Männer, die sich streicheln

Meistens ärgere ich mich ja über Spiegel Online. Heute habe ich mich aber mal gefreut: „Fasst Euch an, Männer“ übertitelten sie dort einen Artikel, in dem es um zwei niederländische Politiker geht, die als Zeichen der Solidarität gegen Übergriffe auf Schwule Hand in Hand durch Den Haag laufen. Dazu gibt es ein Foto der beiden sich an der Hand haltenden textgegenständlichen Herren. Niedlich.

Mich hat das, wie gesagt, vergnügt. Männer zum sich Anfassen oder Streicheln aufrufen, hat auf den ersten Blick was Subversives. Aber warum eigentlich? Streicheln sich Männer untereinander seltener als Frauen? Ich selber komme aus einer ländlich geprägten protestantischen Kleinbürgerfamilie. Da streichelt keiner keinen, Geschlecht egal. (Und? Hat es uns etwa geschadet!) Richtig mitreden kann ich also nicht.

Mir kam dazu eine alte Jugenderinnerung in den Kopf. In meiner ersten WG hatte ich einen Mitbewohner, der manchmal dabei beobachtet werden konnte, wie er seine beiden besten Freunde, sie hießen Martin und Thomas, streichelte. Einmal kam Thomas nach längerer Zeit zu uns zu Besuch. Mein Mitbewohner freute sich, ihn wiederzusehen und streichelte ihm ausgiebig über den Arm. Es war nicht so ein, ich nenne es mal typisches Männerstreicheln, rumpelig, eher hauend-klopfend als sanft gleitend, sondern richtig zärtlich. Was für ein guter Typ mein Mitbewohner ist, dachte ich damals, er streichelt einfach seinen Freund weil er ihn mag.

Vielleicht ist diese Erinnerung doch ein Zeichen dafür, dass Männerstreicheln etwas Besonderes ist, sonst wäre mir das Ereignis damals ja nicht aufgefallen und bis heute im Gedächtnis geblieben. Mein Eindruck ist allerdings, dass sich auch Frauen untereinander wenig streicheln. In unserem Kulturkreis (was auch immer das sein mag), scheint mir der Ort für das Streicheln die Liebesbeziehung zu sein. Wir streicheln unseren Freund/Freundin, Mann/Frau und sonst eher niemanden, oder? Mehr oder weniger unbeholfenes Umarmen und das wars. Am liebsten würde ich wieder eine Meinungsumfrage machen: Sie hieße: „Und: Wen streichelt Ihr so?“ Aber die Frage ist irgendwie so persönlich und manchmal auch schmerzhaft. Denn nicht alle Menschen sind Teil einer Liebesbeziehung und bleiben daher ungestreichelt. Viele Leute finden: Streicheln, Berührungen, Kuscheln – Schön und gut, aber den dazugehörigen Stress kann ich mir nun wirklich nicht antun. Manche von ihnen beschaffen sich stattdessen ein Tier. Tiere können oder wollen sich gegen menschliche Zärtlichkeiten in der Regel nicht wehren. Und wenn man nur die Tür richtig zumacht, laufen sie auch nicht weg.

Und während ich so nachdenke, wie ich den Bogen von den zwangsgestreichelten Hunden zurück zu den händchenhaltenden Herren schlagen soll, fällt mir folgende Geschichte ein, sie ist mir vor ein paar Wochen im Computerkurs passiert: Eine junge, kecke Teilnehmerin, die mir bis dahin primär deswegen aufgefallen war, weil sie mich nicht zurückgeduzt hatte, setzte sich auf einmal neben mich. „Darf ich mal Ihre Haare anfassen? Die sehen so schön weich aus.“, fragte sie mich. „Ähm, ja, ich mag meine Haare gar nicht so“, antwortete ich, „die gehorchen mir überhaupt nie, sondern machen immer, was sie wollen.“ „Ja, so sehen die auch aus“, antwortete die junge Frau, „aber auf eine nette Weise.“. Und dann streichelte sie mir kurz durch die Haare.

Nachtrag: Vetaro schickt mir einen Link zu diesem Artikel, der sich tiefergehend mit dem Thema „ungestreichelte Männer in den USA“ befasst. Sehr interessant.

 

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6 Kommentare zu “Männer, die sich streicheln

  1. Zu meinen liebsten Kreuzberg-Bildern gehören würdige alte Türken, die, ins Gespräch vertieft, Hand in Hand spazieren gehen. Homosexualität kommt vermutlich in deren Weltbild so wenig vor, daß sie diese vertrauliche Geste damit nie in Verbindung bringen würden. Türkische Youngster sind zwar rumpelig-kumpelig miteinander, aber sie pflegen komplizierte Kußrituale. (bei Kußritualen kann ich mir nie merken, auf welcher Seite angefangen wird, Unbeholfenheit galore)

    Das rumpelige Geklopfe und Gehaue bei Männerumarmungen halte ich für vorauseilende Verdachtsausräumungen von Homosexualität und von Zartheit und Behutsamkeit. Fußballer sind die einzigen „richtigen“ Männer, die sich aus lauter Freude umarmen, weswegen gelebte Homosexualität im Profifußball immer noch nicht wirklich vorkommt. „Richtige“ Heteromänner scheinen große Angst davor zu haben, einer könne sie zur Frau machen.

    Ich bin manchmal zärtlich mit Freundinnen und homosexuellen Freunden, mit Heteromännern eher zurückhaltend, es wird zu oft mißverstanden. Das zunehmende Alter ist dabei ein echter Gewinn, ich kann viel freundlicher zu Männern sein als das früher möglich war.

    Bei den Zwangsgestreichelten fehlen kleine Kinder – ich finde es (z.B. in den Öffentlichen) irre, mit welcher Distanzlosigkeit sich manchmal völlig Fremde über Kinderwagen hermachen, ich hab’s als Kind gehasst.

    • Oh, wie interessant. Ich höre das immer, so unter dem Motto: „Männer aus dem arabischen/türkischen Kulturraum fassen sich selbstverständlicher an.“ Obwohl ich ja im auch türkisch geprägten Köln-Ehrenfeld lebe, habe ich das persönlich noch nie wahrgenommen, schade. Männerzärtlichkeit ist ein spannendes Thema. Ja, Fußball ist so eine Sache. Es ist so unfassbar „Schwul“, wenn wir so wollen, wenn sie sich da aufeinanderwerfen wegen Torjubels etc. Mir tut es nur für die tatsächlichen Homosexuellen leid, die sich nicht trauen, das zu leben, ich fürchte, dass es da noch viel mehr gibt, als wir uns vorstellen. Ich kann mich ans zwangsgestreichelt werden, als Kind gar nicht erinnern, aber ich war auch sehr ruppig. Ich glaube, dass „erwachsene“ Menschen bei Kindern wie auch bei Tieren irgendwie unbefangener sind – Aber natürlich ist es übergriffig.

      • Hm, das glaube ich auch. Diese „Irgendwie-Unbefangenheit“ hat vermutlich mit einem Machtgefälle zu tun und das gilt wahrscheinlich auch für so manche männliche Übergriffigkeit auf Frauen.

        Während Zärtlichkeit mit Offenheit – inklusive eigener Verletzlichkeit – und mit Augenhöhe zu tun hat. Viele sind aber lieber ängstlich, denn sie wissen nicht, wo sie in der Hierarchie stehen und welches Verhalten zu ihrer Position passt und das ganze Distanz-, Einsamkeits-, Mißverständnis-, Übergriffigkeits- und Gewalt-Drama nimmt weiter seinen Lauf.
        Ein sehr spannendes Thema, danke für den Blog!

      • Ja, wirklich total spannend, ich hab das Thema ja nur an der Oberfläche angekratzt, da mal weiter schauen, lohnt sich – danke für die tollen Kommentare!

  2. Das gefundene Fressen für die Haptikerin. Das Foto hat mich berührt und gerührt weil es ungewöhnlich im Stadtbild ist. Meine Schüler mit Migrationshintergrund (was für ein schreckliches Wort) kloppen und hauen sich auf Häne, Arme und Schultern als Zeichen der Verbundenheit. Das kann doch nicht alles sein, oder? Wenn es nach mir ginge wäre „Sich-Berühren“ ganz alltäglich – egal ob Mann oder Frau. Sympathie muss da sein. Wer hält denn heute noch Händchen? Früher ein Zeichen, heute uncool. Bei meiner Recherche zu meinem Outing als Haptikerin habe ich eine Veranstaltungsreihe in Köln gefunden, mich bis jetzt nicht getraut da mal hinzugehen (http://www.koelner-kuschelparty.de/termine.html). Liegt wohl an meiner norddeutschen Herkunft.

  3. Hahaha der Schnelltest „Sind Sie Hannoveranerin/herkünftig aus vergleichbaren Gefilden?“: „Stellen Sie sich einfach vor, an einer Kuschelparty teilzunehmen. Wenn Sie Angst kriegen, ist das Testergebnis positiv.“ Ich bestehe den Test jedenfalls eindeutig 🙂

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