Ich verstehe die Welt nicht mehr

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Das denke ich in letzter Zeit häufiger. Wenn ich so auf dem Fahrrad nach Hause fahre und vor mich hinsinniere, zum Beispiel. Heute las ich auf Spiegel-Online, dass sich die Studierendenschaft an us-amerikanischen Universitäten in Trump-Befürworter und Trump-Gegner aufspaltet. Meinem Weltbild zufolge dürfte es unter allen Menschen der Welt mit Hochschulzugangsberechtigung keinen einzigen geben, der Donald Trump gut findet. Ich verstehe das wirklich nicht. Wie kann jemand gleichzeitig Student und Trump-Fan sein? Ich verstehe die Welt nicht mehr, denke ich. Aber das würde bedeuten, dass ich die Welt je verstanden hätte. Denn hätte ich sie je verstanden, verstünde ich doch jetzt, warum es gekommen ist, wie es kam. Und dann verstünde ich die Welt jetzt auch. Also habe ich die Welt noch nie verstanden. Indem ich nun verstehe, dass ich die Welt noch nie verstanden habe, verstehe ich meine Welt wiederum etwas besser.

Das ist nicht neu. Das ist nur das aristotelische „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Befreiend. Aber war es wirklich Aristoteles? Oder Sokrates? Vor drei Monaten hätte ich noch gegoogelt. Den Anspruch hätte ich an mich gestellt. Nur so kommen wir weiter, dachte ich. Wir müssen uns bemühen, die Welt so gut zu erklären, wie wir können, das herauszufinden, was wir herausfinden können. Auch wenn wir wissen, dass wir nichts herausfinden können. Aber, dass wir das wissen, macht das, was wir herausfinden, wiederum ein bisschen herausfindenswerter. Das war mühsam, aber es schien mir der einzig richtige Weg zu sein.

Papperlapapp, denke ich nun. Sehr vielen Menschen, möglicherweise einer Mehrheit, ist sowas wie Logik, Kausalität, Objektivität, Reflektion, Bemühen um Genauigkeit, die Welt ergründen zu wollen ohne eigenen Vorteil dabei anzustreben und all das egal. Vielleicht war das schon immer so und schon immer eine Illusion. Egal. Das ist auf jeden Fall auch befreiend. Ist es nicht absurd, dass sich mal ganz Deutschland über ein paar hingeschummelte Fußnoten von Herrn Guttenberg aufgeregt hat? Dabei war die inkriminierte Doktorarbeit immerhin noch ein langer Text mit logisch aufeinanderfolgenden Worten, die einen Sinn ergaben. Ach die gute alte Zeit möchte man meinen, aber auch das war ja schon schrecklich.

Sehr befreiend. Ich muss auf jeden Fall weniger googeln, nur noch wenn ich wirklich selber was wissen will. Nicht mehr aus Prinzip. Aristoteles, Sokrates oder Plato, das ist mir egal. Isch kenne die alle nischt. Für die persönliche Zufriedenheit reicht mir mein gefühltes Wissen, dass alles Wesentliche bereits von diesen griechischen Brudis erdacht wurde. Und die haben ja auch nicht gegoogelt, kein Internet, nicht mal Gay-Tinder hatten sie. Trotzdem haben sie alles Wichtige schon herausgefunden. Folgen wir dieser These konsequent, ergibt sich nebenbei, dass wir doch keine Frauen brauchen (außer für die Reproduktionsarbeit, natürlich), um die Welt voranzubringen. Die gab es ja damals auch nicht. Auch die Intersektionalitätsforschung hatte es einfacher. Sowas kann ich jetzt einfach mal schreiben. Allen Quatsch schön hinschreiben. Das keinen Quatsch-Sagen erzeugt jedenfalls keinen Mehrwert.

So gesehen, ich bin befreit. Aber ich frage mich, was ich jetzt den ganzen Tag tun soll, jetzt wo der Unterschied zwischen Aristoteles und Plato oder auch Japan und China nicht mehr zählt. Ich muss ja nicht mal mehr herausfinden, ob der nun Plato oder Platon heißt. Welches Leben, welche Politik, Welche Kunst ist denn dem Ganzen angemessen? Den Rückzug ins Private habe ich ja schon angetreten, aber da ist mir dann oft langweilig, obwohl Weltuntergangsstimmung ja eigentlich befreiend und spaßfördernd ist. Wenn die Welt sowieso untergeht und nichts mehr gilt, kann gemacht werden, was gefällt. Ohne Reue. Wäre ich jünger und fitter, würde ich mehr Alkohol trinken. Manchmal denke ich, ich sollte mal zu Fuß irgendwo hingehen, ganz weit, nach Barcelona zum Beispiel. Das würde mir Spaß machen. Was die Kunst anbelangt, ist es einfach. Durch die Welt zu schlendern und zu beschreiben, was so erlebt und erfühlt wird, lohnt sich doch noch immer (hier ein Beispiel) und kann immer wieder neu erfunden werden. Das musste ja noch nie logisch sein.

 

 

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14 Kommentare zu “Ich verstehe die Welt nicht mehr

      • ha, treffer versenkt. ich wollte erst so mit positiven adjektiven arbeiten, dann dachte ich, nee, das mach ich feinsinniger. ich musste so an dich denken, während ich darüber nachdachte. du spazierst so durch die welt und beschreibst sie. das war so das feeling bei mir, vom gefühl her, als ich so am drüber nachdenken war.

  1. Die Wissensenttäuschung ist sehr schön auf den Punkt gebracht. Für Trump und die anderen Lügner empfehle ich dringend, die neueren Folgen von South Park zu sehen. Das für uns schwer nachvollziehbare Problem dort scheint zu sein, daß die Demokraten und Hillary genau so beschissen sind, aber von sich glauben, besser und wahrer zu sein, als Trump. Deshalb ist Trump mit vorsätzlichen Lügen und schlechtem Benehmen der ehrlichere von beiden.

  2. Ja nee. Ich glaub, das war schon immer so. Man merkt es halt mal mehr, mal weniger.
    Und Plato und Aristoteles können sich gehackt legen.
    Wie philo kann man sophen?

  3. ich finde lustig, wie amerikaner zu aristoteles sagen, so ungefähr „ärisdoddle“. ja nee. das wollte ich ja gesagt haben, das war alles schon immer so, sonst wärs ja nicht so gekommen, gell? aber es fühlt sich halt gerade öfter mal nicht so an. ich bin zum beispiel immer mal wieder aufrichtig verdutzt, dass donald trump präsident der usa ist.

      • Das hast Du ja schon öfter mal gesagt. Ich glaube Dein die Sachen absurde finde-Level war von Anfang an höher und ist jetzt nicht weiter angestiegen. Ergibt doch Sinn. Ich finde schon neu, wie jetzt gelogen wird. Für den Irak-Krieg haben sie wenigstens noch sowas halbwegs glaubhaftes erfunden, so ein bissi sich die Mühe gegeben, Beweise zu fälschen. Die Mühe wird sich jetzt nicht mehr gemacht. Alternative facts, fertig. Aber wie gesagt, ich widerspreche Dir ja gar nicht.

      • Ich glaube, aus meiner Perspektive ist es eher verblüffend, dass Trump so lange gedauert hat, und dass nicht jedes Land einen hat.
        Oder so.

  4. Früher war mehr Redlichkeit, zumindest gefühlt, vllt. aber auch nur mehr Schein, vermittelt durch mehr Mühe beim behumsen. Muß heut wohl nicht mehr.

    Das mit dem Hochschulzugangsberechtigungsschein frug ich mich – ostsozialisiert – als mir mein erster Burschenschaftler über den Weg lief. Auch so eine Tradition – Trump steht da imo nur in einer anderen, uns nicht so vertrauten.

    So Sie Sich von langen & mäandernden Texten nicht abschrecken lassen, kann ich Ihnen den letzten Schmid (Teil 1 von 4) wärmstens empfehlen. Der erklärt zwar nicht alles, vermittelt aber doch eine imho interessante Perspektive. Und liest sich obendrein schön.

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