Aqua-Cycling

Heute war Teil Drei in der Experimental-Reihe „Onkel Maike probiert aus, welche Sportarten er mit seiner zerfetzten Lunge noch so anstellen kann“. (Teil Eins, Rückenyoga bei Lord Vishnus Couch: Sehr anstrengend und sehr schrecklich. So anstrengend und schrecklich, dass allein die Tatsache, dass es irgendwann vorbei war, mir nachhaltige Glücksgefühle verschaffte. Ich komme wieder! Teil Zwei, selbstbestimmtes, langsames Schwimmen mit anschließendem Saunabesuch im Ossendorfbad: Das ging gut und angenehm vonstatten, war aber auch etwas langweilig).

Nun also Teil Drei: Aqua-Cycling. Eigentlich hatte ich mich gestern, nach dem Schwimmen, für „Aqua-Fitness“ angemeldet. Da machen doch immer die Omas mit, das könnte was für mich sein, dachte ich. „Ich hätte ein Angebot für Sie“, sagte dann aber die Dame am Einlass, „Aqua-Cycling ist heute umsonst, weil sich nicht genug Leute angemeldet haben.“. „Machich!“, sagte ich und  dachte, was auch immer es sein mag, auf jeden Fall spare ich fünf Euro (Liebe AfD, an dieser Stelle mal wieder ein Vorschlag zur Güte: Anstatt Euch gegen Ausländer zu engagieren, setzt Euch doch mal dafür ein, dass ein Schwimmbadbesuch auch für Nicht-Millionäre wieder erschwinglich wird). Etwa eine dreiviertel Sekunde später sagte mein Gehirn dann: CYCLING. Maike, das könnte doch was mit Fahrradfahren zu tun haben. Und Fahrradfahren hat ja wiederum was mit Ausdauer und Lungenkapazität zu tun. Hm.

Ach Du je, denkt es in mir. Und schnell finde ich heraus, dass Aqua-Cycling tatsächlich was mit Fahrradfahren zu tun hat. Sechs Leute sitzen bereits auf Fahrrädern, die wiederum in dem Schwimmbecken stehen, in dem der Kurs stattfinden soll. Ich stehe verdruckst am Beckenrand herum und habe Angst, dass meine Lunge mit Aqua-Cycling überfordert sein könnte und es peinlich für mich wird. Der junge, hübsche Aqua-Cycling-Trainer kommt und stellt sich vor: „Ich bin der Osama“. Er gibt mir Fahrradschuhe, lässt mich auf einem der Fahrräder, die noch am Beckenrand stehen, aufsitzen und passt es mir an. Dann wirft er das Fahrrad ins Schwimmbecken. (Der Mann hat gerade ein Fahrrad ins Wasser geworfen. Fahrräder gehören nicht ins Wasser, das ist verrückt, die ganze Welt ist verrückt, denke ich.)

Ich setze mich auf das Fahrrad im Schwimmbecken, sondiere die Lage und habe immer noch Angst. Es ist eine alte Angst. Schon in der Grundschule, auf Klassenfahrten, hatte ich immer Angst vor den Fahrradausflügen. Sportlich zu sein, war wichtig und es galt als Schmach, beim Fahrradfahren als Letzte anzukommen, was mir wegen der damals schon schlechten Lunge öfter passierte. Es ist ein Gefühl des allumfassenden nicht-Mithaltenkönnens aber -müssens und am Ende steht die unvermeidbare Erniedrigung. Seit diesen Zeiten jedenfalls fürchte ich mich vor Gruppensport, insbesondere Gruppenfahrradsport, und vermeide ihn, wenn möglich.

Maike, Du Otto, jetzt bist Du 42 und bringst Dich immer wieder freiwillig in diese stressigen Situationen, rüge ich mich, warum nur? Vielleicht, weil es andererseits auch so vergnüglich ist. Nach ca. einer halben Minute im Schwimmbad stellt sich bei mir stets gute Laune ein. Die Schwimmbadgeräusche, der Hall, das Kreischen, das Plätschern, ich fühle mich wieder wie die Zehnjährige, die ja quasi im Schwimmbad aufgewachsen ist. Wiederum ein altes Gefühl, aber ein gutes altes Gefühl, das den Ernst von Heutzutage irgendwie relativiert. Ich sitze auf dem Fahrrad, streiche mit den Armen durchs Wasser, schaue auf den blauen, oszillierenden Schwimmbadboden, lehne mich nach vorne, nach hinten, zu weit, plumpse vom Rad, frage mich, wer denn Fahrradräder und Schaumstoffhanteln für Schwimmbecken erfunden haben mag, das kann es doch nur geben in einer Welt, in der erhebliche Bevölkerungsteile schwerwiegend untervögelt sein müssen, und fühle mich, vielleicht ob der Absurdität der Situation, auf einmal ganz lebendig.

Das Aqua-Cycling selber war dann glücklicherweise harmlos. Erst mussten wir mit den Schaumstoffhanteln im Wasser hin und her wedeln und dann, so schnell es ging, auf dem Fahrrad fahren. Da ich das Tempo selber bestimmen konnte, kein Problem.

 

 

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7 Kommentare zu “Aqua-Cycling

    • ich hab immer das gefühl, mein lungenfacharzt ist depressiv und hat irgendwie keine lust mehr. er hat mich nur abgehört und gefragt, ob ich zufrieden bin. lungenfunktionstest habe ich auch gemacht – dazu sagt er aber nichts, vielleicht weil er denkt: „du und ich wir wissen, dass das jenseits von gut und böse ist.“
      spannender wird es, wenn ich nächsten monat noch mal gehe und wenn das nächste ct gemacht wird. deinen artikel über den sohn und seine mutter fand ich sehr lustig 🙂

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