Who the fuck is Leitkultur?

Oh, es gibt wieder eine Leitkultur-Debatte? Dazu habe ich eine sehr entschlossene und eindeutige Meinung. Sie geht so: Es gibt keine deutsche Leitkultur. Fertig. Was soll das sein? Was wir in Deutschland allerdings haben, ist eine geschriebene Verfassung. Sie enthält viele, nennen wir es unjuristisch „Leit-Werte“, die ich teile: Demokratie, Rechtsstaat, Gleichheit und so. Menschen, die nach Orientierung suchen, können da mal reinschauen. Im übrigen finde ich nicht, dass sich unser Staat selber sonderlich ehrgeizig an die Anregungen unseres Grundgesetzes hält. Ich denke da zum Beispiel an unsere Handlungsbeziehungen und Völkerfreundschaft mit Saudi Arabien. Aber meine Güte, wer bin ich, dass ich über andere schimpfen dürfte. Es ist doch schön, reich zu sein. Wenn man dafür ein paar unethische Geschäfte machen muss, ach ja. Nicht so lange darüber nachdenken und lieber ein leckeres Feierabendbier trinken. Apropos Bier: Das könnte doch ein Teil dieser Leitkultur sein, dachte ich kurzfristig, als ich ernsthaft strebend mich bemühte, sie zu definieren. Wenn sogar der Innenminister von ihr spricht, dann muss es sie doch geben. Aber nein, Bier kommt auf der ganzen Welt vor, in China, in Belgien und in vielen anderen Ländern. Vielleicht ist eher das deutsche Bierbrau-Reinheitsgebot ein Ausdruck von Leitkultur. Bier gibt es in der ganzen Welt, aber so schöne Regeln, was in das Bier alles nicht hineingemischt werden darf, haben vielleicht nur wir Deutschen. Weitere Dinge, die es meines Wissens nur in Deutschland gibt, also deutsche Leitkultur darstellen könnten, sind: Das Ehegattensplitting und kein Tempolimit auf den Autobahnen. Dazu kommt noch der Holocaust sowie Skat. Alles Weitere, was wir in Deutschland haben, gibt es andernorts genauso. Glaubt mir das einfach, ich habe lange darüber nachgedacht.  Lasst Euch von Thomas „Wer das Vermummungsverbot nicht liebt, soll Deutschland verlassen“ de Maizière bloß nichts anderes erzählen, er ist nur ein mieser Populist.

Denkt Euch jetzt alle mal eine Geschichte aus, in der diese fünf Begriffe vorkommen und malt in Eurer Vorstellung ein Bild im Stile Carl Spitzwegs davon.  Vor meinen Augen taucht ein Ehemann auf, der besoffen von einem Skatturnier zum nächsten über die Autobahn rast. Seine Frau hasst ihn dafür erbittert und möchte ihn verlassen. Wegen des Ehegattensplittings hat sie jedoch nach den Kindern nicht wieder angefangen zu arbeiten und ist jetzt finanziell abhängig. Sie hofft, dass der Mann an seinem Gesaufe endlich mal zugrunde gehen möge. Leider aber ist das deutsche Bier wegen des Reinheitsgebotes so gesund, dass es dazu nicht kommt. All das frustriert die Frau so sehr, dass sie Sympathien für Björn Höcke und seine Holocaust-Leugnerei entwickelt.

Natürlich können mit diesen fünf Worten auch positivere Geschichten erzählt werden. Aber im großen und ganzen habe ich mit meiner kleinen Erzählung unsere Leitkultur gut zusammengefasst, wenngleich ihre Existenz natürlich nicht bewiesen. Einigen wir uns doch einfach darauf, dass, falls es die deutsche Leitkultur überhaupt gibt, wir sie dringend überwinden müssen.

Nachtrag:

Muriel scheint auch kein großer Fan der „Argumente“ des Innenministers zu sein,

Christoph Biermann auf Zeit Online auch nicht so.

Und auch Claudius Seidl auf FAZ online nicht.

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8 Kommentare zu “Who the fuck is Leitkultur?

  1. Ich mag ja beide ganz gerne. Sehr gute Reime, der Goethe, sehr gute Reime. Aber was sind das für Arschlöcher, die auf Goethe „stolz“ sind oder den als Teil unserer Leitkultur definieren. Goethe selber wäre, glaube ich, der letzte dem sowas einfiele.

  2. Unsere Brotvielfalt ist einzigartig in der Welt. Das müsste noch mit rein in den Text, denke ich.

    (Hab hier länger nichts mehr gesagt, bin aber nach wie vor Fan)

    • oh, ja, das ist sehr wahr.(das ist aber so positiv, deswegen habe ich es in meinem fanatischen deutschland-hass verdrängt) mir war auch noch was eingefallen, was es nur in Deutschland gibt, aber ich komme gerade nicht drauf.

      • Oh ja, nicht das Gefühl, dass ich gerade angesichts der Wahlergebnisse aus Schleswig-Holstein habe, obwohl ich kein SPD-Fan bin. Naja, was so Wortschöpfungen anbelangt, da gibt es einiges. „Feierabend“ hat beispielsweise auch kein würdiges Äquivalent in anderen Sprachen.

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