Auf der Art Cologne

Gestern war ich auf der Art Cologne. In den gut 15 Jahren, die ich in Köln wohne, war es das fünfte Mal. Jedes von den Malen ärgere ich mich, dass ich nicht jedes Jahr gehe, denn jedes Mal bin ich begeistert. (Freud und Leid der sensiblen Depressiven: Empfänglich für Kunstgenuss, nur leider meistens nicht in der Lage, sich dazu aufzuraffen)

Selten bis nie denke ich, dass der Kapitalismus doch besser als der Sozialismus sein könnte. Außer, wenn ich auf die Art Cologne gehe. Das Erlebnis der marktförmig regierten Kunstmesse ist um ein Vielfaches großartiger, als der Besuch eines thematisch inhaltsgleichen planwirtschaftlich organisierten Museums.
Die Art Cologne ist eine Verkaufs- und Besuchermesse für moderne und zeitgenössische Kunst. Ausstellende sind ca. hundert Galerien, deutsch und international, von Newcomer bis sehr etabliert.

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Dementsprechend divers präsentieren sich die Leute, die dort herumlaufen: Arm, reich, jung, alt, wahnsinnig, noch nicht ganz wahnsinnig. Menschen, die willens und in der Lage sind, ein Baselitzgemälde für viele hundertausende Euro zu erwerben oder zu veräußern, mischen sich mit kunstinteressiertem (Klein)Bildungsbürgervolk, Student*innen, Bohemiens und anderen, die einfach nur schauen wollen und toll finden, dass es außer der ganzen Kunst auch eine Bierbar gibt und man laut reden darf. Welche Person zu welcher Gruppe gehört, ist für die szenefremde Laiin angenehmerweise schwer erkennbar: Auf die eine oder andere Weise gut angezogen sind die Besucher*innen fast alle.

Ich kann stundenlang über die Art Cologne laufen, ohne dass mir langweilig wird. Zwar habe ich von moderner und zeitgenössischer Kunst keine Ahnung. (Und den Verdacht, dass das eigentlich auch nicht möglich ist, da es sich dabei in Wirklichkeit um groben Unfug handelt.) Aber ich mag schöne Farben zu Linien und Flächen zusammengefügt, Glänzendes und Glitzer, Tier- und Penisdarstellungen und alles, was mich an Speiseeis erinnert.
Ungefähr 80% der Exponate erfüllen mindestens eine dieser Anforderungen (moderne Kunst sieht erstaunlich oft lecker aus). Eine nicht ganz so hohe aber doch beträchtliche Anzahl fällt unter das Genre „Das hätte auch meine künstlerisch unbegabte dreijährige Tochter malen können.“ Ich komme an einer mit Kugelschreiber gefertigten Vogelzeichnung vorbei und sage mir selbstzufrieden, dass ich solche Vögel deutlich besser hinbekommen könnte. Gleichzeitig ist klar, dass die Vögel genauso und nicht gekonnter aussehen sollen. Und dafür gibt es einen Grund. Den ich allerdings nicht kenne, da ich von moderner Kunst ja keine Ahnung habe.
Ich gerate ins Nachdenken: Es scheint im Wesen der Werke der modernen und zeitgenössischen Kunst zu liegen, dass sie ohne eine entsprechende Begründung der Schöpfer*innen, was sie sich bei der Herstellung gedacht haben, nicht vollendet sind. Damit sie sich zur Gänze erschließen und vollkommen werden, bedürfen sie einer immer außerhalb ihrer Materialität liegendenen, abstrakten Erklärung. Das ist doch merkwürdig, denke ich. Andererseits gilt doch für jede Äußerungen und Handlung, dass sie ihren spezifischen Sinn erst aus der Einordnung in einen Kontext erlangt.

Ich bin beruhigt und erinnere mich voller Liebe an Jonathan Meese und seine Pimmel- und Hakenkreuzkritzeleien. Alleine für sein: „Wir dürfen doch die Hakenkreuze nicht den Nazis überlassen“ gönne ich ihm Ruhm, Reichtum und viel Ehre.

 

 

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2 Kommentare zu “Auf der Art Cologne

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