Reisebericht (8), Gestern

Gestern bin ich nach dem Frühstück erstmal wieder ins Bett zurückgegangen. Habs mir gemütlich gemacht und mit Mrs. Columbo gechattet. Das verlief holprig, da die Mrs. gleichzeitig arbeiten musste. Die hierdurch entstehenden Lücken füllte ich durch eine Twitter-Konversation mit Muriel, der davon bald so genervt war, dass er sie mit den Worten: „Alter. Ich geh jetzt arbeiten.“ abbrach. Gleichzeitig fand ich heraus, dass der lustige Twitter-Bekannte Gurkenkaiser ein Blog betreibt und erfuhr, dass der sich gerade auf Geschäftsreise in Peru befindliche nette real-life-Bekannte Oliver (sein Business ist fair gehandelter Lötzinn) bedauert, in Peru wenig Peruaner, sondern nur so „Internationals in ihrer Filtblase“ zu treffen.

So kam es, dass ich mich erst gegen zwölf Uhr mittags (und mit äußerst schlechtem Gewissen) auf den Weg machte. Mein erstes Ziel war der nahegelegene Bahnhof, wo ich ein bisschen Klavier spielen wollte. Die französische Eisenbahngesellschaft hat in ihren Bahnhöfen Klaviere zur freien Verfügung der Reisenden aufgestellt. Läuft man durch einen französischen Bahnhof ist häufig, je nachdem, wie nahe man dem Klavier kommt, mehr oder weniger lautes bzw. gekonntes Geklimpere zu hören. Ich finde, dass das eine entspannte Atmosphäre schafft, befürchte allerdings, die Leute, die in den Bahnhöfen arbeiten und dem permanent ausgesetzt sind, könnten das anders empfinden. Das Piano war dann, wie es ja häufig vorkommt, schon von drei anderen Kindern in Beschlag genommen und ich trollte mich.

Ich lief den Berg hoch, zum Stadtrand, immer bestrebt, da wo ich bin, nicht nur die touristisch frequentierten Orte kennenlernen zu wollen. Schnell erreichte ich die Peripherie, dann den grauen Nachbarort „St. Adresse“ und fand mich, weil es angefangen hatte zu regnen, in einer Bushaltestelle irgendwo im Niemansland wieder. Ich aß die vom Frühstücksbuffet geklauten Ei, Croissant und Pain au Chocolat und starrte in die unverheißungsreiche Gegend. Eine alte Dame kam, bat mich etwas Platz auf der Bushaltestellenbank zu machen, sagte es sei kalt, verweilte kurz und ging wieder weg.

lehavre

So sieht es in Le Havre halt aus

Ich lief zum Strand hinunter, setzte mich in ein Café mit Blick aufs Meer, tippte eine Geschichte in mein Laptöpchen und schaute ab und an auf die See hinaus. Marguerite Duras, die ja in der Normandie lebte, wird mit der Aussage „Ein Blick auf das Meer ist wie ein Blick auf das Leben“, zitiert. Madame Duras hatte offensichtlich mehr Phantasie als ich. Ich finde das Leben nicht so langweilig wie einen Blick auf dieses Meer. Allerdings eignet sich das Meer dazu, an ihm entlang zu laufen und über das Leben zu nachzudenken (das ist ausnahmsweise mal kein Filmklischee, sondern echt so, ne?). Heute gibt die Ebbe sogar einen schmalen Streifen Sand frei. Ich ziehe die Schuhe aus und laufe fröhlich los. Obwohl Oktober, herrscht inzwischen eine angenehme Temperatur, ich sehe sogar eine nackte Frau, die im Meer gebadet hat und muss mich zusammenreißen, es ihr nicht gleichzutun.

 

Advertisements

4 Kommentare zu “Reisebericht (8), Gestern

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s