ZDF-Politbarometer

Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer,

früher haben wir an dieser Stelle repräsentative Umfragen zu politischen Themen veröffentlicht. Aber was soll der ganze Quatsch denn in diesen postfaktischen Zeiten noch? Wir erkennen das an und widmen uns lieber den wirklich wichtigen Themen. Daher haben wir Onkel Maike beauftragt, diesmal nicht einen repräsentativen Querschnitt (was soll das denn auch sein? Geht doch nach Hause, Infratest-Dimap und Konsorten) der deutschen Bevölkerung, sondern einfach lieber die besten Deutschen zu fragen, was sie denken und fühlen, wenn sie im Supermarkt an der Kasse stehen. Hier Onkel Maikes Ergebnisse:

Ja, was soll ich sagen. Ich war so gerührt über die rege Teilnahme an meiner Umfrage: Neun Antworten! Das mag der einen oder dem anderen nicht viel erscheinen. Ich finde es aber schon viel (Zum Beispiel im Vergleich zu den Beteiligungszahlen, die ich mit meinem legendären Thomas Mann-Imitierwettbewerb erreichte. Das waren seinerzeit drei Leute, von denen sich keiner an die Regeln hielt, und auch das fand ich schon viel.).

Nun aber mal zur Auswertung der Umfrage:
Die Deutschen nehmen interne und externe Zustände im Supermarkt differenziert wahr und können sie gut beschreiben. Ich war über jede einzelne Rückmeldung begeistert.
Mir wurde klar, das im Supermarkt noch mehr los ist, als ich sowieso schon dachte. Es ist unglaublich facettenreich. Beispielsweise lernte ich, dass es Handy-Apps gibt, mit denen die giftigen Inhaltsstoffe, der Sachen, die wir im Supermarkt kaufen können, gescannt werden können: Der Supermarkt als Ort, der uns dem Tod näher bringt, wenn wir technisch nicht auf der Höhe sind.  Der Supermarkt aber auch als Ort, der uns permanente Enge suggeriert: Es ist nicht genug Platz für uns da, nie, immer sind wir zu sperrig. Eine teilnehmende Person beschreibt ihr Leiden unter sogenannten „Plauderinseln“, plappernde Menschengrüppchen, die sich seinem Einkaufswagen in den Weg stellen. Eine gelungene Wortschöpfung.
Ich las Geschichten von Frauen, die vor der Waschmittelvielfalt weinten. Und nebenbei geriet ich ins Nachdenken über mich selber: Wieso gehe ich an diese Orte des Schreckens so oft? Wieso mache ich es nicht wie so viele andere Menschen, solche, solche die ihr Leben im Griff haben? Wieso kaufe ich nicht auf dem Markt oder wenigstens öfter im türkischen Supermarkt ein. Überall da, wo es weniger apokalyptisch zugeht?

Vielleicht, weil es gleichzeitig viel Schönes und Interessantes zu sehen und fühlen gibt. Im Supermarkt ist es möglicherweise nicht anders als im Krieg. Die Leute zeigen ihr wahres ich. Meine Umfrage ergab außerdem, dass viele Menschen gerne in den Supermarkt gehen. Sie wissen die Sinneseindrücke (Beispielsweise: bunte Schnapsfläschen, die Haptik von Shampooflaschen, den Geruch der Basilikumtöpfchen) zu würdigen und sehen optimistisch dem Moment entgegen, wenn sie den Einkaufsort verlassen werden. Nirgendwo besser als im Supermarkt kann mensch sich mit dem Alltagsnazi in sich konfrontieren und versuchen, durch Leute an der Kasse vorlassen und ähnliche Freundlichkeiten sein Karma zu reinigen. Wobei, und das gefällt mir am allerbesten, unter den Deutschen auch einige sind, die ihr Karma nicht mehr zu reinigen brauchen: Sie behalten im größten Stress und im schlechtesten Licht den Blick für das Gute in den anderen. Und sie berichten von den vielen Kassiererinnen, die ihre Freundlichkeit und Zuwendung für die Kundinnen und Kunden bewahren. Manchmal verlieben sie sich sogar in sie. Grund genug, weiter in Supermärkte zu gehen, und zu schauen, was da noch so passieren wird.

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12 Kommentare zu “ZDF-Politbarometer

  1. … und zu schauen, was da noch so passieren wird.

    Meine allerliebste Lieblingssupermarktgeschichte (ischwöriswahr):
    ich machte vor Jahren einen großen armen Einkauf mit Klopapier und allem und mir fiel eine sehr junge Frau mit bunten Haaren, einer Menge Metall überall und ihr vielleicht 3jähriges Kind auf, weil die auch einen armen großen Einkauf machten. Wir begegneten uns im Supermarkt immer mal wieder und ich war beeindruckt von der Freundlichkeit und Geduld der Frau und ihrer Kommunikation mit dem Kind, dem sie genau erklärte, warum das weniger bunte aus dem unterem Regal besser, leckerer, wasauchimmer ist.

    An der Kasse waren die beiden kurz vor mir und während sie das viele Zeug aufs Band legte, entdeckte das Kind irgendeinen bunten süßen Scheiß, den es un.be.dingt haben mußte. Die Frau verneinte, das Kind quengelte, quengelte mehr und lauter und arbeitete sich in einen amtlichen Tobsuchtsanfall. Die Frau sah ihren sich inzwischen auf dem Boden wälzenden und tobenden offspring an, grinste kurz, warf sich daneben und kreischte, was die Stimmbänder hergaben. Das sah ganz unglaublich aus, denn sie sackte in sich zusammen in vollkommener Entspanntheit, als hätte man einer Marionette die Fäden gekappt.

    Es dauerte keine halbe Sekunde, bis das Kind wieder auf den Füßen stand, still war und ein bißchen besorgt und vor allem peinlich berührt auf seine Mutter hinunterguckte. Die stand auf, als wäre gar nichts gewesen. Ich fing an zu klatschen und die ganze Kassenschlange stimmte mit ein. Die Frau knickste wie im Zirkus, die beiden räumten ihren großen Einkauf in den Einkaufswagen, bezahlten, packten das ganze Zeug in einen großen Rucksack und plauderten in bestem Einvernehmen, als sie den Laden verließen.
    Fand ich ein dickes Argument, Kinder sehr jung zu bekommen – ich bin nicht sicher, ob die Frau volljährig war – und das schönste Beispiel einer paradoxen Intervention ever.

    • Das ist eine großartige (und sehr glaubhafte) Geschichte. Ich Provinzmädchen würde ja sagen, sie muss in Berlin geschehen sein. Wettbewerbsorientiert, wie uns der Kapitalismus ja nun mal macht, habe ich überlegt, ob ich schon mal etwas vergleichbares erlebt habe und fürchte, in den Geschichten, die Ihrer am nächsten kommen, habe jeweils ich selber die Hauptrolle gespielt.
      Am spektakulärsten, von dem, was mir sonst noch einfällt, ist der Stromausfall im Hipster-Rewe auf der Subbelrather Straße. Der Strom fiel aus, mithin die Kassen, also konnte keiner mehr was kaufen. Die Angestellten blockierten zunächst die Ausgänge und verkündeten „Von oben“ sei angeordnet worden, dass niemand den Supermarkt verlassen dürfe. Ich sagte, dass das doch dann eine Freiheitsberaubung wäre und ich dann doch mal die Polizei anrufen würde, da ließen sie uns gehen.
      Und mir will zum Teufel komm raus, keine schöne Geschichte einfallen, das mag aber daran liegen, dass ich Erinnerungspessimistin bin.

      • Ja, geschah in Berlin, in Kreuzberg Südost und zwar bei Penny (selig) in der Reichenberger Straße, vor 8 oder 9 Jahren oder so. „Erinnerungspessimistin “ merke ich mir…;-)…

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