brüder weiß durch kunstvollen Gebrauch adjektivhaltiger Sprache und nix-passieren-lassen in mir eine zäh-mürbe-träge Stimmung zu erzeugen und meine bildungsbürgerlichen Bestrebungen ernsthaft zu behindern.

Als positive Abwechslung stach diese originelle Beschreibung eines Hustens hervor: 

„…aber ein Husten, der keinem anderen ähnelte, den Hans Castorp je gehört hatte, ja mit dem verglichen jeder andere ihm bekannte Husten eine prächtige und gesunde Lebensäußerung gewesen war, – ein Husten ganz ohne Lust und Liebe, der nicht in richtigen Stößen geschah, sondern nur wie ein schauerlich kraftloses Wühlen im Brei organischer Auflösung klang.“

Höhepunkt der Langeweile: die seitenlange Beschreibung des Geschirrs aus der Vitrine des längst verstorbenen Großvaters des Protagonisten. Da nützt auch das vom befreundeten Onkel beigesteuerte Hintergrundwissen, dass die Taufschale in der Vitrine von der echten Taufschale der Familie Mann inspiriert ist, nichts.

Um von den nicht gelesenen ersten hundert Seiten abzulenken, initiierte ich in Blogbeitrag Zauberberg Eins einen Thomas Mann Imitier-Contest (sehr neoliberal – mangelnder Inhalt wird durch einen überflüssigen Wettbewerb übertüncht), welcher sehr erfreuliche Resultate zeitigte: Die drei sympathischen Teilnehmenden begeisterten durch konsequente Nichtbeachtung der Vorgaben. Beitrag Eins: Plagiat, Beitrag zwei: „Ich imitiere lieber Ayn Rand“, Beitrag drei: “ Ich imitiere lieber ‚vage bildungsbürgerlich'“. Gewinner, mit sehr knappem Vorsprung, So‘ n Chaos mit Satzkunstwerken wie: „Ganz nach dem Vorbild von Mutter Merkel, gestand ein Teil von ihm sich leise ein, bevor dieser Teil wieder unter Granit verschüttet wurde.“ 

Lange sann ich über mögliche Nachfolge-Wettbewerbe nach, zum Beispiel: „Analysiere und interpretiere den Beitrag von So‘ n Chaos und setze ihn in einen literaturhistorisch-dekonstruktivistischen Kontext“, aber das ist zu schwer. So‘ n Chaos würde wahrscheinlich wieder gewinnen. Wie wäre es stattdessen mit der folgenden Frage: Nachdem wir uns jetzt lange und erfolgreich mit der Aufgabe „Wie würde Thomas Mann Sigmar Gabriel beschreiben“ beschäftigt haben, lassen Sie uns das doch einmal umkehren: Wie würde denn Sigmar Gabriel Thomas Mann darstellen?

Hier ein Vorschlag: „Currywurst, liebe Parteifreunde und Parteifreunde, die SPD ist Currywurst, die Partei der Arbeiterinnen und Arbeiter, des ehrlichen, des kleinen Mannes. Thomas Mann, hingegen, das ist Canapees, Arroganz, Bonzentum. Der Mann lebte nicht von seiner Hände harter Arbeit. Den ehrlichen Arbeiter, den zu stark behaarten Lastwagenfahrer, den bollerigen plumpen Lehrer, da war sich der Herr zu fein für, Genossinnen und Genossen!“