Reisebericht (5), die Église Saint Joseph

Das Stadtzentrum von Le Havre wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Die nach dem Zweiten Weltkrieg im Stil des Brutalismus errichtete Architektur gilt als einzigartig. Sie wird geprägt durch Betonbauten verschiedenenr farblicher Schattierungen, breite Straßen, klare Linien und viel Raum. Ihr Wahrzeichen ist die wegen ihres hohen Turms weithin sichtbare katholische Kirche St. Joseph. St. Joseph ist ein Betonbau, der den an ihr vorbei flanierenden Betrachter vor allem durch ihre völlige Schnörkellosigkeit beeindruckt. Ich laufe hin, schaue das Gebäude an, sehe, dass die Tür offen steht und, brave Touristin, beschließe hineinzugehen, obwohl mich noch nie in meinem ganzen Leben eine Kirche vermocht hat, mich irgendwie zu berühren.

Kirchen sind kalt, mit harten Stühlen ausgestattet und hängen, es tut mir leid, voller hässlicher Bilder. Ich weiß gar nicht, wen ich abstoßender finde: Jesus oder Maria. Beide haben diese länglichen, meist weiß-blass gezeichneten melancholisch zur Seite geneigten und zur Leidensmine verzogenen Gesichter. Jesus hängt am Kreuz und blutet, weil er dort festgenagelt wurde. (Liebe katholische und evangelische Kirche, was seid Ihr für 1 Verein, der sich als zentrales Symbol eine SM-Szene ausgesucht hat? Hm? Wenigstens erklärt es, wie das „Christlich“ in der „Christlich Sozialen Union“ gemeint sein könnte.) Aus Marias Gesicht hingegen spricht die passive Aggressivität der zur Aufopferung gezwungenen Frau, der nie im Leben ein sexuelles Vergnügen oder überaupt eine Wahl vergönnt war und die den ganzen Scheiß mit eigentlich nicht existenter Mutterliebe verbrämen muss.
Mir persönlich gefällt noch nicht mal der Kölner Dom. Der ist sehr groß und finster. Vor 500 Jahren war es sicherlich eine Leistung, so einen Trumm zu errichten. Heute wäre es das nicht mehr und das ist mein Maßstab. Kirchen sind lebensfeindlich, unfunktional und Platzverschwendung. Manche sind prunkvoll-kitschig vergoldet, manche eher spöde. In der Grundsinnlosigkeit nimmt sich das alles nicht viel. Das einzig Schöne und Zweckmäßige hier sind Orgeln, aber die können das dann auch nicht mehr retten.
Ich gehe in St. Joseph hinein. Immer wieder gehe ich in jede Kirche, obwohl es mir da ja nicht gefällt. Immer wieder denke ich, mein Beef mit den Kirchen liegt bestimmt an mir und nicht an denen und vielleicht werde ich ja doch noch mal eines besseren bekehrt.

St. Joseph ist beeindruckend. Das quadratisch geformte Gebäude wird von massiven, meterdicken Betonpfeilern und -streben getragen. Die Innenmauern sind, wie die Außenmauern, aus nacktem Beton, einzig durchbrochen von schmalen, aus bunten Quadraten zusammengesetzten Glasfenstern, die sich bis in die Turmspitze hochziehen. In der Mitte des Raumes befindet sich der Altar. Um ihn herum ist die Bestuhlung gruppiert. Sie besteht aus Polstersesseln, die sich sich herunterklappen lassen und an die Innenausstattung eines Kinosaals erinnern. Der achteckige Kirchturm durchmisst ungefähr 13 Meter. Über dem Altar streckt er sich 107 Meter in die Höhe. Er ist innen hohl und besteht nur aus seinen, mit den schmalen Glasfenstern durchzogenen Wänden, an denen entlang der Blick ungehindert zur Turmspitze wandern kann. Empfindsame Gemüter können hier, beim vom unten nach oben schauen, ein Gefühl von Höhenangst entwickeln. Es ist grandios. „Auguste Perret, der Architekt der Kirche, war ein Atheist. Er wollte, dass die Kirche für alle Menschen zugänglich sein solle. Da ein Gottesdienst immer auch eine Form von Inszenierung und Spektakel ist, zitierte er mit den Stühlen eine Theatereinrichtung und platzierte den Altar in der Mitte des Raumes, um so eine offene Atmosphäre zu schaffen.“., berichtet der junge Guide einer kleinen Besuchergruppe, in deren Hörweite ich mich gesetzt habe. Die Kirche wurde zum Gedenken an die ungefähr 5.000 Opfer der Bombardements durch die Engländer im zweiten Weltkrieg errichtet. Der Kirchturm soll an einen Leuchtturm erinnern. Die Église St.Joseph ist das erste sakrale Gebäude, das mich je beeindruckt hat. Der stalinistisch-sowjetisch inspirierte Brutalismus ist bestimmt eine Stil- und Kunstrichtung, die kritisch reflektiert werden sollte. Mit seiner groben kalten Kraft, die das Individuum sich klein und ohnmächtig fühlen lässt, ist er für Kirchen aber genau passend. In der Église St. Joseph bildet er zudem einen interessanten Kontrast mit dem gemütlichen antiklerikal-demokratischen Setting, welches durch Ausrichtung des Altars und der Theaterbestuhlung erzeugt wird. Diese Kirche ist einschüchternd und einladend zugleich. Boahr, Maike, zum ersten Mal im Leben warst Du in einer Kirche, die Dir gefallen hat, sage ich zu mir und ziehe äußerst zufrieden von dannen.

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9 Kommentare zu “Reisebericht (5), die Église Saint Joseph

  1. Du hast diese Kirche sehr treffend beschrieben, zumindest den Bildern im Netz nach zu urteilen. Ich mag Brutalismus als Baustil und ich mag, anders als Du, Kirchen. Sie beruhigen mich ungemein, und sie trösten mich. St. Joseph hingegen ist irgendwie unheimlich und beunruhigend. Das macht sie sehr besonders. Sie könnte ein Schauplatz im Film „Brazil“ sein.

    (Du schreibst im Text ein Mal St. Charles..)

    • Ich finde das toll. Da schimmert doch ein humanistischer Anspruch durch. Alle sollten es schön haben. Raum für alle als Symbol für genug von allem für alle. Naja, je mehr es an Stalinismus erinnert, desto unschöner natürlich auch.

  2. In einer hiesigen Kirche gibt es eine Madonna, die aussieht, als stünde sie auf einer Brücke und sei im Begriff, ihr debil grinsendes Jesuskind über das Geländer in den Fluss zu kippen. Der kleine Jesus sieht allerdings verdächtig nach Wechselbalg aus, insofern habe ich Verständnis.

  3. Pingback: Laub | kreuzberg süd-ost

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