Das ist doch alles Wahnsinn (4)/2

Es folgt die Fortsetzung von Das ist doch alles Wahnsinn (4)/1:

 

Wer in Not ist, muss gerettet werden, das schreibt das Recht vor und die Humanität. Beide schreiben allerdings nicht vor, dass Private übernehmen, was die Aufgabe von Staaten sein sollte.

Und wieder ein klassischer Fall von „Einfach mal ne Aussage in den Raum stellen, der keiner widersprechen würde, die aber immerhin nicht falsch ist“. Niemand, die privaten Seenotrettenden zuallererst, hätte was dagegen, wenn die Staaten diese Aufgabe übernehmen würden, tun sie aber eben nicht.

 

Wie problematisch das ist, wird schnell deutlich, wenn man das Prinzip einmal auf ein anderes Feld überträgt: Es gibt immer mehr Wohnungseinbrüche und Überfälle, die Polizei ist zu schlecht besetzt – warum nicht private Ordnungskräfte sich selbst einsetzen lassen?

Also ich finde hier primär problematisch, dass es diese Textstelle durch eine (so etwas muss es doch geben) wie auch immer geartete Redaktion der Zeit geschafft hat? Wie kann so etwas denn durch die Hände von jemandem gegangen sein, der nur auch mit einer Art halbwegs gesundem Menschenverstand sein (da, seht Ihr, je mehr man sich aufregt, desto mehr verfällt man in AfD-Vokabular, „gesunder Menschenverstand“ – aber Ihr versteht mich, ne?). Das ist ja aus so vielen Perspektiven falsch und ich bin auch nicht die erste, die deswegen in Schnappatmung verfällt: Der Vergleich von Einbruchsopfern und Ertrinkenden, die Überfallzahlen steigen gar nicht, und ja, wenn in eine Wohnung eingebrochen wird und die Polizei ist gerade nicht vor Ort, aber mutige Private, dann bitte einschreiten, von der Rechtsordnung so vorgesehen in § 127 Strafprozessordnung, soweit völlig unproblematisch. Es ist im Grundsatz okay, dass Privatpersonen an Stellen, wo der Staat aus was für Gründen auch immer, seine Aufgaben nicht erfüllen kann, diese Aufgaben übernehmen, wenn es nicht zur ständigen Einrichtung wird. Etwas problematisch im erweiterten Kontext nur, dass Bürgerwehren oft aus Nazis bestehen, die leider was Anderes im Sinne haben, als die Förderung eines friedlichen Zusammenlebens aller.

 

Vor solchen Zusammenhängen verschließen viele Retter allerdings die Augen, sie wähnen sich moralisch auf der unangreifbaren Seite. An dem Problem, das sie beklagen, wirken sie damit allerdings mit. Ihr Verständnis von Menschenrechten ist absolut kompromisslos.

Das ist doch mal eine feiste Unterstellung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute, die sich auf dem Meer auskennen, die skizzierte Problematik verneinen. Warum sollten sie. Und ja, vermutlich wähnen sie sich auf der „moralisch unangreifbaren Seite“, wenn wir das so verstehen, dass es keine Argumente gegen die Rettung von Menschenleben gibt und, dass das Recht auf Leben „kompromisslos“ gilt.

 

Viele Retter begründen ihr Handeln unter anderem damit, dass jeder Mensch das Recht habe zu fliehen, wohin er will. Weil es so ein Recht juristisch nicht gibt, begründen sie es moralisch. Europa stehe, so sagt es zum Beispiel Ruben Neubauer, Sprecher der Rettungsorganisation Sea-Watch, obendrein wegen „kolonialer und postkolonialer Ausbeutungsprozesse“ in der Schuld der Migranten. Sie holten sich also nur einen Bruchteil dessen zurück, was man ihnen weggenommen habe.

Nächste Stelle mit „Ok, nicht ärgern, einfach lieber beeindruckend finden, wie es die Autorin geschafft hat, so einen rasenden Quatsch im „Qualitätsmedium Zeit“ unterzubringen, meine Fresse, Chapeau.“

Wenn wir über Sinn und Unsinn von Seenotrettung durch Private sprechen, ist es, offensichtlich, irrelevant, ob und welche kruden Theorien zur Migrationspolitik die Rettenden so im Kopf haben. „Viele Notfallmediziner vertreten unkluge Ideen, was Maßnahmen zur Entlastung überlaufener Notaufnahmen betrifft.“ Das kann man sagen oder irgendwo hinschreiben, gehört aber nicht in eine Abhandlung von Sinn und Unsinn der Notfallmedizin, gell? Es diskreditiert einfach nur diejenigen, die Notfallmedizin befürworten. Tatsächlich dürften viele Flüchtlingsaktivist*innen mit europäischen Staatsangehörigkeiten der Auffassung sein, dass es nichts als ein Zufall ist, dass sie in ein Leben in Europa, in Sicherheit und mit Lebensperspektiven geboren wurden und andere Menschen nicht. Und, dass es somit eine unerträgliche Ungerechtigkeit ist, dass die einen friedlich Zuhause sitzen können und die anderen sich in unter Lebensgefahr auf ein seeuntüchtiges Boot setzen, das aufs Mittelmeer hinausfährt. Das hat dann auch wieder, wenn wir weiterdenken, nichts mit einer (doch sehr dümmlichen Unterscheidung, die außer Mariam Lau vielleicht sonst niemand trifft) zwischen „juristischen“ und „moralischen“ Rechten zu tun, sondern mit ganz normalen Menschenrechten.

 

Diese fragwürdige Kausalkette geht nicht nur davon aus, dass die Bewohner ehemaliger Kolonien für nichts verantwortlich sein können – nicht mal für ihr eigenes Unglück – sondern sie geht auch mit einer gewaltigen Selbstüberhöhung einher: Manche Seenotretter vergleichen sich unerschrocken mit den Flüchtlingshelfern der DDR oder gar mit jenen, die im Zweiten Weltkrieg Juden gerettet haben.

Es ist einfach nur knalldumm und sie haben sie es schreiben lassen. Warum sollten sich die Seenotretter nicht mit den Flüchtlingsrettern der DDR vergleichen lassen? Ich will gar nicht länger darüber nachdenken, warum Frau Lau das so abwegig vorkommt.

 

Nun könnte man sagen: Na und, was hat das Selbstbild von Rettern mit dem Schicksal der Geretteten zu tun? Leider wirken die Aktivisten aber an der Vergiftung des politischen Klimas in Europa mit. In ihren Augen gibt es nur Retter und Abschotter, sie kennen kein moralisches Zwischenreich.

Langsam wird es so abwegig, dass frau sich denkt: Irgendein Seenotretter muss Mariam Lau mal sehr tief verletzt haben…

 

Wenn die betroffenen europäischen Gesellschaften auswählen wollen, wer zu ihnen kommt, ist folgerichtig gern von „Selektion“, von „Lagern“ und von der „Festung Europa“ die Rede . In diesem Denken gibt es keinen Unterschied zwischen Angela Merkel und Viktor Orbàn. Auch die europäische Grenzschutzorganisation Frontex ist der Feind – was umso verlogener ist, als es sehr oft Frontex-Schiffe waren und sind, die den privaten Rettern zu deren großer Erleichterung die Flüchtlinge, die sie im Laufe des Tages aufgegriffen haben, abnehmen, um sie nach Europa zu bringen.

Ja, verlogen sind sie, die Seenothelfer. Deswegen sind sie auch aus ihrem gemütlichen Heim ab aufs Schiff, da lügt es sich einfach schöner, im Meereswind. Daneben würde ich mich für eine adäquatere Bezeichnung für die genannten libyschen Einrichtungen interessieren? Wenn ich „Lager“ dazu sage, habe ich damit mein Unvermögen zur Differenzierung belegt, hm, not convinced. Und nur, so ganz nebenbei, wir sind ja eigentlich in einem Text, der sich mit Seenotrettung beschäftigen soll, diesen inhaltlichen Pfad hat die Autorin inzwischen weiträumig verlassen. Lieber erhebt sie irgendwelche entfernt thematisch verknüpften absurden Vorwürfe.

 

Italien hat all dem über Jahre hilflos zugesehen.

Wie jetzt, „Italien“ ist immer noch traumatisiert von der Verlogenheit der Flüchtlingshelfer, ihren Fehlbezeichnungen libyscher Freizeitparks und unzulässigen Merkel-Vergleichen? Ich hätte Italien für seelisch robuster gehalten.

 

In den zwei Wochen, in denen ich mal an Bord eines privaten Rettungsschiffes mitgefahren bin, hat keiner der Helfer auch nur einen Gedanken daran verschwendet, wie die sozialdemokratische Regierung von Massimo Renzi ihren Bürgern erklären soll, dass sie Tausende von Menschen einkleiden, beherbergen und ernähren sollen, die gekommen sind, um zu bleiben – legal, illegal – ganz egal.

Ich finde hier wird es endgültig ziemlich jensspahnesk. Das sind doch Aussagen, die Satiriker arbeitslos machen, weil sie nicht mehr ins Absurdere zu steigern sind.

 

Wie lange sich demokratische Parteien und Institutionen halten können, wenn sie in entscheidenden Fragen machtlos wirken – das ist nun einmal nicht das Problem von Leuten, die das absolut Gute tun.

Mariam Lau, es hilft nix, jemandem vor dem Ertrinken retten ist „absolut gut“.

 

Nun weht ein anderer Wind in Italien. Die Regierung Renzi ist kaputt, der stellvertretende Ministerpräsident Salvini sagt: „Wir wollen nicht zu Europas Flüchtlingslager werden und noch immer liest man in deutschen Zeitungen, Salvini errege sich über ein „Pseudo-Problem“.

Das ist doch aber mal eine selten unseriöse Kausalinsinuation hier. Wir erinnern uns wehmütig an die jahrzehntelangen stabilen Regierungsverhältnisse in Italien. Da mussten erst die verlogenen Seenothelfenden kommen, um diese hochfunktionalen Strukturen zu zerstören.

 

Ein Spaziergang durch Rom müsste eigentlich jeden eines Besseren belehren. Auf den Straßen ist das Elend der Flüchtlinge nicht zu übersehen.

Und da dachte man, ekeliger kanns nicht werden.

 

Interessanterweise gibt es einen Akteur, der in den Schuldzuweisungen der Aktivisten nie vorkommt: die afrikanischen Regierungen. Ist es wirklich nur der Postkolonialismus, der die Menschen zu Tausenden aus einem eigentlich reichen Land wie Nigeria treibt?

Nein, sagt auch niemand.

 

Stellen wir uns für zwei Minuten vor, wo Europa jetzt stünde, wenn man dem Drängen der Menschenrechtsorganisationen nach Legalisation aller Wanderungsbewegungen, ob Flucht oder Armutsmigration, nachgegeben hätte. Nach einem Europa ohne Grenzen. Eine Million, zwei Millionen, drei Millionen. Wie lange würde es wohl dauern, bis die letzte demokratische Regierung fällt?

Je schneller sich alle Seiten daran gewöhnen, dass keiner die reine Lehre durchsetzen kann, desto besser, Europa – da haben die Seenotretter recht – kann und soll sich nicht völlig abschotten. Aber es muss besser und schneller aussuchen, wer kommen darf.

Aussuchen, wer kommen darf, klingt schon ein bisschen nach Selektion, oder?

 

Statt die afrikanischen Regierungen, wie die NGOs es tun, dabei von jeder Verantwortung freizusprechen, müssen sie mit an den Tisch als Akteure mit Interessen, nicht als Wohlfahrtsempfänger. Aber den Gedanken, durch die von Rettern ermögliche Migration geschichtliches Unrecht zu heilen, den sollte man vielleicht mal zu den Akten legen. Wer mit dem Verweis auf Menschenrechte jede Sicherung der Grenzen zu verhindern versucht, wird am Ende denen in die Hände spielen, die gar kein Asylrecht mehr wollen.

Welche Gedanken „vielleicht zu den Akten“ gelegt werden sollten, ist doch im behandelten Kontext so uninteressant wie nur was. Und „Wenn Ihr nicht gemein genug seid, gewinnen die noch Gemeineren“ ist ein Totschlagargument, das immer bzw. nie einschlägig ist.

Mariam Lau hat in zwei Punkten Recht: Seenotrettung durch Private hat problematische Nebenwirkungen. Sie zieht aus dieser Tatsache aber abwegige menschenverachtende Schlüsse. Außerdem kann tatsächlich niemand die Frage beantworten, was passiert, wenn wir die Wege von Afrika nach Europa freimachen und die Grenzen öffnen. Ich kann das zumindest nicht und ich fürchte, dass es auf diese Frage auch keine einfache Antwort gibt. Eins steht aber fest, es hilft ganz sicher nichts, so wie Mariam Lau es tut, darüber zu sprechen.

Advertisements

9 Kommentare zu “Das ist doch alles Wahnsinn (4)/2

  1. Die ZEIT bleibt sich treu als intellektuelles Sprachrohr des liberalen Bürgertums. Dessen Projekt ist es eben grade jetzt, die Sperrung italienischer Häfen schön zu reden und zu rechtfertigen. Man leite den Flüchtlingsstrom auf spanische Sklavenplantagen, bis auf dem Balkan ein Zaun bricht.

      • Wieso? Nach dem man Jahrelang höflich dazu geschwiegen hat, dass diese unverschämten Armen sich tot an hochwertigen Badestränden anschwemmen lassen, ist es doch ein Fortschritt, daß die Tatsachen endlich beim Namen genannt werden. Die einzig vernünftige und Humane Lösung ist es dann eben ein gemeinsames, europäisches Gesetz, welches unmißverständlich lautet: Ertrinken in diesem Gewässerabschnitt verboten! Um das durchzusetzen, braucht man dann tatsächlich kein privates Baywatch, wir müssen den Libyern dazu nur ein Ordnungsamt nach deutschem Wesen spendieren.
        Das liberale Bürgertum übrigens reicht sehr viel weiter nach rechts, als der gebildete ZEIT-Redakteur öffentlich zugeben würde. Und in Zeiten wie diesen ist jedes Abo heilig. Vielleicht könnte man das Blatt wieder auf Linie bringen, in dem man jedem, der es lebend an den Strand schafft, zur Belohnung ein Abo schenkt? Integrierte Migranten tragen ja häufig äußerst bildungsbeflissenen Konservativismus zur Schau…

      • Ja, Alice, da hast Du natürlich Recht. Aber ich bin ja auch eine, die lange höflich geschwiegen hat oder zumindest nichts mitgekriegt, obwohl die Dinge mitkriegbar waren. Manchmal denke ich auch, der einzige Ort, wo anständige Menschen sich gerade aufhalten sollte, ist am oder auf dem Mittelmeer. Und dann denke ich wieder, na, das ist doch auch keine Lösung. Ich finde schon, dass wir gerade eine Diskursverschiebung haben, auch wenn das Bürgertum natürlich schon immer abgrundtief böse war.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s