Der Hund, der Katze hieß

Ich wache nachts auf, weil ich Pipi muss. Oh, Mist, erinnere ich mich, stimmt, beim Zelten muss man nachts zum Verrichten der Notdurft die Wohnung verlassen. In meiner großen Camping-Vorfreude hatte ich die damit einhergehenden kleinen Unannehmlichkeiten völlig ausgeblendet. Ich steige in meine Schuhe und laufe zu den glücklicherweise nahe gelegenen, sauberen Toiletten. Kalt ist es auch nicht.

Das nächste Mal wache ich durch ein Streitgespräch eines Poly-Pärchens aus einem benachbarten Zelt auf. Sie diskutieren akute Beziehungsprobleme. Sie findet, er nehme keine, gar keine, Rücksicht auf ihre Bedürfnisse. Er findet das ungerecht, schildert reflektiert seine eigenen Verfehlungen („ich weiß, dass ich nicht drauf klar komme, wenn Du was mit anderen hast“) und versichert, dass er an sich arbeite. Sie verstehe ich leider nur schwach, daher ist nicht feststellbar, was der genaue Anlass des Streits war. Auch wenn mir schmerzhaft bewusst wird, dass ein weiteres Minus beim Zelten darin besteht, aufgrund dünner Wände die umgebende nächtliche Geräuschkulisse oft intensiver als zu Hause wahrnehmen zu müssen, bin ich ganz vergnügt. „Wer aufs Antifa-Camp fährt, darf sich nicht wundern, wenn sie_er* nachts durch die Austragung von Konflikten geweckt wird, die aus polyamoren Beziehungskonstellationen resultieren.“, sage ich zu mir selbst. Außerdem denke ich, dass das ja auch eine schöne Anekdote für den befreundeten Onkel ergibt. Leider weint und schluchzt die Frau zunehmend so bitterlich, dass meine Erheiterung unangemessen wird und schwindet. Ich schlafe wieder ein.

Am nächsten morgen beim Frühstück erfahre ich von den anderen, dass die Diskussion wohl im ganzen Camp (und irgendwann Arbeiterlieder) zu hören war. Wir kichern fröhlich. „Ich hab ja nur ihn genau verstanden.“, sage ich. „Ich habe beide verstanden.“, sagt jemand anders. Bevor wir das aber vertiefen, wendet sich das Gespräch dem Thema „Biertrinken vor Moscheen zu“. Gestern hatten wir noch recht erbittert diskutiert, ob Agnostiker des Teufels sind, heute morgen ist es lustig, wie überhaupt meistens. Insgesamt finde ich das Antifa-Camp zu meiner eigenen Überraschung wunderbar. Nur durch Zufall war ich dort gelandet, da mich, wiederum aus Zufall, Menschen der Kölner Antifa gefragt hatten, ob ich dort einen Workshop zum Thema Intersektionalität abhalten wolle. Freitags morgen war ich angereist, geplant war, Freitag nachmittags wieder abzureisen. Bis ich mich dann spontan entschied, bis Samstag zu bleiben.

„Bevor Dein Workshop anfängt, ist noch Plenum, willste mit?“, fragen mich die netten Frauen, die mich vom Bahnhof abgeholt haben. „Na klar“, sage ich. Zum Glück wird auf dem Plenum nichts diskutiert, und als für nachmittags von drei bis sechs jemand für die Thekenschicht gesucht wird, melde ich mich. Der Workshop selbst läuft super, alle diskutieren konstruktiv, keine*r sagt was Blödes. „Ach Du scheiße, Maike“, fällt mir nach zehn Minuten siedendheiß ein, „Du bist hier bei der antiautoritären Antifa. Die ist ja dafür bekannt, keinen Wert auf falsche Höflichkeit zu legen. Wenns denen mit Dir nicht gefällt, gehen die gleich einfach weg.“ Aber die Leute sind freundlich, wie überhaupt alle, die ich im Folgenden noch treffen werde. Die Atmosphäre ist offener, als ich sie beispielsweise aus dem autonomen Zentrum in Köln kenne. Das Alter ist gemischt, die Frauen angenehm ungestylt, die Männer nicht zu ungeduscht. Eine sogenannte Küfa kocht leckeres veganes Essen und Damen können sich aussuchen, ob sie auf die LFTI* (Lesben-Frauen-Trans-Inter*) oder die All-Gender (Cis-Männer und alle anderen, die wollen)-Toiletten gehen wollen. Interessante Selbsterfahrung. Ich bin tatsächlich lieber auf die Klos ohne Männer gegangen, ich glaube, es kam mir vor, als würde ich bei den Herren in einen fremden Raum eindringen. Über den Zeltplatz toben der gutgelaunte, nicht-bellende Bordercollie-Mischling „Katze“ und sein kleiner Kumpel, der Dackel Kasimir und machen Hunderingkampf. Der eine von den Hunden heißt ja verwirrenderweise „Katze“, erzählen mir mehrere Leute und freuen sich. Es sind um die hundert Teilnehmende, von denen ca. ein Drittel, es ist ja selbstorganisiert, zwischendurch irgendwelche Dienste verrichtet. Sogar zum Kloputzen melden sich fünf Leute. Für die Nachtwache (Nazi-Abwehr notwendig), melden sich manche sogar ziemlich gerne, scheint mir. Vormittags und Nachmittags werden Workshops und Vorträge abgehalten. Bier verkauft die Bar erst ab vier.

Ich fühle mich auf dem Camp irgendwie frei. Ich finde es angenehm, dass sowas wie die All-Gender-Toiletten selbstverständlich zu sein scheinen. Den mit solchen Sachen ja häufig einhergehenden humorlosen Dogmatismus nehme ich nicht wahr. „Veganes Essen ist halt am einfachsten, können alle essen.“, sagen sie. Wer Fleisch grillen will, darf.

Ein Leben ohne alle halbe Stunde 1 Adorno-Witz ist möglich. Aber ich finde es zur Abwechslung sehr angenehm, mit lauter Menschen umgeben zu sein, die eher linker, engagierter und unfrisierter sind als ich. Innerlich erbaut und aufgeräumt, einen Tag später als geplant und ernsthaft in Erwägung ziehend, so schnell wie möglich einem Bakunin-Lesekreis beizutreten, fahre ich wieder nach Hause. Wo die ganze große Welt doch momentan so schrecklich scheint, war es tröstlich, mal einen Ausflug in eine kleine schöne Welt zu machen.

pferdeparteicamp

Eine Alternative für diejenigen, die Berührungsängste mit der Antifa haben – Das Sommercamp der #Pferdepartei

 

 

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2 Kommentare zu “Der Hund, der Katze hieß

  1. Das aber mutig. Ich dachte, nach dem Hamburger Affentheater sei es für alle linken erste Spießbürgerpflicht, sich so weit wie möglich von allen Antifanten zu distanzieren, damit Mama Merkel sich nicht immer so für ihren Koalitionsanhang schämen muss…

  2. Ganz ehrlich: ein bissi hab ich auch gefremdelt. Aber ich habe viel mit meinem Freund diskutiert und der sagt, die Polizei ist viel böser. Und es stellt sich ja nun raus, dass viele der Randalierer überhaupt nicht in die Szene gehört, sondern enthemmte Bürgerkiddies waren. Ich finde nicht alles, was alle von der Antifa machen, super, so ein bissi „Kriegsverherrlichung“ (=auf Demos gehen und sich kebbeln), betreiben manche schon. Aber es ist ja z. B. auch die Antifa, und sonst niemand, die vernünftige Aufklärungsarbeit bezüglich Rechtsextremismus macht etc.

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