Ich gehe zum „Marsch der Muslime“

Streng genommen bin ich kein „Muslim“, in vielerlei Hinsicht nicht. Ehrlich gesagt, sobald mir jemand erzählt, sie_er sei religiös, glaube an Gott/Allah (das ist doch vong Logik her dieselbe „Person“?), will ich schon gar nicht mehr mit dem Menschen befreundet sein oder ihn näher kennen lernen, so albern und unsexy finde ich Religiosität (also nicht, dass ich hier jetzt mega-intolerant rüberkomme, Gläubige sind keine Unmenschen, sie stehen bei mir ungefähr auf einer Stufe mit CDU-Wählenden: irgendwas ist in der Kindheit halt schon schiefgegangen. Ich möchte auch nicht ausschließen, dass es „Gott“ gibt und ich nur zu stumpfsinnig bin, es zu erfassen. Aber, warum sind die, die „ihn“ wahrnehmen können, dann in so hoher Zahl diese komischen blassen Langweiler?). Trotzdem gehen der befreundete Onkel und ich jetzt mal zum Marsch der Muslime, d. h. der von Muslimen/muslimischen in Deutschland organisierten Demonstration gegen Terror und für Frieden. Denn: wenig geht mir mehr auf den Geist als die Forderung an „die Muslime“, sich von islamistischem Terror zu distanzieren. Zum ersten und vor allem, weil die mit Abstand meisten Opfer dieses Terrors selber muslimische Menschen sind. Aber auch, weil ich es grundsätzlich eine große Unverschämtheit finde, von irgendjemandem zu fordern, sie_er solle ich von Terrorismus distanzieren. Außer natürlich es gibt Ansatzpunkte dafür, dass jemand Terror befürwortet. Diese Forderung an „die Muslime“ ist so offensichtlich rassistisch. Von den Katholiken hat doch bis jetzt auch noch niemand gefordert, sich von Pädophilie zu distanzieren, obwohl ohne Zweifel viel mehr katholische Würdenträger Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung Minderjähriger begangen haben (was jawohl auch eine Form von Terror ist), als islamische Würdenträger terroristische Anschläge. Niemand fordert von den Protestant*innen sich  von Antisemiten zu distanzieren, obwohl der Religionsstifter zweifelsohne einer war und die Evangelen am Terror des dritten Reiches sehr eifrig und erfolgreich mitgewirkt haben. Naja egal. Um Logik und Sinn geht es ja nicht und ging es vielleicht ja noch nie. Aber muss Rassismus wirklich so unkreativ daher kommen?

 

 

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36 Kommentare zu “Ich gehe zum „Marsch der Muslime“

  1. Ich störe mich, wie Du, an der unverschämten Forderung Muslime müssten sich explizit und öffentlich gegen Terror äußern. Wieso sollten sie? Was haben Sie mit ein paar irren Gewalttätern zu tun, die behaupten gläubige Muslime zu sein und unter dieser Flagge töten.

    Mein Nachbar sitzt oben auf dem Balkon und singt türkische Lieder.

      • Hör ich mir später mal an, den Ozdemir.
        Für mich sind türkische Lieder und Gesänge vom Balkon der Sound von Kreuzberg. Eine der besten Veranstaltungen mit dieser Musik ist das Gayhane im SO 36 (SO steht für Süd-Ost).
        Leider klingt es immer seltener bunt aus den Hinterhöfen, weil immer mehr türkische und arabische Familien verdrängt werden und an ihrer Stelle Besserverdienende nach Kreuzberg kommen. Kopftücher sieht man immer weniger und plötzlich liegen im Januar Weihnachtsbäume auf dem Gehweg.

    • Ich ärgere mich auch sehr über diese, wie ich finde, sehr stark Unbildung zum Ausdruck bringende Rede von „Dem Islam“, „Den Muslimen“. Die müssen alle mal ne Runde Kulturwissenschaften studieren.

      • Die sollten alle mal aufhören ihre dummen Stegreifmeinungen in die Welt zu tröten und anderen ihre „Kultur“ aufdrängen zu wollen.
        Ich bin geneigt mir eine Ganzkörperburka zu besorgen. Und für den Hudn auch eine. udn dann stelle ich überall leere Koffer hin.

      • Ich lebe seit 18 Jahren in Kreuzberg Süd-Ost und vorher war ich 5 Jahre im türkisch geprägten Neukölln. Langsam wird´s hier sehr deutsch und sehr reich und viele verwöhnte Kinder spielen auf dem Gehweg und viele Mütter beschweren sich über meinen braven Hund, einfach nur weil er da ist und dort hinpinkelt wo ihr Nachwuchs sich ausleben möchte.

      • Wow. Also, das tut mir zunächst für Dich leid, diesem traurigen Elend zuschauen zu müssen. Und dann natürlich für die Gesellschaft und alle, auch (Ich bin nicht gegen „Gentrifizierung“, aber ich bin für Sozialen Wohnungsbau und Regulierung von Mieten, die eine Durchmischung, nenne ich es mal, von Milieus ermöglicht, profitieren alle von. Es folgt ein bissi uninformierte Berlin-Experience von mir (hoffentlich nicht super uninteressant): Meiner Mutters beste Freundin, Helga, wollte irgendwann unbedingt nach Berlin ziehen (is ca. 35 – 30 Jahre her) sie war künstlerisch ambitioniert, aber finanziell schwach, sie und ihr schweizerischer Freund Rudolph, ein Austauschsstudent aus der Schweiz, mieteten also eine Hinterhof-Wohung in Kreuzberg. Helga berichtet, dass sie immer viele türkische Kinder zu Gast hatten und, wenn es kalt war, einen Stuhl auf den einzigen Tisch der Wohnung stellten und sich darauf setzten (weils halt so kalt war und oben in der Luft etwas wärmer), Helga neigte nicht zum Lügen. Ich mag die Geschichte.

      • Mir tut das auch Leid um unser schönes Kreuzberg. Ich bin schon gg die Gentrifizierung (als die Veradelung) der Kieze.
        Die Mischung, wie wir sie in Berlin immer hatten (in meiner Straße wohnten zB Meret Becker und Heiner Müller in einem Haus mit türkischen Großfamilien, Handwerkern u Lehrern) geht verloren und das Arbeiterkind darf bald nur noch im Ghetto mit seinesgleichen spielen.

        Die Geschichte von Helga gefällt mir!

        Die GEschichte

      • ja, das ist doch total interessant. wenn die alle in einem haus wohnen, profitieren doch alle davon. nicht in dem sinne, dass die türkischen leute total alternativ werden und meret becker total antirassistisch – aber im rahmen des möglichen. aber wie kostbar das ist – bzw., dass das halt normal sein sollte, davon haben zuwenige mensche n ein bewusstsein. und das können wir nicht ändern, fürchte ich.

      • Hinzu kommt, dass viele die hierher kommen es so supi finden, dass sie sich *ne Eigentumswohnung kaufen und überhaupt nicht verstehen, dass sie gerade im Begriff sind unser schönes Korallenriff zu zerstören. Viele denken sich gar nix dabei. Andere kommen allerdings hierher, überziehen alsdann die Clubs mit Klagen und lassen Hundebesitzer vom Ordnungsamt jagen. Ihren Kindern zeigen sie mit spitzen Fingern die Ureinwohner, ihre Häuser haben Klingeltableaus mit Code, überall Zäune und Durchgang verboten und Ödnis.

        Nicht zu ändern und ich bin trotzdem traurig…

      • Naja, die zweite Gruppe ist ja auch wirklich brutal. Mir macht es Angst, sowas zu hören. In Köln gibt es sowas nicht, aber auch, weil es sowas wie Kreuzberg in der Formvollendung halt nie gab. Hier gehen diese Prozesse langsamer vonstatten.

      • und um die diskussion vielleicht zu schließen: diejenigen, die da mit den spitzen fingern zeigen, sind doch vielleicht auch die, die von „den muslimen“ fordern, sich vom terror zu distanzieren und mal ihre frauen gleichberechtigt zu behandeln (während kreuzberg-mutti komischerweise auch zuhause sitz, während kreuzberg-papi die kohle für die eigentumswohnung ranschafft

      • ich finde das übrigens einigermaßen zentral und werde da fast stalinistisch: wer es mit gleichberechtigung ernst meint, sollte sich um „durchmischung“ kümmern: sozialwohnungen in die reichen veedel, und zwar da, wo es hübsch ist – so dass menschen aus verschiedenen welten in kontakt kommen und merken, dass sie nicht in allem so verschieden sinds.

      • Genau so möchte ich leben und so war Berlin geplant. Im 19. Jh. gab es den wunderbaren Stadtplaner James Hobrecht. Der hat sich das folgendermaßen vorgestellt (Quelle Wikipedia):

        „In der Mietskaserne gehen die Kinder aus den Kellerwohnungen in die Freischule über denselben Hausflur wie diejenigen des Rats oder Kaufmanns, auf dem Wege nach dem Gymnasium. Schusters Wilhelm aus der Mansarde und die alte bettlägerige Frau Schulz im Hinterhaus, deren Tochter durch Nähen oder Putzarbeiten den notdürftigen Lebensunterhalt besorgt, werden in dem ersten Stock bekannte Persönlichkeiten. Hier ist ein Teller Suppe zur Stärkung bei Krankheit, da ein Kleidungsstück, dort die wirksame Hilfe zur Erlangung freien Unterrichts oder dergleichen und alles das, was sich als das Resultat der gemütlichen Beziehungen zwischen den gleichgearteten und wenn auch noch so verschiedenen situierten Bewohner herausstellt, eine Hilfe, welche ihren veredelnden Einfluss auf den Geber ausübt. Und zwischen diesen extremen Gesellschaftsklassen bewegen sich die Ärmeren aus dem II. oder IV. Stock, Gesellschaftsklassen von höchster Bedeutung für unser Kulturleben, der Beamte, der Künstler, der Gelehrte, der Lehrer usw., und wirken fördernd, anregend und somit für die Gesellschaft nützlich. Und wäre es fast nur durch ihr Dasein und stummes Beispiel auf diejenigen, die neben ihnen und mit ihnen untermischt wohnen.“

        – Hobrecht

  2. Ich distanziere mich ja regelmäßig von der BRD und ihren Repräsentant(inn)en, finde aber auch, dass dazu keine Verpflichtung besteht.
    Und @tikerscherk, über die Sache mit der Burka hab ich auch nachgedacht, konnte mich aber bisher nicht so richtig entscheiden, ob das nicht eher eine doofe Aktion wäre, vong Cultural Arpopiatiom her? Sollte vielleicht mal ein paar Musliminnen fragen, wie sies fänden.

    • Hahaha, danke Muriel. Ich war versucht, Tikerschek die Burka-Geschichte von Dir zu berichten, habe aber aus Faulheit Abstand davon genommen. Damit sich der ganze Charme entfaltet, muss man ja erstmal Dich dazu beschreiben. Ich wäre beim „Team-Burka dabei.“

      • Ich bin halt echt unsicher, ob ich es dafür als Vorteil oder Nachteil zähle, dass ich bei so einer Aktion ja von so ziemlich allen klassischen Privilegien profitiere, die man in Deutschland haben kann. Aber reizvoll fänd ich es.

      • Na, für Deine Privilegien kannste ja nix, außer sie einsetzen. Ich fand das damals sehr charmant, als Du überlegtest, dir ne Burka zu kaufen, es schien so von Herzen zu kommen.

    • Wenn ich jemanden frage und dessen Veto dann übergehe, wird´s erst blöd. Woher weiss ich denn, ob es eine repräsentative Stimme ist, die ich bei meiner Befragung erwische.
      Es gibt in Berlin einen Platz, den Straussberger Platz, in dessen Mitte ein großer Brunnen steht um den herum 4 spurig die Autos fahren. Das Ganze ist im Ostteil der Stadt, flankiert von Stalinbauten. Kein türkischer Mensch verirrt sich je hierher. Genau auf diesem Platz möchte ich gerne 2 Std. mit Burka und vollverburktem Hund um den Brunnen herum laufen. Idealerweise bis ich verhaftet werde wegen irgendeines Ärgernisses.

      • Wenn Du das ernst meinst und überhaupt das Bedürfnis nach Gesellschaft verspürst, sag rechtzeitig Bescheid, ich finde das unterstützenswert. Und war lange nicht in Berlin. (Ich finde Berlin ist nur für Ehrgeizige oder die, die alles aufgegeben haben. Wer sich in Berlin langweilt, ist selber schuld. Diesen Test möchte ich vermeiden.)

      • Das… wär insofern ungewöhnlich, als es in Deutschland ja gar nicht verboten ist, oder?
        Und klar, für Repräsentativität reicht’s nicht, aber ich würde schon gerne ein paar Meinungen von Betroffenen hören, bevor ich mir ihre Probleme aneigne.

      • Da haste natürlich Recht, mit dem nicht-Verboten-sein. Und die „Aneignungs-Frage“ sollte natürlich auch immer gestellt werden. Allerdings, ich bin mal ehrlich: mir sind die Burka-Betroffenen da halbwegs egal, da gehts mir nur um mich: so dumme Argumente, wie gegen die Burka (In Deutschland gehörts zur Kultur, sich ins Gesicht zu schauen), sollten vong Prinzip her verboten sein, wegen Dummheit und sind auch Ausdruck von Rassismus, find isch.

      • Sie würden mich vielleicht festnehmen, weil es eine Provo wäre, oder weil ich meine Tasche (auf einem imaginären Zifferblatt) bedeutungsschwanger auf 5 vor 12 stehen lassen würde und erst bei der nächsten Runde wieder mitnähme.

  3. Du hast auf jeden Fall Recht, Muriel. Nur bringt mich das in die Bredouille, weil ich dann Abstand nehmen muss von meinem Plan. Ich möchte mir eigentlich auch gar keine Probleme anderer aneignen. Ich wollte quasi-pantomimisch meine Meinung kundtun.
    Ich bin aber unsicher, wie ich das tun könnte ohne jemandem auf die Füße zu treten, dem ich keinesfalls auf die Füße treten möchte. Wenn ich aber vorher rumfrage fehlt ja der Überraschungseffekt.

    Du siehst, Onkel Maike, es ist nicht so einfach. Wenn ich zu einem Ergebnis gekommen bin, sage ich Dir Bescheid.

    Eine Freundin von mir ist seit 19 Jahren mit einem Jamaikaner verheiratet. Neulich durfte sie nicht auf eine Party für poc, die von Weissen veranstaltet worden war, weil sie Dreads hat. Kulturelle Aneignung und so. Ihren Mann wollten sie reinlassen.
    Die beiden kratzen sich immer noch am Kopf.

    • hahaha, bis zum Kopf kommste doch nit, wenn alles mit Dreads verfilzt is, oder wie? Mir ist Dein Impuls zutiefst sympathisch, weil Du vom Typ her doch keine Aneignerin bist, sondern eher besonnen.

      • Ne, ich bin bestimmt keine Aneignerin. Mir wär das auch irgendwie peinlich mich mit Henna vollzumalen, eine Punkt auf die Stirn zu tupfen, wallende und bunt bedruckte afrikanische Gewänder zu tragen, in den Trommelworkshop zu gehen, schamanische Rituale zu pflegen und zu rufen: Ich bin Eine von Euch!, wo ich ganz genau weiss, dass das nicht stimmt.
        Wenn aber jemand einen Tunnelohrring oder einen Iro trägt und dafür ausgeschumpfen wird, find ich das auch blöd.

    • Man könnte natürlich auch ein Batman-Kostüm oder sowas anziehen. Wär das Gesicht auch verhüllt. Hätte aber auch wieder Nachteile. Alles nicht so einfach…
      Meine Freundin hat ja auch Dreads und ringt deshalb immer mit sich, möchte sie aber vorerst behalten. Ich bin dafür, ich mag sie.

      • Expropriiert die kulturellen Expropriateure, dreadman oder batman, das ist hier die Frage. Arme Freundin, sie wollte bestimmt niemandem etwas wegnehmen, also das ist wirklich alles kompliziert.

      • Batman ist auch nicht schlecht. Andererseits so karnevalesk…
        Wenn Deine Freundin ganz ohne anbiedernden Arg diese Frisur für sich gewählt hat und sie ihr steht, solle sie sie behalten. Umso mehr, weil Ihr sie beide mögt. Das auf-den-Zehenspitzen-herumschleichen hilft niemandem und ich finde, dass schon das kritsiche Bewusstsein im Umgang mit diesem Thema Ausdruck von Respekt ist. Ist natürlich nur ne Meinung ohne Anspruch auf Richtigkeit (wenn´s sowas überhaupt geben kann)

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