Liebes Frankreich,

ich war immer eine große Bewundererin von Dir. Deine Hauptstadt, Paris, war mein erster Sehnsuchtsort (kann es sein, dass ich gerade klinge wie Franz-Josef Wagner?). Erst nach näherem Kennenlernen änderte sich das ein wenig.

Eure (Ess)Kultur, Eure kühle Eleganz und Euer Antiautoritarismus, ich fands immer Spitze.

Bei Euch nehmen schon die Studenten vor dem Abendessen einen gepflegten Aperitif und essen den Salat vor dem Hauptgericht. In Punkto Style und Swag macht Euch niemand was vor. Bei Euch tragen auch die runtergerocktesten Punks noch eine unbesiegbare Eleganz im Habitus. Voltaire und Kant: noch Fragen? (Ja, Kant, hat die Weltphilosophie revolutioniert, aber wer war lustiger?). Aber am liebsten, französisches Volk, mochte ich immer Deinen mangelnden Respekt vor der  Autorität. Ihr findet, die staatliche Hoheit und ihre Insignien seien zum missachtetwerden da. Ich finde das vorbildhaft.

Meinem Eindruck nach sind sich Deutsche und Franzosen stets etwas fremd und werden es auch bleiben. Eure selbstbwusste, entspannte Haltung kongruiert schlecht mit unserem aufgeregten Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexen. Eure Gelassenheit können wir nie erreichen und das erzeugt einen gewissen Abstand. Während Ihr feinsinnige Mahlzeiten zubereitet, ruinieren wir durch Lohndumping Eure Volkswirtschaft. So war es irgendwie immer und wird es vermutlich immer irgendwie sein.

Jetzt habt Ihr mal wieder richtig Stress und Riots am Start. Mir persönlich gefällt wiederum, wie nonchalant Ihr Paris in Schutt und Asche legt. Was mich aber enorm irritiert: Wie kann es kommen, dass der Anlass für Eure Ausschreitungen zu hohe Benzinpreise sind? Muss es sowas Profanes wie Benzin sein? Das klingt doch eher nach einer vom ADAC gesteuerten Revolution. Vielleicht sind wir Deutschen und Franzosen uns doch ähnlicher als ich dachte. Irgendwie auch schön.

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10 Kommentare zu “Liebes Frankreich,

  1. Hallo Onkel Maike,
    dazu zwei Zitate:
    „Manchmal frage ich mich, ob die Welt von klugen Menschen regiert wird,
    die uns zum Narren halten, oder von Schwachköpfen, die es ernst meinen.“
    Mark Twain

    und

    Sattheit enthält wie jede andere Kraft,
    immer auch ein bestimmtes Maß an Frechheit,
    und dies äußert sich vor allem darin,
    dass der Satte dem Hungrigen Lehren erteilt.
    Anton P. Tschechow

    • Hallo Fluchtwagenfahrer,

      danke für die schönen Zitate.
      Zu Zitat 1)
      Wo würdest Du Friederich Merz einordnen?

      Zu Zitat 2)
      Wie meinst Du das konkret mit Bezug zum Text?

      viele grüße
      von maike

  2. Hallo Onkel,
    zu Deinen Fragen:
    1.)
    Auszug aus Wiki: „Psychopathie bezeichnet heute eine schwere Persönlichkeitsstörung, die bei den Betroffenen mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht.“
    Ergo tendiere ich Richtung „Schwachkopf“, auch weil ich mich mit dem Gedanken/Wissen nicht abfinden mag, das diese „Widerwärtigen“ aus ihrer Perspektive betrachtet sich für die geilen Pisser zu halten. (sorry für das Pi.. Wort)

    2.)
    a.) Auf die Ursache, Macrönchen, der Plagiator von Teutschland.
    Du kannst aber durchaus wahllos, nahezu sämtliche ,VOLKS-Beauftragten in diesen Sack stecken.
    b.) Ist es dir in den Sinn gekommen, das dies (BENZIN/ADAC Steuer) vielleicht das fehlende (existenzgefährdende) Tröpfchen war, welches das Fass zum überlaufen brachte, nur mal so als Theorie.

    3.)
    nicht böse, dir gegenüber, gemeint.

    • du ahnst ja gar nicht auf was für ideen ich so komme. ich finde trotzdem, dass es andere punkte gegeben hätte, das fass für übergelaufen zu halten. ist ja auch nicht so, dass die franzosen nicht schon vorher gegen macron und seine maßnahmen protestiert hätten. ich fand in dem zusammenhang didier eribons rückkehr nach reims interessant. er beschreibt ja, dass die französischen arbeiter sich irgendwann von links nach rechts gewandt haben, weil sie einfach keine hoffnung mehr hatten. die hoffnung, die vielleicht noch in macron bestand (bei manchen) ist wohl endgültig verpufft, mal sehen, wie die nächsten wahlen ausgehen.

  3. Nun ist es schon gesagt und ich rede eher mit mir: Benzinsteuer als Symbol – Belastung derer, die schon mehr tragen, als sie froh macht. Sicher auch genommen, weil das eigentlich ärgerlichste Symbol nicht zur Mobilisierung ausgereicht hatte: die „Entlastung“ der Wohlkriegenden, Wohlhabenden und Wohlerbenden. War noch zu abstrakt. Mit dem, was eine Masse täglich spürbar trifft, findet sich die gemeinsame Stimmungslage, die auf der Straße zur Abstimmung taugt.
    Las eben noch einmal in Albert Sobouls Geschichter der Großen Revolution: eins der Probleme, das das ancien regime nicht bewältigte, war, daß Adel und Klerus steuerfrei blieben, während die Einnahmen aus Grundrente um 98% stiegen und der Zehnte mit der Inflation, die Bürgerlichen, die nur 65% mehr Einnahmen im selben Zeitraum hatten, trugen aber die Steuerlast (ganz abgesehen von der Lage des Vierten Standes, denn den 65% Preisauftrieb standen nur 22% Lohnsteigerung gegenüber; aber das wurde erst später zu Zündstoff). Wenn man nur darauf blicken wollte, daß das Bürgertum sich bei 65% Mehreinnahmen auch noch beschwerte, wäre kaum zu verstehen, wie das zu einer Revolution führen konnte. Die Ungleichbehandlung war das Problem, wie nichtig der Anlaß sein mochte.

    • danke schön für die historischen fakten, interessant. wie ich gestern noch mal hörte, geht es den gilets jaunes ja explizit um die parallelität von benzinpreiserhöhung bei gleichzeitiger abschaffung der reichensteuer.

    • ja, also vielen dank für die inhaltlichen ergänzungen. ich finde das sehr interessant. für mich war gewissermaßen selbstverständlich, dass meine kritik an den protesten gegen die benzinpreiserhöhungen nicht wirklich „ernst“ gemeint war. natürlich sind benzinpreiserhöhungen eine soziale katastrophe für viele, wenn sie nicht an einer anderen stelle abgefedert werden. trotzdem würde ich sagen, dass ich mir massenproteste von französ*innen aber auch deutschen schon an anderen stellen auch wünschen würde: zum beispiel gegen das ertrinken im mittelmeer.
      was die aktuelle situation in frankreich anbelangt: sehr spannend, wer ist da eigentlich auf der straße, niemand weiß es genau. dass macron eine neoliberale politik vertritt, war ja eigentlich vor der wahl bekannt, er wurde ja von vielen auch einfach als das geringere übel zu le pen gewählt. wenn er jetzt auch noch die enttäuscht, die hoffnung in ihn gesetzt haben, ohje ohje.

      • Ist das nicht in allen großen Industrieländern der ‚entwickelten‘ Welt zur Zeit so? Die letzten halb progressiv wirkenden politischen Strömungen kommen mit einer Hillary Clinton, einem Matteo Renzi, einer Andrea Nahles, einer Katja Kipping, einem Macron (vorher hießen sie Blair, Schröder, Hollande) und drehen mit freundlichem ALTERNATIVLOS-Gesichtern dem abgehängten oder strampelnden Drittel die Guregel ab. Wen soll die Gewürgten wählen? Zuletzt bleibt nur noch: jeden anderen, bloß nicht die!
        Es ist ein hoch interessantes Schauspiel, wie in den permissiven, demokratisch-transparenten, von Informationen nur so durchspülten westlichen Gesellschaften die – heute so genannten – „Eliten“ sich benehmen, als wollten sie den Marie-Antoinette-Preis gewinnen. Wie kommt das? Woher kommt die Verblendung? (Macron soll doch vor ein paar Wochen damit aufgefallen sein, einem arbeitslosen Gärtner gesagt zu haben, er müsse doch „bloß mal über die Straße gehen“ …)

      • gut gesagt! gute frage: gibt es noch irgendwo auf der welt ein land, indem eine im engeren sinne sozialdemokratische politik gemacht wird? (nicht, dass das dann gut wäre, kolonialismus, nationalismus, ausbeutung etc. bestehen dann ja weiter). mir gefällt ja beispielsweise schon, dass die italiener sich weigern, sich der eu-finanzpolitik zu unterwerfen. schade aber, gelinde gesagt,dass das eben von einer rechtspopulistischen partei kommt. das hebt ja alles emanzipative potential, das von einer solchen politik ausgehen könnte, wieder auf. ich setze ein wenig hoffnung in die klimabewegung, wenn die menschen angesichtes der ökologischen katastrophe nicht verstehen, dass es so nicht weitergeht, dann tatsächlich nach uns die sinnflut, gell?

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