Das ist doch alles Wahnsinn (4)/1

(Leute, ich habe Muriel gechannelt und einen Text geschrieben, wie er das häufig macht, hat sich ganz gut angefühlt. Wenn ich anfange, gegen Steuern und Arbeitnehmendenschutzrechte zu wettern, holt bitte einen Arzt.)

Ich hänge mit meinen Gedanken immer noch Mariam Laus wahnsinnigem Beitrag zu der Frage „Private Seenotrettung im Mittelmeer pro und contra“ in der Zeit nach. (Wer sich die Zeit nicht kaufen möchte, hier kann er nachgelesen werden.) Der Text an sich ist die eine Sache, der wahre Irrsinn aber offenbart sich in den Reaktionen. Nachdem die Zeit Ihre Debattenbeiträge mit einem flapsigen „Soll man es einfach lassen?“ übertitelt hatte, reagierten Teile des Internets, offensichtlich etwas wütend, mit Repliken im Stile von „Zeit-Journalisten auf offener Straße erschießen, ja oder nein?“. Der Hashtag #FragenwiedieZeit trendete. Dies nun wiederum wurde von Unterstützer*innen der Position Laus, und wie es scheint auch Menschen, die den Beitrag kritisch sehen, als Verrohung des Diskurses und Aufruf zum Mord (sie waren sich nicht zu blöd) gebrandmarkt. Geschwind stand nicht mehr der entsetzliche Text selber, sondern die hetzerischen Gutmenschen, die sich über ihn aufregten, im Mittelpunkt der Debatte. (Hier auf Bildblog eine gute Darstellung)

Unglaublich. Wie konnte das wieder passieren? Ist es wirklich unsere Ungeschicktheit, sind wir so ungeschickte Strateg*innen? Ich glaube es eigentlich nicht. Ich glaube, wir können sagen und tun, was wir wollen, die „flüchtlingskritische Rechte“ wird uns immer einen unangemessenen Überlegenheitsduktus und eine verlogene Moral vorwerfen. Ihre eigene Gewalttätigkeit wird sie immer auf uns zurückprojizieren. (Bevor jemand fragt, wer dieses „uns“ und „wir“ ist, von dem ich immer rede, ich weiß es auch nicht.) Weil es geht und weil der Durchsetzung ihrer Interessen eben keine moralischen Schranken im Wege stehen. Da liegt das Problem, nicht bei uns. Was denn, wenn nicht Moral, soll denn der Ausgangspunkt für politische Erwägungen und Entscheidungen sein, Hä? Natürlich sind Linke und ihre Postulate oft inkonsequent und verlogen. Aber das ändert doch nichts daran, dass wir unsere Handlungen im Ausgangspunkt auf moralischen bzw. ethischen Erwägungen fundieren. Ich wüsste nicht, worauf sonst. Und allein dadurch bin ich dann immer angreifbar.

Immer wieder erreicht die öffentliche Debatte Punkte, wo ich denke „Das ist doch jetzt nicht gerade wirklich gesagt worden.“ Prominentestes Beispiel der letzten Zeit: Horst Seehofer und sein 69. Geburtstag. Und am unglaublichsten ist, wie immer, nicht die Aussage/Handlung selber, sondern die (ausbleibenden) Reaktionen darauf. Wie kann die SPD so einen Innenminister stützen? Das ist schlicht unfassbar. Allen Scheiß machen sie mit. Jetzt stehen sie in Bayern nur noch bei 12%, hinter AfD und Grünen, und haben immer noch zu viel Angst vor Veränderung. Da ist wirklich gar kein Grund zur Hoffnung mehr.

Mariam Laus Text „Retter vergrößern das Problem“ markiert einen weiteren Punkt auf dem Weg. (Ich weiß nicht wohin. Dahin, wo es nicht gut ist. Wenn wir wieder Faschismus kriegen, dann gerne wieder mit schicken Uniformen von Herrn Bogner.) Ein Teil seiner Entsetzlichkeit ergibt sich aus dem Kontext. Denn der Artikel ist keine Veröffentlichung im Rahmen des Internetauftrittes der NPD (aber, Spoiler Alert: ich kann keine Widersprüche zur NPD-Position erkennen), sondern eben in der bildungsbürgerlichen Wochenzeitschrift Zeit erschienen. Ja, wir wissen es alle, die Akademiker*innen waren die ersten Unterstützer*innen Hitlers und der NSPAP, sie sind zuerst und am begeistertesten umgefallen. Trotzdem bin ich verdutzt.

Ich werde Mariam Laus Text jetzt hier kommentieren für mich, als Dokument, was eigentlich gerade los ist, was für ein menschenverachtender dummer Mist im Sommer 2018 in Deutschlands renommiertester Wochenzeitung veröffentlicht werden kann. Es ist ein sehr langer Longread, aber ich finde, das sollte jede*r gelesen haben. Meine launigen Anmerkungen peppen das Lesevergnügen etwas auf (Mariam Lau ist kursiv gesetzt und ich fett):

 

Retter vergrößern das Problem

Von Mariam Lau

Ja tatsächlich, das ist das einzige Problem, das die Retter vergrößern: Mariam Laus Problem mit zu viel Humanismus im Mittelmeer, aber das meint sie natürlich nicht.

 

Menschen ertrinken auf der Suche nach einem besseren Leben zu Tausenden im Mittelmeer – also muss man sie retten. Das ist, in einer Nussschale, die Legitimation der privaten Helfer, die an den Küsten Nordafrikas unterwegs sind. Not kennt kein Gebot – so einfach ist das für sie.

Ja, so einfach ist das.

 

Aber so einfach ist es nicht.

Doch.

 

Das Ertrinken im Mittelmeer ist ein Problem aus der Hölle, ein politisches Problem, zu dessen Lösung die private Seenotrettung null und nichts beizutragen hat.

Ich weiß nicht genau, was „ein politisches Problem“ genau sein soll. Vielleicht ist es ein Problem, das zu komplex ist, als dass es auf individueller, privater Ebene gelöst werden könnte. Da hat Mariam Lau Recht. Aber das Ertrinken ist auch ein humanitäres Problem, an dessen Lösung die Politik offensichtlich scheitert. Und spätestens dann ist es eben auch ein privates Problem derjenigen, die den Zustand unerträglich finden. Die private Seenotrettung im Mittelmeer ist ja nicht aus dem Nichts, als Vergnügen saturierter hedonistischer Gutmenschen entstanden. Ausgangspunkt für die Aktivitäten der privaten Retter*innen waren die steigenden Zahlen von Toten, die wiederum in der Einschmelzung von EU-Mitteln für die italienischen Küstenwache begründet lag. Die staatlichen Strukturen funktionierten nicht, also traten die Privaten auf den Plan.

 

Denn Politik besteht eben nicht darin, das vermeintlich Gute einfach mal zu machen, sondern darin, die Dinge im Zusammenhang zu betrachten und auch die Nebenwirkungen gut gemeinten Handelns.

Das stimmt soweit. Politisches Handeln bedeutet, die Strukturen und nicht das Individuum in den Blick zu nehmen. Das heißt in der Abwägung widerstreitender individueller Interessen Entscheidungen zu treffen, die für das Gemeinwohl, die „Gesamtgesellschaft“ die beste ist, auch wenn dann Einzelne in ihren Rechtspositionen Abstriche machen müssen. Aber das hat leider mit dem diskutierten Problem gar nichts zu tun. Für eine Frau ist Mariam Lau eine ganz schöne Mansplainerin könnten wir an dieser Stelle festhalten. Einfach was erzählen, was erstmal nicht falsch und damit auch nicht widerlegbar, aber dafür irrelevant ist.

 

Und der Zusammenhang ist leider so: Die Retter sind längst Teil des Geschäftsmodells der Schlepper. Die New York Times veröffentlichte 2016 eine Grafik, in der man einen Zusammenhang zwischen der Nähe der Rettungsschiffe zur libyschen Küste und der Zahl und Qualität der Flüchtlingsboote sehen kann. Was die italienische Küstenwache vermag, das können die Schlepper auch: einen Radar lesen. Schlepper kennen die Namen und Kapazitäten der NGOs; sie brauchen gar keinen direkten Kontakt, um ihre Planung auf sie auszurichten. Je mehr gerettet wird, desto mehr Boote kommen – so einfach ist das, und so fatal.

An dieser Stelle unterstellt Frau Lau, die Seenotrettung sei die eigentliche Ursache, die Seenotrettenden die eigentlichen Verantwortlichen für die vielen Fälle von Seenot. Ich kenne mich zu wenig aus, um die Behauptung der New York Times infrage zu stellen. Das ist aber auch nicht notwendig. Ich halte es für möglich, dass die Schlepperindustrie, zynisch gesagt, aus der Anwesenheit von Rettungsschiffen Mitnahmeeffekte generiert. Ich als Schlepperin würde das tun. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass die private Seenotrettung initiiert wurde, weil so viele Menschen ertranken. Sie hat das also nicht im Ursprung verursacht. Das Qualitätsmanagement der Schlepperindustrie war auch früher schon nicht vorbildlich und an der Maxime der Passagiersicherheit ausgerichtet. Die Menschen machen keinen Sicherheitscheck, bevor sie sich aufs Meer hinauswagen. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass die Schlepper jetzt mehr Boote losschicken, aber dann ist das eben auch nur ein Ausdruck der großen Anzahl an Verzweifelten. Das Problem muss anders (und zwar politisch!) gelöst werden, als durch Inhaftierung der Kapitäne der privaten Schiffe. Apropos Schlepper: Das ist auch so ein beliebtes Narrativ der Rechten: Der teuflische Schlepper als die Ursache der Flüchtlingskrise. „Wir müssen die Balkanroute dichtmachen und so das Geschäft der Schlepperindustrie vereiteln“, sagen Leute wie Horst Seehofer. Der Schlepper, im Vergleich zu ihm ist der Heroindealer ein harmloser Kurzwarenhändler. Ja, das Schleppertum ist nicht die sympathischste Art und Weise des Broterwerbs, aber eben nur ein Symptom und nicht die Ursache der globalen Migrationsbewegungen. Wer sich argumentativ an ihnen abarbeitet, verweigert in der Regel die Diskussion der Ursachen und Lösungsmöglichkeiten.

 

[Fortsetzung folgt]

 

 

Advertisements

26 Kommentare zu “Das ist doch alles Wahnsinn (4)/1

  1. Es ist in der Tat befremdlich zu sehen, welche Selbstzerfleischung formulierte Gedanken hervorrufen. Aber klar triffst Du den fundamentalen Unterschied zur konservativen Anschauung, das war mir bisher nicht so bewusst: Bei Verhandlungen – und Politik ist ja das Verhandeln von Interessen – bleibt die moralische Integrität des Verhandlungspartners völlig außen vor. Es zählt nur Verlässlichkeit hinsichtlich der getroffenen Absprachen.
    Ferner verwundert mich die Mühe, eine Haltung als falsch zu entlarven. Denn nicht Logik, sondern Mehrheit entscheiden über die Richtigkeit. In diesem Fall geht es um die verbreitete Haltung des Krämers, der keine Bettler vor seinem Laden will. Der ermahnt die Kinder, gebt bloß nichts, das lockt nur mehr von denen an. Ob das wahr ist, ist bedeutungslos, denn die Bettler werden davon gejagt sein, bevor es jemand herausfinden kann. Die schweigende Mitte wird auch das Kind zum Schweigen bringen. Man schämt sich nämlich erst, wenn das Kind laut die hässlichen Sackfalten des nackten Kaisers beschreibt. Ich weiß nicht, ob Frau Lau in diesem Schwank Kind, Kaiser oder applaudierendes Publikum ist.

    • „Ferner verwundert mich die Mühe, eine Haltung als falsch zu entlarven. Denn nicht Logik, sondern Mehrheit entscheiden über die Richtigkeit.“
      Hobby-Macchiavellist? 😉
      Im Ernst, mensch kann mich gerne naiv nennen, aber ich glaube daran, daß Logik durchaus mehrheitsfähig ist. Und ja, es ist mühsam, Rotz, der mit beschissenen menschenverachtenden Äußerungen gespickt ist, auseinanderzuziehen, deswegen @Onkel Maike, alles richtig gemacht!

      • Hugo, danke für den Kommentar. Ich fürchte tatsächlich, dass Logik nicht mehrheitsfähig ist. Oft ist es doch so, dass Linke die richtigen Prognosen treffen, aber was nützt es ihnen. Ich finde aber trotzdem, dass wir, pathetisch gesprochen, die Flagge der Aufklärung weiter hochhalten sollten! Was denn sonst.

      • Niccolo war der einzig seriöse Politikwissenschaftler der Weltgeschichte. Mit Logik kommt man bei gesellschaftlichen Zusammenhängen leider nicht weit. Die Grundlagen sind axiomatisch, die Marschrichtung der Schlüsse von Befindlichkeit und Mode bestimmt.

      • Naja, das wäre ja doch eine Absage an irgendwie alles. Dass Menschen oft nicht nach logischen Erwägungen handeln, wissen wir. Aber das heißt doch nicht, dass wir die Logik aufgeben. So einfach ist es nicht.

      • Ich finde diese Einsicht sehr wichtig, wenn man gegen Strömungen arbeiten will, die bewußt mit der Angst der Menschen arbeiten. Da hilft nämlich keine Logik. Und wenn man das nicht eingesteht, steht man hilflos da und wundert sich warum. Und um nicht nur der Defätist zu sein, sehe ich die Möglichkeiten mehr in den Feldern von Psychologie und Pädagogik, weil diese die Emotionalität würdigen. Wenn wir bei der Logik verharren, benutzen die Gegner sie gegen uns: Warum sollen die Sorgen vieler keine angemessene Repräsentation in der Demokratie bekommen? Denn mit einer unangenehmen Tatsache müssen wir Leben: Es gibt mehr von ihnen, als wir uns eingestehen wollen und sie sind durch Reden&Kabarett nicht zu überzeugen. Der alte Spruch von 20 und 30jährigen und Herz&Verstand ist meiner Meinung nach sachlich falsch, denn es ist das kalte Herz, das ab 30 bestimmt mit seiner Angst um das Mühsam erworbene.
        Um das zu schließen, was mich an der Aufregung ein wenig irritiert, ist der Verdacht, dass ZEIT und Autorin hier wirklich nur die Boten sind, auf die nach herzenslust eingeprügelt wird. Menschlich durchaus, aber wir sollten uns fragen, obwir dafür Zeit und Raum haben.

      • Alice, da bin ich doch extrem bei Dir. Mich nervt bei meinem eigenen Freund auch, wenn er sich in irgendwelchen Rechthab-Diskussionen mit anderen Linken verstrickt, weil da kommt es doch nicht darauf an.

        Einen Text zu schreiben, in dem ich mich darüber aufrege, wieviele falsche Sachen darin stehen, habe ich für mich selbst gemacht, bzw. auch, weil ich es schon einen besonderen Ausdruck von Zugeständnis an Sorgen und populistische Strategien finde, so einen sachlichen Müll in einem Text unterzubringen. Das war ja nun einfach mal viel sachlich falsch – Und das mit so einer menschenfeindlichen Intention.

        Mariam Lau ist nicht nur eine Botin, sie ist auch Repräsentantin. Und dafür gehört sie zurecht kritisiert.

      • Das darfst du und ist schön gemacht. Mir fällt nur jüngst einige Male auf, dass die ZEIT von links gern mit der Vehemenz enttäuschter Liebe kritisiert wird und das wundert mich. Denn ihr Erfolgsrezept ist doch scheinbar Neutrale zustimmungsfähigkeit gebildeter von weit links bis rechts, sozusagen der hanseatische Sozialdemokrat, der mit Gewerkschaften genauso wie Altnazis gern und erfolgreich verhandeln kann. Zu Frau Lau muss ich mich mal informieren. Was sie schrieb schien mir nun eher unsympathisch-rückratlos als wirklich falsch, das Gerede von Leuten halt die Arme Migranten herzlich gern akzeptieren, als Putzhilfen, Pfleger Lieferfahrer etc und keinem von denen Tod durch ertrinken Wünschen. Der Soziologe würde sagen, Aufstiegsorientiert und dabei ohne Absicht nach unten tretend. Dieses Milieu hat tatsächlich weniger Angst vor Migranten als vielmehr große Angst vor der schlechten Meinung derjenigen, von denen sie Glauben, dass sie Angst vor den Ausländern hätten. Komplizierte Ängsteprojektionen, welche aber scheinbar unverständliche Hysterie manch bayerischer Landespolitiker erklären würde.

      • Der Witz ist ja, dass Mariam Lau selber ein Flüchtling ist, sie ist die Tochter von Bahman Nirumand. Oberschichtenangehörige (oder zumindest Bourgeoisie). Ich glaube ja eh, dass die meisten rassistischen Phänomene eine Verbindung zum Klassismus haben. Ich finde, dass vieles, was Lau schreibt, „falsch“ ist. Nehmen wir die Behauptung vom „Pull-Faktor“ es gibt schlicht fundierte Meinungen, die dem widersprechen. Sie kann das nicht einfach behaupten. Oder ihre pauschalisierenden Aussagen über Seenotrettende. Schlicht falsch würde ich meinen.

      • Da hab ich Ahnung von mit drei Asiatischen Kulturen in der Familie kann ich Dir versichern: was Rassismus angeht, sind die
        strammsten Deutschen Waisenknaben. Da fasst man ihre Gedanken etwa so auf: Dass sie eine staatliche Regelung vor privater Rettung bevorzugt, kommt von dieser behäbigen, sozialdemokratischen Staatsglaubigkeit, aber zumindest kann grade denken und echte Probleme lösungsorientiert angehen. Einmal Soze, immer Soze, aber die Telefonnummer kann man behalten, wenn man mal n Artikel braucht. Ich finde übrigens, sie hat an keiner Stelle empfohlen, Leute vorsätzlich ertrinken zu lassen, aber durch ihre Wortwahl dafür gesorgt, dass viele Menschen Schnappatmung kriegen. Was erst mal hohe Kunst und Journalistische Tugend ist. Rhetorische Kunstgriffe, die früher mal von Links virtuos beherrscht wurden, die jetzt aber die Gegenseite fast besser zu können scheint. Das Problem hier ist doch: Notfälle, die täglich passieren, sind Regelfälle. Genauso schlimm, aber regelungswürdig. Und diese Regelung sollte beinhalten, wohin die Leute sollen und wovon sie da dann leben. Wenn das nicht zuende gedacht ist, warten Tomatenplantage und McDonald’s. Ich find übrigens beachtlich, dass dieser Artikel erschien, kurz bevor Italien dann die Häfen dicht gemacht hat.
        Unter anderem deshalb nehme ich verwundert zu Kenntnis, dass viele lieber Enttäuschung über eine abtrünnige taz-Redakteurin ausdrücken, anstatt an Konzepten zu arbeiten, wie man Menschen Brot und Heimat geben kann, ohne Plantagenbesitzer reich und Gewerkschaftsführer wütend zu machen. Momentan gewinnen nämlich die Zaunfirmen&Plantagenbesitzer.

      • Alice, dass nicht nur Deutsche gut in Rassismus sind, ist jetzt nicht die neueste Neuigkeit. Lau bestreitet in ihrem Text ja gerade den Fakt „Notfall als Regelfall“. Der ist ja der Grund, warum sich die private Seenotrettung entwickelt hat (ich meine jetzt „jugend rettet“ etc., das rechtliche institut gibts ja sowieso). Natürlich müsste über die Frage diskutiert werden, was passiert mit denen, die wir aus dem Meer gezogen haben. Dank Frau Lau sprechen wir aber lieber erstmal darüber, ob wir sie überhaupt aus dem Meer ziehen sollen. Auf die zweite Frage gibt es eine klare Antwort. Auf die erste meines Erachtens nicht. Denn mit einem hat Lau recht. Wenn wir „sichere Fluchtwege nach Europa“ für alle schaffen, ich weiß auch nicht, was dann passiert.

      • Das weiß keiner, aber wir müssen es machen. Genauso, wie keiner feststellen kann, ob regelhafte Rettungsschiffe Leute anziehen, alle ausgefahrenen widerlegen das, jeder, der aus jedweden Gründen an Land blieb, beweist es. Aber es ist auf jeden Fall richtig, dass der Text sich eher wie ein Bewerbungsschreiben für Springer liest, dem Geist der ZEIT aber heftigst zuwider läuft. Das wiederum ist schade, aber eigentlich – leider – keinen Aufreger wert. Mein Eindruck ist, dieser Geist hat schon zwischen 2000 und 2010 seine Lebenskraft verloren, einfach, du trägst es im Blogtitel, weil sie mit dem Internet extrem schlecht klarkamen. Die tägliche Aufregung hat der Wochenschrift viel Tiefgang geraubt.
        Ich würde das also gern mit ner Wette beenden, wir machen das ja zum Spaß. Wenn die Dame demnächst bei der Welt auftaucht, gibst du n Zehner zum Hanf-Verband, wenn sie aber, wir wünschen es keinem, erst ab Cicero oder weiter rechts Fuß fasst, geb einen ner Organisation Deiner Wahl.

      • hahaha, ich mag ja wetten eigentlich. mein freund hat auch mal einen hanf-verein gehabt. irgendwann mussten wie verpflichtend festlegen, dass während der ersten stunde der vereinstreffen nicht gekifft werden durfte, damit überhaupt was geregelt werden konte.
        zur wette: ich fürchte halt, dass lau gar nicht wechseln muss. bei der zeit gibt es eine linksliberalehumanistische und eine rechtdriftende fraktion, lau ist da eh nicht alleine, sonst wäre es ja gar nicht zur veröffentlichung gekommen.

      • Abwarten. Der Türke, der für uns die WM beim Autokraten verloren hat, ist schließlich auch grad freiwillig gegangen. Außerdem soll Springer z Zt die besten Bedingungen bieten, wie ich jüngst aus dunkelgrünsten Kreisen vernahm.

    • „Niccolo war der einzig seriöse Politikwissenschaftler der Weltgeschichte. Mit Logik kommt man bei gesellschaftlichen Zusammenhängen leider nicht weit. Die Grundlagen sind axiomatisch, die Marschrichtung der Schlüsse von Befindlichkeit und Mode bestimmt.“
      Kenn von dem/über den nur die Sekundärliteratur, habe aber so den Verdacht, daß dem seine Krisen(vermeidungs)handbücher von den meisten auch nur zur Hälfte gelesen werden und sich der Teil rausgepickt wird, wo es um staatserschütternde Krisen geht, die, obwohl immer so getan wird, in Mittel-, West-, Nord-, und tw. Südeuropa seit knapp drei Jahrzehnten passe‘ sind.
      Ich gehe mal davon aus, daß Macc(h)iavelli auch nix gegen das Grundaxiom „Menschenrechte“ hatte, also zumindest die Version zu Zeiten der Renaissance.
      Und um mal zu rumzuspinnen; Herr Macc(h)iavelli würde sowohl Frau Dr. Merkel als ausführender Fürstin als auch Herrn Di Lorenzo als Chef einer staatstragenden Postille empfehlen, sich von einigen Mitarbeiter*innen wegen staatsfeindlicher Hetze zu trennen und eher auf die staatstragenden Bürger einzugehen und die zu stärken als dem asozialen Mob auch noch Zucker zu geben.

      • Ich befürchte nur, Politik und Medienunternehmer überlegen sich sehr genau, welchem staatstragenden Mob den meisten Zucker zu geben sich lohnt. Und damit meine ich die unverdächtige Mitte, die drei Dinge fürchtet: staatsfeindliche Hetzer, staatsfeindlicher Hetzer genannt zu werden und am meisten davor, dass ein zu Unzeiten gerufenes Kampfwort die Bauzinsen irritieren könnte. Deren Herzen zu gewinnen tut sich der politische Idealismus schwer. Vielleicht auch, weil er zu Viel Energie verschwendet, das Gedankengift der Gegner zu verabscheuen, anstatt kühl zu analysieren, warum es so gut wirkt. Ich befürchte, der Zucker wurde schon vor einer Weile gefressen, davor zu warnen hilft nur noch wenig.

      • Naja, mensch muß dem in den Brunnen gefallene (oder geschmissene?!?) Kind ned auch noch Wasser hinterhergießen damits dann oben schwimmt, aber blöderweise alle Lebensfunktionen mangels Sauerstoff eingestellt hat und dann den Leuten erzählen, daß das Kind dafür verantwortlich zu machen ist, daß es ned mal eben auf Kiemenatmung umgestellt hat. Und so (unfreiwillig) albern ist das Spiel das da gespielt wird. Staatstragend wäre es z.B. den um ihre Bausparvertragszinsen Fürchtenden und andererseits die historisch niedrigen Kreditzinsen Befürwortenden mal zu erklären, daß es nicht unbedingt die Intention aller Bucher einer Bootstour auf nem knallroten Gummiboot ist, ausgerechnet in den geradezu fürstlichen deutschen Sozialleistungen, bestehend aus Sachleistungen und einem Taschengeld zu landen und lt. Hermmann, CSU, vor paar Wochen, das alles in Hasch zu investieren oder es der Sippe zu schicken…

      • ich bin bei hugo. alice ist immer so auf dem trip „die bourgeoisie ist eh des teufels, wieso wundert ihr euch überhaupt, da kann man nix machen und lieber ein bier trinken gehen“. sachlich zwar nicht falsch aber so einfach sollten wir es uns nicht machen.

      • Alice wundert sich über den Nimbus, der die ZEIT so umwabert; also „früher“ war halt auch alles scheiße, nur anders scheiße 😉 .
        Ich will auch nicht die Herzen der „Masse“ gewinnen, mir reicht es, wenn die sich weiterhin raushalten mit ab und an mal nem Anflug von übern eigenen Tellerrand rausdenken und quasi im Urlaub nicht den Strand zu wechseln, wenn die Strömung ungünstig und mensch nicht nur der Gefahr ausgesetzt ist, ein paar Feuerquallen oder nem Kackehaufen im Meer zu begegnen, sondern als mehr oder weniger schweigende Masse nicht auch noch eine Politik zu unterstützen, die das Anschwemmen von Leichen auch noch fördert!

      • ja, alice hat ja recht mit ihrer analyse. wobei die zeit einen gewissen nimbus auch zu recht hat. oder sagen wir nicht zu unrecht. es ist vermutlich dialektisch. auf eine gewisse weise haben sie dort teilweise den besten, fundiertesten Journalismus in deutschland (mit dem faz-feuilleton) betrieben, aber natürlich haben sie auch schon immer klassenkampf von oben gemacht. denke ich. ich würde gerne die herzen der masse gewinnen, denke aber, dass das nicht geht. ich halte mich gar nicht für einen besseren menschen, weil ich mich über flüchtlingspolitik so aufrege. ich kann nur irgendwie nicht anders. ich könnte nicht nach lesbos fliegen und da urlaub machen oder so. da würde ich denken, dafür komme ich in die hölle, obwohl ich daran ja gar nicht glaube.

  2. Alice, ich weiß nicht, ob ich alles verstehe, was Du schreibst, aber ich versuche mal, zu antworten.

    Ich hätte bislang gedacht, dass auch „Konservative“ Werte vertreten, konservative Werte eben, Familie, Ordnung, so etwas. Aber durchaus auch die grundsätzlichen Werte der aufgeklärten Demokratie, den Wert des Menschenlebens und so weiter. Dass sowohl Konservative als auch nicht-Konservative dabei nicht immer ganz konsequent sind, und die Interessen der eigenen Familie über die der anderen stellen, geschenkt. Nun aber scheint dieser Konsens aufzubrechen.

    Warum die Mühe, das Gesagte als falsch zu entlarven? Natürlich hast Du Recht, nicht die Logik setzt sich am Ende durch, sondern das Gefühl (der Mehrheit). Aber die Frage ist doch eine andere: Wie kommen wir zu den Gefühlen, die wir am Ende haben. In der aufgeklärten, modernen Demokratie geben wir uns doch der Illusion hin, dass wir unsere Gefühle zumindest auch vom besseren Argument abhängig machen. Das war schon immer auch eine Illusion, auch ein Eliten-Ding, aber nicht nur. Wenn jetzt im Flaggschiff des aufgeklärten, bürgerlichen Diskurses, der Zeit, so ein rechtspopulistisches, faktenignorierendes Pamphlet erscheint, ist das schon auch ein Symbol für eine Zeitendwende. Meines Erachtens. Deswegen fand ich es spannend, mich näher damit auseinanderzusetzen.

    • Wenn du nicht direkt auf meine Kommentare antwortest, meldet mir WP das nicht, sorry, grad erst gesehen. Auch gut, können wir hier n neues Fass aufmachen, mir macht das Spaß. Was der Konservative bis unpolitische Normalbürger der SPD gern sagen würde: Wir wissen, dass ihr für uns alle besser seid. Warum stellt ihr Euch nicht hin und sagt: Wir treten den Arbeitgebern in die Eier damit jeder Angestellte sein Häuschen 5 Jahre früher abbezahlt hat. Stattdessen macht ihr Euch öffentlich gegenseitig runter, dass wer falsch denkt und spricht. Dabei dachten wir, das Sein bestimme das Bewusstsein, also wird von alleine ordentlich gesprochen, wenn erst das Haus abbezahlt ist. Denn wieso können die Rechten wie die letzten Klatschtanten über einander herziehen und sich in ihren Kneipen bis zum Säbelduell beleidigen, aber alle gemeinsam pünktlich zum Fackelzug antreten? Es sind Pünktlichkeit und Effizienz die beeindrucken, Moral hat man, darüber braucht man nicht öffentlich zu reden. So neigt sich das mittlere Management nach rechts an die verhasste, aber stabile Schulter des Kapitals.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s