Meine Reise

Meine Reise beginnt mit einer Wanderung.

Durch den ganzen langen bescheuerten Zug muss ich wandern, weil die Ottos vom Kölner Bahnhof den Wagenstand falsch angezeigt hatten und ich gezwungen war, am falschen Ende einzusteigen. Mit zwei Rucksäcken quetsche ich mich angespannt durch den Gang und bereits die dritte Person, die ich erblicke, ist ein Opa mit Baskenmütze. Ich hatte gerade noch mit mir selber gewettet, dass ich bestimmt zu keinem Zeitpunkt in Frankreich jemanden mit Baskenmütze treffen würde, alles Klischees. Die Thalys-Innenarchitekten haben für die Zugsessel ungünstige Farben ausgesucht, finde ich: lila, aubergine, dunkelrosa. Schwer und plüschig, wie in einem Bordell, in dem seit Ende des 19. Jahrhunderts kein Staub mehr gewischt wurde, fühlt sich das an hier. Bordell mit WiFi allerdings, so dass ich jetzt zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Reise in einem Zug ein eigenes Internet dabei haben kann. Da ich kein Smartphone besitze, bin ich noch nie in meinem Leben mit Internet verreist und fand mich immer einen coolen, independent Punkrocker deswegen. Andererseits fühlte ich mich auch zunehmend einsam dabei und habe mir jetzt so ein kleines Laptöpchen für unterwegs gekauft. Das Internet ist bekanntlich Fluch und Segen zugleich. Ich fühle mich weniger alleine nun, aber irgendwie auch nicht recht verreist. Dabei dürfte ich inzwischen das europäische Ausland erreicht haben (Harharhar, Belgien nur). „Ich kaufe mir ein Läptöpchen und werde, ganz wie Charles Bukowski, meine Reise damit verbringen, mit Adornozitaten gespickte Kontemplationen über das Reisen und das Reisen als Chiffre für die Conditio Humana als solche zu verfassen.“, sagte ich zu mir. „Oder vielleicht das nicht, aber doch wenigstens seit hundert Jahren mal wieder eine Zeitung auf Papier lesen.“. Stattdessen gehe ich erstmal auf Twitter und gucke, was da so los ist. Apropos, was so los ist. Ich bin ja dafür, dass sich Länderteile von ihren Ländern abspalten können, wenn sie wollen. Wenn die ansässige Bevölkerung aus nationalistischen Dödeln besteht, was soll man machen? Andererseits besteht dann doch die Gefahr, dass immer mehr dieser überflüssigen, kleinen Mistländer in der Art Belgiens enstehen. Gleich muss ich einmal mit meinem zwei Rucksäcken durch halb Paris laufen, von einem Bahnhof zu dem anderen. Noch aber starre ich auf ein Stückchen belgische Felder, es sieht aus wie Niedersachsen.

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28 Kommentare zu “Meine Reise

    • Was sind die Prinzipien, deine Kriterien für die Entscheidung? Kann ich mich von der BRD abspalten? Kann mein Mietshaus? Die Straße, in der ich wohne? Kronsberg? Ganz Hannover? Niedersachsen?
      Warum oder warum nicht? Und was passiert dann?

      • also du kannst dich sehr gerne abspalten. aber dann musst du ab dann zum beispiel straßenmaut bezahlen. staatsgewalt, staatsgebiet, staatsvolk, so lernt man es doch. das wäre doch im prinzip erfüllt,(wenn dir die wohnung gehört). Also, wenn Du fragst, wie groß der Landesteil sein darf, muss, der sich abspaltet – ich würde sagen, er muss autark sein. Jetzt frag nicht, was das genau bedeutet.

        ich habe im radio so eine sendung gehört, dass die völkerrechtler sich streiten, wer nun das volk ist, wenn sich so ein landesteil abspalten will.

        also, es ist natürlich schwierig – zum beispiel werden ja nie hunderprozent der bewohnenden eines gebietes, die abspaltung wollen. und natürlich gibt es gewachsene, mit dem weiteren landesteil verwobene strukturen, die vielleicht schwer zu entwirren sind, aber da lässt sich bestimmt eine lösung finden.

        blöd ist es natürlich auch, wenn sich landesteile abspalten, weil sie reicher sind, als andere teile und nicht teilen wollen, dann spalten sich alle ab und die ganz armen ecken bleiben alleine zurück. vielleicht solte gefordert werden, dass es eine gute begründung (wir sind nationalistische ottos, oder so) geben muss für die abspaltung.

      • Müsste ich vielleicht. Dann würd ich mich vorher so gut wie möglich informieren. Bin ich aber nicht. Muss ich deshalb nicht. Und hab ich deshalb auch nicht.

      • naja, das weiß ich ja, dass du das nicht musst, warum sagst du mir sachen, die ich weiß? worüber würdest du dich informieren, was wären deine maßstäbe? ich finde, dass in einer beziehung es doch immer nach demjenigen geht, der den weniger engen kontakt will, es kann doch niemandem etwas aufgezwungen werden – außer natürlich man hat einen vertrag geschlossen, vertrauensschutz geschaffen etc. (ja, das ist jetzt eher privat- und nicht staatsrechtlich gedacht, aber trotzdem sind das ansatzpunkte).
        aber: antworte einfach nicht, du scheinst ja eigentlich keine lust auf eine diskussion zu haben, dann lass es doch aber auch einfach.

      • Ich bin gespannt, ob wir es irgendwann mal hinkriegen, über ein Thema zu reden, von dem ich zu wenig Ahnung habe, um eine Meinung bieten zu können, ohne dass ich dich bei dem Versuch, diesen Umstand darzulegen, verärgere. Wär sicher voll schön.

  1. Was heißt denn hier „nur Belgien“ und „überflüssiges kleines Mistland„?
    Sie müssen unbedingt mal in Belgien reisen, nicht bloß eilig durchfahren.

    Länderteile, die sich abspalten wollen, weil sie sich an ihrem Wohlstand und Nationalismus besoffen haben und sich gegenüber anderen Länderteilen nicht mehr zu Solidarität verpflichtet fühlen, können meinetwegen bleiben, wo sie wohnen. So gern ich Barcelona habe, aber Andalusien ist mir näher. Überflüssig zu erwähnen, daß die Gewaltorgie der Guardia Civil dümmer als dumm war – Spanien nimmt in den letzten Jahren insgesamt eine ungute Entwicklung, nicht nur durch die Korruption überall (auch in Cataluña sehr verbreitet), den Dauer-Ausnahmezustand des Ley Mordaza, die zögerliche Aufarbeitung des Franko-Faschismus.

      • ah, in lüttich war ich auch einmal. das fand ich spektakulär. das ist ja nur 1h von m1 heimatstadt köln entfernt. ich bin da nur mit freunden, die besuch aus spanien hatten, mitgefahren, und auf einmal hatte ich das gefühl, ich stehe ja mitten in frankreich – also ich finde das sehr „französisch“ da.

      • … und auf einmal hatte ich das gefühl, ich stehe ja mitten in frankreich – also ich finde das sehr „französisch“ da.

        Lüttich ist auf jeden Fall amtliches Ausland, mehr noch als Maastricht (auch herrlich) und die Niederlande. Ich habe vor Jahren in Aachen studiert und es sehr genossen, gleich zwei Sorten Ausland in unmittelbarer Nähe zu haben (was ich das Beste an Aachen fand). Belgien ist sone Art europäische Unbekannte – obwohl die EU-Zentrale in Brüssel und das Land damit ständig im Bewußtsein ist, kennt kaum jemand mehr als ein paar Klischees: Schokolade, Kolonialismus, Comics, Detroux.

      • ehrlich gesagt, ich fürchte, dass ich wie viele vielleicht, belgien in einen wallonischen und einen flandrischen teil aufspalte, den einen rechne ich kulturell zu frankreich, den anderen zu den niederlanden. das mag aber dem armen belgien unrecht tun. ich war auch mal in eupen, da, wos diese deutschsprachige minderheit gibt, die leute dort fand ich auch sehr nett.

  2. Pingback: Fundsachen 5 | Geschichten und Meer

      • Belgien ist im deutschen Geschichtsunterrricht auch nicht von Interesse. Die haben sich immer widerstandslos erobern lassen und sind dann trotzdem nicht der SS beigetreten, wie andere Länder, über die bei uns auch nicht gern unterrichtet wird. Außerdem machen die Kirschen ins Bier und halten sich nicht ans Reinheitsgebot.
        Außerdem gibt es ganz gewaltige, historisch-kulturelle Unterschiede in der Westeuropa-Wahrnehmung. So hat zum Beispiel der Erste Weltkrieg (über den im Geschichtsunterricht auch nicht gern gesprochen wird) für Deutsch ausschließlich in Verdun stattgefunden. Deshalb heißt er ja auch Weltkrieg, weil die Welt gut und bequem in ein elsaß-lothringigischeses Dorf paßt. Für die Engländer hat der „Great War“ ( ein total anderer, großartiger Krieg) ausschließlichen im belgischen Ypern und den umliegenden „Flander’s Fields“ stattgefunden, weshalb sie bis heut gern belgische Mohnblumen am Revers tragen. Den anderen, großartigen Teil des Krieges hat allein Lawrence in Arabien gewonnen. Franzosen und Russen kommen in diesen Weltsichten übrigens gar nicht vor. Dolomiten-Urlauber könnten noch im Hinterkopf behalten, dass Italiener und Österreicher da mal irgendwelche widerlichen Schluchtenscheißereien miteinander betrieben haben.

      • der friedensvertrag von brest-litowsk. ich bin ja die größte fanin von kirschbier. belgisches bier macht allerdings echt oft dolle kopfschmerzen, meiner begrenzten persönlichen empirie zufolge.

      • Ich sehe, du verstehst. Ich würde im übrigen dringend davon abraten, B-L auszuschreiben. Niemand hatte die Absicht, kommunistische Revolutionäre in verplombten Eisenbahnen…

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