Ein für allemal in dieser Spiegel-Angelegenheit

Am schlimmsten finde ich den Hashtag mit diesem Namen eines Herren (von dem ich jetzt übrigens einen Ohrwurm habe), der ein paar falsche berufliche Entscheidungen getroffen hat. Das Ganze ist so offensichtlich ein Systemproblem und ein einziger Mensch wird öffentlich so hingehängt. Bah.

Fast noch schlimmer finde ich die Haltung zu „Journalismus“, die in dieser Debatte zum Ausdruck kommt. Der Spiegel ist auf vielen Ebenen sowas von problematisch und eine schöne, ausgedachte Reportage ist da eher noch ein Trost.

Daneben finde ich diese Reportagen aber gar nicht schön, sondern sowieso ein entsetzliches Genre, auch ungefälscht sind sie ärgerlich. Als könne ein einzelner „Reporter“ (nicht zufällig sind es ja immer weiße, mittelklasse Cis-Dudes), irgendwo einfallen, und dann, weil sein Weltverständnis ist ja so universell, am Beispiel eines Einzelfalls und, weil seine investigativen Fähigkeiten sind ja auch so universell, irgendetwas Erhellendes zum demokratischen Diskurs beitragen. Stefan Schulz bringt es in seinem Talkradio auf den Punkt, wenn er  (sinngemäß) sagt, die Reportage sei ein Genre, in dem die Qualität des Werks danach bemessen werde, welche Gefühle beim Lesenden hervorgerufen werden. Oder, noch mal anders gesagt: Die Wirklichkeitsverfälschungen des Spiegelreporters sind nicht das Problem. Wir wissen genug über die Wirklichkeit, aber wir reagieren nicht adäquat darauf. Warum das so ist, damit sollte sich guter Journalismus beschäftigen.

Ein für allemal, der Spiegel hat kein Faktenproblem, er hat ein Ideologieproblem (Aus dem allerdings, so lernen wir von Stefan Niggemeier auf Übermedien, Faktenprobleme folgen können).

„Sagen, was ist“: das Motto des Spiegel. Das ist das Kernproblem, dass sie dort wirklich denken, das ginge. Das ist falsch auf so vielen Ebenen: Indem ich was sage, gestalte ich die Wirklichkeit neu. Jede Entscheidung, etwas zu sagen oder zu schreiben oder zu sagen, ist gleichzeitig eine Entscheidung, etwas nicht zu sagen oder zu schreiben, etwas ungesagt und unsichtbar zu lassen. Natürlich will ich damit nicht sagen, dass wir in der politischen Auseinandersetzung nicht immer versuchen müssen, der Objektivität möglichst nahe zu kommen. Aber, wenn ich als Prämisse setze, dieses Unterfangen könne erfolgreich abgeschlossen werden, bin ich von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

Guter Journalismus kann meines Erachtens nur funktionieren, indem die Journalist*innen sagen: „Das ist meine Meinung, und ich begründe sie folgendermaßen…“. Die Positionierung muss natürlich nicht immer ausdrücklich erfolgen. Eine Veröffentlichung im Wirtschaftsteil der FAZ enthält die politische Verortung implizit. Teil einer solchen Begründung kann dann auch so eine schnöselige Reportage sein. Von mir aus.

Ich persönlich habe in meinem Leben allerdings nur eine gute Reportage gelesen, und sie stammt von einem Schriftsteller, David Foster Wallace: „Consider the lobster“.

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