Meine erste Umfrage

Liebe Nichten und Neffen,

heute veranstalte ich zum ersten Mal eine Umfrage. Ich freue mich auch über sehr kurze Antworten. Die Frage lautet: Welche sind Eure Gedanken und Gefühle, wenn Ihr an der Supermarktkasse steht und wartet?

Ich nämlich bin an der Supermarktkasse immer voller wütender Gefühle und reflektiere dabei kritisch die Verwerfungen des Kapitalismus. Egozentrisch, wie Gott mich schuf, habe ich bis gestern angenommen, dass alle Leute an der Supermarktkasse wütend sind. Aber vielleicht ist das ja gar nicht so. Vielleicht denken und fühlen andere Menschen an der Kasse andere Sachen, dachte ich auf einmal und kam auf die Idee, mal nachzufragen.

Ein erheblicher Teil meiner Supermarktkassenwut entsteht bereits beim Gang durch den Supermarkt. Supermärkte machen mich angespannt und sauer. Warum eigentlich? Ist es das Licht? Oft finde ich nicht, was ich suche und werde dann unglücklich und orientierungslos. Am allerwütendsten werde ich, wenn ich versuche, Shampoo zu kaufen. Ich habe sehr blonde, sehr dünne Haare und für beide Eigenschaften hält die Shampoo-Industrie (vermeintliche) Lösungen parat: Shampoo für blondere Haare und Shampoo für fülligere Haare. „Meine Haare sind blond genug! Arschloch-Shampooindustrie! Und, dass es irgendein Produkt geben soll, das meine dünnen Härchen fülliger macht, da lachen ja die Hühner, soweit ist der technische Fortschritt dann auch wieder nicht gediehen, da lasse ich mir nichts vormachen!“, schimpfe ich die Shampoo-Hersteller in Gedanken an, wenn ich vor einem Shampoo-Regal stehe. Ich brauche ausdrücklich kein Shampoo mit irgendwelchen weiteren Eigenschaften als „macht die Haare sauber“. Das reicht mir. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in der Shampooforschung arbeiten, sollten sich doch lieber Fragen widmen, die die Menschheit voranbringen. So ein Aufenthalt vor dem Shampoo-Regal im Supermarkt entfacht daher stets großen Zorn aber auch ein Gefühl der Ohnmacht in mir, da ich schlicht nicht entscheiden kann, welches Shampoo ich denn nun kaufen soll. Jedes kaufbare Shampoo ist auf irgendeine Haareigenschaft (kaputt, braun, blond, füllig, schuppig, lockig, etc.) zugeschnitten und ich weigere mich, mich dem zu unterwerfen. Ich will nichts kaufen, was ich nicht brauche. Das Problem löse ich übrigens, indem ich gar kein eigenes Shampoo mehr erwerbe, sondern das vom Lebensabschnittsgefähren („gegen fettige Haare“) mitbenutze (was wiederum zeitweise bei diesem einigen Zorn entfachte).

Aber auch ohne Shampookauf-Versuch bin ich, einmal an der Kasse angelangt, wütend. Vielleicht kommt es auch vom Warten-Müssen. Ich stehe dann da, starre ärgerlich auf den Quatsch, den sich andere Leute kaufen, den bescheuerten Kram, der im Regal an der Kasse feilgeboten wird (ich kaufe keine Schokolade, nur weil Ihr die da aufstellt, Ihr Ottos!), überlege, ob ich den Supermarkt wegen irgendwas verklagen könnte (zum Beispiel, weil er mich zwingt, einen Einkaufswagen zu mieten) und denke, dass der Kapitalismus im Allgemeinen und Supermärkte im Besonderen furchtbar sind. Hier ist alles mit so viel Zeug vollgestopft, das ich nicht brauche, das keiner braucht, Euer Überfluss ist doch krank. Und dann denke ich, wirklich fast immer, wenn ich an der Supermarktkasse stehe, darüber nach, wie es wäre, alleine als Einsiedlerin im Wald, in einem Bauwagen zu leben und nie mehr in den Supermarkt gehen zu müssen. Die Essensauswahl wäre eingeschränkter. Beeren und Brennnesseln könnte ich essen und ich müsste wohl jagen lernen. Hinter dem Bauwagen könnte ich ein paar Kartoffeln anpflanzen. Wie sehr viel mehr würde ich mich über alles freuen, was ich zu essen hätte! Unendlich mehr. Eine Ausnahme müsste ich für Salz machen, denn das wächst im Wald nicht, aber man braucht es unbedingt.

Ich nehme von dem Gedanken und auch den Gedanken an weitere Alternativ-Lebensmodelle, die eine supermarktfreie Existenz ermöglichen würden, dann immer schnell Abstand. Ich fürchte, dass ich mich alleine im Wald vermutlich auch viel ärgern würde. Über andere Dinge dann.

 

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18 Kommentare zu “Meine erste Umfrage

  1. Kurze Antwort: Unterschiedlich, je nach Tagesform. Die wütend-gestreßte Ungeduld kenn ich. Aber passiert mir kaum noch. Seit Studentenzeiten geb ich mir nämlich als Kontrastprogramm türkische Supermärkte. Die sind super entspannt. Deutsche scheinen wirklich für stressige, organisierte, nicht arbeitende Ehefrauen gemacht zu sein, die bei krassester Ausleuchtung Dinge gegen Langeweile angeboten bekommen wollen. Also Schmpoo für extra Glanz weil es langweilig wäre, sich drei mal die Woche ne 200EuroFrisur beim Frisör zu kaufen. Türkische Supermärkte sind erstens gemütlich duster und zweitens für Leute, die den ganzen Kram auch gern hätten, aber sich halt nicht leisten können.

  2. ich stehund warte und sinniere über das warten über das warten über das warten ……………. als eine art des nichtstuns.
    je nachdem wie lang die schlange ist macht mich das zunehmend wütend. 🙂

  3. Supermärkte sind schrecklich, die Luft, das Licht, die Temperaturunterschiede zwischen den verschiedenen Abteilungen. Bei den Wurstwaren krieg ich richtig schlechte Laune, weil ich weiss, dass ein Teil davon weggeworfen wird und das arme Tier nicht nur ein Scheiss-Leben hatte, sondern auch noch umsonst gestorben ist. Allerdings wird die Stimmung an der Kasse gleich wieder viel besser, weil ich weiss, dass es bald vorbei ist und ich wieder ins Freie darf. Außerdem gibt es da hübsche kleine Schnapsflaschen zum Angucken. Und Ferrero-Küsschen. Außerdem bewundere ich die Kassiererinnen für ihren Langmut und ihre Geschwindigkeit. Ich könnte denene stundenlang zugucken, wie sie superschnell die Zahlen zusammenklimpern und trotz des Tempos immer freundlich bleiben.

  4. Ich bin meist genervt, weil Supeermarkt an sich nervig ist und wartenmüssen noch viel nerviger. Ist die „Tagesform“ gut, überstehe ichs mit stoischem warten ohne Grummel.
    Zum Glück muß ich selten in Supermärkte, weil der Herr F. meist einkauft. Aber das warten beim Bäcker oÄ ist kein bißchen besser.
    Am schlimmsten ist, wenn Leute für 2,- Einkauf die Karte zücken oder eeeeewig nach Kleingeld kramen, das nehme ich persönlich, weil sie mich zwingen, NOCH länger zu warten, wo das nicht nötig wäre.

  5. Ich werde nur an besseren Tagen wütend und muß dann aufpassen, daß ich nicht irgendwen in der Schlange oder die Kassiererin* falte, falls man mir einen Vorwand dazu liefert. Weil ich den Alltagsfaschisten in mir nicht ertrage, bin ich superextrafreundlich, lasse jeden, der weniger Zeuch hat als ich, in der Schlange vor, zahle, wenn wer zu wenig Geld hat (reines Voodoo, damit mir das bloß nicht passiert oder sich dann jemand findet, der bitte für mich mitzahlt) und töte nicht mal die Leute hinter mir, die mir gerade den Wagen mit Anlauf in die Hacken schoben. Meistens bin ich völlig durch und will auf den Berg oder die Insel, mindestens muß ich alleine sein. Für mich ist es die Mischung aus Reizüberflutung, latenter Platzangst, schmalem Bugdet – macht mich eher ohnmächtig als wütend.

    Unmittelbar nach der Wende arbeitete eine zauberhafte 19jährige Punkfrau aus Karl-Marx-Stadt bei mir, die eines Tages vom Einkaufen gar nicht mehr wiederkam. Als ich sie suchen ging – war im Wedding, ich machte mir Sorgen, daß sie irgendwelchen Arschlöchern begegnet sein könnte – fand ich sie weinend vor dem Waschmittelregal. Sie konnte sich zwischen den drölfzig Sorten nicht entscheiden – boah, was habe ich sie verstanden!
    Ich könnte sofort losheulen, wenn ich so essentielle Dinge wie Salz oder Hefe im Überangebot an vorgefertigtem Fraß nicht finden kann und es kommt mir auch so vor, als würde das immer schlimmer und nicht nur ich immer sonderbarer.

    *Es gibt Kassiererinnen, die täglich einen Orden verdienen, z.B. die Frau mit den roten Zöpfen bei Kaisers am Kottbusser Tor (anyone?), die zu wirklich jedem freundlich ist. Egal, ob alter Mann in eingepisster Hose, der sein Geld nicht findet und ewig zum Einpacken braucht, Alkoholiker, der die soundsovielte eine Flasche Bier gegen Pfandflaschen tauscht, arroganter Hipster, desorientierter Tourist, ich – egal. Die bleibt immer freundlich und oft ist sie herzlich – was für eine Leistung!

    • Liebe Dame von Welt, Sie sind wirklich eine Literatin. Und was für eine schöne Ergänzung mit dem inneren Alltagsfaschisten. Ich fürchte, dass ich die meisten netten Sachen, die ich tue, wirklich nur mache, um mein hässliches, wahres ich zu verbergen, so sehr, dass ich kaum noch weiß, wer ich eigentlich bin (mit meiner inneren Faschistin komme ich allerdings gut klar, bei mir sind das andere unsympathische Ichs). Wobei ich Leute an der Kasse an mir vorbeilassen, glaube ich, wirklich aus reinem Herzen tu, Die freuen sich dann immer so.

  6. Ja, die Supermarkt-Allergie hab ich auch. Das Licht, der andere Klang in den Ohren,und – die anderen Einkäufer dort. Ja, für Letzteres schäme ich mich, denn im Grunde mag ich Leute. So in Großen und Ganzen, aber lieber einzelnd.und ohne Einkaufswagen. Mich nerven die Personeninseln, die einen zwingen mit dem Einkaufswagen rumzulavieren – wenn dann noch ein Rad immer ausscherrt…
    Und mich nerven die Leute, die schon ihren Kram hinter mir aufs Band laden, wenn ich gerade angefangen habe auszuladen und noch einiges an Kram im Einkaufswagen liegt.

    Ich hab das Einkaufen so optimiert, dass ich mir einen Zettel machen, der so sortiert ist, wie einen die Regale nöigen durch den Supermarkt zu kommen, dann noch eine Sonnenbrille gegen das Licht (ja, auch abends, oder an düsteren Wintertagen. Die komischen Blicke sind besser als dieses Verhörlicht) und ich rausche in Höchsttempo durch die Regalreihen (darum nerven mich auch die belebten Plauderinseln mitten im Gang).
    Die einzige freiwillige Pause mache ich bei den Kräutertöpfen um meine Nase in den Basilikum zu tauchen. Liebe ich den Geruch.

    Wütend werde ich nicht an der Kasse, aber unglaublich nervös, weil ich da keinen Einfluss auf die Geschwindigkeit habe. Ich versuch mich immer damit abzulenken, dass ich die Kassiererinnen beobachte und mich auf das Battle ‚Sachen wieder in den Wagen einladen gegen das schnelle Beep Beep‘ vorbereite. Manchmal lege ich Sachen, die an der Kasse abgewogen werden müssen schön in die Mitte, damit ich aufholen kann, wenn die Lady an der Kasse schneller ist als ich.

    Gelassenheit taucht erst wieder auf, wenn ich aus dem Supermarkt heraus bin.

    • Hallo Nen,
      toll, noch ein weiterer Aspekt. Die Enge im Supermarkt. Wie sperrig das alles ist. Der Aufenthalt im Supermarkt ist doch ein permanentes „es ist nicht genug Platz für alle da“. Die Gänge sind viel zu klein für Einkaufswagen, aber ohne, wird es noch viel schwieriger. Die „battle“, sachen wieder in den korb bekommen wird ja ohne ungewinnbar, ich habe das lange versucht, weil ich nie eine euro-münze für den Einkaufswagen dabei hatte, aber irgendwann habe ich den Kampf aufgegeben.

  7. Weitere Ausführungen unterschiedlicher Cortisol-Ausschüttungen kann ich mir ja jetzt ersparen. Es sollte ja kurz sein. Es gibt eine App, Codecheck, damit kannst du z.B. Shampoo auf Inhaltsstoffe scannen. Wenn du dann siehst, was da drin ist, willst du eh kein Shampoo mehr kaufen! Dann bleiben ca. zwei Marken über und du hast schon mal eine einfachere Entscheidungsfindung. Am besten ist, man hat sein Haar so lieb, wie es ist. Hab die gleichen Haare. Liebe Grüße, Heike

  8. Ach, Grad und Art der Cortisol-Ausschüttungen hätten mich auch interessiert 🙂 Aber sehr schön auch die praktische Hilfe zur Reduzierung des Überangebots: Leider habe ich kein Smartphone. Ich habe sogar mal gehört, dass man sich die Haare eigentlich überhaupt nicht waschen muss. Nach einem Monat reguliert sich das von selber – Es ist natürlich aber sehr schwer, diesen einen Monat zu überstehen.

  9. Meine erste Antwort auf die Umfrage hat mir tikerscherk schon weggenommen: ich freu mich nämlich unsäglich, dass die Einkaufsprozedur gleich vorbei ist. Meist kann man, in der Schlange stehend, schon rausgucken. Aber als zweites fiel mir ein, dass ich mich beim Warten vor der Supermarktkasse das erste Mal in meinem Leben verliebte. Mit dreizehn stand ich in einem englischen Supermarkt, die Anlage spielte Paul McCartneys „Listen to what the man said“ und die unglaublich süße Kassiererin summte das Lied gedankenverloren mit. Sie muss wohl nebenbei kassiert haben, aber das entzieht sich völlig meiner Erinnerung…

  10. Oh, wie schön. Das reißt mich gerade echt ein wenig aus meiner trüben Stimmung: Auch an den schrecklichsten Orten lauert unverhofft die Liebe! Mehr können wir nicht verlangen!

  11. Bin ich die Außenseiterin weil ich gerne einkaufe? Meiner Freiberuflichkeit gezollt, habe ich Zeit einen Zettel zu schreiben und das in der Reihenfolge der Regale im Supermarkt meines Vertrauens. Also sieht der Zettel für Rewe anders aus als für Aldi – immer schön gedanklich die Regale lang. An der Kasse vergleiche ich nochmal ob ich alles im Wagen habe, nervig ist das „Alles aufs Band legen“ und das schnelle „Wieder in den Wagen schieben“ weil ich das Gefühl habe, die Anderen drängeln. Dieser Umstand ist aber nicht so stark wie das Gefühl, jetzt aus den Waren etwas Leckeres zu Kochen! Also, mir geht es gut wenn ich aus dem Supermarkt gehe und die arme Kassiererin noch Stunden in ihrem Stuhl verharren muss weil ihre Schicht gerade erst begonnen hat. Dann erstmal genüsslich ’ne Kippe anstecken. Shampoo kaufe ich im Drogeriemarkt meines Vertrauens und hole hier alle (farblich ansprechenden) Shampooflaschen aus dem Regal – bin Haptikerin – um sie dahingehend zu prüfen wie sie in der Hand liegen.

    • Nee, Du bist nicht die Außenseiterin. Tikerscherk konnte dem an der Kasse stehen ja auch viel positives abgewinnen. Der befreundete Onkel, der sich trotz hartnäckigen Drängelns geweigert hat, an der Umfrage mitzumachen, kauft auch sehr gerne ein. Alles, was Du schreibst, hat Hand und Fuß. Wärest Du ein Ameisenbär könnten wir sagen, dass Du gut an Dein Habitat angepasst bist und dessen Möglichkeiten (zum Beispiel, indem Du alle Sinneseindrucksmöglichkeiten ausschöpfst) genießt.

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