Übelkeit erregend (2), Teil 1

Es folgt der erste Teil eines langen Textes, der sich mit der Debatte um die Reaktionen auf die Diskussion zwischen Uwe Tellkamp und Durs Grünbein im Dresdner Kulturpalast beschäftigt. Zunächst werden die Aussagen Tellkamps und kritische Reaktionen darauf dargestellt. Nebenbei wird erläutert, dass die Forderung nach „Mit Rechten reden“ unseriös ist. Dann folgt eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Kritik an der Kritik, namentlich einem Text von Ulrich Greiner, der auf ZEIT ONLINE erschienen ist. Abschließend wird der Weltuntergang prophezeit, abgemildert durch ein humoristisches Ende. Wem das zu lang ist, der lese einfach nur den Artikel von Greiner oder zum Beispiel diesen Text von Floris Biskamp.

Schon das Kulturpalast-Streitgepräch als solches, der „Bildungsbürger“ Tellkamp mit seinen rassistisch motivierten Lügen und dem Zuspruch, den er damit erreichte, fand ich verstörend (hier was dazu). Noch verstörender finde ich die jetzt daran anschließende, in den Feuilletons der bürgerlichen Presse geführte, Debatte um die vemeintliche Intoleranz der Kritiker*innen von Herrn Tellkamp. Dass diese Debatte überhaupt geführt wird, ist unfassbar. Floris Biskamp bringt es auf den Punkt (sinngemäß): Die öffentliche Aufarbeitung des Streitgesprächs hätte eigentlich mit der Randnotiz: „Schriftsteller Tellkamp blamiert sich bei Kulturpalastdebatte mit rassistisch motiviertem Unfug“ erledigt sein sollen.

Aber das sind nicht die Zeiten.

Ich zitiere hier nochmal eine Zusammenfassung von Tellkamps Äußerungen (Johan Schloeman, SZ.de): „Die Aufnahme von Flüchtlingen war ein Rechtsbruch.  Die gleichgeschaltete linke Presse gefährdet die Meinungsfreiheit. Dagegen erfordert es Mut, die eigentlichen Wahrheiten auszusprechen. Kaum ein Flüchtling ist verfolgt, sondern nur Wirtschaftsmigrant. Thilo Sarrazin hingegen kann als Verfolgter gelten. Das Geld für Einwanderer müsste man lieber in die Rentenversicherung stecken. Der gesamte Osten wird vom Westen für braun erklärt, und der Rassismus ist in erster Linie durch solche Kränkungen erklärbar. Der Islam ist gefährlich für unser Land.“ (Im übrigen kann ich nur allen empfehlen, sich das Gespräch auf Youtube anzuschauen).

Größere mediale Aufmerksamkeit und Kritik erfuhr vor allem Tellkamps Aussage, 95% Prozent der Flüchtlinge seien nicht verfolgt, sondern nach Deutschland gekommen, „um in die Sozialsysteme einzuwandern“. Das liegt vermutlich daran, dass diese Aussage eine offensichtliche und dreiste Lüge ist. Geschicktere Rechtspopulist*innen würden sich mit solchen Statements eher nicht erwischen lassen. Wer sich die ganze Debatte anhört, wird feststellen, dass auch Tellkamps übrige Äußerungen von rassistischem Ressentiment getragen sind. Hierbei lässt sich erstaunlich wenig Bemühen feststellen, dies durch auch nur einigermaßen logische oder auf Tatsachen basierenden Aussagen zu verschleiern.
Dementsprechend folgten kritische öffentliche Reaktionen. Auf Spiegel Online nahm sich Almut Cieschinger drei  Aussagen heraus und untersuchte ihren Wahrheitsgehalt. In dem bereits erwähnten SZ-Artikel wurde die berechtigte Frage gestellt, wo eigentlich eine politische Meinung aufhört und Wahnsysteme  anfangen. Ebenfalls auf Spiegel Online wollte Stefan Berg von Uwe Tellkamp wissen, wo dessen Empathie geblieben sei.
Die Frage nach dem Mitgefühl ist für mich persönlich die Entscheidende. Die „95%“-Aussage finde ich auf verschiedenen Ebenen brutal. Zum Einen fügt sie sich in den ausgrenzenden Diskurs „die Ausländer sind hier illegal, sie haben hier nichts zu suchen, sie haben hier keine Rechte“ ein. Sie bereitet damit, neben anderen Faktoren, den Nährboden auch für tätliche Gewalt. Daneben kommt in ihr aber auch eine Missachtung der individuellen Verfolgungsschicksale der Geflüchteten zum Ausdruck. Deren Gewalterfahrungen, Existenzverlust, Verlust von Heimat, Familien und Freunden, Kriegs- und Fluchttraumata werden großflächig negiert. Wo ist Deine Empathie, Uwe Tellkamp? Daneben kommt in der Hierarchisierung von Gründen zur Migration, der Abwertung sogenannter Wirtschaftsflüchtlinge, eine häufig unhinterfragte Haltung zum Ausdruck. Es wird nahegelegt, Leute ohne deutschen Pass hätten kein Recht auf den Wunsch nach besseren Lebensbedingungen, einer Lebensperspektive. Auch das ist der Ausdruck eines unreflektierten rassistischen Weltbildes.

Wie sollen wir mit so einer Verrohung umgehen? Das ist doch eine wichtige Frage. Uwe Tellkamp könnten wir als vereinzelten Irren abtun, aber die Hälfte der ca. 800 Zuhörenden im Kulturpalast hat ihm zugejubelt. Die berühmte Forderung und gleichzeitige Problemlösungsbehauptung nach „Mit Rechten reden“, aufgestellt zum Beispiel im gleichnamigen Bestseller von Steinbeis/Leo/Zorn, empfinde ich als moralische und intellektuelle Bankrotterklärung. Selbstverständlich wird mit jedem geredet, der reden will und von dem keine persönliche Bedrohung ausgeht. Was denn sonst? Aber das wird uns nicht besonders weit führen: Denn wir befinden uns längst, wie jede erkennen kann, die möchte, im prä- bzw. postargumentativen Zeitalter. (Mein ehemaliger Internet-Freund Muriel würde jetzt wohl sagen, dass nie ein argumentatives Zeitalter gab, im Ergebnis egal).
Die einen sind noch nicht im Stand, die Grundvoraussetzungen eines Austauschs von Argumenten zu erfüllen (anderen zuhören, Denkgesetze anwenden, auf Tatsachenbasis argumentieren, nicht, wie Uwe Tellkamp, sich einfach was ausdenken). Die anderen sind es nicht mehr (zum Beispiel, weil sie, wie ich es zum Beispiel bei Tellkamp vermute, verrückt geworden sind oder, weil sie es bewusst nicht praktizieren, populistische Politiker*innen zum Beispiel und vor allem, weil es nicht um rationale Überlegungen, die mit Argumenten erreichbar wären, sondern um Gefühle geht.).

Wir müssten uns also etwas anderes überlegen. Darüber sollte geredet werden. (Natürlich gibt es Menschen, die das tun, die sich mit Ursachenforschung und Lösungen befassen. Die haben lediglich, im Vergleich zu den Sarrazins dieser Welt, eine viel geringere öffentliche Reichweite.) Stattdessen setzte die Kritik an Tellkamps Aussagen, zu meinem außerordentlichen Erstaunen, eine Debatte über die Meinungsfreiheit und Toleranz gegenüber Vertreter*innen rechter Positionen in Gang. (In dem bereits zitierten Artikel von Floris Biskamp werden wichtige Beispiele verlinkt.)

In diesem ZEIT ONLINE-Artikel erklärt Ulrich Greiner, dass den Vertreter*innen rechter und vermeintlich rechter Positionen (exemplarifiziert am öffentlichen Umgang mit Tellkamps Aussagen in Dresden) der ihnen zustehende Respekt in der öffentlichen Auseinandersetzung verweigert werde. Linke und rechte Haltungen würden mit zweierlei Maß gemessen. Der Linken werde, trotz ihres stalinistischen Erbes, mit einer positiven Grundhaltung entgegengetreten (schön wärs, aber egal). Die (vermeintlich) Rechten würden hingegen ins gesellschaftliche, mediale Abseits gedrängt: „Was Uwe Tellkamp in Dresden gesagt hat, war diskussionswürdig, es gibt keinen Grund, ihn in die rechte Ecke zu stellen.“, schreibt Greiner einleitend.

                                                                                                                  – Ende Teil 1 –

(In Teil 2 folgt eine umfangreiche Diskussion des Textes von Ulrich Greiner, es wird interessant.)

eulikulleraugen

Mir wurde mal vorgeworfen, mein Internet-Content hätte zu wenig Bilder. Diese niedliche Eule findet das genauso abwegig wie ich.

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Ein Kommentar zu “Übelkeit erregend (2), Teil 1

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