Bümpliz

Heute hatte ich einen tollen letzten Ferientag. Und das kam so: Ich bin nach Bern gefahren, um dort ein bisschen nach Kindheitserinnerungsorten zu schauen. Meiner Mutters alte beste Freundin Helga war lange Jahre in zweiter Ehe mit einem Schweizer namens Rudolf, genannt Rudi, verheiratet. In der ersten Zeit ihrer Ehe lebten sie teilweise in Bern. Helga hatte einen Sohn, Stefan, eineinhalb Jahre jünger als ich, meinen brother from another mother. In den Schulferien war Stefan oft in Bern und ein paar Mal war ich auch mit.

Helga und Rudi (eigentlich Ruedi, sprich Rrruadi) lebten mit einer schwarzen Katze namens Jascha in einem Abrisshaus in einem Gewerbegebiet im Berner Arbeiterviertel Bümpliz. Rudi studierte Ethnologie (glaube ich) und Helga machte allerlei, zum Beispiel esoterische Körpertherapie und ein Studium der Sozialpädagogik. Eine Zeitlang spielte sie Theater in einem halbwegs seriösen Haus in der Innenstadt. (Als Kind nimmt man ja alles, was so passiert, als gegeben hin. Jetzt als Erwachsene frage ich mich schon, wie es dazu kam, denn Helga war in keiner Weise eine ausgebildete Schauspielerin oder sonstwie in dem Metier erfahren. Als ich mich bei meiner Mutter danach erkundige, sagt die gleichgültig: „Naja, das waren ja nur Nebenrollen“, ich finde das reicht als Erklärung eigentlich nicht aus.). Während eines Sommers war Helga pleite und hatte schlechte Laune deswegen. Wenn wir unterwegs waren, gab es nichts zu trinken und Zuhause nur Leitungswasser. Heutzutage würde ich sagen: „Na, immerhin, viele Kinder haben gar kein sauberes Wasser“. Damals, mit acht, meine Privilegien noch nicht reflektiert gehabt habend, fand ich es karg. Ansonsten war aber nicht viel Geld nötig. Wenn Helga was zu tun hatte, brachte sie uns ins Freibad, das konnte sie bezahlen und wir spielten Backgammon. Die Spielsteine waren Schweizer Rappen und Deutsche Pfennige. Ansonsten gingen wir oft in den Wald, der relativ bald hinter dem Gewerbegebiet anfing, Kuhwiesen, Bäche und so weiter, ich erinnere mich gern daran. Irgendwann kam Helga auf die Idee aus den Königskerzen, die im Garten wuchsen, Sirup zu machen. Von dann an hatten wir auch was Leckeres zu trinken.

Ich erinnere mich an die Bümplizer Chilbi (Todesangst in der wilden Maus), Ausflüge in die Berge mit der Seilbahn, viele schöne Kühe, einen Besuch bei Rudis Vater in Solothurn, der im Gegensatz zu Ruedi viel Geld und Originalnoten von Mozart hatte (wir waren zum Abendessen eingeladen und auf der Butter war ein Edelweiß eingraviert) und die Nachbarn Matti und Heidi (Heidi war der erste Mensch, den ich traf, der genauso viele Sommersprossen hatte wie ich). Auf dem Nachbargrundstück stand ein großer Vogelkäfig und ich verbrachte einige Zeit damit, mit einem Ast nach einer rot-grün leuchtenden Papageienfeder zu angeln, die auf dem Käfigboden lag. Mit acht habe ich Vogelfedern gesammelt, aber an diese kam ich nicht ran. Helga kochte gern und gut, ließ uns mithelfen und auch selbst machen. Einmal schlugen Stefan und ich die Sahne zulange und entdeckten, dass es dann Butter wird. Auch einmal, Helga war unterwegs, fanden wir raus, dass man ganz einfach aus dem Fenster auf das Dach des Hauses klettern konnte. Wir liefen drauf rum und verstecken Sachen unter den kaputten Ziegeln. Zu unserer Verwunderung war Helga, als sie wieder nach Hause kam, überhaupt nicht begeistert, sondern vielmehr richtig sauer (das Dach war nicht hoch, aber wenn wir da eingebrochen wären, naja).

Mit Helga war es nicht immer einfach, ihr Umgang mit uns war oft nicht sehr, ich nenne es mal, altersangemessen. Aber ich verdanke ihr auch einige originelle Erlebnisse. Einmal haben Helga und Rudi mit uns Kindern einen Film gedreht. Rudi war in der Schweizer Experimentalfilmszene unterwegs. Einer der Filme, an denen er mitgewirkt hatte, wurde sogar auf den Solothurner Filmfestspielen gezeigt (in Deutschland wissen das nicht alle, aber in der Schweiz sind die Solothurner Filmfestspiele eine ernstzunehmende Sache). Und so muss irgendwie die Idee entstanden sein. Es war ein Krimi, „Die zwei Gangster mit dem roten Halstuch“, hieß er, glaube ich. Stefan und ich waren zwei Gangster mit roten Halstüchern (nach dem äußeren Erscheinungsbild sechs und acht Jahre alt, egal) und Helga spielte eine reiche Frau, die wir umbrachten, um sie auszurauben. Außerdem war sie der Kommissar, der den Mord dann aufklären wollte. Am Ende kommt der Kommisar den Gangstern auf die Schliche und die rennen weg. Wie ich mich so erinnere und vor mich hinlache, fällt mir auf, dass sowas heute kein großes Ding wäre. Filmen kostet ja nichts mehr, aber damals war das richtig was Besonderes. Als der Film dann fertig war, wurde er zu allen sich bietenden Gelegenheiten gezeigt und es war immer allen eine lustige Freude. Katze Jascha wurde ein Zettel mit „Das Ende“ zwischen die Pfoten gesteckt, aber sie stand einfach auf und lief weg.

Das ist jetzt alles über dreißig Jahre her. Die beteiligten Personen sind geschieden und/oder nicht mehr befreundet. Aber ich bin heute mal vorbeigegangen in Bümpliz. Rudi, dessen E-Mailadresse ich zufälligerweise im Internet herausgefunden hatte, verriet mir die Anschrift und auch, dass das Haus längst abgerissen sei. Ich fuhr mit der Straßenbahn Linie 7 zur Endstation Bümpliz. Von da waren es noch ein bisschen Laufweg und dann war ich da. Leider habe ich tatsächlich nichts mehr wieder erkannt. Gewerbegebiet, eine Werkstatt, ein Verwaltungsgebäude, eine Lagerhalle und an der Ecke ein Wohnhaus. Ich war nur mäßig enttäuscht, nichts anderes hatte ich erwartet. Aber damit war meine Spurensuche noch nicht zu Ende. Ich wollte unbedingt noch in den Wald mit der Kuhwiese, hinter dem Haus, wo wir so oft gewesen waren. Die dürfte doch eigentlich nicht weg sein, hatte ich mir überlegt. Und tatsächlich, nachdem ich durch etwas Industriegebiet und Autobahnlandschaft gekämpft hatte, landete ich am Waldeingang und war aufgeregt. Ein bisschen den Waldweg hinauf und ich stand an einer großen großen Wiese mit Waldrand, die mir bekannt vorkam. Was fehlte, waren die Kühe. Hinzugekommen sind Anfänge einer Wohnsiedlung, noch im Bau befindlich. Obs das hier echt war? Ganz sicher bin ich mir nicht. Ich laufe den Weg entlang und eine freundlich aussehende Frau kommt mir entgegen. Ich nehme meinen Mut zusammen (to whom it may concern: Mein Reallife-Ich ist wirklich schüchterner als mein Internet-Ich) und spreche sie an: „Darf ich Ihnen eine dumme Frage stellen“, sie erlaubt es und ich ich frage: „Gab es auf dieser Wiese mal Kühe?“. Sie überlegt und antwortet: „Früher glaube ich schon“. Ich erzähle ihr, warum ich frage und sie findet es witzig und erzählt, dass sie als Kind auch oft auf der Wiese und im Wald hier gespielt hat.

3 Kommentare zu “Bümpliz

      • nee ich fands wirklich schön und auch ein bisschen ergreifend in a good way, was mich gewundert hat, weil mich eigentlich so Kindheitserinnerungssachen immer irgendwie uncomfortable zurücklassen und für mich nicht gut funktionieren, aber das hier war lieb 🙂

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